Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Willkommen in meiner Welt, Arschloch.

Zerstückelte Erinnerungsfetzen drängen aus der Versenkung nach oben und innerhalb eines einzigen Herzschlages ist alles anders.

Es ist endgültig vorbei, letzte Funken falscher Hoffnung und kranker Sentimentalität wie weggeblasen; verglüht ohne dabei auf die Knie zu sinken. Ziellose Besessenheit steuert geradezu in die nächste Vollkatastrophe.

Warum bin ich heute nochmal aufgestanden?

Ach ja. Weil ich dachte, der Typ mit dem Sushi und dem Six Pack würd endlich Frühstück bringen. Von wegen. Die Rundfunkgebühr wollt der Spast; aber das ist ein anderes Kapitel.

Der Schlafentzug zeigt erste Spuren, alles auf slowmo. Nachlegen ist umsonst, sämtliche Körpersysteme kurz vorm Abstürzen. Siebzig Stunden wach und ohne feste Nahrung. Da hilft auch Boliviens Exportschlager Nummer eins nichts mehr. Irgendwann ist einfach zu viel des Guten.

Recht herzlichen Dank liebe Obsession.

Geprügelt, gedemütigt und verzweifelt aus dem Ring gestiegen; niemals gekrochen. Ziellos von einer in die nächste Misere getorkelt.

Unzählige Male die Selbstachtung verloren-kein einziges Mal den Stolz.

Mit gehobenem Kopf scheint der Fall ästhetischer, bisschen Contenance und so´n Scheiß. Immer tanzend. Mit Sonnenbrille.

Und noch während man sich den Aufprall als allerletzte Instanz des eigenen Selbstzerstörungswahns vorstellt, kündigt sich unerwartet Hilfe bei dem Vorhaben an.

Sein Gesicht ist eingefallen, die Konturen der Wangenknochen deutlich auszumachen. Mittlerweile hat sich die noble Blässe in fahles Grau gewandelt, die Stirn voller entzündet aussehender Punkte, tiefe schwarze Ränder unter weit aufgerissenen Augen.

Er wollte immer sein wie Onkel Charlie, geworden ist er das uneheliche, in einer Bahnhofstoilette gezeugte Balg, von Jessy Pinkman und Christiane F.

Ihr Kinder vom Bahnhof Zoo.

Aus jeder seiner Poren dringt das Gift nach außen; vor nicht allzu langer Zeit war ich süchtiger nach seinem Geruch, als nach dem Inhalt seiner Taschen.

Da ist kein Glanz mehr in seinem Blick, sämtliche Erinnerungen getötet.

Will mich erinnern.

Schaff es nicht.

Rastloser Geist randaliert im erschöpften Körper, wirre Gedankengänge, leergekokste Müdigkeit eines  kaputten Wahnsinnigen am Rande der Existenzberechtigung.

Willkommen in meiner Welt, Arschloch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rene‘

Wir schreiben. Wir ignorieren einander. Stacheln uns gegenseitig an, heizen ein, als ob es kein Morgen geben würde. Immer wieder wummert die Erinnerung an vergangene Tage und Gefühle wie ein Vorschlaghammer in den Kopf, macht die verdrängten Empfindungen wieder bewusst.

Seit knapp zwei Jahren ficke ich alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist, immer mit der Hoffnung, ihn endlich gehen zu lassen. Vergessen können.  Ganz egal wie ich es auch anstelle – ich kann nicht aufhören an ihn zu denken.

Es ist nicht schlimm zu wissen, dass er jemand anders hat. Aber mir blutet das Herz, wenn ich spüre, dass er dabei unglücklich ist.

„Interessant ist immer das, was man nicht haben kann.“

Richtig. Nur, dass es nicht um Besitzanspruch geht. Alles was ich will, ist zu wissen, dass er ok ist.

Scheiß aufs Ego.

„Will dich spüren. Schmecken. In deinen Armen einschlafen, nur um zu wissen, dass du wirklich da bist.“

Niemals hab ich mich sosehr nach einen Menschen gesehnt, wie in diesen Tagen nach ihm. Seit Wochen schon ungefickt und trotzdem interessiert mich keiner der üblichen Bums-mich-anständig-durch- Spasten, alles was ich jemals wollte ist………….Er……

Gott und die Welt sagt mir, ich soll die Finger davon lassen; der Turbo unter meinen Rippen sagt was anderes… Sturheit? Engstirnigkeit? Aneckenwollen? Nostalgie? Sucht? Naivität?

Nichts als verzweifelte Versuche, das Unfassbare in die korrekte Schublade zu stecken, wie auch immer. Einen feuchten Scheiß drauf gebend was irgendjemand davon hält…  Ihr habt keine Ahnung wie ich fühle. Und  noch während in meinem Schädel Krieg tobt, summt das verfickte Ericcson wie ein eingekokster Epileptiker auf dem Glastisch herum.

Kurzer Blick aufs Display, bestätigt meine Vorahnung. Er hat geschrieben. Wir sehen uns heute. Zum ersten Mal seit drei Monaten.  Versuche die Vorfreude zu dämpfen, nur nicht durchdrehen… Sag der besten aller Vertrauten Bescheid, schmeiß mich in mein weißes „Fick-mich-Kleid“, das sie mir vor Wochen geschenkt hat und mach mich auf den Weg nach St. Eiermark.

Scheiße, bin ich aufgeregt.

Ob ich kurz anhalten und einen Ofen rauchen sollte?

Nein, ich will vollkommen bei Sinnen sein, keinen einzigen Nervenstrang betäubt, alles spüren. Unterwegs meldet sich auch der Mann mit dem Koks. Nein danke, ich will mich nicht schon wieder selbst sabotieren…. Keine Sehnsucht nach Placebos; alles was ich brauche kann man nicht kaufen..

Klopfe mir selbst auf die Schultern, ehe ich bemerke, dass ich angekommen bin; wie der erste Kick auf MDMA erwischt es mich, als ich seinen Wagen sehe. R. sieht genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung habe; süß- und unendlich müde. Doch das sonstige Herzrasen ist einer tiefen Vertrautheit gewichen; unsicher wann ich mich zum letzten Mal jemand so nah gefühlt hab, als ich in seine Karre steige und mich neben ihm in den Sitz fallen lasse.

Und plötzlich fühlt es sich an, als wäre der ganze Scheiß nie passiert; neurotische Verliebtheit ist einem undefinierbarem Akzent der Ruhe erlegen.  Keine Ahnung, aber es ist richtig. Richtig gut.

Wir reden. Zum ersten Mal seit geraumer Zeit. Nicht nur über belanglosen Mist. Über Dinge, die bewegen. Steigen aus dem Auto, er nimmt mich an der Hand. Sauge den Augenblick ein, als wüsste ich ganz tief drinnen, dass es sich nie mehr so intensiv anfühlen würde.  Liegen nebeneinander in einer der Pritschen, bekomme nicht genug von seinem Geruch, verliere mich beinahe, ich kann nicht glauben, dass das wirklich passiert. Hätte ich einen Wunsch frei,  wäre es, ihn nie mehr loszulassen.

Streichle über seine Brust, tänzelnde Fingerspitzen ebnen sich den Weg, jagen die Innenseite seiner Oberschekel hinab, halten an den Knien inne, fegen wie ein Orkan zurück zwischen seine Beine, zeichnen die Konturen des hart gewordenen Körperteils nach, während er meine unverpackten Titten durch den Stoff hindurch inspiziert, gekonnt an den Nippeln zieht, loslässt um sie anschließend durchzukneten. Gott, er riecht so gut.

Kurz vorm verrückt werden stehend,  als hätte er Lunte gerochen, lässt er plötzlich von mir ab, steht auf und beginnt damit, sich auszuziehen. Challenge accepted – mit einer flüssigen Aufwärtsbewegung streife ich den Fickmichfetzten ab, stehe nur noch in Halterlosen vor ihm, rufe enthusiastisch „Erster!“,  bevor er mich umdreht und meinen Oberkörper aufs Bett drückt.

Schließe die Augen, fest zupackende Hände dirigieren meinen zuckenden Arsch nach hinten, und während ich mich noch wundere wie geil sich das anfühlt, rammt er mir den steinharten Schwanz hinein, ohne die Möglichkeit mich zu wehren lasse ich mich fallen. Verliere völlig die Kontrolle, alles was ich will ist mehr davon.

Immer lauter werdende Schreie, er krallt sich tief in meine Hüften, mit einem Ruck dreht er den winselnden Körper auf den Rücken, nicht ohne mir vorher kräftig auf den Arsch zu klatschen. Millimeter vor dem Höhepunkt herumschleichend, reißt er unerwartet sein Teil wieder aus mir raus.

Gierig, beinahe automatisiert drücke ich meinen Körper in seine Richtung, zärtlich packt er mich am Hinterkopf, steuert ihn eine Etage weiter nach unten, solange bis sich Schwanzspitze und Lippen berühren.

Ausgehungert wie eine Königscobra, die wochenlang nichts mehr zu fressen bekommen hat, schnappe ich vorsichtig nach dem Lieblings-Schwanz, ziehe mit der Zunge Kreise über die Spitze, um ihn schließlich bis zum Anschlag im Gesicht verschwinden zu lassen.

Langsam wandernde Hände, innehaltend, weiter suchend, findend, staunend, gleichzeitig mit seinen, die mich auf einmal an den Beinen erwischen. Vorsichtig und doch bestimmt drückt er sie nach hinten, solange, bis ich vollkommen frei und zugänglich vor ihm liege.

Sekunden später seine Zunge, die sich ihren Weg durch mein Allerheiligstes bahnt, Contenance war gestern. Geschickt provoziert er das mittlerweile hypersensible Präzisionsgerät an den Rand des Wahnsinns, zitternd und windend erreiche ich  zum ersten Mal den Höhepunkt.

Versuche mich loszulösen, dann wie Brandbeschleuniger, ein gehauchtes „Du sollst stillhalten“, kickt mich wie Lionel  Messi das runde Leder, eine Sphäre höher. Verliere noch mal die Kontrolle, bevor die erste Welle abebbt, explodiert mein unterhaltsamster Körperteil zum zweiten Mal  an diesem Abend.

Mit der Präzision einer Armbanduhr der Eidgenossen leckt er mich zum nächsten Gipfel, instinktgesteuert und tiefenentspannt sinke ich in seine Arme. Ich wusste gar nicht mehr wie vollkommen sich das anfühlt.

Als wäre mit einem Schlag alles anders; der Zustand den ich am Meisten fürchte, gleichzeitig das Intensivste, dass ich jemals gespürt habe… Nähe.

Es ist einfach perfekt. Wunderschön.

Hashtags sind die besseren Rauten

Jeder einzelne der Wartenden ist ein scheiß Junkie. Man sieht es nicht an den Klamotten; aber an ihren Augen. Das ganze Gehabe dieser Typen verrät sie. Ich kann nicht sagen was genau es ist; doch brauche ich nicht länger als einige Minuten um zu merken, wer zu der Fraktion der Süchtigen gehört, ohne mit ihm oder ihr gesprochen zu haben. Gott, wie ich diese Loser hasse.

Hashtag Scheißjunkie

Was zum Teufel tu ich hier eigentlich? Ich gehöre doch gar nicht hier her. Ich bin keine von denen. Junkies laufen keine Marathons. Punkt. Noch bevor das Gedankenkarusell Amok läuft, wird mein Name ausgerufen, zögernd suche ich mir den Weg in die Praxis. Der Raum ist so unglaublich eng, mir kommt es vor als würden die Wände immer näher kommen.

Hashtag Paranoia.

Kralle meine Fingernägel fest in die Oberschenkel, unfassbar dass kein Blut tropft. Die einzige Flüssigkeit die ununterbrochen läuft ist die zwischen den Beinen. Ein Königreich für einen Fick.

Hashtag Nymphoman.

„Wir haben uns das letzte Mal vor drei Monaten gesehen.“

Während seiner Feststellung schwankt der Blick vom Bildschirm des Rechners zu mir, fixiert mich für einen Moment, um sich kurz darauf wieder der virtuellen Welt zuzuwenden.

Hashtag Psychiater.

Hashtag busy.

Heftiges Türklopfen lässt mich zucken, eine rothaarige Sprechstundenhilfe kommt herein und bittet den Doc um eine Unterschrift wegen eines Rezeptes. Es geht wohl um den Methadon Nachschub für einen Patienten. Verfluchte Opiatabhängige. Die haben zumindest Substitutionstherapie. Pisser. Als wären die die einzigen die wüssten was craving bedeutet. Als Kokserin musst ohne Ersatz aufhören, gibt ja keinen. Würd ich aber auch nicht in Anspruch nehmen wenns so wäre. Wenn schon kämpfen, dann ohne Wenn und Aber; ich bin stark genug um den Mist auch ohne chemische Unterstützung auf die Reihe zu kriegen.

Kaum hat er die Unterschrift auf das Rezept gekritzelt, marschiert Frau Misses Ordinationsprinzessin wieder raus und lässt uns in der trauten Zweisamkeit zurück. Wir reden über Gott und die Welt, doch dieses Mal ist alles anders als beim letzen Mal; anstatt paranoider Verschwörungstheorien hinterfrage ich alles.

Hashtag Nüchterninderdrogenberatung.

„Wir sollten über Medikation sprechen.“

Der Unterton in seiner Stimme klingt überzeugender als der eines Vorwerk-Staubsaugervertreters, für den Bruchteil einer Sekunde schenke ich ihm Glauben. Er labert mich beinahe zu Tode, was ich nicht alles an Tabletten brauchen würde, um zu funktionieren.Lithium, Antidepressiva, Antiepileptische Kacke. Klar, Ganz wichtig, das die Pharmaindustrie überlebt. Was zum Teufel mach ich eigentlich hier?

„Ich brauch keine Pillen, ich schaff das auch so.“

Wenn Blicke töten könnten, würde Herr Mister Freud längst bewegungsunfähig auf dem Fußboden liegen. Ich müsste stimmungsstabilisierendes Zeug schlucken, um meinen Dachschaden unter Kontrolle zu bekommen. So ein Mist, alles was ich brauche ist jeden Tag anständig gefickt zu werden.

„Ich will keine Psychopharmaka fressen. Gibt’s keine pflanzliche Alternative zu den Pharma-Bomben? Was ist mit Johanniskraut?“

Ungläubig schaut mich Mister Psychiater durch die trüben Lichter an.

Hashtag MisterFreud

„Das bekämpft nur ihre Depression, die Manie würde bleiben, sich womöglich sogar verstärken.“

Überlege kurz, komme zu dem Entschluss, keine Ahnung von seinen Bedenken zu haben: „Ja, aber die ist doch eh immer so lustig.“

Unsicher ob er einen Lachkrampf unterdrückt, oder mir auf die Brüste starrt, beobachte ich seine Mimik ganz genau und beschließe ihn beim nächsten Termin ein T-Shirt mit dem Aufdruck „overworked and underfucked“ zu schenken.

„Lustig schon, aber leider auch gefährlich. In einer manischen Phase neigen Patienten dazu unkontrolliert Geld auszugeben und wahllose sexuelle Begegnungen einzugehen.“

Hashtag bipolarkannganzlustigsein

Seine Miene wird augenblicklich so ernst, als ob er mir den nahenden Tod verkünden müsste; warum zum Teufel haben die alle einen Stock im Arsch?

„Ja, das meine ich ja mit lustig.“

Der Psychofuzzie beißt sich auf die Lippen, starrt mir wieder knapp zwanzig Zentimeter unter die Augen, und ich frage mich wer von uns beiden dringender Tabletten braucht.

„Sie können ruhig lachen, ich hab da kein Problem damit“, meine Aufforderung wirkt, denn plötzlich huscht ein Grinsen über sein Gesicht.

„Hören Sie, ich kann niemanden dazu zwingen, Medikamente einzunehmen. Das ist ganz alleine Ihre Entscheidung.“

Alles was ich von Zeit zu Zeit brauchen könnte wäre ein Anti-Aphrodisiakum, aber dazu reicht eigentlich auch Helene Fischer, also verkneif ich mir die Frage, stehe auf und verabschiede mich.

„Vielen Dank, aber ich glaub ich bleib so scheiße wie ich bin.“

Hashtag ohnenormal