Die Haarfarbe Pythagoras´

„Wo zum Teufel ist der Scheiß Schlüssel?“
Sie hätte genauso gut nach der Haarfarbe von Pythagoras fragen können. Wobei das eher so multiple Joyce gewesen wäre, die Frage nach dem Autoschlüssel ist dann doch bisschen verzwickter – quasi unlösbar.
Rennen zum Bahnhof um den einzigen Zug Richtung Süden zu erwischen… Steffi und ich warten am Bahnsteig, Charlie will Frühstück holen. Verfickter scheiß Zug kommt zu früh.
Fährt nur mit mir ab.
Ohne Gepäck. Ohne Geld. Ohne Französisch. Ohne Plan.
Erstmal im Klo einsperren. Internationaler Standard bei finanziellen Schwierigkeiten. Hilft auch in diesem Fall. Zumindest bis das Scheißteil in Lausanne ankommt.
Mutterseelenallein versuche ich den Weg zu der verfickten scheiß Messe zu finden, doch meine Französisch Kenntnisse erlauben es mir allenfalls Drogen zu kaufen. Und jemand um Oralverkehr zu beten. Im Augenblick scheint mir beides wenig zielführend, ich habe noch achteinhalb Minuten um pünktlich bei den Franzosen aufzutauchen.

Comptoir Suisse oder Hashtaglausanne

Durch einen mehr als kritischen Engpass meiner Finanzen, bin ich genötigt meine Zelte vorübergehend in der Schweiz aufzuschlagen.
Leider verstehe ich kein Wort von dem Arbeitsvertrag, den mir Miggi organisiert – abgesehen von meinem Namen und den des Betriebs. Aber no risk – no fun. Ich unterschreibe das Ding und hör mir Miggi´s Warnung noch an: „Der Alte ist ein Pünktlichkeitsfetischist! Pass auf, dass du nicht unpünktlich bist – das ist bei denen ein Kündigungsgrund.“
Verständnisvoll nickend bedanke ich mich bei ihm und mach mich auf den Weg zu dem restlichen Haufen österreichischer Wirtschaftsflüchtlinge. Steffi und Charly haben den Wagen schon vollgepackt und warten bereits auf mich.
„Wozu braucht ihr für zwei Wochen so viel Zeug?“, frage ich entgeistert, als ich den bis zum Anschlag befüllten Suzuki sehe.
„Frag am besten meine Frau“, erwidert Charly leicht angetrunken.
„Ja genau. Das meiste von dem Zeug ist wahrscheinlich dein Rauschgift, du Idiot“, faucht Steffi ihn an. Gott muss Liebe schön sein.
Ich schaffe es tatsächlich auch meinen Kram noch unterzubringen und dabei einen Sitzplatz frei zu halten. Wir beschließen den angebrochenen Abend am See ausklingen zu lassen, bevor es am nächsten Tag runter nach Lausanne gehen soll.
Alte Bekannte und solche die es noch werden sollten hocken rund ums Lagerfeuer, die Sonne geht gerade hinter dem Weinberg unter, zaubert den kleinen Ort in ein malerisches Licht. Es könnte so romantisch sein, wäre da nicht diese Möwe, die plötzlich herabstürzt und mir mein Pizzastück aus der Hand reißt.
„Polnischer Kackvogel, verrecken sollst du dran“, ich bin nicht ich, wenn ich hungrig bin. Unterzuckerte Contenance ist wie ein nationalsozialistisches Einhorn – undenkbar.
JE mehr ich mich aufrege, desto mehr amüsiert sich der Rest der Anwesenden. Charly wirft mir ein Bier zu, ich solle mich beruhigen er wüsste eine Alternative zur Pizza. Gefühlte drei Minuten später sitzen wir zu viert in einem Tretboot, das heftiger schaukelt als eine Wiege voller amphetamingetränkter Frettchen. Insgeheim bin ich froh, dass ich die Pizza nicht selbst gefressen habe – zumindest weiß ich jetzt was mir der Arschlochvogel über uns vor die Füße kotzt – es ist garantiert Bio – und Fairtrade sowieso…
Würde das MDMA nicht grade zu wirken beginnen, wäre ich sicher voll angefressen auf die Arschlöcher. Ich mein was denken sie sich eigentlich?
Das ich behindert bin?
<Ficker!
Nach dem Tretboot kam die Ernüchterung. Blackout. Außerdem der Zug,in dem ich sitze. Ich bin desorientierer als ein syrischer Flüchtling ohne google maps. Was zum Teufel tu ich hier eigentlich?

Wieso krieg ich keinen Euro, bei jedem einzigen verdammten Mal nbei dem ich mir diese Frage stelle?

Jesus liebt mich. Und meinen Vogel.

Vor Kälte zitternd erreiche ich schließlich die beheizte Wartehalle des Bahnhofs. Gott sei Dank bin ich die einzige Person, die um die Zeit hier herumschleicht. Otto Normalverbraucher sitzt Werktags  pflichtbewusst -gefesselt am Schreibtisch, so wie es sich für anständige Bürger gehört. Im Gegensatz zu mir:

Mit der anmutigen Eleganz eines nassen Putzfetzens klatsche ich auf einen Stuhl, lasse meinen Kopf zwischen die Oberschenkel sinken und schließe die Augen. Verdammt. Es dreht sich immer noch.

Kralle meine Finger um die Armlehnen, verkrampft halte ich mich daran fest, bete dass das Kopf- Karussell anhält. Tut es aber nicht.  Plötzlich reißt mich eine Stimme zurück in die Wirklichkeit.

„Verzeihen Sie, junge Frau. Aber man kann ihren Hintern sehen.“

Wo zum Teufel kommt denn die grauhaarige  Schnalle auf einmal her?

Zutiefst erschrocken  verliere ich die Contenance und kotze der Anstandstante vor die Füße. Immer noch würgend wische ich mit dem Handrücken über die Mundwinkel und glotze sie verstört an:

„Mein Arsch ist momentan das kleinste Problem. Hätten sie vielleicht einen Kaugummi für mich?“

Völlig unaufgeregt macht die alte Frau einen Schritt zur Seite, um nicht in die Schweinerei zu treten. Verständnisvoll lächelnd nimmt sie neben mir Platz, zieht eine Packung Fishermens Friend aus ihrer Tasche:

„Sie kommen aus Kärnten?“

Verschlucke mich an einem der Zuckerl, ringe nach  Luft. Sind sie zu stark, bist du zu dicht.

„Was hat mich verraten? Die vollgereiherten Schuhe, oder die Spermaflecken im Haar?“

Vergrabe den wummernden Schädel unter meinen Händen, wenn ich sie nicht sehe, bin ich auch unsichtbar für sie, oder?

Auf einmal spüre ich eine Hand an meinem Rücken, flüchtiges Kribbeln über der Wirbelsäule, das Geräusch erinnert an ein ruckhaft abgezogenes Pflaster.

„Eigentlich das  Haider Bild auf ihrer Kutte“, mit einem breiten Grinsen streckt sie mir das Portrait in die zitternden Hände und verabschiedet sich als der Lautsprecher den einfahrenden Zug ankündigt.

Echt jetzt?

Welcher Komiker hat mir Jörg aufs Kreuz gepickt?

Schockiert über das Ausmaß an Pietätlosigkeit wanke ich in die Toilette. Nur um sicherzugehen, dass mir niemand ein Hakenkreuz auf die Stirn-  oder einen Hitlerbart über die Oberlippe gemalt hat, checke ich mein Spiegelbild.  Keine Nazisymbole zu erkennen – allerdings sehe ich aus, als würde ich direkt aus dem zweiten Weltkrieg kommen. Frisch und vital wie eine aufgequollene Wasserleiche.

Versuche mir das zerknitterte Bild des verstorbenen Kärnten Königs nochmal anzukleben, in der Hoffnung  dadurch von meinem elendigen Anblick abzulenken.

Allerdings werde ich abrupt von meinem Vorhaben abgelenkt, als mein Telefon klingelt.

Steffi klingt unentspannt:

„Sag mal wo steckst du denn? “

Ich erzähle ihr von meiner misslichen Lage und bitte sie, mich abzuholen.

„Maja, du hast so einen Vogel! Bleib wo du bist und lass dich nicht von fremden Kerlen anquatschen. Ich bin in einer Stunde bei dir. Übrigens sind  wir fristlos gekündigt. “

Erleichtert  schmeiße ich Jörg in den Mistkübel.

„Ich freu mich. Bis später.“

Jesus liebt Faschingsflüchtlinge. Faschierte Pinguine. Und mich. Mich sowieso.

Steffi´s süffisantes Grinsen spricht Bände, als sie mich im Nonnenfummel über die Treppe kommen sieht, Charly braucht eine Sekunde länger um denselben Gesichtsausdruck wie seine bessere Hälfte anzunehmen.

„Du als Nonne? Genauso gut  könnten sie Mahatma Ghandi in einem Hitler Kostüm zur Fastnacht schicken.“

„Seit wann weißt du, wer Ghandi ist, Mister Oberschlau? Hast letzte Nacht auf einem Geschichtsbuch geschlafen?“

„Nein. Aber auf ner Frau mit Matura.“

Steffi verdreht ihre Augen und seufzt genervt:

„Vergiss ihn. Männer eben. Bitte pass auf dich auf, da draußen sind genug Verrückte.“

„Aber was? Die wirklichen Irren sind alle noch hier drinnen. Lei-Lei ihr Narren.“, gespielt entsetzt kralle ich mir Charlys  Bier, wünsche den Beiden noch einen entspannten Gümpeli Mittwoch und verschwinde Richtung  Dorfdisko. Na dann wollen wir den Eidgenossen mal zeigen, wie wir die fünfte Jahreszeit in Villach feiern.

Wodka. Joint. Wodka. Joint. Noch mehr Wodka. Ein kleiner geht noch?

Filmriss…

Die ersten Sonnenstrahlen touchieren meine Augenlider, brennen wie Salz in einer frischen Wunde. Ich versuche mein Gesicht mit dem Handrücken vor dem Licht abzuschirmen, als wäre ich ein Vampir der jeden Moment zu Staub zerfallen könnte. Mein Kopf droht zu explodieren, außerdem ist es viel zu heiß hier. Apropos hier  – Wo bin ich eigentlich?

Weder die Bettwäsche, noch die Aussicht aus dem Fenster  kommen mir bekannt vor. Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe- ich habe absolut keine Ahnung in wessen Schlafzimmer ich bin und was gestern passiert ist.  Da ich immer noch in der schwarzen Kutte stecke und nicht mal meine Schuhe ausgezogen habe, tippe ich auf ein recht katholisches Abendprogramm; auch wenn mir nicht ganz klar ist, wohin meine Unterwäsche verschwunden ist.

„Gott, ich werde nie wieder trinken.“

„Hoffentlich, Prinzessin.“

Erschrocken zucke ich zusammen, als plötzlich ein Kerl im Bademantel durch die offenstehende Tür geschossen kommt und sich neben mich aufs Bett fallen lässt. Wer ist denn er, bitte? Ave Maria.

Insgeheim bin ich froh darüber, dass mich das alles nicht mehr schocken kann.  Jesus liebt mich.

„Was heißt hier Prinzessin?  Faschierter Pinguin triffts wohl eher.“

Der erste Versuch aufzustehen scheitert. Mir ist schwindelig.  Ich setze mich wieder hin, und versuche mich auf einen Punkt zu konzentrieren, alles dreht sich.

Doch je länger ich auf das  Zeigerblatt der Uhr starre, desto mehr breitet sich Unruhe in mir aus.

Ich muss hier raus. Jetzt sofort.

„Nein Schätzchen. Du schaust wie Prinzessin Methamphetamin  aus. Teufel noch mal, du warst letzte Nacht so bedient, als hätten sie dir K.O Tropfen ins Getränk gemischt.“

Seufzend drücke ich die Spitzen der Zeigefinger gegen meine wummernden Schläfen, zeichne kleine Kreise um den Kater zu besänftigen.

„Mir muss man nichts ins Getränk schmeißen. Einfach nur abwarten bis ich vom Barhocker falle. Dazu brauch ich ganz sicher keine Hilfe. Außerdem schmeißt man das Zeug nur jungen Frauen in den Drink.“

Der Unbekannte hat scheinbar Sinn für Humor, er bepisst sich beinahe vor Lachen.

Mir ist aber nicht nach Small Talk, ich muss unbedingt zurück zu Steffi und Chary, schließlich sollten wir um vier zu arbeiten beginnen. Auch wenn sich meine Motivation in Grenzen hält, ich will hier weg.

Tapfer unterdrücke ich den Brechreiz, kämpfe mich in die Senkrechte und greife nach meinem Mantel, der auf dem Schreibtisch gelandet ist.

„Wo willst du denn hin?“

„Ich muss arbeiten.“

„Warte doch noch einen Moment, dann bring ich dich zurück?“

Ich schüttle den Kopf:

„Nein, ist schon ok. Ich denke ein wenig frische Luft, könnte mir nicht schaden.“

Mister Bademantel erklärt mir noch den Weg, doch ich kann mich nicht gleichzeitig aufs nicht-übergeben und seine Worte konzentrieren. Winke ihm zum Abschied noch mal und verschwinde nach draußen.

Die Kälte brennt unbarmherzig in den Lungen, zumindest lenkt das von der Übelkeit ab. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo genau ich hier gelandet bin, aber so groß ist die Stadt ja nicht. Entscheide mich nach rechts zu laufen, als ich plötzlich jemand durch ein  Fenster rufen höre:

„Du bist falsch, du musst in die andere Richtung laufen!“

Sehr fürsorglich der Kerl, auch wenn mir schleierhaft ist, woher er weiß, wo ich hin will.

Bedanke mich, und folge seinem Ratschlag. Doch auch diese Seite der Straße kommt mir nicht mal annähernd bekannt vor. Außerdem nervt es mich, von Passanten angestarrt zu werden.  Als ob die noch nie eine angesoffene Nonne bei Tageslicht gesichtet hätten.

Als ich am Ende der Straße ein Taxi stehen sehe, brülle ich vor Freude „Halleluja“ und bete ein stilles „Vater unser“.

„Wo soll’s denn hin gehen?“

Der arabisch aussehende Fahrer, stört sich kein bisschen an meiner desolaten Verfassung.

„In die alte Steigstraße, Ortsteil Bronschhofen, bitte.“

Er überlegt kurz, schaltet sein Navi ein und dreht sich auf meine Seite:

„Das wird aber an die 200 Stutz kosten.“

Ich frage mich, ob ich grade richtig gehört habe.

„Was? Wo zum Teufel bin ich hier?“

Der Fahrer tippt kurz auf dem Bildschirm des Navigationsgerätes und deutet darauf.

„Du bist am Bodensee, Schätzchen. Bronschhofen ist eine Stunde von hier entfernt“

Verwirrt schüttle ich den Kopf.

„Aber wie bin ich hier her gekommen?“

„Das kann ich dir leider auch nicht verraten.“

Das Brummen hinter der Schläfe wird wieder lauter, ich habe weder 200 Franken für die Taxifahrt noch einen Rest an Guthaben auf dem Telefon um jemand anzurufen. Als hätte er meine Misere bemerkt, huscht Mister Albanien ein dreckiges Lächeln übers Gesicht:

„Vielleicht fällt uns ja eine andere Lösung ein, um die Fahrt zu bezahlen.“

Echt jetzt?