Neujahrspenis

Und während sich Otto-Normalverbraucher langsam aber sicher ans neuerliche Scheitern seiner Neujahrsvorsätze gewöhnt, denke ich immer noch über meinen nach.
Anstatt mit dem Trinken aufzuhören, ziehe ich die Möglichkeit einer Geschlechtsumwandlung in Erwägung.
Nicht weil ich mich im falschen Körper befinde, oder unter Penisneid leide- ich mag die Dinger zwar, in-, aber nicht an mir. Nehmen wir mal an, ich wäre plötzlich Manfred- statt Maja Siffredi – ich würde wieder bei null anfangen. Neuer Pimmel – neue Identität- neue Finanzlage. „Schuldenfrei durch Geschlechtsumwandlung“ – ich kann die Schlagzeilen der Kronen Zeitung schon riechen.
Aber wie soll ich das bei meiner Angst vor Nadeln, Ärzten, Krankenhäusern und Bettpfannen realisieren? Als ambulanter Eingriff geht sowas sicher nicht.
Es scheint fast, als müsse ich mir einen anderen Plan einfallen lassen.
Ob ich einfach mit dem Gerichtsvollzieher schlafen sollte? Brrrr, vermutlich erst im sechsstelligen Schuldenbereich, nach der dritten Geschlechtsumwandlung.
Ich befülle die Scheibenwischanlage meiner Karre mit Wodka vom Diskonter, fürs Frostschutzmittel hat´s Kleingeld nicht mehr gereicht – alles für den Wodka draufgegangen. Hätte ich einen Penis, hätte ich jetzt Grey Goose Blörre und Frostschutzmittel.
Die Tante vom Arbeitsamt sieht irgendwie komisch aus, aber sie will mit mir nicht über Geschlechtstransplantationen und eine eventuelle Kostenübernahme durch ihre Behörde sprechen. Außerdem fände sie es äußerst unpassend, dass ich mit einer Dose Bier in ihr Büro käme. Schließlich sei das hier nicht die Bahnhofsmission.
Ich nicke ihr verständnisvoll zu: „ ja wissen sie, mir wäre Champagner mit Koks auch lieber, aber dafür bräuchte ich dringendst eine Arbeitslosengelderhöhung. Die müsste doch bei so vielen Jahren in ihrem Büro doch wirklich drinnen sein?
Sie lacht mich mit einer Hälfte ihres Gesichts an, die andere bewegt sich keinen Millimeter. Ich glaube sie hat einen Schlaganfall, wünsche ihr noch einen schönen Tag und gehe auf ein Bier in die Stadt.

Gesundheitsfanatiker ohne Schiebetüre

Werner wird  vom Tropf befreit und fragt ob ich mit ihm nach draußen komme um eine zu rauchen, er brauche das nach der Infusion.  Die besten Zigaretten wären die nach dem Essen. Oder nach dem Sex.

Aber ich rauche doch gar nicht.  Bin eher so die gesundheitsbewusste Drogenkonsumentin.

Schallendes Gelächter als der nächste Weißkittel durch die Türe schießt. Hier geht´s ja zu wie im Taubenschlag, sollten Durchgeknallte nicht zur Ruhe kommen?

„Guten Morgen Frau Siffredi. Ihr Gesundheitsbewusstsein lob ich mir. Vor allem in Anbetracht ihres multiplen Substanzgebrauchs.“

Herr Doktor  schüttelt mir die Hand, verrät mir dass er der Chef auf der Stadion sei. Ich frage ihn ob ich nach Hause gehen kann. Seine Miene wird ernst:

„Die gerichtliche Unterbringung ist mittlerweile aufgehoben, aber es wäre unverantwortlich Sie in dieser Verfassung zu entlassen.“

Ich verstehe nur Bahnhof. Wovon redet der denn?

„Sie sind immer noch sehr dehydriert, eine einzige Infusion ist nicht genug um das auszugleichen. Haben Sie ein wenig Geduld.“

Kann der mir nicht einfach ein Sixpack bringen? Zwecks der Flüssigkeit?

„Was heißt gerichtliche Unter-irgendwas?“

Überrascht über die endlose Steigerungsfähigkeit meiner Verwirrtheit, habe ich Schwierigkeiten dem Gespräch zu folgen.

„Wenn Patienten selbst- oder fremdgefährdend agieren, sind wir gezwungen sie hier festzuhalten.“

Agieren, hydrieren, intoxikablabladingsbums. Er hätte ebenso auf Russisch antworten können. Wovon redet denn der?

Die einzige Fremdgefährdung in dem Laden geht vom Koch aus, die Chance dieses kulinarische Attentat zu überstehen ist nicht viel höher als ein Aufenthalt an der syrischen Front.

„Nur weil ich den Krankenhausfraß gegessen habe, bin ich wohl nicht selbstgefährdend? Und andere Menschen gefährde ich auch nicht, ich glaub an Karma.“

Doktor Freud entgeht meine Anspannung nicht.

„Keine Sorge, der Koch liegt im Nebenzimmer. Ich komme am Nachmittag noch mal zu Ihnen, wenn Sie möchten kann ich Ihnen was gegen die Unruhe geben.“

Zumindest ist er schlagfertig.

„Aber für Bier ist es zu früh?“

Werner schlurft zurück ins Zimmer, lässt sich aufs frisch bezogene Laken fallen:

„Wenn sie Bier bekommt, will ich auch eins haben!“

Herr Doktor fasst ihn seine Hosentasche.

„Leider hab ich keins mehr eingesteckt.“

Ist der wirklich Arzt, oder ein Irrer der sich verkleidet hat?

Zum fünftausendsten Mal an diesem Morgen wird die Türe aufgerissen, zwei Damen in grün wuseln wie hyperaktive Frettchen herein, räumen das dreckige Geschirr weg und säuseln dem vermeintlich Durchgeknallten mit Stethoskop was zu. Er nickt, verabschiedet sich und folgt den Saubermachmuschis nach draußen.

Bestimmt vögelt er den beiden gleich das Hirn raus.

Mit einem lauten Knall fällt die verfickte Zimmertüre zurück ins Schloss, nur um eine Sekunde später wieder aufgerissen zu werden. Nicht mal bei meinem Dealer herrscht ein derartiges Kommen und Gehen.  Eine hochgewachsene Blondine bringt Pillen für Werner und mich.Zum Glück, ansonsten wäre der passende Zeitpunkt um fremdgefährdend zu werden.

„Gegen die Nervosität, Fräulein Siffredi.“

Miss Verständnis drückt mir einen winzigen Plastikbecher in die Hand, wartet bis ich mir den Inhalt in den Rachen gekippt habe.

„Entweder hängen sie die Türe aus, oder sie bringen mir die doppelte Dosis“ schnauze ich sie an.

„Ich muss Sie leider enttäuschen – Schiebetüren und ausreichende Medikation ist den Privatpatienten vorbehalten.“

Touche´.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jesus liebt mich. Und meinen Vogel.

Vor Kälte zitternd erreiche ich schließlich die beheizte Wartehalle des Bahnhofs. Gott sei Dank bin ich die einzige Person, die um die Zeit hier herumschleicht. Otto Normalverbraucher sitzt Werktags  pflichtbewusst -gefesselt am Schreibtisch, so wie es sich für anständige Bürger gehört. Im Gegensatz zu mir:

Mit der anmutigen Eleganz eines nassen Putzfetzens klatsche ich auf einen Stuhl, lasse meinen Kopf zwischen die Oberschenkel sinken und schließe die Augen. Verdammt. Es dreht sich immer noch.

Kralle meine Finger um die Armlehnen, verkrampft halte ich mich daran fest, bete dass das Kopf- Karussell anhält. Tut es aber nicht.  Plötzlich reißt mich eine Stimme zurück in die Wirklichkeit.

„Verzeihen Sie, junge Frau. Aber man kann ihren Hintern sehen.“

Wo zum Teufel kommt denn die grauhaarige  Schnalle auf einmal her?

Zutiefst erschrocken  verliere ich die Contenance und kotze der Anstandstante vor die Füße. Immer noch würgend wische ich mit dem Handrücken über die Mundwinkel und glotze sie verstört an:

„Mein Arsch ist momentan das kleinste Problem. Hätten sie vielleicht einen Kaugummi für mich?“

Völlig unaufgeregt macht die alte Frau einen Schritt zur Seite, um nicht in die Schweinerei zu treten. Verständnisvoll lächelnd nimmt sie neben mir Platz, zieht eine Packung Fishermens Friend aus ihrer Tasche:

„Sie kommen aus Kärnten?“

Verschlucke mich an einem der Zuckerl, ringe nach  Luft. Sind sie zu stark, bist du zu dicht.

„Was hat mich verraten? Die vollgereiherten Schuhe, oder die Spermaflecken im Haar?“

Vergrabe den wummernden Schädel unter meinen Händen, wenn ich sie nicht sehe, bin ich auch unsichtbar für sie, oder?

Auf einmal spüre ich eine Hand an meinem Rücken, flüchtiges Kribbeln über der Wirbelsäule, das Geräusch erinnert an ein ruckhaft abgezogenes Pflaster.

„Eigentlich das  Haider Bild auf ihrer Kutte“, mit einem breiten Grinsen streckt sie mir das Portrait in die zitternden Hände und verabschiedet sich als der Lautsprecher den einfahrenden Zug ankündigt.

Echt jetzt?

Welcher Komiker hat mir Jörg aufs Kreuz gepickt?

Schockiert über das Ausmaß an Pietätlosigkeit wanke ich in die Toilette. Nur um sicherzugehen, dass mir niemand ein Hakenkreuz auf die Stirn-  oder einen Hitlerbart über die Oberlippe gemalt hat, checke ich mein Spiegelbild.  Keine Nazisymbole zu erkennen – allerdings sehe ich aus, als würde ich direkt aus dem zweiten Weltkrieg kommen. Frisch und vital wie eine aufgequollene Wasserleiche.

Versuche mir das zerknitterte Bild des verstorbenen Kärnten Königs nochmal anzukleben, in der Hoffnung  dadurch von meinem elendigen Anblick abzulenken.

Allerdings werde ich abrupt von meinem Vorhaben abgelenkt, als mein Telefon klingelt.

Steffi klingt unentspannt:

„Sag mal wo steckst du denn? “

Ich erzähle ihr von meiner misslichen Lage und bitte sie, mich abzuholen.

„Maja, du hast so einen Vogel! Bleib wo du bist und lass dich nicht von fremden Kerlen anquatschen. Ich bin in einer Stunde bei dir. Übrigens sind  wir fristlos gekündigt. “

Erleichtert  schmeiße ich Jörg in den Mistkübel.

„Ich freu mich. Bis später.“

Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lichtscheu und durchgeknallt

Schlittern durch den letzten Rest jener Nacht, immer weiter tief nach unten. Was soll´s?

Je größer der Dachschaden, desto schöner der Blick auf die Sterne.

Auch wenn der große, schwarze Mann neben mir in etwa weiß, was- und vor allem mit wem er es zuletzt getrieben hat. Im Gegensatz zu meiner dezent- gestörten Wenigkeit; ich hab immer noch keinen Plan wie ich es diesmal geschafft habe, über dreißig Kilometer vom eigentlichen Aufenthaltsort entfernt wieder zu Bewusstsein zu kommen.  Geschweige denn, wo meine Schuhe, meine Unterwäsche, das letzte Geld und in etwa vierzig Millionen Gehirnzellen geblieben sind.

Wie auch immer.  Ablenkung ist in dem Fall wohl die beste Strategie.

„Joey, was hast du dort in dem Klo gemacht?“

Er schwenkt seinen Blick von der Seitenscheibe des fahrenden Taxis in meine Richtung:

„Dreimal darfst raten, Kleines.“

Klingt nach einer Fangfrage.

„Hast dir einen runtergeholt?“

Der Taxifahrer macht eigenartige Geräusche; irgendwo zwischen Verschlucken und vor Schreck übergeben.

„Du bist so durchgeknallt, Maja.“

Zärtlich streichelt Joey mit seinen Fingerspitzen über meine Schläfe.

„Ja. Ist aber auch keine Universalantwort. Wichsen schon, das zählt immer.“

„Ach ja?

Joey´s Unterarm umschlingt meine Taille, mit einem Ruck zieht er mich in seine Richtung. Kurz stockender Atem, als die aufgehende Sonne sein Gesicht streift, seine Pupillen auf stecknadelkopfgroß schrumpfen lässt.

Gottseidank schrumpft da sonst grade nichts.

Kribbelt.

Küssen uns.

Lichtscheues Gesindel auf dem Rückzug.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hangover Date

Wieder nicht vor Sonnenaufgang ins Bett. Habs mir aber eh schon gedacht, dass es unmöglich wird rechtzeitig pennen zu gehen.  Da ändern auch zwei Flaschen Rotwein und feinstes AK47 nichts daran; Kolumbien ist stärker und obwohl die Nacht sehr intensiv war, ist mir immer noch nach tanzen. Wer braucht schon Schlaf?

„Welcher Vollidiot hat den Wecker auf halb zwölf gestellt?“

Marley wirkt etwas verstört als ich ihn anschreie, er zieht seinen Schwanz aus meiner Handtasche, stellt ihn auf, dreht mir den Hintern zu und läuft davon.

„Das warst sicher du!  Kurz nachdem die Fernbedienung versteckt und vors Schlafzimmer gekotzt hast“,  Zornig springe ich auf und laufe ihn hinterher, bis ich ihn in der Küche finde. Er versucht sich hinter einem der verschlissenen Stühle zu verstecken, doch sein riesiger schwarzer Stimmungsbarometer, der immer noch senkrecht nach oben steht, verrät ihn.

„Warum schreie ich mit dir. Tust ja eh was du willst, verfluchte Miezekatze.“

Vorsichtig kriecht er hinter  dem Sessel hervor und sein „ich wars nicht“ Blick ist an Unschuld nicht mal durch das Christkind zu toppen. Hoffentlich ist das nicht blasphemisch, ich will nicht in die Hölle kommen.

Durch die Schlitze der Jalousie  dringende Sonnenstrahlen brennen wie Salz in den Augen, ich sollte mir die Decke über den Kopf ziehen. Dann würd ich auch das Chaos um mich herum nicht sehen. Ein Königreich für eine Putzfrau. Oder zumindest einen Exorzisten.

Hab ich einen unbekannten Messie als Untermieter?  Hat der mein Handy geklaut? Und welche Drecksau hat eigentlich in die Badewanne gekackt?

Beim Einschalten der Kaffeemaschine muss ich lachen. Wozu Koffein bei dem Kokainkater? Das ist ungefähr so sinnvoll wie Baldriantropfen kurz nachdem man Opium geraucht hat. Placebotechnischer Overkill.

Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier,  Pawlos Hunde sind Fotzen und mein „Kein I Phone“ liegt im Kühlschrank, dem einzigen Raum der abgesehen von meinem Schlafzimmer  noch vermüllter als die Innenstadt nach der Kirchtagswoche  aussieht.  Und auch wesentlicher strenger riecht.

Hoffentlich wachsen Gehirnzellen wieder nach, so wie Fingernägel oder Haare.  Muss ich googeln, sobald der Display nicht mehr voller Kernöl ist.

Gerade als ich das schmierige, grüne Zeug, dass wahrscheinlich aus China kommt, wegwischen will, fällt mir ein dass ich mir noch die Beine rasieren sollte. Wie angewurzelt und gelähmt stehe ich entscheidungsunfähig  da. Was soll ich denn als erstes machen?

Plötzlich knallt die Erinnerung dass ich nicht gepackt habe und immer noch wie eine untot  wandelnde Wasserleiche auf Crack aussehe, so heftig  in mein Bewusstsein wie am 5. April  1994 die Kugel in den Kopf von Kurt.

Come as you are.

Fünfzehn Minuten vor der Abfahrt zu meiner Verabredung.

Teufelskreise sind sarkastische Rudeltiere mit einem Hang zum staubtrockenem und tiefschwarzen Humor. Fotze.

Über einhundertsiebzig Sachen über die Süd rauschend und gedankenversunken wird der Drang Alkohol zu konsumieren übermächtig.  Mit dem schwarzen Minirock, den darunter hervorblitzenden halterlosen Strümpfen und dem weißen Mantel sehe ich aus wie eine russische Edelprostituierte. Fühlen tu  ich mich auch schon beinahe so, fehlt nur noch Wodka, Borrtsch, eine Kalaschnikow im Handgepäck  und die Mafia zum Mittagessen.

Die kleine, nach Benzin, Putzmittel und Bier stinkende Kneipe neben der Tankstelle ist gut besucht, der Geruch nach abgestandenem Zigarrenrauch, altem Friteusenfett und billigen Aftershave lässt mich würgen.  Schlimmer noch als der Gestank sind die abgefuckt aussehenden LKW Fahrer mit Vollbart. Leberkäs Semmel-in sich reinschiebend bewegen sich plötzlich alle Köpfe synchron in meine Richtung.

Ich bin noch nicht mal an der Theke angelangt und schon der absolute Mittelpunkt des Geschehens, jeder einzelne Schwanzträger beobachtet mich so konzentriert wie  der Nachbarsdackel den Postboten.  Die stechenden Blicke ignorierend stacke ich auf meinen High Heels zur Theke. Die wie der Anfang eines Pornos wirkende Szene heizt mich genauso an, wie die Gewissheit keinen BH zu tragen.

Eine leicht übergewichtige Mittvierzigerin mit fettigen, schwarz gefärbten Haaren ist abgesehen von mir und der Klofrau das einzige weibliche Wesen in der Spelunke. Der ausgewachsene Pagenschnitt verdeckt ihre ausdruckslosen Augen als sie mich mit allerschlimmsten Provinzsteirischem Dialekt anraunzt.

„Servas griaß di. Wos wüstn du hobn?“

„Fünfzigtausend Euro in bar, einen vierundzwanzigjährigen Brasilianer und einen weißen Spritzer.“

Einhundertachtzig Kilometer, zwei Drinks und  einige Lines später parke ich die Karre am Hauptbahnhof.

Mein Ego ist aufgeblasen wie ne Gummipuppe, Bolivien sei Dank.  Ziehe den Slip unter den Rock durch aus und schmeiß ihn auf die Rückbank des Chevys, ein letzter Kontrollblick in den Rückspiegel bestätigt meinen Verdacht, verdammt schau ich geil aus.

Kaum aus dem Auto raus sehe ich mein Date schon in der Tür stehen. Er ist geschätzte eins achtzig groß, schlank und lächelt mich an. Tief durchatmen und ab geht’s.

„Kanns sein, dass wir verabredet sind?“, der schüchterne Unterton wirkt beinahe kindlich.

„Hallo Günther. Freut mich.“

Nach einer kurzen Runde Smalltalk verschwinden wir aufs Zimmer.

Er drückt mich sanft aber sehr bestimmt auf das Bett, streichelt mich, zieht mir das Shirt aus und küsst meine Brüste. Unschlüssig, wie ich das alles finden soll, schließe ich die Augen und gebe mich hin. Als ich die seine Zunge an meinem Hals spüre, entspanne ich mich. Mit einer zärtlichen aber sehr bestimmten Bewegung dreht er mich auf den Bauch und streichelt meinen Rücken. Hoffentlich werde ich nicht verrückt, er fasst mir von hinten zwischen die Beine und raubt mir beinahe den Verstand . Oh mein Gott was tut der Kerl denn da mit seinen Fingern?

Verliere jedes Zeitgefühl, lass mich  treiben, drei Orgasmen später stehe ich ziemlich verwundert und desorientiert  mitten im Raum, frag mich was zum Teufel da grade passiert ist. Es hat wirklich dreißig Jahre gedauert um zu lernen, dass Männer nicht die einzigen abspritzfähigen Gestalten sind.