#Luxusprobleme

Als ob ich ein Gutachten nötig hätte, dass mir meine Verhaltenskreativität bescheinigt. Jeder der mich kennt, weiß dass ich nicht ganz knusprig bin, auch ohne ärztliches Attest.
Mr. L fragt ob wir ans Meer fahren. Rico fragt wann ich zurück ans Meer komme. Mister Psychotherapeut sagt, dass er dringend einen Therapeuten bräuchte. Mister Arbeitslosencoach sagt, dass ich nicht ins Ausland darf, es sei denn ich hätte ein Vorstellungsgespräch. Nur zum Bumsen allein kann ich nicht einfach weg.
Auch nicht als ADHS-Beeinträchtigte. Auch nicht als Sexsüchtige. Auch nicht als Schlafwandlerin. Auch nicht im Schengen Raum. Auch nicht alkoholisiert und verwirrt.
Rico fragt ob ich heute Nacht fliegen kann, es gäbe noch eine Maschine. Mister L will wissen ob ich lieber nach Grado oder Triest möchte. Ich frage einen glatzköpfigen Penner ob er mir eine Zigarette schnorrt.
Rauchend spaziere ich weiter, grüble über meine Luxusprobleme, widerstehe dem Drang mich anzutrinken, auch wenn mir der Zigaretten-Sandler ein Gambrinus angeboten hat.
Rico ruft an, ich drücke ihn weg, sauge gierig an der Marlboro. Am Filter angekommen, erlischt die Glut stinkend, es läutet erneut. Mister L. lässt nicht locker, auch nach dem dritten Mal abwürgen ruft er weiterhin an.
Schalt auf Lautlos. Flugmodus. Schieb das nervige Teil in die Arschtasche meiner Jeans, als die Straßen zunehmend von der einsetzenden Rushhour verstopfen und der Abgasgestank sich wie ein unsichtbarer Schleier über die Köpfe der wandelnden Menschenmassen legt. Irgendwo in der Ferne Sirenengeheul, ich trete in Hundescheiße, der Himmel verdunkelt sich zunehmend.
Von der Gewitterwolke verfolgt, erreiche ich den Bahnhof, grölender Donner es schüttet wie aus Kübeln, ich flüchte nach drinnen.
Und jetzt?
Nach Spanien zu dem treulosen Ehebrecher? Nach Italien mit dem rachsüchtigen Superstar?
Fahre die Rolltreppe hinab, die Katakomben des Hauptbahnhofs sind menschenleer, planlos schlendere ich die Unterführung entlang, finde einen herrenlosen Hundert Euro Schein am Boden, hebe ihn auf, schreie laut Juhu. Über mir knirschende Ansage im Lautsprecher, neben mir die Rolltreppe zur Nummer vier.
„Achtung Bahnsteig 4. Intercity nach Zagreb fährt ein.“
Ob ich an Zeichen glaube?
Achtung Zagreb, ADHS Gestörte fährt ein. Dacht´s und huschte über die Stufen nach oben…

#Männerflüchtling

Wütend schleudere ich seinen Schlüsselbund gegen die hölzerne Tür, verfehle sein Gesicht um haaresbreite.
„Bist du völlig durchgeknallt? Das war´s jetzt. Ich verschwinde.“, brüllt er mich an.
Er hebt das Wurfgeschoss vom Fußboden auf, wünscht mir ein schönes Leben ehe er sich umdreht und endlich abhaut. Wäre er noch eine einzige Sekunde länger geblieben, hätte ich ihn wohl erwürgt.
Erst als ich seinen Wagen wegfahren höre, entspann ich mich ein klein wenig. Lasse mich in die Badewanne fallen, versuche an was Schönes zu denken.
Schließe die Augen, das monotone Plätschern des einlaufenden Badewassers übertönt all die Gedanken in mir. Als die Wanne voll ist, frag ich mich, ob er jetzt wohl zurück zu ihr gefahren ist.
Ob sie von mir weiß?
Lasse meinen Kopf im Wasser versinken, als ob der Sauerstoffenzug was gegen meine Besessenheit ausrichten könnte. Ich kann nicht aufhören an ihn zu denken. Ich muss hier weg. Jetzt sofort.
Joel strahlt bis über beide Ohren, als er mich am Flughafen abholt. Viel zu lange sei es schon her, dass wir uns gesehen haben – wie es kommt, dass ich so kurzfristig in der Stadt sei. Ich antworte das sei arschlochbedingt, lächle gequält.
Keine Sorge, Mädchen. Berlin heilt arschlochbedingte Blessuren schneller als Psychopharmaka. Er klopft mir auf die Schulter.
„Wollen wa wetten, Klene?“

Selbstverschuldetes Verderben oder verzweifelte Suche nach Vollkommenheit?

Die meisten Theorien besagen, dass der Ursprung der Sucht in der frühen Kindheit zu finden sei. Vernachlässigung, Gewalt oder fehlende Geborgenheit als Ursache von Abhängigkeit?

Oder ist es ein Mangel an Disziplin und Willensstärke, der dieses verlogene und nichtsnutzige Pack ins selbstverschuldete Verderben treibt? Keine Krankheit, sondern Charakterschwäche?

Seid ihr wirklich so blind?

Unzählige Male habe ich mich gefragt, ob Sucht vererbt wird; so wie Krebs oder Krampfadern. Gibt es völlig suchtfreie Menschen? Hat nicht jeder ein Steckenpferd?

Eine Obsession, die uns antreibt, fesselt und im schlimmsten Fall nie wieder loslässt. Haben wir nicht alle unsere eigene Art zu sterben? Oder ist es der abgefuckte Junkie, der da aus mir spricht?

Wo hör ich auf, wieweit beherrscht mich die Gier nach mehr? Ununterbrochene Jagd nach dem Tod auf Raten, oder harmlose Alltagsflucht? Mehrmalige Aufenthalte in diversen Psychiatrien sprechen gegen die zweite Variante. Harmlos geht ohne Irrenanstalt und Seroquel.

Sehnende Suche nach dem Ende?

Bin ich krank, oder einfach nur willensschwach?

Geschieht es mir Recht?

Gesellschaftliche Ausgrenzung als Preis meines Egotrips ?

Zu Krebs kann man schließlich nicht nein sagen, zu Koks schon.

Schwächlinge haben es verdient, alleine zu sterben. Hätten doch nur kämpfen müssen.

Resigniert und enttäuscht zieht es mir den Boden unter meinen Füßen weg

WO bist du jetzt?