Jesus liebt Faschingsflüchtlinge. Faschierte Pinguine. Und mich. Mich sowieso.

Steffi´s süffisantes Grinsen spricht Bände, als sie mich im Nonnenfummel über die Treppe kommen sieht, Charly braucht eine Sekunde länger um denselben Gesichtsausdruck wie seine bessere Hälfte anzunehmen.

„Du als Nonne? Genauso gut  könnten sie Mahatma Ghandi in einem Hitler Kostüm zur Fastnacht schicken.“

„Seit wann weißt du, wer Ghandi ist, Mister Oberschlau? Hast letzte Nacht auf einem Geschichtsbuch geschlafen?“

„Nein. Aber auf ner Frau mit Matura.“

Steffi verdreht ihre Augen und seufzt genervt:

„Vergiss ihn. Männer eben. Bitte pass auf dich auf, da draußen sind genug Verrückte.“

„Aber was? Die wirklichen Irren sind alle noch hier drinnen. Lei-Lei ihr Narren.“, gespielt entsetzt kralle ich mir Charlys  Bier, wünsche den Beiden noch einen entspannten Gümpeli Mittwoch und verschwinde Richtung  Dorfdisko. Na dann wollen wir den Eidgenossen mal zeigen, wie wir die fünfte Jahreszeit in Villach feiern.

Wodka. Joint. Wodka. Joint. Noch mehr Wodka. Ein kleiner geht noch?

Filmriss…

Die ersten Sonnenstrahlen touchieren meine Augenlider, brennen wie Salz in einer frischen Wunde. Ich versuche mein Gesicht mit dem Handrücken vor dem Licht abzuschirmen, als wäre ich ein Vampir der jeden Moment zu Staub zerfallen könnte. Mein Kopf droht zu explodieren, außerdem ist es viel zu heiß hier. Apropos hier  – Wo bin ich eigentlich?

Weder die Bettwäsche, noch die Aussicht aus dem Fenster  kommen mir bekannt vor. Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe- ich habe absolut keine Ahnung in wessen Schlafzimmer ich bin und was gestern passiert ist.  Da ich immer noch in der schwarzen Kutte stecke und nicht mal meine Schuhe ausgezogen habe, tippe ich auf ein recht katholisches Abendprogramm; auch wenn mir nicht ganz klar ist, wohin meine Unterwäsche verschwunden ist.

„Gott, ich werde nie wieder trinken.“

„Hoffentlich, Prinzessin.“

Erschrocken zucke ich zusammen, als plötzlich ein Kerl im Bademantel durch die offenstehende Tür geschossen kommt und sich neben mich aufs Bett fallen lässt. Wer ist denn er, bitte? Ave Maria.

Insgeheim bin ich froh darüber, dass mich das alles nicht mehr schocken kann.  Jesus liebt mich.

„Was heißt hier Prinzessin?  Faschierter Pinguin triffts wohl eher.“

Der erste Versuch aufzustehen scheitert. Mir ist schwindelig.  Ich setze mich wieder hin, und versuche mich auf einen Punkt zu konzentrieren, alles dreht sich.

Doch je länger ich auf das  Zeigerblatt der Uhr starre, desto mehr breitet sich Unruhe in mir aus.

Ich muss hier raus. Jetzt sofort.

„Nein Schätzchen. Du schaust wie Prinzessin Methamphetamin  aus. Teufel noch mal, du warst letzte Nacht so bedient, als hätten sie dir K.O Tropfen ins Getränk gemischt.“

Seufzend drücke ich die Spitzen der Zeigefinger gegen meine wummernden Schläfen, zeichne kleine Kreise um den Kater zu besänftigen.

„Mir muss man nichts ins Getränk schmeißen. Einfach nur abwarten bis ich vom Barhocker falle. Dazu brauch ich ganz sicher keine Hilfe. Außerdem schmeißt man das Zeug nur jungen Frauen in den Drink.“

Der Unbekannte hat scheinbar Sinn für Humor, er bepisst sich beinahe vor Lachen.

Mir ist aber nicht nach Small Talk, ich muss unbedingt zurück zu Steffi und Chary, schließlich sollten wir um vier zu arbeiten beginnen. Auch wenn sich meine Motivation in Grenzen hält, ich will hier weg.

Tapfer unterdrücke ich den Brechreiz, kämpfe mich in die Senkrechte und greife nach meinem Mantel, der auf dem Schreibtisch gelandet ist.

„Wo willst du denn hin?“

„Ich muss arbeiten.“

„Warte doch noch einen Moment, dann bring ich dich zurück?“

Ich schüttle den Kopf:

„Nein, ist schon ok. Ich denke ein wenig frische Luft, könnte mir nicht schaden.“

Mister Bademantel erklärt mir noch den Weg, doch ich kann mich nicht gleichzeitig aufs nicht-übergeben und seine Worte konzentrieren. Winke ihm zum Abschied noch mal und verschwinde nach draußen.

Die Kälte brennt unbarmherzig in den Lungen, zumindest lenkt das von der Übelkeit ab. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo genau ich hier gelandet bin, aber so groß ist die Stadt ja nicht. Entscheide mich nach rechts zu laufen, als ich plötzlich jemand durch ein  Fenster rufen höre:

„Du bist falsch, du musst in die andere Richtung laufen!“

Sehr fürsorglich der Kerl, auch wenn mir schleierhaft ist, woher er weiß, wo ich hin will.

Bedanke mich, und folge seinem Ratschlag. Doch auch diese Seite der Straße kommt mir nicht mal annähernd bekannt vor. Außerdem nervt es mich, von Passanten angestarrt zu werden.  Als ob die noch nie eine angesoffene Nonne bei Tageslicht gesichtet hätten.

Als ich am Ende der Straße ein Taxi stehen sehe, brülle ich vor Freude „Halleluja“ und bete ein stilles „Vater unser“.

„Wo soll’s denn hin gehen?“

Der arabisch aussehende Fahrer, stört sich kein bisschen an meiner desolaten Verfassung.

„In die alte Steigstraße, Ortsteil Bronschhofen, bitte.“

Er überlegt kurz, schaltet sein Navi ein und dreht sich auf meine Seite:

„Das wird aber an die 200 Stutz kosten.“

Ich frage mich, ob ich grade richtig gehört habe.

„Was? Wo zum Teufel bin ich hier?“

Der Fahrer tippt kurz auf dem Bildschirm des Navigationsgerätes und deutet darauf.

„Du bist am Bodensee, Schätzchen. Bronschhofen ist eine Stunde von hier entfernt“

Verwirrt schüttle ich den Kopf.

„Aber wie bin ich hier her gekommen?“

„Das kann ich dir leider auch nicht verraten.“

Das Brummen hinter der Schläfe wird wieder lauter, ich habe weder 200 Franken für die Taxifahrt noch einen Rest an Guthaben auf dem Telefon um jemand anzurufen. Als hätte er meine Misere bemerkt, huscht Mister Albanien ein dreckiges Lächeln übers Gesicht:

„Vielleicht fällt uns ja eine andere Lösung ein, um die Fahrt zu bezahlen.“

Echt jetzt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir streiten wieder mal und sagen die schlimmsten Dinge zueinander.

Diesmal ist es genug; wirklich genug.

Ich habe beschlossen, dass ich mich zum letzten Mal von diesem Idioten  enttäuschen lassen habe und überlege kurz, womit ich mich von dem ganzen Mist am schnellsten ablenken kann.

Alkohol. Laute Musik. Viele Menschen. Sex mit völlig Unbekannten. Die Klassiker zur Bewältigung beinahe aller Lebenskrisen.

Ja das könnte funktionieren, um wenigstens kurzzeitig so zu tun, als wäre alles bestens und man ein voll funktionstüchtiges Mitglied dieser ehrenwerten Gesellschaft.

Also fehlen nur noch Menschen, die mir helfen meinen Plan umzusetzen. Dafür gibt’s ja sicher eine App…

„Tinder“. Nix wie installieren und los geht´s.

Von der Bedienung her, ist es völlig unkompliziert und intuitiv gestaltet und so finde ich mich sehr schnell zurecht.  Geiler Typ – drück aufs Herz;  nie im Leben – drück aufs X.

Die ersten paarungswilligen Männer, denen auch mein Profil gefällt  lassen keine fünf Minuten auf sich warten und ich entscheide mich für ein sportliches, schwarzes Exemplar aus Sierra Leone, Baujahr 1989 und laut der App  keine 30km von mir entfernt.

Die Bilder auf seinem Profil gefallen mir und er macht mich neugierig.  Jerome wirkt auf den Aufnahmen sehr groß und durchtrainiert, außerdem hat er wunderschöne Augen.

Er schreibt mir, dass er schon seit Jahren in Österreich lebt, ich denke Gott sei Dank dann hat er auch keine Ebola. Nachdem dieses Risiko wegfällt, verabreden wir uns für den Abend.

Neugierig und gespannt kann ich die aufkommende Vorfreude nicht leugnen. Ich  grinse den restlichen Nachmittag vor mich hin wie die Miezekatze bei Alice im Wunderland.

Zwei Stunden später steht er in einem verqualmten Irish-Pub vor mir. Oh Gott, die Bilder waren nicht gephotoshopped. Er ist genauso, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Mein überaus attraktives Gegenüber lächelt mich an.

„Hallo schöne Frau.“

Er nimmt mir meinen Mantel ab, ganz Gentleman-like, wir suchen uns einen Platz  im hinteren Teil der doch sehr gut besuchten Gaststätte  und unterhalten uns über Gott, die Welt, Apartheit, Ebola  und über Tinder.

Als der Kellner kommt, frage ich mich im Stillen, ob es politisch korrekt wäre, zwei Dunkle zu bestellen.

Der afrikanische Adonis neben mir  ist scheinbar schneller mit der Bewältigung  solch existenzieller Fragen und ordert zwei Kilkenny.

Nach der dritten Runde, zeigt das Zeug endlich die erwünschte Wirkung, er steht plötzlich auf und küsst mich.

„Du schmeckst richtig gut“, flüstert er mir ins Ohr. Ich drücke mich gegen seinen Körper,  fasse ihn an den Arsch und mache sehr eindeutige Bewegungen mit meinem Becken. Es kümmert uns keinen einzigen Moment, dass wir inzwischen von so ziemlich jedem da drinnen angestarrt werden.

„Zu mir, oder zu dir?“ Jerome schiebt mir seine Hand unters Shirt und streichelt mich als ich im Augenwinkel einen grauhaarigen Kerl im Anzug auf uns zusteuern sehe. Er macht einen sehr unentspannten Eindruck, als er neben uns zum Stehen kommt.

„Bitte verlassen Sie beide umgehend mein  Lokal. Das ist ein ehrenwertes Haus.“

Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, fuchtelt er heftig mit den  Armen herum und knallt uns die offene Rechnung auf den Tisch.

„War eh scheiße hier, außerdem wollten wir grade gehen“, fauche ich und hebe meinen BH vom Boden auf, drei Kerle am Nebentisch grölen, als ich das rote Teil in meine Handtasche stopfe.

Mein Begleiter wirft einige Geldscheine auf den Tisch und wir verschwinden.Kaum vor dem Eingang angekommen, packt er mich,  drückt mich gegen eine Hauswand und schiebt mir den Rock hoch. Ich fasse ihn zwischen die Beine,  spüre  seine riesige Vorfreude  und würde ihm am liebsten an Ort und Stelle die Klamotten vom Körper reißen.

Ein vorbeifahrendes Polizeiauto lässt uns wieder zur Vernunft kommen, ich nehme ihn an der Hand und wir machen uns auf den Weg.

Unweit des Stadtparks, in dessen Mitte eine kleine Kirche steht, habe ich meinen Wagen stehen. Als ich die Türe zur Rückbank öffne und ihn deute einzusteigen, sieht er mich fragend an.

„Ist das dein Ernst?“

„Und ob! Ich wollte immer schon mal mit Blick auf ein Gotteshaus Sex haben. Das ist so unchristlich und verdorben.“

Wir kichern beide als wir einsteigen und von innen abschließen.

Als ich am nächsten Morgen auf der Suche nach meinem Telefon die Rückbank meines Polos durchkämme und dabei Fußabdrücke an der Decke, und meinen String auf dem Beifahrersitz erblicke, schmunzle ich zufrieden.

Endlich mal eine App, die Spaß  macht.

monday morning

Bitte was für ein abgefahrener Morgen?

Im tiefsten Tiefschlaf reißt mich die Klingel aus dem geliebten Zustand der völligen Bewusstlosigkeit. Ach ja, der Typ von der Installationsfirma wollte irgendwas reparieren, aber warum muss das ausgerechnet mitten in der Nacht passieren? Wer ist schließlich um acht Uhr schon auf?

Ich sicher nicht. Prostituierte, Barkeeper, Kokser, Auftragskiller, Drogendealer und Nachtbusfahrer eher auch nicht.

Springe nackt aus dem Bett, schnapp mir den schwarzen Mini der am Boden liegt und zieh mir noch ein weißes Top drüber ehe ich dem Handwerker die Tür öffne.

Völlig schleierhaft ob er mich wegen des chaotischen Zustands meiner langen braunen Haare oder wegen der durchscheinenden Nippel so bescheuert angrinst, zeige ich ihm den Weg ins Bad.

„Mach schnell und schau dass du wieder aus meiner Wohnung kommst.“ Noch während mir der oft gedachte Satz beinahe herausrutscht, beherrsche ich mich und fange selbst zu grinsen an. Als er so vor mir steht und konzentriert am Boiler herumschraubt, scheint er doch meinen musternden Blick zu spüren, denn plötzlich hebt er den Kopf und starrt eindringlich zurück.

„Schade dass ich dir keine Briefmarkensammlung zeigen kann.“

Er reißt den Mund weit auf und sein Schraubenzieher fällt ihm aus der Hand.

„Ficken?“

Bingo. Er hat verstanden was ich möchte.

Zehn Minuten später funktioniert der Boiler zwar immer noch nicht, dafür liege ich nackt, verschwitzt und entpannt neben dem Marlboro qualmendem Fachmann auf der Couch.

Wer braucht schon warmes Wasser, das wird doch eh alles überbewertet.