Über essentielle Selbstoptimierungs-Phantasien

Es reicht. Endgültig. Ich fange ein neues Leben an. Eins ohne Drogen, Gluten, Alkohol und Online-Pornos. Nur mehr Sonnenschein, basisches Mineralwasser, Kuschelsex und ausgedehnte Spaziergänge. Organisiert statt verwirrt!
Frisches Obst, statt Kokain und Wodka zum Frühstück. Zuversichtlich werfe ich den halben Joint der vor mir liegt ins Klo – ich brauch das alles nicht mehr.
Gerade als ich die Grapefruit fertig abgeschält und in mundgerechte Stücke geschnitten habe, holt mich das Vibrieren meines Telefons zurück auf den Boden der Realität. Dabei wären die Bitterstoffe der Zitrusfrucht doch so essentiell für meine Leber gewesen. Leider bleibt keine Zeit für Ernährungsoptimierung. Manuel verlangt, dass ich in vierzig Minuten am Bahnhof antanze. Dort würde jemand auf mich warten um das Zeug zu holen.
Mein Verstand sagt Grapefruit. Mein Herz ist ruiniert. Meine Konditionierung fickt sämtliche Selbstoptimierungsphantasien, werfe das Obst in den Müll.
Zehn Minuten später löse ich den Bausparvertrag auf. Ich solle so schnell wie möglich nach Klagenfurt um den Kerl abzuholen, den mir Manuel geschickt hat. Naja, dann fang ich halt nächste Woche mit dem Aufhören an. Lieber zu spät als nie, denke ich mir als der Unbekannte zu mir ins Auto steigt. Sein Geruch erinnert an einen Bus voller pubertierender Jungs, eine Mischung aus ner Überdosis AXE Deo und kaltem Zigarettenrauch, ich öffne das Fenster und atme nur noch durch die Nase.
Er sagt, wir müssen beim Baumarkt halten, verlässt diesen mit einer kleinen Krampe und einer Schaufel. Wir fahren raus aus der Stadt, mitten rein ins Nirgendwo. Ellena schickt mir ein Foto auf dem sie mit ihren Kindern Schlitten fährt. Ich fahre mit einem Fremden und Schaufel in den Wald um nach Koks zu suchen. Die Frage nach einem Selfie scheint unangebracht, der braungebrannte Gangster spaßbefreit. Wer wäre das nicht an seiner Stelle?
Immer wieder sieht er auf die Uhr, wie lange es noch dauert bis zum Sonnenuntergang will er wissen. Ohne Licht ist es unmöglich nach dem Zeug zu suchen. Ich denke mir, du Idiot kauf dir eine Stirnlampe wenn du zu dämlich bist dein Pack wieder zu finden. Hat schließlich keiner von dir verlangt, die Scheiße im Wald zu verbuddeln.
Am Weg dorthin versichert er mir, völlig clean zu sein. Wieso verliert man nüchtern einen fetten Batzen Kokain im Wald? Checke kurz, ob und wo ich den Pfefferspray hin gepackt hab. Nur zur Sicherheit.
An einer der Gabelungen lasse ich ihn aussteigen, er bittet mich um eine Mütze damit ihn niemand erkennt. Als ob ein Schwarzer in der Gegend nicht auffällt, nur weil er eine Kopfbedeckung trägt…
Währenddessen ich im Auto auf ihn warte, treibe ich mein Smartphone ins Burnout. Als sich der Touchscreen von einer Sekunde auf die andere ins digitale Jenseits verabschiedet, wird die Beifahrertür aufgerissen. Angepisster als Ivana Trump in Gegenwart ihres Göttergatten, steigt er ins Auto. Schuld sei nur der gefrorene Boden, wie soll man da ein Loch graben? Verständnisvoll nicke ich ihn zu, wer kann schon mit den witterungsbedingten Schwierigkeiten rechnen. Frost im Januar? Auf 2000 Meter Seehöhe mitten im österreichischen Bergland?
Ich hätte einfach bei meiner Grapefruit bleiben sollen.

Hoch wie nie

Bukowski kann mich am Arsch lecken. Jelinek sowieso. Und vom Rest der Kärntner Möchtegern-Poeten fang ich gar nicht an..

Wirksamer als blutdrucksendende Medikamente ist eh nur der Justin. Ja, genau der. Der Biber. Sorry….

Und auf euch hirngeficktes Pack kann ich genauso gut verzichten wie auf Genitalherpes – scheiß auf euch.  Entschlossener als Merkel in der Flüchtlingskrise, schmeiß ich alles hin. Genug gearbeitet, wird Zeit zum Spielen.

Work hard – Play hard.

Emanuel freut sich mich zu sehen, er strahlt über beide Ohren. So wie der Rest seiner Entourage – Randgestalten so wie du und ich. Die kleine Bude ist gerammelt voll mit Verrückten, es riecht nach Koks und Gras.

Joshua fällt mir um den Hals, als ob ich das Christkind wäre das direkt aus Bogota eingeflogen ist. Wusste gar nicht, dass ich der Stargast der Party bin. Dünne Blutspuren unter seiner Nase singen „wir sind so hoch wie nie“.

Party hard.

Miss Djane knallt sich das weiße Pulver im Minutentakt ins Hirn, Emanuel lässt die Korken knallen.

Stimmung Baby.

Tanzt ihr Stricher, die Königin hat Laune.

Mitten auf dem Glastisch türmt der  Stoff aus dem unser aller Sehnsucht ist.

Herr Doktor bastelt Striche, genug für den ganzen Haufen Chaoten hier drinnen. Misses Djane rotzt grinsend vor sich hin. Spieglein, Spieglein auf dem Tisch, mach mich munter, mach mich frisch. Weil wir ziehen alles – außer Konsequenzen…

Schwärzer als Sebastian Kurz funkeln Joshuas Leuchter, heftig gestikulierend erzählt er von seinem erfolgreichen Drogenentzug. Er will wissen, wann die Putzfrau endlich kommt.

„Alter, sie bringt dir den Staubsauger morgen wieder“, Emanuel faucht ihn an.

Wen interessiert Haushalt um die Zeit?

„Stop. Kurze Zwischenfrage – deine Putze borgt sich den Sauger von deinem Kumpel aus?, irritiert suche ich nach einem Strohhalm in meiner Tasche.

Misses Djane bricht in schallendes Gelächter aus, Emanuel und Joshua nicken mir zu.

Verständnisvoller als das Dr. Sommer Team schaue ich in die Runde: „Klingt eh logisch, ich muss meinem Mechaniker auch immer das Werkzeug mitbringen.“

Plötzlich wird die Türe aufgerissen, der Staubsauger kommt samt Putze hereingeschneit.

„Was du wollen Sauger? Sowieso genug saugen ihr alle – du noch brauchen Cola? Ich nur mehr diese Viagra, aber keine Problem.“

Das nenn ich mal Zusatzverkauf, die Alte sollten sie für Marketingschulungen abwerben – zehn Minuten später hat sie alles verkauft, außer ihre Oma. Blaue Pillen, Ritalin, Koks und eine Baretta wechseln den Besitzer. Hier drinnen geht’s schlimmer zu als aufm Marokkanischem Basar.

Hashtag die falschen Freunde.

Hashtag wir sind die, vor denen uns unsere Eltern gewarnt haben.

Die Knarre fühlt sich geil an, fast so erregend wie Methlphenidat mit Stolichnaya. Knallt.

Ich brauche dringend Frischluft, genug Chemie. Mit weit aufgerissenen Augen folgt mir Emanuel nach unten. Ob ich nicht lieber hier schlafen möchte?

Ich stütze mich an der Brüstung ab, schüttle den Kopf. Gott ist das heiß hier draußen….

Hebe den Kopf, wortlos streicht er mir die Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich packe sein Handgelenk, drücke es nach unten, küsse ihn. Er bugsiert mich auf die Motorhaube des Wagens, schiebt meinen Rock nach oben. Provozieren hilft.

Er fickt mir das Hirn raus, unter uns Rush Hour.

Über uns fallende Sterne.

Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über den Wechsel der Perspektive

Ihr Lächeln haut mich um ein Haar um, als sie mir die Tür öffnet. Längst schon ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden, die einzige Lichtquelle stammt aus dem Flur ihrer Wohnung. Kann mich nicht daran erinnern, wann es zum letzten Mal so stockdunkel gewesen ist; es ist noch nicht mal so spät, doch längst hat die Winterzeit wieder den Steuerknüppel der Herbstdepression übernommen.

Doch die scheint mit einem Schlag wie weggewischt, Lauras Grinsen zaubert auch mir augenblicklich eins ins Gesicht.

„Schön, dass du Zeit hast. Komm rein.“

Küssen uns flüchtig auf die Wangen, unschuldig wie ich es nie gewesen bin.

„Wo hast denn deine schlechtere Hälfte gelassen?“

Lasse mich auf die schwarze Ledercouch fallen, während sie ein Glas aus dem Schrank holt.

„Ach Maja, lass mich bloß mit dem Idioten in Ruhe. Alles Arschlöcher.“

Ziehe die kleine Tüte mit Northern Lights aus der Jean, ohne sie auch nur einen einzigen Moment aus den Augen zu lassen.

„Hab ich dir ja gesagt. Hast du zufällig Papers?“

Dort wo die weiße Spitze ihres Nachthemds aufhört, fängt Lauras Gänsehaut erst an, zieht sich über ihr Dekollete´, ihre Arme. Die langen Haare trägt sie offen, blonde Locken fallen ihr übers Gesicht, zeichnen die Konturen ihres Profils, in dessen Mitte blitzblaue Augen heraus stechen.
Als sie sich umdreht, um mir Wein und OCB zu holen, kann ich nicht anders und muss ihren Hintern anstarren. Wie eine zweite Haut schmiegt sich der Stoff um ihre perfekten Rundungen, wie ein Raubtier das Blut geleckt hat, verwandelt sich mein Unterbewusstsein in ein Instinktgesteurtes Triebtäterdings.
Baby….
Barfuß fegt sie durch die Wohnung, sammelt die essentiellen Bestandteile eines gelungenen Abends ein, pflanzt sich neben mich und dreht Wanda auf Anschlag.

Entspannt, Zentimeter für Zentimeter lässt sie sich tiefer in die Kissen fallen, die systematisch angeordnet in der einzigen Ecke der Couch gestapelt herumliegen, einzig und allein die Augen, die immer noch wach den Überblick behalten.

Lauras Tiefenentspanntheit überträgt sich sekundenschnell auf mich, ich vergesse beinahe sie danach zu fragen, woher die zarte, weiße Staubschicht auf ihrem Glastisch kommt, ehe ich meinen Kopf auf ihren Körper fallen- und von ihr streicheln lasse.

Vorsichtig zeichnen ihre Fingerspitzen die Konturen meines Gesichts nach, streifen lose Haarsträhnen nach hinten, mustert mich ausgiebig, senkt den Kopf, küsst mich.

Erst nur zaghaft, komme ihr entgegen, streichle über ihren Kopf, öffne meinen Mund. Wie Teenager, die´s zum ersten Mal machen, unbeholfen und dennoch geschickt heizen wir uns ein. Als meine Hände auf ihren Brüsten landen, werden ihre Augen mit einem Schlag tiefschwarz, die Pupillen explodieren, genauso wie ihre Nippel, die sich wie Radiergummi unter der Seide abzeichnen. Schieb ihr Nachthemd über die Schultern, ihre Zunge tief in meinem Mund, Fingerspitzen unter meiner Bluse.

Drück ihren perfekten Körper zu Boden, splitterfasernackt liegt sie auf dem Parkett. Kann mich nicht satt sehen an ihr, räkelt sich provokant, fickt mich mit ihrem Blick.

Wieso hat mir nie jemand gesagt, wie geil Frauen sind?

Hashtags sind die besseren Rauten

Jeder einzelne der Wartenden ist ein scheiß Junkie. Man sieht es nicht an den Klamotten; aber an ihren Augen. Das ganze Gehabe dieser Typen verrät sie. Ich kann nicht sagen was genau es ist; doch brauche ich nicht länger als einige Minuten um zu merken, wer zu der Fraktion der Süchtigen gehört, ohne mit ihm oder ihr gesprochen zu haben. Gott, wie ich diese Loser hasse.

Hashtag Scheißjunkie

Was zum Teufel tu ich hier eigentlich? Ich gehöre doch gar nicht hier her. Ich bin keine von denen. Junkies laufen keine Marathons. Punkt. Noch bevor das Gedankenkarusell Amok läuft, wird mein Name ausgerufen, zögernd suche ich mir den Weg in die Praxis. Der Raum ist so unglaublich eng, mir kommt es vor als würden die Wände immer näher kommen.

Hashtag Paranoia.

Kralle meine Fingernägel fest in die Oberschenkel, unfassbar dass kein Blut tropft. Die einzige Flüssigkeit die ununterbrochen läuft ist die zwischen den Beinen. Ein Königreich für einen Fick.

Hashtag Nymphoman.

„Wir haben uns das letzte Mal vor drei Monaten gesehen.“

Während seiner Feststellung schwankt der Blick vom Bildschirm des Rechners zu mir, fixiert mich für einen Moment, um sich kurz darauf wieder der virtuellen Welt zuzuwenden.

Hashtag Psychiater.

Hashtag busy.

Heftiges Türklopfen lässt mich zucken, eine rothaarige Sprechstundenhilfe kommt herein und bittet den Doc um eine Unterschrift wegen eines Rezeptes. Es geht wohl um den Methadon Nachschub für einen Patienten. Verfluchte Opiatabhängige. Die haben zumindest Substitutionstherapie. Pisser. Als wären die die einzigen die wüssten was craving bedeutet. Als Kokserin musst ohne Ersatz aufhören, gibt ja keinen. Würd ich aber auch nicht in Anspruch nehmen wenns so wäre. Wenn schon kämpfen, dann ohne Wenn und Aber; ich bin stark genug um den Mist auch ohne chemische Unterstützung auf die Reihe zu kriegen.

Kaum hat er die Unterschrift auf das Rezept gekritzelt, marschiert Frau Misses Ordinationsprinzessin wieder raus und lässt uns in der trauten Zweisamkeit zurück. Wir reden über Gott und die Welt, doch dieses Mal ist alles anders als beim letzen Mal; anstatt paranoider Verschwörungstheorien hinterfrage ich alles.

Hashtag Nüchterninderdrogenberatung.

„Wir sollten über Medikation sprechen.“

Der Unterton in seiner Stimme klingt überzeugender als der eines Vorwerk-Staubsaugervertreters, für den Bruchteil einer Sekunde schenke ich ihm Glauben. Er labert mich beinahe zu Tode, was ich nicht alles an Tabletten brauchen würde, um zu funktionieren.Lithium, Antidepressiva, Antiepileptische Kacke. Klar, Ganz wichtig, das die Pharmaindustrie überlebt. Was zum Teufel mach ich eigentlich hier?

„Ich brauch keine Pillen, ich schaff das auch so.“

Wenn Blicke töten könnten, würde Herr Mister Freud längst bewegungsunfähig auf dem Fußboden liegen. Ich müsste stimmungsstabilisierendes Zeug schlucken, um meinen Dachschaden unter Kontrolle zu bekommen. So ein Mist, alles was ich brauche ist jeden Tag anständig gefickt zu werden.

„Ich will keine Psychopharmaka fressen. Gibt’s keine pflanzliche Alternative zu den Pharma-Bomben? Was ist mit Johanniskraut?“

Ungläubig schaut mich Mister Psychiater durch die trüben Lichter an.

Hashtag MisterFreud

„Das bekämpft nur ihre Depression, die Manie würde bleiben, sich womöglich sogar verstärken.“

Überlege kurz, komme zu dem Entschluss, keine Ahnung von seinen Bedenken zu haben: „Ja, aber die ist doch eh immer so lustig.“

Unsicher ob er einen Lachkrampf unterdrückt, oder mir auf die Brüste starrt, beobachte ich seine Mimik ganz genau und beschließe ihn beim nächsten Termin ein T-Shirt mit dem Aufdruck „overworked and underfucked“ zu schenken.

„Lustig schon, aber leider auch gefährlich. In einer manischen Phase neigen Patienten dazu unkontrolliert Geld auszugeben und wahllose sexuelle Begegnungen einzugehen.“

Hashtag bipolarkannganzlustigsein

Seine Miene wird augenblicklich so ernst, als ob er mir den nahenden Tod verkünden müsste; warum zum Teufel haben die alle einen Stock im Arsch?

„Ja, das meine ich ja mit lustig.“

Der Psychofuzzie beißt sich auf die Lippen, starrt mir wieder knapp zwanzig Zentimeter unter die Augen, und ich frage mich wer von uns beiden dringender Tabletten braucht.

„Sie können ruhig lachen, ich hab da kein Problem damit“, meine Aufforderung wirkt, denn plötzlich huscht ein Grinsen über sein Gesicht.

„Hören Sie, ich kann niemanden dazu zwingen, Medikamente einzunehmen. Das ist ganz alleine Ihre Entscheidung.“

Alles was ich von Zeit zu Zeit brauchen könnte wäre ein Anti-Aphrodisiakum, aber dazu reicht eigentlich auch Helene Fischer, also verkneif ich mir die Frage, stehe auf und verabschiede mich.

„Vielen Dank, aber ich glaub ich bleib so scheiße wie ich bin.“

Hashtag ohnenormal

Das Sein ist das Werden des Ganzen. Fotze.

Wenn der Tag gut ist, leb ich als ob es kein Morgen geben würde, ich schaffe es innerhalb kürzester Zeit mein Umfeld mit glänzender Laune anzustecken.

Die Sonne scheint mir aus dem Arsch und ich strahle als ob ich auf direktem Weg von Fukushima kommen würde.

Ich trinke ohne Maß und Ziel. Shot. Shot. Shot.

Ich schmeiß mit Geld um mich, als ob ich Bill Gates ‘Kreditkarte im Sack hätte.

Ich ficke, als ob es um Leben und Tod ginge.

Ich ziehe mir das für mich essentielle, weiße Pulver in den kaputten Kopf, als wäre ich die Geliebte von  Pablo Escobar.

Ich tanze als ob mich niemand dabei sehen würde.

Ich fahre Auto, als wäre ich eine unzerstörbare, weibliche Ausgabe von Sebastian Vettel, für die absolute Strafverfolgungsfreiheit gilt.

Der Endorphin Tsunami der durch mein Hirn rauscht macht mich unsterblich und  unbesiegbar. Da ist nichts das mich aufhalten könnte, alles ist packbar.

Grenzenlose Sehnsucht, unbändige Lebensfreude, pure  Abenteuerlust und die Sucht nach Liebe lassen mich fliegen. 

Unendlich hoch.

PANTHA REI. Alles fließt, und ich bin unkaputtbar.

Und dann gibt es Tage wie diesen..

Am liebsten würde ich nicht mal aus dem Bett aufstehen, weil es davor schon klar ist – es wird nicht mein Bester werden.

Als hätte sich sämtliches Elend dieser Welt in der Nacht über meinem Kopf gestaut um nur darauf zu warten, mich wie ein Vorschlaghammer zu erwischen und niederzustrecken.

Sowie ich die Augen öffne um aus dem Koma zu erwachen, trifft es mich eiskalt und lässt mich an der Sinnhaftigkeit überhaupt aufzustehen zweifeln.

Es ist so sicher wie das Amen im Gebet, dass mich dieses verfickte Gesetz von dem Typ namens Murphy den ganzen Tag in den Arsch vögeln wird. Ohne Vaseline, dafür mit Anlauf. 

Alles was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Und wann? Im ungünstigsten Moment.

Das gottverdammte Sonnenlicht brennt in den Augen und ich bin unschlüssig ob der Tinnitus oder der latente Brechreiz an meinen ernsthaften Selbstmordgedanken Schuld ist.

Allerdings fühl ich mich viel zu müde und unmotiviert um mich umzubringen, denn dazu müsste ich erst mal aufstehen. 

Fick dich Welt. Decke übern Kopf ziehen und auf die Nacht warten. In der Dunkelheit ist alles einfacher;  stressfreier, ungehemmter,  ungenormter, belangloser.  Und vor allem – unnüchterner.

Gibt es was Schlimmeres als nicht betrunken zu sein? Furchtbarer Zustand. Die ganze Farce bei vollem Bewusstsein zu erleben, all das Theater dieser Systemerhalter.

Diese Arschlöcher, die von 8 bis 17 Uhr arbeiten, am Wochenende frei haben, im Sommer in den Urlaub nach Bibione oder Medulin fahren, Strache wählen, Familie haben, brav die Kreditraten fürs Eigenheim zurückzahlen, sind garantiert schon zuhause.

Sie sehen sich die Nachrichten kurz vorm Hauptabendprogramm an, ziehen sich Mikrowellenfraß rein, schimpfen über den Krieg in Syrien und die Inflation, trinken verdünnten Himbeersaft , führen flachen Smalltalk mit der zuhause wartenden Ehefrau und simulieren drei Minuten lang ernsthafte pädagogische Fähigkeiten zu besitzen um bei den Kindern nicht in Vergessenheit u geraten. Diese Kerle sitzen mit der Unterhose vorm Fernseher und sobald Frau und Kinder eingeschlafen sind, holen sie sich zur Feier des Tages einen runter,  versehentlich auf die Couch wichsend, einzig und allein weil sie sich keine Hure leisten können.

Völlig unaufgeregt und nicht der Rede wert. Bock darauf die eigene Frau zu ficken haben sie nicht mehr. Seit über zehn Jahren zusammen, einige tausend Mal den mickrigen Schwanz in sie gesteckt, bevor die Angetraute fett geworden ist und aufgehört hat, sich die Beine zu rasieren.

Sie hat es nicht mehr nötig gefunden, nachdem sie wusste, dass er sich von seiner Sekretärin regelmäßig die Latte lutschen lässt.

Seitdem lässt sie sich völlig gehen und überlegt sich wie sie ihn unauffällig umbringen könnte. Durch die jahrelang geschluckten Downer ist sie leicht paranoid geworden, deshalb traut sie sich nicht nach geeigneten Gift zu googeln um den verhassten Gatten ins Jenseits zu befördern ohne dabei des Mordes verdächtigt zu werden.

Hätte sie sein Einkommen nicht so nötig, weil sie sich an den Lebensstandard gewöhnt hat, den ein Gehalt in seiner Position bietet, wäre er schon längst tot.

Der einzige Grund, wieso er noch nicht in ein Flugzeug gestiegen und abgehauen ist, ist die Abfertigung seiner Firma. Er weiß, dass er noch drei Jahre bleiben muss, um den fetten Scheck zu kassieren. Dieser Gedanke hält ihn am Leben. Sobald er die Kohle hat, verschwindet er. Weit weg von der alten, dicken Frau die jede Nacht neben ihm liegt.

Weit weg von der völlig versnobten Brut, die er damals gezeugt hat.  So hatte er sich das alles nicht vorgestellt als er sich vor langer Zeit in diese Frau verliebt hat. Alles wollten sie besser machen als die Generation vor ihnen. Ewige Treue haben sie sich geschworen, als sie vor dem Traualtar standen, im Grunde selbst noch Kinder.

Im Rausch der grenzenlosen Naivität treibend, völlig unwissend wohin die gemeinsame Reise wohl gehen würde teilten sie die Überzeugung – bis das der Tod euch scheidet.
Und  etwas mehr als ein Jahrzehnt später ist die Todessehnsucht nur eine Nuance geringer als meine eigene im Moment…

Der Vibrationsalarm neben meinem rechten Ohr reißt mich unsanft aus dem Dämmerzustand. 

Ein kurzer Blick aufs Display, meine Intuition bestätigt sich. Murphys Gesetz. 

„Hey… Sorry, ich bin schon unterwegs“

Beim Klang meiner Stimme erschrecke ich selbst. Gott ich sollte wirklich mit dem Trinken aufhören.  Wenigstens für vierundzwanzig Stunden.

Die utopischen Gedanken beiseite schiebend, kämpfe ich mich in die Senkrechte. Scheiße, ich hab verschlafen.

Keine zwei Schritte später trete ich barfuß auf eine herumliegende Glühbirne, die Glassplitter bohren sich tief in die Ferse und lassen das Blut unkontrolliert auf den Boden spritzen.

„Fuck…….Warum… “ Wenige Millimeter trennen mich noch von einem Tobsuchtsanfall, ich boxe aus Zorn gegen die Tür, die daraufhin in tausende Scherben zerbricht und  mir eine tiefe Schnittwunde an sämtlichen rechten  Fingern hinterlässt.

„Alter, wie behindert musst den sein?“ ich schreie den übrig gebliebenen Türrahmen an, als hätte er Schuld an dem Malheur.

Der Köter vom Nachbarn fängt wie besessen zu keifen an, als er mein  hysterisches Geschrei hört. Anscheinend fürchtet er sich.

Überall ist Blut. Wie kann man so blöd sein, und gegen eine Glastüre schlagen?

Das ganze Gehirn weggeballert..  Fuck. Ich muss mich fertig machen. Bin ohnehin schon eine Stunde zu spät. Gottseidank hab ich mich gestern  vom Chef knallen lassen. Sonst könnt ich wirklich mal Ärger bekommen.

Ich schnappe mir den Teddybären der auf dem Bett liegt und drücke ihn auf die klaffende Wunde. Mit der heilen Hand suche ich im Nachtisch nach etwas Motivation. Verflucht nochmal wo hab ich sie bloß hin gepackt?

Ich sollte wirklich mit dem Trinken aufhören.

Zwischen Pornos, Batterien, Bananen, Knoppers, alten Fotos, einem Vibrator  und unbezahlten Erlagscheinen krame ich verzweifelt nach dem einzigen Grund der gegen sofortigen Suizid spricht.

Wo zum Teufel hab ich das Koks hingesteckt?

Schon wieder alle?

Nein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es noch was hat. Ja. Ziemlich viel sogar. Langsam, aber sicher kehrt die Erinnerung an die vergangenen Stunden zurück.

Verdammte Scheiße. Wie eine Geisteskranke reiße ich die Lade aus dem Schrank und knall sie mitsamt des Inhalts gegen die Wand.

Mein Schlafzimmer hat sich binnen zwei Minuten zu einem Schlachtfeld verwandelt, zwischen Glasscherben und Chipskrümeln liegen leere Bierflaschen, Kleingeld, benutze Kondome, einige rote Pillen mit dem Mitsubishi Logo, angefressene Kekse und der eigenartig aussehende Brei  direkt neben der Türe dürfte wohl Katzenkotze sein.

Darüber verteilt ein ganz dezenter Hauch von Rot… Es sieht aus als hätte ein verwirrter Vampir während dem Frühstück einen epileptischen Anfall gehabt.

Wie Columbine kurz nach dem Amoklauf, überall ist Blut…

Aber wo zum Teufel hab ich das Koks hingesteckt?

Fotze.

Mit einer einzigen Handbewegung fahre ich über den vermüllten Schreibtisch, das ganze angesammelte Zeug fliegt durchs Zimmer.

Kacke.

Richtung Badezimmer wankend ziehe ich eine Blutspur durch den Vorraum. Hoffentlich ist noch niemand zuhause. Hab keine Lust mir von einem Kind Löcher in den Bauch fragen zu lassen.

Schaffs gerade noch rechtzeitig bis zum Waschbecken, als sich der restliche Mageninhalt lautstark von mir verabschiedet. Während ich mir die Seele aus dem Leib reihere, frage ich mich was das für eine Plastiktüte ist, auf der sich der letzte Rest von Heineken, Jägermeister und Wodka aus meinem tiefsten Inneren sammelt.

Alles dreht sich,  ich gehe wie ein nasser Sack zu Boden und bleib völlig nackt neben dem Klo liegen, unsicher ob ich gleich das zeitliche segne. Praktisch, dass ich ein Kissen in der Hand halte, zwar vollgeblutet aber immerhin.

Halte den Kopf fest, als ob es etwas gegen das Gefühl er würde jeden Moment explodieren, ausrichten könnte.

Fuck.

Ist das ein Herzinfarkt?

Ich beschließe dass es nur ein Kater der ganz bösen Sorte ist und versuche aufzustehen, als mir die Plastiktüte wieder einfällt.

Scheiße. Jetzt weiß ich auch wieder wo die Motivation geblieben ist. Die ist irgendwo in dem vollkgekotzten Teil knapp über mir.

Mobilisiere die allerletzten Reserven um an den wertvollen Inhalt der eingesauten Verpackung zu kommen. Als ich es unter einer dicken Schicht Erbrochenem weiß durchschimmern sehe, fühle ich wie sowas wie Hoffnung auftaucht.

Nix wie her damit.

„Scheiße… Ich hab zweitausend Stutz vollgereihert…“

Werfe den Beutel vor mich auf den Fußboden und gebe mein Bestes um nicht sofort wieder draufzukotzen. Gott wie tief bin ich eigentlich gesunken, und wie ekelhaft ist das?

Schmeiß den Dreck in die Dusche, richte mich mit der Geschwindigkeit einer hundertfünfzigjährigen Osteoporosekranken Alzheimerpatientin auf und drehe das Wasser auf.

Gefühlte drei Tage später schaff ich es endlich, das erstaunlicherweise trocken und sauber gebliebene Kokain auf die Waschmaschine zu leeren. Ich mach mir nicht mal der Mühe, eine Line zu ziehen..

Neben der Zahnpasta liegt ein Strohhalm, warum auch immer..

Nichts wie rein und ab geht’s.. Der beißende Geschmack der an Benzin erinnert brennt sich tief in den letzten Rest meines Gehirns. Schmeiß den Kopf in den Nacken, innerhalb von Sekunden werden die Augen völlig schwarz und der Beat des roten Muskels steigt weit über die 130 bpm, endlich fühl ich mich wie ein MENSCH…. Etwas überdreht, die Gedanken besessen von Sex; aber alles besser als der Zustand kurz vor der ersten Line.

Boah……

Einmal geht noch…. Whoop.. Whoop….

Unendliche Arroganz mischt sich mit unberechenbarer Aggressivität und macht mich zu einer tickenden Zeitbombe.

Das Bedürfnis mich auf der Stelle durchficken zu lassen ist genauso präsent wie die Lust große Mengen Alkohol zu trinken, einzig kontrolliert durch einen letzten Rest Arbeitsmoral.

Fünf Lines, einen Joint, zwei Bier und eine Stunde später steige ich ins Auto und mach mich endlich aufm Weg in die abgefuckte Bar in der ich seit kurzem arbeite.

Dürfte reichen um nix mehr an mich ranzulassen. Hoffentlich. Ich will nix mehr fühlen, will nicht mehr spüren was nicht zu leugnen ist. Eiskalter Engel. Fickt euch alle. Fotzen.

Oberflächliche Smalltalkkacke. Ohne Herz und Verstand.

Die Kneipe ist voller Menschen als ich endlich ankomme und die Türe aufmache.  Er Schwall an verbrauchter Luft, gemischt mit dem süßlichen Geruch von verbranntem Marihuana schlägt mir entgegen, der gerade erst verdrängte Drang mich nochmals zu übergeben ist plötzlich wieder präsent wie nie zuvor.

Ich husche an der ersten Bar vorbei, sehe ihn im Augenwinkel am DJ Pult; tanzend, trinkend und völlig gleichgültig mir gegenüber.

„Hoi Puppe! Bist fit?“

Meine Kollegin fällt mir um den Hals, küsst mich dreimal auf die Wange, ehe sie uns beiden Tequila einschenkt.

„Tanja, ich hab noch nicht mal gefrühstückt“

Mit großen Augen blicke ich sie an und hoffe auf Gnade. Falsch gedacht.  Schneller als ich „Vitamin C“ sagen kann, fliegt eine Orange an mir vorbei, landet neben dem immer noch unangetasteten mexikanischen Schnaps, keine drei Sekunden bevor der  Zimtstreuer  mit einem lauten Knall an der Kante der Theke zerspringt.

Alter. Wenn zerstörtes Glas wirklich Glück verspricht, muss ich ins Casino…

„Obst ist wichtig. Juhuuuu… Sauf!“

Tanjas Euphorie wirkt so ansteckend wie Herpes.

„Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“  rufe ich zurück und kippe den Fusel runter.

Brennende Hitze breitet sich wie ein Lauffeuer in mir aus, besoffene Kerle applaudieren und klatschen als ich das leere Glas gekonnt durch die Bar werfe, laut knallend die Spüle erwische und eine Fontäne von versifften Abwaschwasser in die Luft steigt.

Eine Pirouette drehend fische ich ein Heineken aus der Kühlung,  stelle es vor mich, fasse mir an die Titten und frage mich welcher Idiot den Flaschenöffner versteckt hat.

An die zwanzig Kerle die an der Bar sitzen, fixieren mich mit ihren Blicken. Ich genieße die Aufmerksamkeit und stecke mir den Flaschenhals der Bierflasche in den Mund, beginne daran zu saugen als ob es die Latte von George Clooney wäre.

Porno pur, morgens halb zehn im Land von Raclette und Nidelkuchen. Ja, ich weiß dass es dreiundzwanzig Uhr ist, aber wen kümmert es?

Geprägt von über fünfzehn Mal dreihundertfünfundsechzig Tagen Gastronomie, kann mich sowas nicht mehr schockieren.

Gierig kippe ich das erste Bier des Tages in mich hinein und suche den Augenkontakt mit Tanja.

„Baby, ich bin gleich soweit“, zwinkere ich ihr zu, um so schnell wie möglich in den Keller zu verschwinden.

Sie grinst wie ein Waschbär auf LSD und kippt sich einen weiteren Tequila hinter die Binde. Einer der feiernden Typen schreit hinter die Theke:

„Hey! Da ist alles verdreckt und klebrig! Kann das mal wer saubermachen?“

Unbeeindruckt  fasst meine Kollegin in das bakterienverseuchte Waschbecken, fischt einen ebensolchen Lappen daraus und knallt ihn vor den keifenden Besoffenen.

„Was? Schmutzig? Dann putz doch!“

Das Geräusch, das der auf den Tresen klatschende Wettex verursacht, lässt mein Kopfkino in eine pervers anmutende Einbahnstraße einbiegen..

Die Erinnerung an den Unbekannten Jüngling der mir zwei Nächte zuvor seinen riesigen Prügel bis zum Anschlag in die vor lauter kolumbianischen Schnupfen taub gewordene Fotze gerammt hat, ist plötzlich so lebendig wie nie zuvor.

Dank Helene Fischer und  200 Dezibel kann es niemand tropfen hören… Oh Gott ich bin so fickerig.

Ich kann an nichts anderes als einen steinharten Schwanz in mir denken…  Scheinbar strahle ich das auch aus.. Die Blicke der sturzbesoffen und anscheinend auch vollgekoksten, ständig rotzenden Druffies, die mich immer noch mustern, lassen keinen Zweifel an den äußerst unchristlichen Absichten, die dahinter stecken.

„Fickt euch ihr Spastis“ denkend verpiss ich mich in die Küche. Schmeiß mein ganzes Zeug in die Ecke, atme tief durch und schleiche die völlig versiffte Treppe hinunter in den Keller.

Die Decke da unten  ist nicht höher als einen Meter sechzig, ich gehe ständig gebückt um mir zu dem drogeninduziertem Dachschaden nicht noch eine zusätzliche Gehirnerschütterung zu holen. Einen letzten Rest an Verstand werde ich brauchen um den Weg zurück nachhause zu finden. Irgendwie. Irgendwann.

Bestimmt und äußerst fokussiert bahne ich mir den Weg durch unzählige Getränkeflaschen, Bierfässer, vollgestopften Müllsäcken, Bergen von Altpapier und zerlegten Kartons des unterirdischen und komplett  vermüllten Alkohollagers.

Die Holzregale sind voller Gläser und tonnenweiße Papier, über dem gesamten Zügs zieht sich ein dezenter weißer Staubfilm. Selbst durch dreiundzwanzig Promille beeinträchtigt, frag ich mich, was hier abgeht. Meine Fingerspitze wandert wie ferngesteuert über eins der herumliegenden Teller direkt auf die gierig zuckende Zunge die sich sofort taub anfühlt.

Alter, wo bin ich hier gelandet?

Die rauschgeilen Kollegen machen sich noch nicht mal mehr die Mühe um es zu vertuschen.  ALTER. Fotze.

Ich will gerade abhauen als mein paranoid umherschweifender Blick an einer gelben Karte direkt vor meiner Nase hängen bleibt. Dejans vor? Zu vertraut scheint mir das Plastikteil. Woher?

Hab die Kundenkarte eines sehr bekannten österreichischen Textilladens noch nicht mal in der Hand, als mich die Erinnerung an die vergangene Nacht wie ein Blitzlichtgewitter niederstreckt.

Unter dem fett aufgedruckten „Betten und Vorhänge Reiter“ prangt mein Name, inklusive Adresse. Ach du Scheiße, ich glaub ich bin in der ganzen verfickt und verkoksten Hütte die Schlimmste. Der Verdacht erhärtet sich, als ich mir die Kundenkarte genauer ansehe.

Denn darunter kommen zwei prall gefüllte Tütchen zum Vorschein, bis zum Bersten mit klitzekleinen, schimmerten Kristallen vollgestopft. Es ist nicht mal nötig, den Geschmack der Edelsteine zu testen; ich weiß ganz genau was da drinnen steckt…

„Majaaaaaaaaaa………!!!!!!!!!!!! Bier ist leeerrrrr….Bittteee umsteckennnnn!“

„Schrei mich nicht so an… Ich bin sensibel“ brülle ich bestens gelaunt  zurück. Wusste ich doch, dass ich meine Motivation im Keller finden würde. Da ist sie am liebsten…

Klemm das leere Fass zwischen die Beine und dreh den Verschluss runter, der sofort laut zu zischen beginnt. Den Gedanken dass hier was schief läuft schieb ich beiseite und knall das Teil hektisch auf ein neues Fass. ZZZZZZZZZzssssssssssccccccccccccchhhhhhhhhhhh..

Ehe ich zum tausendsten Mal am heutigen Tag „Scheiße“ rufen kann, explodiert die Öffnung, eine zischende Bierfontäne wichst mich von oben bis unten voll.

Alles Fotzen.

Trete gegen den Müllsack der vor dem Schnapsregal liegt, zünde mir einen Joint an und ziehe mir noch mal was von dem weißen Turbo Zügs rein.

„Maja, geht’s dir gut?“

Als ich die Stimme von ihm höre, lieg ich längst auf dem eiskalten Fußboden, aus meiner Nase tropft Blut und ich hechle um Luft wie ein rennender Husky im süditalienischem Hochsommer.

„Mir geht’s blendend!“

Der Euphorische Ton meiner Stimme passt nicht wirklich zum besorgten Gesichtsausruck von meinem Chef der neben mir kniet und mich hochzuziehen versucht.

„Scheiße wieviel hast du dir denn reingeknallt? Du siehst furchtbar aus.“

Ich lehne mich an die Wand und putze mir mit einem herumliegenden  T-Shirt die Nase, während mir Mike eine Flasche mit Wasser aus dem Kühlschrank holt.

„Danke. Welche Frau hört das nicht gerne?“

Er setzt sich neben mich auf den Bode, öffnet das Wasser und drückt es mir in die Hand.

„Bist bescheuert? Ich schmeiß doch mein Leben nicht weg!“

Als ich aufstehe um mir ein Heineken zu holen, fällt mir auf dass meine Strümpfe komplett zerrissen und meine schwarzen Lederstiefel  mit Konfetti übersäht sind, vermutlich sehen so Menschen nach einer Kneipenschlägerei aus.

„Du bist wirklich völlig durchgeknallt“ er lacht laut auf als ich die Flasche mit einem Feuerzeug aufmache und mich wieder neben ihm setze.

„Ich würd eher verhaltenskreativ dazu sagen. Cheers.“