Happy Birthday to me

Sven und ich rätseln wer das Sackerl mit dem künstlichen Gelenk im „Ajax“ vergessen hat. Ich tippe auf Gisela, die alte Schachtel die sich hier tagein tagaus einen hinter die Binde kippt und allen anderen Gästen dabei ein Ohrwaschel abkaut.
Vielleicht war sie ja gerade am Weg zu einer Hüft-Op und hat das Glumpert hier liegen lassen, weil sie halt nicht mehr ganz unsenil ist. Aber wieso sollte man seinen eigenen Reserveteil zu einer Transplantation mitbringen?
So geizig können doch nicht mal die Eidgenossen sein?
Angewidert starrt der Glatzköpfige Typ vor mir erst in sein Whiskey-Cola, dann wieder in die Tüte mit dem Ersatzteil. Sven meint das kann nur ein Perverser sein, den sollte man wegsperren. Wer weiß was der sonst noch so mit sich rumschleppt. Ganz beiläufig erwähnt der Grantler auch noch dass keine Erdbeeren in den Drink gehören, sondern Zitronen und Eis.
So ein Penner. Woher soll ich denn bitte wissen was er für Vitaminpräferenzen hat. Geschweige denn wo ich die verfickten Zitronen finde. Soll froh sein dass ich ihm nicht noch ins Glas spucke.
Wenn er Kompetenz erwartet soll er halt woanders saufen. Oder von vornherein sagen dass er keine Erdbeeren im Whiskey mag, sondern Erdbeereis.
Noch bevor ich mich wirklich aufrege, kommt tatsächlich noch ein Mensch in die Bar. Verdammt das artet ja noch in Arbeit aus.
Leicht schwankend schleicht die abgehalftert aussehende Figur,in unsere Richtung. Der kommt sicher auf direktem Wege aus Woodstock. Sein Kadaver steckt in speckigen Jeans, einem verwaschenem rotgrauem Hoodie mit Löchern unter den Armen. Die grauen Haare trägt er offen, in alle Himmelsrichtungen abstehend, einen 70er Jahre Oberlippenbart in Schneeweiß, genauso wie die Ränder seiner Nase, die Augen blutunterlaufen. Er nickt Sven und mir kurz zu, ehe er an uns vorbei flaniert. Fragend sehe ich erst ihm hinterher, dann Sven an.
„Ach ja. Das ist nur der Hausjunkie, keine Sorge.“
Als ob der herrenlose Körperteil aufm Theresen nicht das Schrägste an diesem Tag wäre, räumt Woodstock den gesamten Lagerbestand an Dosenbier in eine Tüte.
„Vielleicht hat der das hier verloren?“, erkundige ich mich bei Sven, deute dabei auf den weißen Beutel neben der ausgespuckten Erdbeere die da auf der Theke vor sich hin gammelt.
„Der ist so verstrahlt dass er nicht mal merken würde wenn er seine Eier verliert.“, Sven schnippt die Erdbeere knapp an mir vorbei, erwischt stattdessen Woodstock der hinter der Stereoanlage wieder zurück nach vorne schlurft.
Dort angelangt knallt Junkieman mir einen zusammengeknüllten Haufen Bargeld vor die Nase, bestellt lallend einen „Jagatee to go- aber bitte zum Mitnehmen“. Ich frage ob er ein Spritzbesteck dazu braucht, er verneint, verlässt den Laden mit 24 Stück Dosenbier, zwei Tiefkühlpizzen, einer angebissenen Erdbeere am Pullover, einer Schachtel Kippen und Take away -Schnaps mit Tee im halb Liter Pappbecher.
Kaum ist Woodstock außer Hörweite schüttelt Sven genervt den Kopf. Was das alle für Irre in der Bude hier wären, ich nicke ihm verständnisvoll zu, bringe ihm ein neues Erdbeer-Whiskey Cola.
In seinem Blick steigert sich die Hilflosigkeit, ich bin mir nicht sicher ob es an mir, der Hüfte, dem Obst oder dem Sozialhilfeempfänger von vorhin liegt.
Gerade als ich ein pädagogisches Gespräch mit dem bärtigen Glatzkopf anfangen will, beginnt es irgendwo zu klopfen. Unsicher woher das immer lauter werdende Geräusch kommt, versichere ich mich zu allererst niemand versehentlich im Kühlschrank eingeschlossen zu haben.
„Bist du bescheuert? Was suchst du denn da hinten? Das kommt von der anderen Seite“, klärt mich mein seit Stunden einziger Gast auf.
„Ja aber vielleicht wurde ich als Kleinkind mal versehentlich in eine Tiefkühltruhe gesperrt und hab seitdem eine Phobie“
Sven knallt vor Lachen vom Stuhl, wie gern würde ich ihm jetzt in die Kronjuwelen treten. Leider bin ich noch in der Probezeit und somit gezwungen ihm die Hand zu reichen um ihn zurück auf die Beine und zu helfen. Mühsam rappelt sich das Dickerchen in die Vertikale, das Klopfen wird vehementer. Sven deutet auf die Holztüre neben dem Zigarettenautomat.
„Wieso sollte jemand anklopfen, die Türe ist doch offen?“
Ich tue als ob mich das alles nichts angehen würde. Schließlich bin ich als inkompetente Kellnerin angestellt, nicht als Klopfgeräuschbeauftragte. Trotzig schenke ich mir selbst ein Bier ein, Sven schwingt seinen Arsch vom Hocker und in Richtung Eingang.
Zwei Sekunden darauf stürmt mein Boss herein. Wieso klopft der denn an? Und wieso hat er so einen roten Kopf? Seine Schläfe scheint unweit einer Explosion zu stehen. Vielleicht sollte er wieder mal onanieren?
Stattdessen brüllt er mich an:
„Was hast du mit dem Türgriff gemacht? Leute rufen mich an und wollen wissen wieso ich geschlossen habe, keiner kommt nämlich ohne Klinke hier rein.“
Ich versteh nur Bahnhof.
„Irgendjemand muss die Schnalle abmontiert und geklaut haben, ich bin noch ganz normal hier rein“
Sven besänftigt den Boss.
Tatsächlich beruhigt er sich solange bis er den Erdbeer Whiskey und dazugehöriges Kunstgelenk entdeckt.
Wenn sein Penis in der Relation zu seiner Schläfe ebenso rasch anschwillt, hat der echt eine Waffe in seiner Hose.
Aber erstmal will er über die Hüfte auf seiner Theke sprechen.
„Was schaust mich jetzt so an? Glaubst nur weil ich Österreicherin bin, klau ich deine Einrichtung und anderer Leute Gelenke? Ich bin nicht aus Polen, sondern der Steiermark, das ist rassistisch und sexistisch und üble Nachrede.“
Sven kippt seinen Drink samt Obst. Verschluckt sich daran, röchelt, läuft genauso rot wie das Arschgesicht neben ihm an.
Ich bin hier fertig, wortlos schnappe ich meine Tasche und will zur Tür hinaus als ich bemerke dass auch an der Innenseite der Griff fehlt.