#Impulskontrolle

Ob sie wohl wieder mit mir reden würde, wenn ich scheiße schwanger wäre? Oder doch lieber unheilbar krank?
„Hallo du. Wie geht´s dir? Leider hab ich Bauchspeicheldrüsenkrebs. Wünsche dir angenehme drei Monate – wir sehen uns bei meiner Beerdigung.“, ob der Abschiedstext sie aus der Lethargie reißen könnte?
Vermutlich schon – Drama Queens lieben dominante Tumore. Weil ohne Happy End schmeckt Selbstmitleid erst so richtig.
Wobei ich nicht sicher bin, ob die Nachricht vom Angebumstwordenseins die Chance auf ein Quäntchen ihrer ach so spärlichen Zeit erhöht.
Krebs oder Schwangerschaft? Welches Handicap erhöht die Möglichkeit auf ein Gespräch? Eins auf Augenhöhe.
Ach fick dich doch, Frau Misses „ Familie- ist das – allerwichtigste- deshalb –scheiß- ich- auf- meine, weil –du- keine -Matura –hast.“
Ich soll um zwanzig Uhr in dem Schuppen antanzen, aber bitte so unauffällig wie möglich, schließlich ist der ganze Laden voll mit seinen Kollegen. An der Rezeption ist ein Kuvert für mich hinterlegt, in dem der Zimmerschlüssel steckt.
„Sobald du den Schlüssel hast, gehst du an der Rezeption vorbei. Gleich dahinter liegt auf der linken Seite der Aufzug. Fahr in den zweiten Stock, geh ins Zimmer und ziehe dein Nonnenkostüm an. Knie dich auf den Holztisch der neben dem Bett steht, lege eine Augenbinde an und warte bis ich komme. Du redest nur wenn du gefragt wirst.“

Insgeheim bin ich froh über meinen desolaten Zustand, auch wenn mich die Nebenwirkungen der vergangenen Nacht beinahe in die Knie zwingen. Zumindest ist die Aufregung auf ein erträgliches Mindestmaß reduziert. Ich tue was von mir verlangt wird. Hoch wie nie.
Bis zum Hals und noch ein Stückchen weiter hämmert mein Herz, als ich auf allen Vieren ausharre um auf ihn zu warten. Kann die Fahrstuhltüre hören, jedes Mal wenn sie sich öffnet. Zucke beim leisesten Geräusch zusammen, frage mich ob er es wohl ist, der da gerade aussteigt. Auch nach dem dreiunddreißigsten Fehlalarm..
Meine Knie schmerzen, wo zum Teufel steckt der Idiot? Traue mich nicht, eine angenehmere Haltung anzunehmen, vielleicht beobachtet er mich ja per Kamera?
Und noch ehe ich mich mit dem Gedanken einfach abzuhauen anfreunde, höre ich ein Klicken an der Tür. Anfangs digital klingendes Summen, ehe jemand die Türe aufstemmt…
Immer lauter werdende Schritte, ich bekomme Gänsehaut, fühle Blicke auf meinem Körper, blinzle durch den schmalen Spalt am unterem Ende der Augenbinde.
Bedauerlicherweise kann ihn nicht sehen, auch wenn ich sogar seinen Atem hören kann. Höre Wasser, das aus einem Duschkopf gegen Fliesen sprudelt. Höre eine elektrische Zahnbürste. Höre ein Zischen, wie aus einer Haarspraydose.
Verstehe ich nicht. Auf seinem Profilbild hat der Kertl doch eine Glatze?
Speckschwartenspray zum Schädelpolieren?
Hashtag Marktlücke.
Ich mag wie er riecht, sein Schwanz steht kerzengerade Richtung Himmel, soweit ich das durch mein eingeschränktes Blickfeld beurteilen kann.
Unter größter Anstrengung widerstehe ich Impuls ihn sofort in den Mund zu nehmen, ahne was mir danach blühen würde….
Ob dieser Möchtegern-Nachwuchs-Gangster schon vor meiner Haustür steht? Ob einer von dem Schlag dazu fähig ist, säumige Schuldner umzulegen? Ob mir jemand ins Hirn geschissen hat? Ob Seroquel, Lithium und Cipralex mich aus meiner Misere rausboxen könnten? Ob ich mir eine Knarre organisieren sollte? How many times will you learn the same lesson?
Ob der Kerl nach dem Wichsen kaltes Wasser getrunken hat? Ob die Striemen am Arsch morgen blau sind?
„Neun. Danke, mein Herr.“
Möchte ihm den Rohrstock aus der Hand reißen, ihn damit ins Gesicht schlagen.
„Zehn. Danke, mein Herr.“
Möchte seinen Schwanz solange nach rechts drehen, bis er abfällt. Ihn danach in seine dämlich grinsende Fresse stecken und ihn anschließend mit Benzin übergießen und anzünden.
Er lächelt dreckiger als ein hauptberuflicher Dixie Klo Vertreter, als er mir in den Mund spritzt. Wie gern würde ich ihm jetzt den Schädel mit einer neun Millimeter wegballern…
„Danke, mein Herr.“

Afterhour für Profis

Nicht mal die Chemiekeule für Privatpatienten hält mich länger als drei Stunden ruhig. Ich versichere dem diensthabenden Stadions Aufpasser  mich nicht umzubringen und darf Werner mit nach draußen begleiten. Die frische Luft tut gut, außer uns beiden ist ein Kerl im Rollstuhl hier unten, der lautstark telefoniert und dabei eine Zigarette nach der anderen vernichtet.

„Der hat heut sicher noch keine Entspann-dich-alles-wird-super-Tablette  bekommen“, schmunzelnd deutet Werner auf eine Holzbank in einiger Entfernung zu Mister Unentspannt, wir setzen uns und starren eine Weile wortlos auf den Vollmond über uns.

Eingesäumt von unzähligen Birken wirkt der Innenhof wie die Bilderbuchidylle eines Walt Disney Streifens. Solange man die Tatsache ausblendet, dass das dahinterliegende Gebäude kein Märchenschloss-  sondern die städtische Klapsmühle ist, deren Beknackte sediert vor dem Hauptabendprogramm herumlungern und nicht aus dem seelenfressenden Bunker heraus strömen.

In der Mitte des Gartens steht ein kleiner Springbrunnen, die Wasserfontäne sprudelt vor sich hin und fesselt meine Aufmerksamkeit. Fließendes Gewässer ist so beruhigend wie der Herzschlag eines geliebten Menschen, der neben einem einschläft. So stell ich mir den Flash einer Heroinspritze vor – Harmonie als Reinsubstanz. Unverfälschter Knall eines Vorschlaghammers, mitten ins Herz.

Vielleicht ist es aber auch die Wirkung der Pillen, mit denen sie uns ruhigstellen.

Werner raucht, ich schaue in den Himmel.

Wieso die hier Männer und Frauen in ein Zimmer zusammenlegen, will ich von ihm wissen. Es ist ja nicht so, dass wir irgendwo im Kongo wären.

„Das ist das VIP Zimmer“, sein entspannter Tonfall chillt mich.

„Ich dachte die VIP´s wären die Privatversicherten?“

Werner zündet sich die nächste Zigarette an.

Ja die auch, aber wir sind so was wie die Intensivpatienten der Psychiatrie. Die Härtefälle mit Pflichtversicherung, quasi.

„Wir sind halt was ganz besonderes. Dachte ich mir ja, als ich die Kamera über dem Bett bemerkt hab“, ich bin überrascht über die Lautstärke meines lautlos erwarteten Monologs.

Explosionsartig schießt die Rauchfontäne knapp neben meinen Kopf in den Nachthimmel, während mein Zimmerkollege prustend um Luft ringt  und der Rollstuhlfahrer vor Schreck sein Handy fallen lässt. Werners Husten ist bestimmt ein Zeichen dafür, dass er Lungenkrebs hat, er sollte das abklären lassen.

Es dauert, bis er sich wieder beruhigt. Doch auch wenn das Röcheln  verschwindet – sein Lächeln ist immer noch da: „Das ist ja wie im Ferienlager. So viel Spaß hatte ich hier drinnen noch nie.“

Logisch, er weiß ja auch noch nichts von seinem Tumor.

„Du bist also öfter hier? Ist es im Altersheim so langweilig?“

Werner nickt mir stumm zu, als der Bewegungsmelder die Beleuchtung angehen lässt und murmelndes Stimmenwirrwarr aus dem Gebäude zu uns herüber dringt.

Dessen Ursache schlurft in Form  einer Handvoll Insassen durch die gläserne Eingangstüre   – gierig stecken sie sich Kippen an, einer von ihnen winkt uns beim Vorbeigehen zu, ehe sie sich neben dem Brunnen setzen und hastig zu Ende qualmen. Was haben die denn für einen Stress? Müssen die heute noch zu einem Geschäftstermin?

Schneller als angenommen, erübrigt sich die Frage – die haben kein Meeting, sondern Halbzeit. Nachthemd statt Buisnesskostüm.  Einer der Typen gestikuliert so übertrieben, als wäre er in eine Kiste voller Amphetamin gefallen, lautstark schimpft er über „diesen Scheiß behinderten Ribery“ und die versnobten Arschloch-Bayern, schnippt seine glühende Kippe in die Wasserfontäne und marschiert zurück in die Anstalt. Knapp gefolgt von seiner Entourage, alle meine Irren schwimmen auf dem See, schwimmen auf dem See, Köpfchen hängt nach unten, FC Bayern grölt ole´.

Lieber Gott, bitte mach, dass ich das nicht laut gesungen habe. Lieber Gott bitte mach, dass ich aufhöre im Takt zu wippen.

Ich will keinen Ärger mit Uli kriegen.

„Welcher Film läuft denn in deinem Kopf, Fräulein gesundheitsbewusst?“

Erwischt. Warum liest Mister Friedhofsblond meine Gedanken, wie ein offenes Buch?

„Glaubst du,dass die Scheidungsrate genauso hoch wäre, wenn Männer dieselbe Begeisterung für ihre Frauen aufbringen könnten, wie für Fußball?“, starre mit aufgerissenen Augen in den Nachthimmel,ob er mir eine Antwort präsentiert? Plötzlich schallt ausgelassenes Jubeln durch eins der gekippten Fenster, die zweite Halbzeit nimmt hörbar Fahrt auf.

Werner zerknüllt die leere Schachtel Marlboro, holt aus und versenkt sie in einem der überdimensionalen Aschenkübel.

„Ist dein Freund Bayern Fan Maja?“

Kichernd boxe ich gegen Werners Oberarm, schüttle den Kopf und frage ihn, ob wir nicht langsam zurück in unser  kameraüberwachtes Schlafzimmer sollten.