#Sommer

Sommer liegt in der Luft, die Atmosphäre in diesen Tagen kribbelt vor Aufregung. So viele glitzernde Augen sieht man nicht mal beim Sommerschlussverkauf im Einkaufszentrum.
Abgesehen vom Alkoholverkauf lässt die Vorfreude auf das kollektive Dauerbesäufniss auch die Temperatur in den schmalen Gassen der Innenstadt ansteigen. Kirchtag ist! Villach säuft. Italien eskaliert. Und ich versuche die Contenance in Person zu verkörpern- ich bestelle tatsächlich Wasser. Nein, ich will mich nicht waschen sondern das Zeug trinken.
Meine Gang fragt ob ich sehr krank bin. Ich sage nein. Der Besoffene Sack am Nebentisch fragt, ob ich schwanger bin. Ich sage nein, nur fett.
Mama schenkt mir Wein ein, bemerkt beiläufig dass auch Schwangere hin und wieder ein Glas heben dürfen, schließlich hätte sie das auch getan als sie zu mir trächtig war. Kralle mir die Flasche Welschriesling aus dem Kühler, setzte sie an um sie aus zu trinken.
„Ja Mama, hast Recht. Immerhin ist ja aus mir was geworden. Kannst ruhig mal meinen AMS Berater fragen.“
Gekonnt ignoriert sie meinen Provokationsversuch, dreht sich auf die andere Seite um eine Diskussion zum Thema Dammschnitt und Wehen Einleitung mit dem unbekannten drei-Prommiler anzufangen.
Trotzig schütte ich das Wasser in den Blumentopf vor uns, ehe ich ihn unbemerkt in die Handtasche meiner Mutter stopfe. Schließlich lasse ich mich nicht ignorieren. Als der Kellner vorbeikommt, flüstere ich ihn ins Ohr: „Hören Sie mal, die alte Frau neben mir klaut eure Tischdeko.“
Vermutlich ist er der deutschen Muttersprache nicht mächtig, denn anstatt die Polizei zu rufen zuckt er mit den Schultern: „Meine Kollege kommen gleich. Ich nichts zuständig für scheiße Buschkawettel. Ich nur Klo kassieren, da keine Blumen nur Papier auffüllen.“
Olga fragt wieso ich mit dem Scheißhauschef anbandle, ich könnt mindestens einen von den Türstehern abkriegen. Meine bedauernswert immer noch unverhaftete Mutter bemerkt die untergejubelte Beute erst im nächsten Bierzelt. Ihrem resigniertem Kopfschütteln folgt ein: „Das Kind war immer schon schwierig.“
Vermutlich weil sie in der Schwangerschaft gesoffen hat. Irgendwer muss doch Schuld an meinen offensichtlichen Defiziten tragen.
Olga will wissen ob wir die Blumen nicht rauchen können. Mama sagt, Olga soll schlafen gehen so angesoffen wie sie ist. Olga sagt, ey ey Kapitansky, lässt sich unter den Tisch fallen um auf den versifften Pflastersteinen ein Nickerchen zu halten.
Höchstwahrscheinlich hat auch ihre Erzeugerin gesoffen, als Olga noch ein Embryo war.
Lachende Feierwütige zucken sofort ihr Handy um das Rauschgerät unter uns zu fotografieren. #Kirchtagsopfer.
Nach dem gefühlt dreitausendsten Schnappschuss schreckt Olga plötzlich auf, stoßt sich den Kopf an der Tischplatte, brüllt lei lei und fragt nach einem Krapfen. Tante Uschi zieht an ihrem Ohr, behersch dich bitte, Fasching war schon.
Rappeln uns auf, ziehen weiter. Flanieren raus aus dem Trubel, runter zur Drau. Vorbei an Horden wildpinkelnder Freizeitsäufer, fummelnder Volksschüler und tiefenentspannter Kiffer, während über uns die Post abgeht. Wärmen längst vergessene Saufgeschichten auf, als es aufeinmal hinter uns knallt.
Wie aus dem Nichts klatscht der Körper auf den Asphalt, aus der Nase und dem Mund des jungen Mannes läuft Blut, außer seinem röchelnden Atmen ist nichts zu hören. Ich rufe den Notarzt, während das Blitzlichtgewitter über unseren Köpfen einsetzt. Erstmal ein Foto für Facebook, social media für ganz asoziale. Ich zweifle an der Menschlichkeit der Gaffer, schicke ein stilles Stoßgebet nach oben: Herr lass es Empathie regnen.
Schöne neue Welt.
#Fuckdigitalism
#Fucksocialmedia