Fallende Sterne

Mit weit aufgerissenen Augen starren wir in die Finsternis, verzweifelt auf der Suche nach einer einzigen Sternschnuppe. Haben nicht viele Wünsche, eigentlich nicht mehr als einen einzigen, doch anscheinend pflanzt uns sogar der Nachthimmel.

„Was ist denn das für eine Verarsche? Zwei Stunden Kometenschwarm und ich seh nix außer blinkende Ufos.“

Scheiß auf das Wunschkonzert, es hat schließlich noch Alkohol im Kühlschrank.
Manövrierunfähige Gedanken kämpfen gegen wuchernden Wahnsinn, lass es Sterne regnen, alles zerfrisst sich selbst in immer wieder kehrenden Fragen. Ich will Antworten. Am besten gestern.

„Welche Ufo´s? Bist rauschig?“

Mit gespielter Fassungslosigkeit schenkt Ellena die nächste Runde Pinot Grigio ein, stellt zwei Stühle für die Zwillinge in die Wiese, damit die beiden auch nach Lichtblitzen am Himmel suchen können.

„Das liegt sicher an dem Wein. Bin ich Psychologiestudentin, oder wieso sauf ich diese Blörre?“

Kollektives Grinsen läuft wie Usain Bolt durch die nächtliche Möchtegern-Wunsch-erfüllt-haben-wollen- Runde, ehe das einzige Testosteron-gesteuerte Wesen des Hauses mit anständigem Stoff kommt.
Bier und Jause.

Ellena erlaubt den sprechenden Gartenzwergen, die wie eine Miniaturausgabe der Seniorfraktion wirken, solange aufzubleiben, bis sie beide vier fallende Sterne aufleuchten gesehen haben.

Gebannt fixieren die immer schwerer werdenden, kleinen Augen das Trallala über ihren Köpfen, der mutigerere Liliputaner zeigt mir das aufgeschundene Knie. Heldengeschichten über alte Kriegsverletzungen quasi. Ein alter, müde gewordener Hypochonderkater blickt wie die Katzenausgabe eines Charles Manson auf meine sonnenverbrannten Knie.
Ich liebe diese familiäre Atmosphäre, weil sie nicht gespielt ist, sich selbst Zeit und Raum für Ecken und Kanten einräumt, Authenzität hoch zehn; ganz ohne Optimalbilderbuchfamilienidylle simuliern müssen. Cheers.

Unbarmherzig überfällt bleierne Müdigkeit erst die Kinder, und dann auch uns, während wir noch über die vorangegangene Generation reden. Kaltherzige und ignorante Mütter, alzheimergeplagte Väter, eigenartig und seltsam gewordene Geschwister, nervige Kunden, drückende Ängste, latente und impulsive Aggressionen-irgendwas ist immer; bei jedem einzelnen von uns. Ponyhof, und so weiter.

Ganz egal wie dramatisch der eigene Mist erscheint, nach zwei Stunden mit Euch, relativiert sich beinahe alles. Wir sind nicht auf derselben Wellenlänge; wir SIND diese Frequenz, ohne Zweifel.
Entstanden aus dem Ergebnis mehrerer fragwürdigen Entscheidungen einiger neurotischer Menschen, zumeist mit einem sehr sexuell gefärbtem kleinsten gemeinsamen Nenner (=Tinder ). Verstehst? Nein? Macht nichts, weil wir checken´s auch nicht so ganz.
Langsam entkrampft jede meiner Fasern, senke den Blick, hätte ich keine Ohren würde ich im Kreis grinsen.
Zögernd schiebe ich die Papiere über den Tisch, ich habe Angst, dass ich verurteilt werde, sie danach nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Mit so einer, will doch niemand was zu tun haben, oder?

Obwohl ich diesen verrfluchten Zettel schon vor über 48 Stunden im Paket mit einer professionellen Befundbesprechung durch einen Psychiater ins Hirn gestopft gekriegt hab, schreit jede Zelle meiner Selbst nach Widerstand gegen das Resultat des Idiotentestes.

„Erzähl endlich wie das war.“

Und plötzlich scheint es, als würde ein Bann in mir brechen und ich rede; ich erzähle den beiden (wachen) Sternschnuppen-Suchend und Wein-trinkendem Vertrauten von den denkwürdigen Stunden
Ich erzähle ihnen von den abstrakten Tintenfleck-sieht-aus-wie–ein-gepresster-Scheißhaufen-Bildern, von immer wiederkehrenden Wortreihen, die das Wort Priester enthalten (wenn man sich dieses Wort merkt, schließt der Psychologe auf eine verdrängte sexuell erlebte Abnormität mit einem geistlichen Ficker-dagegen gibt’s aber ganz sicher die richtige Pille).
Erzähle von einem schwarzen Bildschirm auf dem Punkte, Töne, Kreuze und Plus –Zeichen auftauchen, und die über normal oder ADHS entscheiden. Über mangelnde Impulskontrolle. Über bipolare Störung. Über Borderliner. Über Koks. Über Lebenskünstler und Künstlerleben, über inexistente Stabilität und unvermeidbar dramatische Instabilität.
Mo Trip. Lass die andern sich verändern, doch bleib so wie du bist.

Höre Geschichten über gefühlstote Menschen, böse Zeitgenossen, keine Gesellschaft zum Kirschen essen. Kirschen wären jetzt echt geil. Scheiße, ich will Kirschen. Und Schokolade, J E T z T…………………

Steig ins Auto, weg von hier.

Wie beiläufig streift ein warmer Windhauch über den Kopf hinweg, kurzer Bodenkontakt mit der Hure namens Realität, mit voller Kraft stemme ich dagegen; kämpfe, taumle, fliege; Sekunden bevor ich mit der Breitseite auf dem heißen Asphalt aufkrache und mir Blut übers Gesicht läuft.

Wachsam rasende Pupillen, fickender Herzschlag, angenehm entspannter Kopf, lass mich fallen, doch bevor die Augen dichtmachen suche ich das letzte Mal nach einem Wunsch-Erfüll-Wunder-Von-Oben-Herunterfall_Stern-Wunder-Scheiß.

Pechschwarz funkelnde Augen fesseln mich, fester Griff an meine Handgelenke, behutsam und dennoch bestimmt drückt er sie nach hinten, presst seine Mitte fordernd gegen meine, während er ununterbrochen meinen Hals küsst; immer tiefer spielt er alle denkbaren Stückchen auf mir, zärtlich streift er mir das Kleid über den Kopf. Stehe nackt vor ihm, Ya Man-richtiger Knopf.

was wäre wenn?

Was wäre wenn?

Ich hasse die Frage an sich. Wenn meine Tante einen Penis hätte, wäre sie mein Onkel. Hat sie aber nicht. Vermutlich. Also was soll die Scheiße.

Doch der Typ der mit achtunddreißig Euro pro Stunde weniger bekommt als ein ungelernter Möbelmonteur vom Kika, hat gesagt ich soll darüber nachdenken. Bis nächsten Dienstag um sechzehn Uhr.

Und er lasse die Antwort „Dann wär’s halt ein anderer Idiot geworden“, nicht gelten.

Mister Psychotherapeut wird schon wissen was er da von mir verlangt, immerhin hat er sowohl eine Matura als auch ein abgeschlossenes Studium.

Immer und immer wieder rauscht der Satz durch den Kopf, nichts anderes als riesengroße Fragezeichen und erdrückende Leere hinterlassend, kurz davor mir das taub gewordene Herz zu zerreißen.

Doch je länger es da oben rattert umso mehr gewinnt eine gewisse „Jetzt geht’s los“- Stimmung die Oberhand in dem Chaos, plötzlich scheint das Lächeln nicht mehr aufgesetzt und längst verloren geglaubter Glanz kehrt zurück, in die vor Trauer farblos gewordenen Augen.

Könnt aber auch an dem großartigen Sex von vergangener Nacht liegen.

Auf das überfällige Erwachen des Kampfgeists wartend denk ich die Frage zu ende.

Was wäre wenn ich dich nie getroffen hätte?

Mein allerliebster Körperteil würde nicht glühen wenn ich „Jubel“ von Klingade hören würde und ich hätte niemals erfahren, wie es sich anfühlt nur ein verschissener Plan B zu sein.

Die Kraft die Beziehung zu beenden in der ich damals war hätte ich nicht aufgebracht, wären da nicht die Schmetterlinge im Bauch gewesen, für die du verantwortlich warst.

Du hast grenzenlose Begierde in mir ausgelöst doch warst gleichzeitig nie da, wenn ich dich gebraucht hab. Jedes Wochenende bist zu ihr gefahren und du hast wirklich gedacht ich würd zuhause warten bis zu wieder kommst?

Hättest mich nicht permanent übers Telefon so aufgeheizt, wären einige meiner bisherigen besten sexuellen Begegnungen nicht zustande gekommen. Dafür bin ich dir unendlich dankbar.

Auch weil meine Augen und meine Aura gestrahlt haben, jeden in meinem Umfeld ansteckend war ich in dieser Zeit so glücklich wie selten zuvor.

Eine Ahnung davon bekommend was Vollkommenheit bedeutet bin ich durchs Leben getanzt als ob es kein Morgen geben würde, ohne auch nur den Hauch einer Selbstzerstörungstendenz.

Die kam erst später…

Danke. Ich war wirklich glücklich. Waren schöne zwei Wochen.

Ohne dich hätte ich nie erfahren wie sich Ungewissheit anfühlt, das beklemmende Gefühl wenn man weiß dass der Mensch den man liebt bei einer anderen im Bett liegt und am nächsten Morgen mit ihr zusammen aufsteht.

Ohne dich würd ich nicht wissen wie es ist, gegen krankhafte Eifersucht anzukämpfen und ich meine damit nicht meine eigene.

Du hast mich vier Monate alleine gelassen, genau in der Zeit wo ich nichts dringender gebraucht hätte, als eine Schulter zum anlehnen. Jemand der mich in den Arm nimmt und mir irgendeine abgedroschene Floskel ins Ohr flüstert…“Das wird schon wieder werden“

Wenn du nicht gewesen wärst, würd ich bis heut nicht wissen wie schön Heilig Abend sich anfühlt… Völlig alleine, mit der Gewissheit dass der Kerl den man liebt bei einer andern ist.

Auf der Suche nach etwas schmerzstillendem, über einen guten, alten Bekannten gestoßen von dem ich dachte dass er längst passe´ sei…

Der Cocktail aus Einsamkeit und Verzweiflung drückt mich Richtung Gleichgültigkeit, Hass und Kälte.

Und das weiße Pulver aus Lateinamerika drückt mir die Pupillen aus den Augen und das Blut aus der Nase. Immerhin bist mir in dem Zustand scheißegal. Keine Liebe. Keine Hoffnung. Keine Illusion.

Alles was ich will ist mehr. Mehr davon.

Die Angst dich für immer zu verlieren lähmt mein Handeln, lähmt meinen Geist, lähmt meinen Instinkt, unfähig zu auch nur einer banalen Entscheidung treibt der Letze Rest an Vernunft ziellos in einem Vakuum an undefinierbaren Emotionen dahin.

Ich bin verloren ohne Dich.