Über arbeitslose Wirtschaftsfüchtlinge

„Sie hat uns wegen einem nicht ausgeleerten Mistkübel gefeuert? Das ist nicht dein Ernst?“

Steffi sieht nicht aus, als ob sie scherzen würde.

„Die Alte ist doch deppert im Schädel. Sie hat uns heute Vormittag über Whatsapp terrorisiert, schau mal“, Steffi fährt den Wagen rechts ran, wischt über ihr Streichelhandy um mir den Chatverlauf zu zeigen. Fünfundzwanzig eingehende Nachrichten, wegen einer beschissenen Kleinigkeit. In der Zeit in der sie den Mist geschrieben hat, hätte sie den Dreck auch selbst rausbringen können.

„Wenn die wüsste was wir im Mitarbeiterraum getrieben haben…“, kichernd steigt sie aufs Gas, schießt aus der Parklücke zurück auf die Straße.

„Aber wieso bin ich gefeuert? Ich war doch gestern Abend nicht arbeiten?“

Steffis Miene verfinstert sich augenblicklich:

„Aber du warst den halben Abend bei uns in der Bar.“

Für einen Kündigungsgrund scheint mir ihre Antwort nicht plausibel genug.

„Ja, und?“

„Du hast völligen Filmriss, oder?“

„Von wegen Filmriss. Bei mir ist die ganze Videothek abgebrannt.“

Ich gebe mir Mühe, aber trotz aller Anstrengung  schaffe ich es nicht, die vergangene Nacht auch nur ansatzweise zu rekonstruieren.   Mehr als unzusammenhängende Standbilder kitzle ich nicht aus dem Unterbewusstsein.

„Will ich wirklich wissen was passiert ist?“

Blackouts passieren nicht umsonst, Unwissenheit ist ein Segen. Wer will sich zeitgleich mit Übelkeit UND schlechtem Gewissen herumschlagen?

„Du wolltest doch wissen, wieso du gefeuert worden bist?“

„Ach ja. Das hatte ich schon wieder vergessen. Schieß los, ich bin gespannt.“

Mit der Ungeduld und Vorfreude eines kleinen Kindes, das auf das Christkind wartet, höre ich Steffi zu. Amnesie kann so spannend sein!

„Du warst schon anständig paniert als du in die Bar gekommen bist. Daran kannst du dich auch nicht mehr erinnern?“

Doch. Jetzt wo sie es sagt, dringt die Szene aus der Versenkung. Begleitet von einem mulmigen Gefühl, dass die nahende Katastrophe ankündigt. Wie die Melodie beim weißen Hai – dingdingding dingding ding -kurz bevor man als Fischfutter endet.

Der selbstverliebte Fitnesstrottel mit seiner blonden Flamme.  Tequila. Die angesoffene Herrenrunde neben uns. Noch mehr Tequila. Die Kellnerin, die mir sagt, dass ich nach Gras rieche. Der Waschbär, der mich am Klo durchgerammelt hat…..

„Ich will es doch nicht wissen. Der Job war eh beschissen.“

„Du hast doch nur einen einzigen Tag in dem Laden geschafft?“

Als wären acht Stunden vergeudete Lebenszeit nicht dramatisch genug, bin ich für den Zirkus auch noch über sechshundert Kilometer angereist.  Ob meine restlichen drei Franken für die Heimreise reichen?

„Ja. Und wenn ihr den Müll entsorgt hättet, wäre ich jetzt kein arbeitsloser Wirtschaftsflüchtling, der nicht mal mehr genug Geld für die Heimreise hat.“

Steffis Blick gleicht einem Warnschuss.

„Du Irre bist arbeitslos, weil du dem Freund der Chefin unter der Theke einen geblasen hast.“

Ach ja. Jetzt fällt es mir wieder ein.

„Der Hawara  war ihr Freund? Kein Wunder dass die so frustriert ist, hast du seinen Schwanz gesehen?“

Die Ampel vor uns schaltet auf rot, wir halten an. Steffi nutzt die Pause um sich die Fingerspitzen an die Schläfen zu drücken.  Ob sie auch verkatert ist?

„Nein, Maja. Ich hab keine Bekanntschaft mit seinen Genitalien gemacht. Aber dank dir weiß der halbe Ort, dass das Teil winzig ist.“

„Ich verstehe nicht was du meinst?“

„Du hast dir den angespritzten Schleier vom Kopf gerissen und zum Abschied Goodbye Mister Minipimmel durchs ganze Lokal gerufen.“

Ich danke Gott, dass ich weit weg von zuhause bin.

„Wo ist der Schleier jetzt?“

Resigniert klatscht sich Steffi mit der flachen Hand auf die Stirn:

„Sie schickt ihn dir sicher mit deiner Kündigung und der Arbeitsbescheinigung nach Österreich.“

Als ob man als Schwarzarbeiter Papiere kriegen würde. Fasching im Kopf?

Jesus liebt mich. Und meinen Vogel.

Vor Kälte zitternd erreiche ich schließlich die beheizte Wartehalle des Bahnhofs. Gott sei Dank bin ich die einzige Person, die um die Zeit hier herumschleicht. Otto Normalverbraucher sitzt Werktags  pflichtbewusst -gefesselt am Schreibtisch, so wie es sich für anständige Bürger gehört. Im Gegensatz zu mir:

Mit der anmutigen Eleganz eines nassen Putzfetzens klatsche ich auf einen Stuhl, lasse meinen Kopf zwischen die Oberschenkel sinken und schließe die Augen. Verdammt. Es dreht sich immer noch.

Kralle meine Finger um die Armlehnen, verkrampft halte ich mich daran fest, bete dass das Kopf- Karussell anhält. Tut es aber nicht.  Plötzlich reißt mich eine Stimme zurück in die Wirklichkeit.

„Verzeihen Sie, junge Frau. Aber man kann ihren Hintern sehen.“

Wo zum Teufel kommt denn die grauhaarige  Schnalle auf einmal her?

Zutiefst erschrocken  verliere ich die Contenance und kotze der Anstandstante vor die Füße. Immer noch würgend wische ich mit dem Handrücken über die Mundwinkel und glotze sie verstört an:

„Mein Arsch ist momentan das kleinste Problem. Hätten sie vielleicht einen Kaugummi für mich?“

Völlig unaufgeregt macht die alte Frau einen Schritt zur Seite, um nicht in die Schweinerei zu treten. Verständnisvoll lächelnd nimmt sie neben mir Platz, zieht eine Packung Fishermens Friend aus ihrer Tasche:

„Sie kommen aus Kärnten?“

Verschlucke mich an einem der Zuckerl, ringe nach  Luft. Sind sie zu stark, bist du zu dicht.

„Was hat mich verraten? Die vollgereiherten Schuhe, oder die Spermaflecken im Haar?“

Vergrabe den wummernden Schädel unter meinen Händen, wenn ich sie nicht sehe, bin ich auch unsichtbar für sie, oder?

Auf einmal spüre ich eine Hand an meinem Rücken, flüchtiges Kribbeln über der Wirbelsäule, das Geräusch erinnert an ein ruckhaft abgezogenes Pflaster.

„Eigentlich das  Haider Bild auf ihrer Kutte“, mit einem breiten Grinsen streckt sie mir das Portrait in die zitternden Hände und verabschiedet sich als der Lautsprecher den einfahrenden Zug ankündigt.

Echt jetzt?

Welcher Komiker hat mir Jörg aufs Kreuz gepickt?

Schockiert über das Ausmaß an Pietätlosigkeit wanke ich in die Toilette. Nur um sicherzugehen, dass mir niemand ein Hakenkreuz auf die Stirn-  oder einen Hitlerbart über die Oberlippe gemalt hat, checke ich mein Spiegelbild.  Keine Nazisymbole zu erkennen – allerdings sehe ich aus, als würde ich direkt aus dem zweiten Weltkrieg kommen. Frisch und vital wie eine aufgequollene Wasserleiche.

Versuche mir das zerknitterte Bild des verstorbenen Kärnten Königs nochmal anzukleben, in der Hoffnung  dadurch von meinem elendigen Anblick abzulenken.

Allerdings werde ich abrupt von meinem Vorhaben abgelenkt, als mein Telefon klingelt.

Steffi klingt unentspannt:

„Sag mal wo steckst du denn? “

Ich erzähle ihr von meiner misslichen Lage und bitte sie, mich abzuholen.

„Maja, du hast so einen Vogel! Bleib wo du bist und lass dich nicht von fremden Kerlen anquatschen. Ich bin in einer Stunde bei dir. Übrigens sind  wir fristlos gekündigt. “

Erleichtert  schmeiße ich Jörg in den Mistkübel.

„Ich freu mich. Bis später.“

Jesus liebt Faschingsflüchtlinge. Faschierte Pinguine. Und mich. Mich sowieso.

Steffi´s süffisantes Grinsen spricht Bände, als sie mich im Nonnenfummel über die Treppe kommen sieht, Charly braucht eine Sekunde länger um denselben Gesichtsausdruck wie seine bessere Hälfte anzunehmen.

„Du als Nonne? Genauso gut  könnten sie Mahatma Ghandi in einem Hitler Kostüm zur Fastnacht schicken.“

„Seit wann weißt du, wer Ghandi ist, Mister Oberschlau? Hast letzte Nacht auf einem Geschichtsbuch geschlafen?“

„Nein. Aber auf ner Frau mit Matura.“

Steffi verdreht ihre Augen und seufzt genervt:

„Vergiss ihn. Männer eben. Bitte pass auf dich auf, da draußen sind genug Verrückte.“

„Aber was? Die wirklichen Irren sind alle noch hier drinnen. Lei-Lei ihr Narren.“, gespielt entsetzt kralle ich mir Charlys  Bier, wünsche den Beiden noch einen entspannten Gümpeli Mittwoch und verschwinde Richtung  Dorfdisko. Na dann wollen wir den Eidgenossen mal zeigen, wie wir die fünfte Jahreszeit in Villach feiern.

Wodka. Joint. Wodka. Joint. Noch mehr Wodka. Ein kleiner geht noch?

Filmriss…

Die ersten Sonnenstrahlen touchieren meine Augenlider, brennen wie Salz in einer frischen Wunde. Ich versuche mein Gesicht mit dem Handrücken vor dem Licht abzuschirmen, als wäre ich ein Vampir der jeden Moment zu Staub zerfallen könnte. Mein Kopf droht zu explodieren, außerdem ist es viel zu heiß hier. Apropos hier  – Wo bin ich eigentlich?

Weder die Bettwäsche, noch die Aussicht aus dem Fenster  kommen mir bekannt vor. Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe- ich habe absolut keine Ahnung in wessen Schlafzimmer ich bin und was gestern passiert ist.  Da ich immer noch in der schwarzen Kutte stecke und nicht mal meine Schuhe ausgezogen habe, tippe ich auf ein recht katholisches Abendprogramm; auch wenn mir nicht ganz klar ist, wohin meine Unterwäsche verschwunden ist.

„Gott, ich werde nie wieder trinken.“

„Hoffentlich, Prinzessin.“

Erschrocken zucke ich zusammen, als plötzlich ein Kerl im Bademantel durch die offenstehende Tür geschossen kommt und sich neben mich aufs Bett fallen lässt. Wer ist denn er, bitte? Ave Maria.

Insgeheim bin ich froh darüber, dass mich das alles nicht mehr schocken kann.  Jesus liebt mich.

„Was heißt hier Prinzessin?  Faschierter Pinguin triffts wohl eher.“

Der erste Versuch aufzustehen scheitert. Mir ist schwindelig.  Ich setze mich wieder hin, und versuche mich auf einen Punkt zu konzentrieren, alles dreht sich.

Doch je länger ich auf das  Zeigerblatt der Uhr starre, desto mehr breitet sich Unruhe in mir aus.

Ich muss hier raus. Jetzt sofort.

„Nein Schätzchen. Du schaust wie Prinzessin Methamphetamin  aus. Teufel noch mal, du warst letzte Nacht so bedient, als hätten sie dir K.O Tropfen ins Getränk gemischt.“

Seufzend drücke ich die Spitzen der Zeigefinger gegen meine wummernden Schläfen, zeichne kleine Kreise um den Kater zu besänftigen.

„Mir muss man nichts ins Getränk schmeißen. Einfach nur abwarten bis ich vom Barhocker falle. Dazu brauch ich ganz sicher keine Hilfe. Außerdem schmeißt man das Zeug nur jungen Frauen in den Drink.“

Der Unbekannte hat scheinbar Sinn für Humor, er bepisst sich beinahe vor Lachen.

Mir ist aber nicht nach Small Talk, ich muss unbedingt zurück zu Steffi und Chary, schließlich sollten wir um vier zu arbeiten beginnen. Auch wenn sich meine Motivation in Grenzen hält, ich will hier weg.

Tapfer unterdrücke ich den Brechreiz, kämpfe mich in die Senkrechte und greife nach meinem Mantel, der auf dem Schreibtisch gelandet ist.

„Wo willst du denn hin?“

„Ich muss arbeiten.“

„Warte doch noch einen Moment, dann bring ich dich zurück?“

Ich schüttle den Kopf:

„Nein, ist schon ok. Ich denke ein wenig frische Luft, könnte mir nicht schaden.“

Mister Bademantel erklärt mir noch den Weg, doch ich kann mich nicht gleichzeitig aufs nicht-übergeben und seine Worte konzentrieren. Winke ihm zum Abschied noch mal und verschwinde nach draußen.

Die Kälte brennt unbarmherzig in den Lungen, zumindest lenkt das von der Übelkeit ab. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo genau ich hier gelandet bin, aber so groß ist die Stadt ja nicht. Entscheide mich nach rechts zu laufen, als ich plötzlich jemand durch ein  Fenster rufen höre:

„Du bist falsch, du musst in die andere Richtung laufen!“

Sehr fürsorglich der Kerl, auch wenn mir schleierhaft ist, woher er weiß, wo ich hin will.

Bedanke mich, und folge seinem Ratschlag. Doch auch diese Seite der Straße kommt mir nicht mal annähernd bekannt vor. Außerdem nervt es mich, von Passanten angestarrt zu werden.  Als ob die noch nie eine angesoffene Nonne bei Tageslicht gesichtet hätten.

Als ich am Ende der Straße ein Taxi stehen sehe, brülle ich vor Freude „Halleluja“ und bete ein stilles „Vater unser“.

„Wo soll’s denn hin gehen?“

Der arabisch aussehende Fahrer, stört sich kein bisschen an meiner desolaten Verfassung.

„In die alte Steigstraße, Ortsteil Bronschhofen, bitte.“

Er überlegt kurz, schaltet sein Navi ein und dreht sich auf meine Seite:

„Das wird aber an die 200 Stutz kosten.“

Ich frage mich, ob ich grade richtig gehört habe.

„Was? Wo zum Teufel bin ich hier?“

Der Fahrer tippt kurz auf dem Bildschirm des Navigationsgerätes und deutet darauf.

„Du bist am Bodensee, Schätzchen. Bronschhofen ist eine Stunde von hier entfernt“

Verwirrt schüttle ich den Kopf.

„Aber wie bin ich hier her gekommen?“

„Das kann ich dir leider auch nicht verraten.“

Das Brummen hinter der Schläfe wird wieder lauter, ich habe weder 200 Franken für die Taxifahrt noch einen Rest an Guthaben auf dem Telefon um jemand anzurufen. Als hätte er meine Misere bemerkt, huscht Mister Albanien ein dreckiges Lächeln übers Gesicht:

„Vielleicht fällt uns ja eine andere Lösung ein, um die Fahrt zu bezahlen.“

Echt jetzt?