Palmweihe ohne Handke

Der morgige Palmsonntag interessiert mich in etwa soviel wie Peter Handkes Neuerscheinung. Am Rande meiner bald eskalierenden Geisteskrankheit herrscht null Anteilnahme an gesellschaftlichen Anlässen, religiösen Traditionen oder frisch gedruckten Werken diverser Literatur Nobelpreisträger.

Ich hab Jelinek schon nicht verstanden. Und das war im Jahre 20 vor Corona.

Mein Hirn ist unfähig komplexen Gedankengängen zu folgen – ich verliere den geistigen Anschluss bereits bei der Ziehung der Lottozahlen. Monika Gruber sagt, die Lage wäre Besäufnis erregend.

Und täglich grüßt das Murmeltier.

Während andere den Hausarrest zur Selbstoptimierung nutzen, eine neue Sprache lernen, Netflix bis zum epileptischen Anfall konsumieren, ein Start-Up gründen oder die Weltherrschaft an sich zu reisen, versuche ich mich vor dem Gerichtsvollzieher zu verstecken.

Gammle seit Tagen in derselben abgefuckten Short vor mich hin, verschieb den geplanten Suizid aus reiner Faulheit. Und dem klitzekleinem Funken Hoffnung dass alles wieder gut wird.

Schließlich hat mal jemand erwähnt, dass am Ende aller globalen Krisen Highlife, Aufschwung, Orgien, Massenbesäufnisse, Sonnenschein und kollektive Euphorie winken.

Bis zum Kirchtag ist alles wieder gut!

Seit Wochen versteckt sich meine Motivation irgendwo im Keller. Doch egal wie sehr ich sie auch zurück ins Erdgeschoss ersehne – das Mistvieh bleibt verschollen, überlässt mich meiner immer ausufernderen Apathie.

Fight or flight? #dystopia Nach einem kurzen Moment der Schockstarre lodert das Feuer in meinem Brustkorb erneut auf, zündet die Adrenalinbombe, weitet meine Pupillen unanständiger als peruanischer Schnupfen beim Gruppensex in Wuhan, setzt sämtliche Urreserven frei, die uns für existenzielle Notfälle gestiftet wurden. Mit aller Kraft balle ich die Faust, boxe dem Mistkerl neben mir mitten ins Gesicht, unterdrücke einen Schmerzensschrei, als meine Fingerknöchel an seinem Unterkiefer zersplittern. Sein Würgegriff öffnet sich, ich japse benommen nach Luft, ramme meinen Ellbogen gegen die Innenseite der Beifahrertür. Mit einem Klick entriegelt diese und befördert mich unsanft auf den Asphalt. Mit dem Gesicht voraus klatsche ich auf den Boden, mein Schädel pocht. Nichts wie weg hier.

Gott im Himmel, wie langweilig ist das denn?? Keine Kneipen offen, keine Schwimmbäder, keine Sauna, keine Hotels, keine Clubs, keine Chippendales, kein AMS – dafür acht Meter Neuschnee und offline allein zuhause – je suis Kevin.

Ob ich den Assis vor der Tür beim Schneeschaufeln helfen sollte?

Nein, das wäre zuviel des Guten. Schließlich bin ich eine Augenweide. Sollen doch die tageslichtuntauglichen frigiden Frostbeulen den Parkplatz frei schepfn.

Ich bin Künstlerin, für solch trivialen Scheißdreck fehlt mir die Erdung. Und außerdem bin ich zu betrunken um auch  nur ansatzweise einen soliden Eindruck zu machen…

2 Nächte später…

Mit dem Schneepflug meldet sich auch mein WLAN und Telefonanschluss zurück aus dem Winterschlaf, die anfängliche Euphorie darüber hält nicht lange.

Dreiundzwanzig entgangene Anrufe.

„Olga, was ist passiert“, texte ich meiner Freundin über sämtlich verfügbare Kanäle – SMS, Whatsapp, Messenger, Insta, Twitter, Snapchat, Telegram. Thremaa, Tinder…

Keine Reaktion.

Zieh mir Spikes über die Martens, die Kapuze tief ins Gesicht und stapfe durch den immer dichter werdenden Schneefall. Nicht mal der Vollmond schafft es, die dicke Wolkenschicht zu durchdringen und mir den Weg zu leuchten.

Erschöpft und vor Kälte zitternd stehe ich schließlich an ihrer Tür. Ihr Appartment ist dunkel.

Läute Sturm, werfe meinen Schlüsselbund an ihr Fenster.

Immer noch kein Licht.

Zwei Jugendliche kommen aus einem anderen Hauseingang, zünden sich lässig eine Kippe an, einer der beiden trägt eine dreieckig aussehende Plastiktüte.

„Hey Jungs, habt ihr ein, zwei Raketen zum Verkaufen übrig?“

#exponentiell

Die Zahl der Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich, Auswertung der Tests dauert immer länger, Chaos beim Contact Tracing und in den Teststationen.. Das würde somit heißen, die 10000 Neoinfizierten, hätten wir nicht heute, sondern bereits vor ca. zehn Tagen gehabt? Wie war das mit dem schönen Wort „Exponentiell“ nochmal gemeint?

Das AMS stiftet derweil Hoffnung für alle die noch nicht infiziert- aber knapp finanziell ruiniert sind – Mein Lieblingsamt wird nach acht Monaten Pandemie endlich in Umschulungsmaßnahmen für Jobsuchende investieren!

Ich bin mir sicher bei der Auswahl der Kurse ist bestimmt das ein- oder andere Schmankerl für unsere derzeit amtierenden Volkvertreter dabei – weil reif fürs AMS wären da so einige Kanditaten.

2020. Österreich hat sturmfrei.

Strattera

Langsam aber sicher werde auch ich unruhig. Versuche mich durch eine allgemeine Bestandsaufnahme zu entkrampfen – ein kurzer Blick in die Handtasche bestätigt mir ausreichend pharmazeutische Stabilisatoren zu besitzen um es ohne ernsthaften Amoklauf durch die Osterfeiertage zu schaffen.
Versuche den Doc zu erreichen – erwische nur seinen AB.
Scheiß drauf, brüllt die schwarze Gestalt die auf meiner linken Schulter sitzt: setz die Dinger einfach ab – was soll schon passieren? Hast schließlich drei Jahrzehnte ohne Strattera überlebt! Los! Leb!

Stütze mich am Waschbecken ab, mit schwindligem Hirn dem Spiegelbild entgegen.
Kalter Schweiß benetzt ein aschfahl werdendes Gesicht; leise wie der erste fallende Schnee meldet sich dein Endgegner zurück- dein Hirn erinnert dich daran, dass es keine Antikörper für deine Schmerzen gibt… SUCHTDRUCK lässt sich nicht ausschalten.
Zitternde Hände suchen nach flüssiger Erleichterung- vergeblich.
Immer wiederkehrende Stimmen, der Wunsch nach Suizid. Plötzliche Stille. Doc ruft zurück.
„Auf gar keinen Fall das Medikament absetzen. All die Struktur und Zielstrebigkeit wäre schlagartig weg.“
Seine Warnung amüsiert mich.
Zielorientiert und strukturiert in Zeiten wie diesen?
Damit ich meinen Sarg rechtzeitig bestelle?
Frag mich wer von uns beiden einen Psychiater nötiger hat, ziehe die letzten Pillen aus der Schachtel und werfe sie ins Feuer des Kamins.
Challenge accepted.