Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Willkommen in meiner Welt, Arschloch.

Zerstückelte Erinnerungsfetzen drängen aus der Versenkung nach oben und innerhalb eines einzigen Herzschlages ist alles anders.

Es ist endgültig vorbei, letzte Funken falscher Hoffnung und kranker Sentimentalität wie weggeblasen; verglüht ohne dabei auf die Knie zu sinken. Ziellose Besessenheit steuert geradezu in die nächste Vollkatastrophe.

Warum bin ich heute nochmal aufgestanden?

Ach ja. Weil ich dachte, der Typ mit dem Sushi und dem Six Pack würd endlich Frühstück bringen. Von wegen. Die Rundfunkgebühr wollt der Spast; aber das ist ein anderes Kapitel.

Der Schlafentzug zeigt erste Spuren, alles auf slowmo. Nachlegen ist umsonst, sämtliche Körpersysteme kurz vorm Abstürzen. Siebzig Stunden wach und ohne feste Nahrung. Da hilft auch Boliviens Exportschlager Nummer eins nichts mehr. Irgendwann ist einfach zu viel des Guten.

Recht herzlichen Dank liebe Obsession.

Geprügelt, gedemütigt und verzweifelt aus dem Ring gestiegen; niemals gekrochen. Ziellos von einer in die nächste Misere getorkelt.

Unzählige Male die Selbstachtung verloren-kein einziges Mal den Stolz.

Mit gehobenem Kopf scheint der Fall ästhetischer, bisschen Contenance und so´n Scheiß. Immer tanzend. Mit Sonnenbrille.

Und noch während man sich den Aufprall als allerletzte Instanz des eigenen Selbstzerstörungswahns vorstellt, kündigt sich unerwartet Hilfe bei dem Vorhaben an.

Sein Gesicht ist eingefallen, die Konturen der Wangenknochen deutlich auszumachen. Mittlerweile hat sich die noble Blässe in fahles Grau gewandelt, die Stirn voller entzündet aussehender Punkte, tiefe schwarze Ränder unter weit aufgerissenen Augen.

Er wollte immer sein wie Onkel Charlie, geworden ist er das uneheliche, in einer Bahnhofstoilette gezeugte Balg, von Jessy Pinkman und Christiane F.

Ihr Kinder vom Bahnhof Zoo.

Aus jeder seiner Poren dringt das Gift nach außen; vor nicht allzu langer Zeit war ich süchtiger nach seinem Geruch, als nach dem Inhalt seiner Taschen.

Da ist kein Glanz mehr in seinem Blick, sämtliche Erinnerungen getötet.

Will mich erinnern.

Schaff es nicht.

Rastloser Geist randaliert im erschöpften Körper, wirre Gedankengänge, leergekokste Müdigkeit eines  kaputten Wahnsinnigen am Rande der Existenzberechtigung.

Willkommen in meiner Welt, Arschloch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jahrestag der Zufallsbumsbekanntschaften am Tag der Erektion

++Heftig hämmernde Beats aus den turmhohen Boxen hinter mir. Wummernd bis in die Magengrube hinein, lassen den Herzschlag bis zum geht-nicht-mehr in die Höhe schnalzen.

Die bunten Pillen kitzeln bereits unter der Kopfhaut, es fröstelt mich, obwohl ich vor Hitze glühe und immer weiter tanze. Geblendet vom Stroboskop erscheint alles noch ein wenig schneller, unzählige zuckende Gestalten rund um mich herum. Kollektive Tanzwut greift um sich.

An den Turntables ein kleiner, dicker Typ mit Glatze, lässig mit Tschik im Mundwinkel. Völlig entspannt ist er der einzige in dem verrauchten Club, der sich nicht zu der auf Anschlag gedrehten Musik bewegt. Immer wieder wird sein riesiger Kopf von einem roten Scheinwerfer touchiert, als ob Satan plötzlich mit dampfendem Schädel vor einen erscheint, während er den DJ macht.

Neben mir ist ein Rudel Nachwuchsgangster am abshaken, ich schätze sie auf U-20. Das zu dick aufgetragene „AXE“ schafft es nicht den Welpengeruch zu überdecken, der an ihnen haftet.

Yummie.

Mein Kopfkino beginnt Amok zu laufen, bisschen Frischfleisch wär genau das Richtige.

Doch noch bevor ich zu sabbern beginne, rempelt mich jemand von hinten an und raunt mir über die Schulter: „Baby, was willst den von den Kindern?“

„Wieso? Schau ich aus wie Michael Jackson?“

Mike drückt mir einen Drink in die Hand und zeigt Richtung Ausgang: „Nein, du hast ja noch eine Nase, aber die Gesichtsfarbe würde passen.“

Wir schieben uns durch die feiernde Menge nach draußen, eisig und sternenklar ist die Rauhnacht.

Der kleine Innenhof ist schwach beleuchtet, einige Betrunkene stehen vor dem Tor, rauchen und lachen, während eine kleine Blondine sich unweit entfernt die Seele aus dem Leib kotzt. Richtig romantisch. Hinter einem riesigen Christbaum steht eine Bierbank, auf die wir uns setzen. Mike kramt in seiner Jean, zieht eine kleine Tüte heraus und grinst mich an:

„Hast du mal Feuer Kleines?“

„Nur Nutten lassen sich Feuer geben. Und klein bin ich auch nicht.“

Genüsslich inhaliere ich den süßen Qualm, als plötzlich ein Security Typ hinter dem Christbaum hervorschießt und uns streng mustert.

„Raucht ihr hier etwa Haschisch?“, empört zeigt er auf den Spliff den ich zwischen meinen Fingern halte.

„Nein, wir doch nicht“, entgegne ich brüskiert.

„Aber sicher doch. Ich kann es doch riechen.“

„Wir rauchen kein Hasch. Das ist Marihuana“, klinkt sich auch noch Mike in die Diskussion ein.

Während ich in einem Lachkrampf versinke, schaut sich der Uniformierte verstohlen um: „Kann ich auch mal kurz ziehen?“

Am nächsten Morgen werde ich durch das Klingeln der Türe recht unsanft geweckt, desorientiert suche ich nach meinem Telefon um die Uhrzeit zu checken. Doch statt des Handys liegt ein nackter Mensch neben mir im Bett, blinzelt mich an und liebkost meinen entblößten Hintern.

Wer zum Teufel ist das und wie kommt der in meine Animationskiste?

Seine Berührungen sind nichts desto trotz sehr angenehm, vorsichtig streichelt er über den Rücken, küsst meinen Nacken und schlingt seine Arme um mich. Lasse mich in seine Richtung ziehen, kuschle mich an ihn. Bemerke etwas hartes, das von hinten gegen meine Oberschenkel drückt und fasse danach, als es zum zweiten Mal an der Türe klingelt. Fluchend lasse ich von ihm ab und stolpere beim Aufstehen beinahe über eine schwarze Uniform, die auf dem Boden liegt. Scheinbar ist der Fremde mit der Erektion der Security Kerl. Noch bevor ich meine eigenen Klamotten in dem Chaos des Schlafzimmers finden kann, läutet es zum dritten Mal. Zornig greife ich nach einem Handtuch, wickle es um mich und torkle durch den Vorraum um die verdammte Tür zu öffnen. Als ich aufmache und endlich sehe, wer den Radau verursacht, glaub ich endgültig dass mein Schwein pfeift.

„Alles Gute zum Jahrestag, Schatzi“, begrüßt mich Tim, der ein wenig blass aussieht.

Irritiert bitte ich ihn kurz zu warten, damit ich mir was anziehen kann und schlage ihm die Türe vor der Nase wieder zu.

Kaum habe ich mich umgedreht, kommt mir ein ebenso blass aussehender Mike in Unterhosen aus meinem Wohnzimmer entgegen.

„Guten Morgen, Babe. Gut geschlafen?“

Ich schüttle wortlos den Kopf und frage mich was gestern Nacht eigentlich so los war, als der zweite Kerl auf einmal nackt und offensichtlich immer noch sehr erregt aus dem Schlafzimmer kommt.

„Sag mal, hast du meine Boxershorts gesehen?“, verplant greift er nach seiner Uniform.

„Hey, du bist ja der Security vom Club?“

Mike ist sichtlich erfreut über den Nackten mit Latte, während ich kurz davor bin schreiend aus dem Fenster zu springen und einfach davonzulaufen.

„Scheiße mein Freund steht vor der Türe.“

Die beiden brechen in schallendes Gelächter aus, schön wenn ich wenigstens unterhaltsam bin.

„Ich dachte du hättest keinen Freund?“

Dafür dass er nicht mal weiß, wo seine Unterhose ist, kann er sich erstaunlich gut an Details erinnern.

„Ich hab viele Freunde.“

Hektisch fummle ich eine Short und ein weißes Tanktop aus dem Kleiderschrank, ziehe mich an und bitte die Jungs im Wohnzimmer zu warten, bis ich die Sache mit Tim geklärt habe.

„Hi Tim, komm rein. Willst du Kaffee haben? Ich könnt wirklich einen gebrauchen.“

Er nickt verlegen, kommt zu mir, umarmt mich und wandert mit den Händen unter mein Top, als unerwartetes Gejauchze aus dem Nebenraum ihn innehalten lässt.

„Hast du etwa Besuch?“

„Ja, Kollegen aus der Steiermark sind übers Wochenende hier. Ich habe auch nicht viel Zeit deswegen.“

Nehme ihn an der Hand,  ziehe ihn in die Küche um zu vermeiden, dass er bemerkt welche Art von Besuch auf dem Sofa herumlümmelt.  Beim Einschalten der Kaffee Maschine, schmiegt er sich an mich, packt mich an den Hüften und presst mir was gegen den Hintern.

Heilige Maria Mutter Gottes, ist heute Tag der Erektion?

„Tim, da sind Leute nebenan“, mit gespielter Empörung versuche ich ihn los zu werden.

„Dann solltest du versuchen, leise dabei zu sein“, tiefenentspannt zieht er mir die Short nach unten und presst mich über die Anrichte. Ich halte einen kurzen Augenblick dagegen, stemme mich mit einer Hand gegen die weißen Wandfliesen um mit der anderen in der Lade nach einem Kondom zu fischen.

„Welche normale Frau, hat Gummis in der Küche?“

„Gewinnbringender wär´s sicher, wenn ich einen Automaten im Klo aufhängen würde“, antworte ich, bevor er sich das Teil übergestreift hat und mit enem Ruck in mich eindringt.

Widerstehe dem Impuls laut aufzuschreien nur sehr schwer, als er immer schneller wird. Mit einem Mal zieht er sich beinahe ganz aus mir zurück, hält mir den Mund zu, um sich eine Sekunde später ganz in mir zu versenken. Stöhne wie von Sinnen in seine Hand, die meine Laute verstummen lässt, die Knie sind weich wie Watte und das Zittern meiner Beine zeigt, dass es nicht mehr lange dauert bevor ich das Gleichgewicht verliere.  Tims Hände krallen sich fest um mich, ein letztes Mal stößt er zu, verliert die Beherrschung und schreit laut auf, als es ihm kommt.

Leider um eine Minute zu früh für mich, doch das neuerliche Gekicher aus dem Wohnzimmer dämpft mein Verlangen, es zu Ende zu bringen. Während er sich  benommen auf die Eckbank fallen lässt, ziehe ich String und Hose wieder nach oben.  Eine Tasse Kaffee später verspreche ich Tim, mich bei ihm zu melden, wimmle ihn ab und folge der Rauchschwade Richtung Couch.

Anscheinend hat Mister Security seine Boxershort gefunden, ich setze mich zu den zwei Halbnackten auf die Couch und klaue mir den brennenden Joint aus Mikes ‘Hand.

„Also du bist wirklich die Schlimmste. Hast dich jetzt in der Küche vernaschen lassen?“

„Was bitteschön ist denn daran so schlimm? Und wie heißt du eigentlich?“

„Ich bin Georg, sehr erfreut dich kennenzulernen“, kichernd wie ein kleines Schulmädchen reicht er mir die Hand.

„Maja, freut mich auch sehr.“

„Mach dir nix draus Georg, das ist bei ihr ganz normal. Es wundert mich, dass sie nicht noch einen Mann im Kleiderschrank versteckt hat“, schmunzelnd krallt er sich das glühende Gerät von mir zurück.

„Was soll denn das bitte heißen? So schlimm wie du tust, bin ich auch nicht.“

„Nein, Kleines. Du bist viel Schlimmer. Schau dich mal an. Du siehst aus wie ein frisch durchgevögeltes Eichhörnchen.“

Georg fällt vor Lachen beinahe von der Couch: „Er hat Recht Maja.“

„Ach ja? Habt ihr beiden heute schon mal in den Spiegel geschaut?“

„Zumindest hat keiner von uns mit einem hässlichen Rothaarigen aufm Klo rumgemacht“, kontert Mike gelassen.

„Welcher Rothaarige?“

Ich versuche mich zu konzentrieren, doch die immer noch nicht ganz abgeflachte Erregungskurve und die Nachwirkungen einiger fragwürdiger Substanzen, machen es unmöglich mich an die Geschichte zu erinnern.

„Ach was Baby? Hast es schon verdrängt?“

„Wenn ich mich nicht daran erinnern kann, ist es auch niemals passiert. Und damit basta.“

Georg legt seinen Arm um meine Schultern und veralbert mich: „Oh doch, es ist passiert. Ich hab den Kerl danach aus dem Club geworfen.“

Wovon redet der Mensch da eigentlich?

„Naja eigentlich haben wir beide herumgeschmust, als du angefangen hast dem Rothaarigen neben dir zwischen die Beine zu greifen“, versucht Mike meine Erinnerung aufzufrischen.

Und tatsächlich, plötzlich klingelt´s im ramponierten Schädel, langsam beginnt das Standbild im Oberstübchen Farbe anzunehmen. Rote Farbe.

„Ach du Scheiße, jetzt fällt mir alles wieder ein“, resigniert lasse ich meinen Kopf auf die Tischplatte fallen.

„Irgendwer hat gefragt ob der Typ wohl überall rote Haare hat“, raune ich Richtung  Fertigteilparkettboden.

„Ja genau Kleines. Und dreimal darfst du raten, wer gefragt hat.“

Insgeheim kenne ich die Antwort bereits, doch nur um vollkommen sicher zu gehen, hake ich noch einmal nach: „Wer hat gefragt?“

Mike beugt sich nach vorne, berührt mit seinen Lippen beinahe mein Ohr als er flüstert: „Na du Maja, wer denn sonst?“

Ich bemerke, wie mir die Hitze in den Kopf steigt, der schätzungsweise die gleiche Farbe wie die Haare des Kerls von letzter Nacht annimmt. Mehr und mehr Einzelheiten bahnen sich ihren Weg aus dem drogeninduziertem Teilzeit Nirwana zurück in meinen Verstand.

„Mike, bitte sag, dass das alles nicht wahr ist.“

„Oh doch Baby, das ist es. Aber es kommt noch besser… Frag mal die Security.“

„Letzte Nocht, woar a schware Partie für di“, Georg scheint richtig gute Laune zu haben.

Für die Art von Gespräch bin ich eindeutig zu nüchtern, weswegen ich den Kopf wieder hebe um auf dem versifften Glastisch nach etwas Unterhaltung zu suchen, doch alles was ich entdecken kann sind einige Viagra Pillen. Nein danke-ich bräuchte wohl eher ein Gegenmittel.

„Freut mich, wenn’s so schön für dich ist“, genervt fauche ich in seine Richtung.

„Sei doch nicht gleich eingeschnappt. Als ich den Typ aus dem Club geworfen habe, ist er handgreiflich geworden, deswegen haben wir die Polizei gerufen und seine Personalien verlangt.“

„Schön Georg. Ich will jetzt aber nicht deine Lebensgeschichte hören.“

„Schon gut, ich komm ja schon auf den Punkt. Also- was schätzt du, wie alt die Kröte gewesen ist?“

Mein Kopf sinkt wieder zu Tisch.

„Will ich das wissen?“

Lautes Grölen hinter mir, ich denke ich will es nicht wissen.

„Ach Kleines, halb so schlimm. Er war doch eh schon sechzehn.“

Ohne einen Ton zu sagen, stehe auf und schenke mir einen Schluck Wodka ein.

„Sonst noch jemand Durst?“

Georg und Mike sind immer noch mit totlachen beschäftigt, es dauert zwei weitere Shots, bis sich zumindest einer der beiden soweit beruhigt um wieder normal reden zu können.

„Sieh´s doch mal positiv Maja, heute in einem Jahr stehen dann vier Zufallsbumsbekanntschaften vor deiner Hütte um dir einen schönen Jahrestag zu wünschen.“

Der Schnaps wirkt, denn jetzt wiehern wir alle drei.

„Wisst ihr was das traurige an der ganzen Sache ist, Jungs?“

Lasse mich mitsamt der Flasche Grey Goose zwischen die beiden fallen, klemme sie mir zwischen die Beine, während meine Hände auf die Oberschenkel von Georg und Mike wandern.

„Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob er wirklich überall dieselbe Haarfarbe hatte.“

Lasse beide Hände tiefer gleiten, solange bis ich in jeder was Hartes fühlen kann. Eigentlich eh praktisch, dass beide so wenig anhaben.

Mike erwischt mich am Hinterkopf, da ist nichts als purer Provokation in seinem musternden Blick, tief in meine Augen tauchend explodieren seine Pupillen.Die ansonsten stechend grünen Lichter verfinstern sich im Bruchteil einer Sekunde. Tiefschwarze Aura fesselt mich so sehr, dass ich Georgs Hände erst bemerke, als er mir das Top über den Kopf zieht. Mike lässt von mir ab, mustert mich wie ein Löwe die Antilope kurz vor dem endgültigem Knock out. Georg klatscht mir mit der flachen Hand auf den Arsch, mit einem Mal reißt es uns aus der Schockstarre zurück.

„Baby, alles halb so schlimm. Ich glaub wir bringen dich jetzt mal auf andere Gedanken.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fallende Sterne

Mit weit aufgerissenen Augen starren wir in die Finsternis, verzweifelt auf der Suche nach einer einzigen Sternschnuppe. Haben nicht viele Wünsche, eigentlich nicht mehr als einen einzigen, doch anscheinend pflanzt uns sogar der Nachthimmel.

„Was ist denn das für eine Verarsche? Zwei Stunden Kometenschwarm und ich seh nix außer blinkende Ufos.“

Scheiß auf das Wunschkonzert, es hat schließlich noch Alkohol im Kühlschrank.
Manövrierunfähige Gedanken kämpfen gegen wuchernden Wahnsinn, lass es Sterne regnen, alles zerfrisst sich selbst in immer wieder kehrenden Fragen. Ich will Antworten. Am besten gestern.

„Welche Ufo´s? Bist rauschig?“

Mit gespielter Fassungslosigkeit schenkt Ellena die nächste Runde Pinot Grigio ein, stellt zwei Stühle für die Zwillinge in die Wiese, damit die beiden auch nach Lichtblitzen am Himmel suchen können.

„Das liegt sicher an dem Wein. Bin ich Psychologiestudentin, oder wieso sauf ich diese Blörre?“

Kollektives Grinsen läuft wie Usain Bolt durch die nächtliche Möchtegern-Wunsch-erfüllt-haben-wollen- Runde, ehe das einzige Testosteron-gesteuerte Wesen des Hauses mit anständigem Stoff kommt.
Bier und Jause.

Ellena erlaubt den sprechenden Gartenzwergen, die wie eine Miniaturausgabe der Seniorfraktion wirken, solange aufzubleiben, bis sie beide vier fallende Sterne aufleuchten gesehen haben.

Gebannt fixieren die immer schwerer werdenden, kleinen Augen das Trallala über ihren Köpfen, der mutigerere Liliputaner zeigt mir das aufgeschundene Knie. Heldengeschichten über alte Kriegsverletzungen quasi. Ein alter, müde gewordener Hypochonderkater blickt wie die Katzenausgabe eines Charles Manson auf meine sonnenverbrannten Knie.
Ich liebe diese familiäre Atmosphäre, weil sie nicht gespielt ist, sich selbst Zeit und Raum für Ecken und Kanten einräumt, Authenzität hoch zehn; ganz ohne Optimalbilderbuchfamilienidylle simuliern müssen. Cheers.

Unbarmherzig überfällt bleierne Müdigkeit erst die Kinder, und dann auch uns, während wir noch über die vorangegangene Generation reden. Kaltherzige und ignorante Mütter, alzheimergeplagte Väter, eigenartig und seltsam gewordene Geschwister, nervige Kunden, drückende Ängste, latente und impulsive Aggressionen-irgendwas ist immer; bei jedem einzelnen von uns. Ponyhof, und so weiter.

Ganz egal wie dramatisch der eigene Mist erscheint, nach zwei Stunden mit Euch, relativiert sich beinahe alles. Wir sind nicht auf derselben Wellenlänge; wir SIND diese Frequenz, ohne Zweifel.
Entstanden aus dem Ergebnis mehrerer fragwürdigen Entscheidungen einiger neurotischer Menschen, zumeist mit einem sehr sexuell gefärbtem kleinsten gemeinsamen Nenner (=Tinder ). Verstehst? Nein? Macht nichts, weil wir checken´s auch nicht so ganz.
Langsam entkrampft jede meiner Fasern, senke den Blick, hätte ich keine Ohren würde ich im Kreis grinsen.
Zögernd schiebe ich die Papiere über den Tisch, ich habe Angst, dass ich verurteilt werde, sie danach nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Mit so einer, will doch niemand was zu tun haben, oder?

Obwohl ich diesen verrfluchten Zettel schon vor über 48 Stunden im Paket mit einer professionellen Befundbesprechung durch einen Psychiater ins Hirn gestopft gekriegt hab, schreit jede Zelle meiner Selbst nach Widerstand gegen das Resultat des Idiotentestes.

„Erzähl endlich wie das war.“

Und plötzlich scheint es, als würde ein Bann in mir brechen und ich rede; ich erzähle den beiden (wachen) Sternschnuppen-Suchend und Wein-trinkendem Vertrauten von den denkwürdigen Stunden
Ich erzähle ihnen von den abstrakten Tintenfleck-sieht-aus-wie–ein-gepresster-Scheißhaufen-Bildern, von immer wiederkehrenden Wortreihen, die das Wort Priester enthalten (wenn man sich dieses Wort merkt, schließt der Psychologe auf eine verdrängte sexuell erlebte Abnormität mit einem geistlichen Ficker-dagegen gibt’s aber ganz sicher die richtige Pille).
Erzähle von einem schwarzen Bildschirm auf dem Punkte, Töne, Kreuze und Plus –Zeichen auftauchen, und die über normal oder ADHS entscheiden. Über mangelnde Impulskontrolle. Über bipolare Störung. Über Borderliner. Über Koks. Über Lebenskünstler und Künstlerleben, über inexistente Stabilität und unvermeidbar dramatische Instabilität.
Mo Trip. Lass die andern sich verändern, doch bleib so wie du bist.

Höre Geschichten über gefühlstote Menschen, böse Zeitgenossen, keine Gesellschaft zum Kirschen essen. Kirschen wären jetzt echt geil. Scheiße, ich will Kirschen. Und Schokolade, J E T z T…………………

Steig ins Auto, weg von hier.

Wie beiläufig streift ein warmer Windhauch über den Kopf hinweg, kurzer Bodenkontakt mit der Hure namens Realität, mit voller Kraft stemme ich dagegen; kämpfe, taumle, fliege; Sekunden bevor ich mit der Breitseite auf dem heißen Asphalt aufkrache und mir Blut übers Gesicht läuft.

Wachsam rasende Pupillen, fickender Herzschlag, angenehm entspannter Kopf, lass mich fallen, doch bevor die Augen dichtmachen suche ich das letzte Mal nach einem Wunsch-Erfüll-Wunder-Von-Oben-Herunterfall_Stern-Wunder-Scheiß.

Pechschwarz funkelnde Augen fesseln mich, fester Griff an meine Handgelenke, behutsam und dennoch bestimmt drückt er sie nach hinten, presst seine Mitte fordernd gegen meine, während er ununterbrochen meinen Hals küsst; immer tiefer spielt er alle denkbaren Stückchen auf mir, zärtlich streift er mir das Kleid über den Kopf. Stehe nackt vor ihm, Ya Man-richtiger Knopf.

Wild

Muss eine wilde Nacht gewesen sein.. Bin neben einer halbleergefressenen Schachtel mit Keksen und einem geschmolzenem Riegel Kinderschokolade neben dem Gesicht aufgewacht. Die frische Packung mit Batterien liegt unangetastet auf dem Nachtisch. Besuch hatte ich keinen, soweit ich mich erinnere. Es ist mir auch äußerst schleierhaft wie zum Henker ich überhaupt ins Bett gekommen bin, außerdem frag ich mich wieso meine Füße ununterbrochen zittern. Der schnurrende Kater kann´s nicht sein, es fühlt sich nicht flauschig an. Wahrscheinlich ist es meine Mutter. Kurzer Blick unter die Decke und mein Verdacht bestätigt sich.
Millimeter neben meiner rechten Fußsohle liegt das Handy und vibriert so heftig, dass ich mich beinahe verliebe.

„Guten Morgen Mum“,

ich versuche so wach und nüchtern wie möglich zu klingen auch wenn es mich alle Konzentration der Welt kostet, den Hubschrauber im Hirn und den Randalierer im Magen zu ignorieren.

„Was heißt guten Morgen? Es ist halb drei! Bist du jetzt erst aufgestanden? Was tust du in der Nacht? Nein! Ich will es überhaupt nicht wissen! Und warum hörst du dich an wie Bonnie Tyler?“

Meine Mum klingt, als ob sie kurz vor einer Herzattacke stünde.

„Danke mir geht’s gut. Und dir?“

„Das kann nicht so weitergehen, Kind! Du brauchst endlich einen Mann, einen Ernährer“, ich frag mich ob sie das wirklich ernst meint, auch wenn ich die Antwort insgeheim kenne.

„Mama, bitte. Ich hab so viel Zeug zu essen, dass ich damit ins Bett geh “, ich wische mir Schokoladenreste aus dem Gesicht und stecke mir einen der übrigen Vanillekipferl in den Mund.

„Das ist nicht lustig! Du musst dich zusammenreißen! Sonst wird dich nie einer heiraten und ich bekomme niemals Enkelkinder.“

„Mama, genau das ist ja mein Plan. Warum wegen einem Liter Milch, gleich die ganze Kuh kaufen?“
Ich bereue den Satz noch ehe ich ihn fertig ausgesprochen habe.

„Kind! Das kann ja nicht dein Ernst sein! Irgendwann bist du alt und alleine, wenn du keine Familie gründen wirst“, der vorwurfsvolle Unterton in ihrer Stimme ist nicht zu überhören.

Ich bezweifle bei meinem Lebensstil überhaupt alt zu werden, behalte den Gedanken aber für mich.
„Ja Mama, du hast ja Recht. Ist sicher schön wenn man alt ist, die Kinder auf Besuch kommen, dich um Geld anschnorren, deinen Kühlschrank leerfressen, das ganze Bier wegsaufen, den Tank von deiner Karre leerfahren und dir die Dreckwäsche vor die Waschmaschine schmeißen.“

Sie seufzt laut und ich bin mir sicher, dass sie im Stillen ein Stoßgebet zum Himmel schickt.

„Du weißt ja gar nicht wie schön es ist Kinder zu haben!“

„So viel Glück halte ich gar nicht aus. Warum streichst nicht einfach Michael das Taschengeld?“

„Wieso?“

„Naja dann hat er kein Geld für Kondome und du kommst zu deinem Enkelkind“, ich stehe auf um die Jalousie und das Fenster zu öffnen. Doch das Tageslicht gepaart mit der Frischluft haut mich beinahe um.

„Ich will nicht dass sich dein Bruder fortpflanzt. Erstens ist er erst siebzehn und zweitens ist er unmöglich. Er hat gestern zu mir gesagt, ich soll nett zu ihm sein, weil er einmal mein Altersheim aussuchen wird. Kannst du dir das vorstellen?“

„Aber das hab ich doch auch schon oft zu dir gesagt“, entgegne ich ihr gelassen, während ich unter dem Kopfkissen nach etwas essbarem suche.
„Aber nicht an der vollen Kassa beim Billa. Weißt wie mich die Leute angeschaut haben“ der aufgebrachte Tonfall erstaunt mich, meine Mutter ist wahrlich schlimmeres von ihrer Brut gewöhnt.
Als sie letzte Woche mit ihrem schwerst pubertierenden Sohn telefonierte und ihn fragte ob er denn schon im Bus wäre, war seine überaus schlagfertige Antwort: „Nein Mama, ich steige grad zu meinem Crackdealer ins Auto und hol ihn einen runter.“
Die anschließende Diskussion zum Thema das Internet sei an allem Schuld, ist mir immer noch sehr gut in Erinnerung.
Neben dem Bett steht ein volles Glas mit Orangensaft. Mein Mund ist völlig ausgetrocknet, ich leere ich es in einem Zug.
„Pfui Teufel da ist ja Wodka drinnen!“ schrei ich angewidert und muss würgen.
„Trinkst du etwa schon wieder, Kind?“
„Nein Mama, immer erst wenn´s dunkel ist“, ich stehe wieder auf, schließe das Fenster und ziehe den Vorhang zu.
Mein Nacken ist völlig steif, ich frage mich wann ich meinen Kopfwieder bewegen kann. Wenn ein verspannter Arm vom Tennis – Tennisarm heißt, wie heißt dann ein kaputter Nacken den man sich beim Oralsex zugezogen hat? Blasknackwatschen? Schwanzlutschhexenschuss? Fellatiotraumata? Die Frage kommt ganz oben auf die „muss ich mal googeln“ Agenda.
Ganz langsam kehrt auch die Erinnerung an die vergangene Nacht wieder. In flüchtigen Fragmenten schleicht sie sich in das längst für tot erklärte Gedächtnis ein um mich immer wieder eiskalt von hinten zu erwischen. Genauso wie der Kerl, letzte Nacht. Also war doch jemand zu Besuch. Ich beschließe der Sache auf den Grund zu gehen und etwas gegen den beißenden Geschmack von abgestandenem Orangensaft mit Stolichnaya in meinem Mund zu machen.
Entschlossen wanke ich Richtung Küche, öffne die Türe, stolpere über einen leeren Sixpack und knalle beinahe auf einen kläffenden Zwergdackelminilabradudel. Oder so. Ich denke der Hund ist Epileptiker, er zuckt, tanzt und kläfft wie verrückt. Ich hoffe das Mistvieh hat nichts von meinem südamerikanischen Multivitaminzeugs genommen und gleichzeitig gelange ich zu der Überzeugung dass es nie zu früh für Alkohol ist.
„Kind, bitte sag, dass du dir keinen Hund gekauft hast“, dröhnt es aus meiner Hand. Erschrocken zucke ich zusammen, ich hatte bereits auf das Gespräch in meiner Rechten vergessen, als mich die Stimme aus dem Telefon wieder daran erinnert. Jessy Pinkman wirkt gegen mich wie die Biene Maja auf Baldriantropfen
„Mama sei froh, es ist zumindest kein Tiger im Badezimmer eingeschlossen“ mit einem kurzen Blick ums Eck versichere ich mich, dass dort wirklich keiner ist.
„Wie meinst du das? Was redest du für ein wirres Zeug? Und wessen Hund ist das“ sie klingt zunehmend verzweifelter.
Auf der Kommode im Vorraum liegt ein Döner, von dem schon jemand abgebissen hat. Pfui Teufel, denke ich mir, werfe das fettige Teil in Richtung des Kläffers und treffe ihn voll am Kopf. Das wie gesprengt aussehende Fleisch fliegt ihm um die braunen Schlappohren, er schüttelt den Kopf, weiße Soßenspritzer rauschen wie Sternschnuppen durch den Flur. Die Holztüre hinter dem dicken Raubtier, das leichte Ähnlichkeit mit Cindy von Marzahn hat, sieht aus wie die benutzte Kulisse eines Gangbang-Pornodrehs.
Die überraschte Leberwurst auf vier Beinen blickt mich verstört durch die mit Salat verhangenen Augen hindurch an, zumindest ist jetzt Ruhe. Anstatt weiterhin Alarm zu schlagen, leckt der Köter jetzt den ebenso gesprenkelten Fußboden.
„Mach dir keine Sorgen Mama. Der gehört nicht mir, sondern meinem Besuch“, der große, südländisch aussehende Kerl der komatös auf der Couch liegt , erscheint mir die plausibelste Antwort auf beinahe alles zu sein. Ganz egal was passiert ist – es war immer der Neger.
„Welcher Besuch denn?“
„Mama ich muss jetzt wirklich aufhören, sollte mich fertig zum Arbeiten machen“, neugierig schleiche ich um den Unbekannten in meinem Wohnzimmer herum.
„Du hast doch gar keine Arbeit? Also, wer ist auf Besuch“, meine Mutter hat ihre Fassung schnell wieder gefunden und fordert eine Erklärung. Der unbekannte Mittzwanziger zieht sich die Decke über den Kopf, als er meine Stimme hört.
„Mama es ist ein wildfremder Ausländer, der nackt auf meiner Couch liegt und ganz sicher mit Drogen dealt“ ich gebe mein Bestes um nicht allzu sarkastisch zu klingen. Woher weiß die Frau eigentlich, dass ich arbeitslos bin?
„Du hast den gleich trockenen Humor wie dein Vater, Kind. “
„Was heißt hier Humor? Das ist mein Ernst. Und vermutlich bin ich schwanger von ihm, also kommst auch zu deinem Enkelkind. Wird halt eine sehr gesunde Farbe haben.“
Ich hoffe nicht allzu rassistisch zu klingen als ich den halb abgebrannten Joint im Aschenbecher entdecke, den ich mir Sekunden später anzünde.
Durch das auf Lautprecher geschaltene Handy höre ich sie in einem Lachkrampf versinken. Schön wenn die Wahrheit so amüsant ist.
Drei tiefe Atemzüge später sacke ich tiefenentspannt neben den warmen Körper der regungslos daliegt, ich blase etwas des süßlichen Rauchs in seine Richtung.
Der Schwall des Nebels legt sich wie ein Schleier um sein Gesicht. Plötzlich bewegt sich da was, er zieht sich die Decke bis unter die Nase und schlägt die riesigen Augen für einen kurzen Moment auf. Schwärzer als die Farbe selbst.
„Mama ich muss jetzt echt aufhören.“ Ich packe das Leopardenfell-Imitat und reiße es nach unten. Beim Anblick des Körpers der sich die ganze Zeit dahinter versteckt hat, bin ich – atemlos – ganz ohne Helene F. oder die Kinder vom Bahnhofsklo.
Der unbekannte Nackte schläft inzwischen wieder ungerührt weiter. Dann wollen wir mal sehen wie lange.
„Kind, bitte. Ich hab gerade beim Fenster rausgeschaut, wieso steht dein Auto bei mir auf dem Parkplatz? Du bist doch schon seit Wochen nicht mehr hier gewesen. Und wer ist bei dir zu Besuch?“
Sie hätte mich genauso gut nach dem Sinn des Lebens oder der Quadratwurzel aus 104 976 fragen können.
„Mama, weißt du eigentlich was deine andere Tochter geplant hat?“
Meine Finger umkreisen schwarze Nippel, wandern dann über seinen Bauchnabel nach unten um schließlich über den steinhart gewordenen Schwaz zu zeichnen. Scheinbar reagiert er trotz Tiefschlaf recht intensiv auf meine Bemühungen. Hoffentlich ist er nicht der einzige den ich manipulieren kann.
„Nein, ich habe keine Ahnung. Wovon redest du?“
Jackpot, der Köder ist geschluckt, und ich bin die Königin der Ablenkungsmanöver.
„Sie will sich die Augen operieren lassen, damit sie keine Brille mehr braucht.“
Am liebsten würd ich das schwarze Prachtexemplar, dass vor mir liegt besteigen, sein Riesending in den Mund nehmen und solange lutschen bis er heftiger explodiert als der Sprengstoffgürtel eines Dschihadisten.
„Das ist doch nicht weiter schlimm? Ich hab schon mit ihr darüber geredet, die Operation ist ein unkomplizierter Eingriff, hat sie gemeint“ die entspannte Antwort hab ich erwartet, es wird Zeit das Ass im Ärmel auszuspielen.
„Ja Mama. In Österreich vielleicht. Das kostet aber eine schöne Stange Geld, und du kennst ja unseren Sparefroh.“
„Ich versteh nicht. Wo will sie sich denn operieren lassen?“
„Mama, bitte setz dich.“
„Slowenien? Du musst ihr das ausreden! Cevapcici und Calamari ja, aber bitte wer lässt sich dort die Augen richten? “
„Nein nicht Slowenien Mama. Schlimmer…“
„Bitte sag mir endlich wo sie sich operieren lässt..“ die Anspannung ist kaum zu überhören, wie auch? Viel zu abgedreht und unberechenbar scheint dieser Haufen von Nachkommen zu sein. Langeweile ist genauso unbekannt wie das Wort Normalität.
„In Istanbul .“
Hoffentlich hab ich sie nicht umgebracht.
„Mama?“
Nichts, auch wenn ich ganz genau hinhöre und die Luft anhalte, die Leitung ist tot. Verdammt, das dürfte wirklich gesessen haben. Ich nehme an, dass sie dabei ist sämtliche Fenster im Haus zu putzen, dass helfe ihr gegen Stress hab ich mir als Kind mal sagen lassen. Wir hatten immer die saubersten Scheiben der ganzen Straße, mehr als einmal ist ein Besucher gegen die gläserne Terassentüre gelaufen weil sie so sauber war, dass man denken konnte da wäre nichts. Die Nachbarn dachten alle der Kerl aus der Glaserei wäre mein Vater, sooft wie er bei uns war um die permanenten Schäden zu begutachten und zu reparieren.
Der mit einem Satz aufs Sofa springende Hund schreckt mich aus meinem Tagtraum auf und ich frage mich ob ich zu weit gegangen bin. Beim zweiten Rückrufversuch geht sie endlich ran.
„Ich kann jetzt nicht weitertelefonieren. Ich muss die Fenster putzen“, versucht sie mich abzuwimmeln.
„Ist doch alles halb so schlimm, sei froh dass sie sich nicht in einem Dönerstand operieren lässt?“
Den Lachkrampf zu unterdrücken kostet mir mehr Anstrengung als den nackten Mann vor mir nicht anzufassen.
„Das ist nicht lustig! Weißt du wie es dort unten zugeht? Deine Tante war vorigen Monat auf Urlaub dort und hat sich das Bein gebrochen. Weißt du wer sie behandelt hat?“
„Mama, bitte keine schweren Fragen.“
„Die Putzfrau! Die hat zuvor das Klo sauber gemacht, sich den Arbeitsmantel ausgezogen, ein Stetoskop umgehängt und schwuppdiwupp war es aufeinmal die Ärztin.“
Die staubtrockene Antwort haut mich beinahe um und ich lache so laut auf, dass sowohl das dicke Vieh als auch der afroamerikanische Kerl völlig desorientiert und erschrocken in meine Richtung schauen. Unwissend wen von den dreien ich zuerst beruhigen soll, versuche ich erst das Telefonat zu beenden.
„Mama ich werde es ihr ausreden. Versprochen.“
„Bitte tu das! Sonst kommt sie blind und dafür mit einer Brustvergrößerung nach Hause.“
„Falls sie den Weg zurück noch findet“, die gespielte Ernsthaftigkeit überrascht sogar mich.
„Kind, sind denn deine Fenster alle sauber?“
„Ja Mutter. Ich muss jetzt aufhören, in Ordnung?“
„Bis bald. Meld dich falls hungrig bist. Ciao.“
Das war beinahe schon zu einfach, denke ich, ziehe mir dabei das Shirt aus, werfe es auf den dümmlich dreinschauenden Wackeldackel und setze mich auf den Typ.
„Ya Man. You´re so beautyfull Baby!“
Ich lächle ihn an und bin mir sicher dass es ein guter Tag wird.

Ungebumste Neurotiker

Ich hab schlechte Laune, trotz Kirchtag, trotz Alkohol, trotz betrunkenem Pöbel, trotz Sommer. Irgendwie fühlt sich alles Scheiße an. Wieso meldet er sich nicht mehr? Er hat es versprochen, ich krieg nicht genug von ihm, seit zwei Monaten kein Lebenszeichen. Blöder Idiot, fick dich doch ins Knie. Wichser. Wahrscheinlich ist er mit seiner Frau im Urlaub. Wieso lass ich mir den zweiten Sommer in Folge von einem Kerl versauen? Wie blöd musst eigentlich sein? Alles Arschlöcher, schert euch doch zum Teufel. Und warum zum Henker bin ich seit Wochen ungebumst? Daher vermutlich die Selbstmordgedanken, so geht’s sicher nicht weiter, ich hasse diesen Zustand, der Mensch ist nicht fürs nichtficken gemacht; ansonsten hätte uns der da oben sicher nicht so lustige Körperteile und WhatsApp geschenkt. Schluss mit Unlustig, es wird mal wieder Zeit Nägel mit Köpfen zu machen.

Rein in die „Komm-und-fick-mich-High-Heels“ und nichts wie raus aufm Kirchtag, muss laufen, muss saufen, muss irgendwas kaufen….Tauche durchs Nachleben, Menschenmassen mit denen ich verschmelze, für einen Augenblick vergesse ich dieses ekelhafte Gefühl dass mir seit Tagen wie ein Stein im Magen liegt. Unruhig suchend schweifen meine Pupillen umher, doch sie wollen einfach nicht fündig werden, da ist nichts dass mich länger in Beschlag nimmt, meine Aufmerksamkeit auf sich lenken könnte.

Es ist nicht so, dass die Kerle unattraktiv wären, nein es ist vielmehr die Tatsache dass ich auf einmal hinter die aufgesetzte Fassade blicke; und hinter dieser Freakshow verbirgt sich der wahre Horror….
Hinter dem muskelbepacktem Securitytyp versteckt sich ein kleiner, verletzter Junge, auch wenn er es niemals zugeben würde, so ist er doch auf der Suche nach jemand, der ihn in den Arm nimmt und verspricht das alles wieder gut wird.

Der andere Kerl, der hinter der Theke gelangweilt an seinem Drink nippt, Aston-Martin fährt und eine fette Breitling auf dem Handgelenk spazieren trägt, wird von Minderwertigkeitskomplexen zerfressen, weil sein Schwanz so winzig ist und er außerdem nicht länger als fünf Minuten ficken kann, ohne abzuspritzen. Seine Selbstzweifel münden in grenzenlose Eifersucht, zwanghaft kontrolliert er Frauen die für ihn infrage kommen würden. Projiziertes Misstrauen mutiert zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. Neben Mister Minischwanz steht sein Kollege, ein Schönling wie aus dem Bilderbuch, kein Gramm Fett auf den von Kopf bis Fuß in Designerklamotten steckendem Adonis. Fast zu schön um hetero zu sein.

Zur Geisterstunde spaziere ich mit ihm an der Drau entlang, und erfahre dass er in der Schule immer gehänselt wurde, weil er übergewichtig war, mit fünfzehn hat er zum ersten Mal versucht seinem Leben ein Ende zu bereiten. Bleiben unter einer Straßenlaterne stehen, er zeigt mir seine Unterarme, dreht sie soweit nach außen, bis ich die Innenseite sehen kann. Unzählige Narben laufen darüber hinweg, ein sichtbares Zeichen tiefer Trauer, das nie mehr wieder unsichtbar sein wird, zeugt von wahrhaftiger Verzweiflung. Mister ach so hübsch lächelt mich an, ich lächle zurück und zeige ihm meine ebenso vernarbten Arme.

„Süße, da haben wir ja richtig was gemeinsam.“

Er nimmt meine Hand und wir laufen ein Stück des Weges zusammen.

Sehnsucht

Meine Mundwinkel sind nicht die einzigen ramponierten Körperteile, als wir schließlich im Hotel ankommen zeigt der Taxameter dreiunddreißig Euro an.

Noch bevor Jan nach dem Portemonnaie greift, winkt Mister Rastafari tiefenentspannt ab:
„Lass stecken, geht aufs Haus.“

Na toll, dafür dass mir der Typ ins Gesicht gespritzt hat, gibt’s die Fahrt umsonst. Wieso bin ich nicht schon früher auf die Idee gekommen? Hätte mir eine schöne Stange Geld ersparen können, wobei ich mich beim Aussteigen noch frage, ob das rein rechtlich unter Prostitution fällt. Wenn ja, war ich eindeutig zu billig. Vielleicht sollte ich die Nummer mal mit einem Piloten abziehen, um so gratis in den Urlaub fliegen zu können?

Während ich meinen Business-Plan im Kopf weiterspinne, reist mich Jan aus meinem Tagtraum, er nimmt meine Hand und wir schlendern wie verliebte Teenager durch die Lobby.

„Du siehst hungrig aus Maja.“

Ich liebe es, wenn er sich so fürsorglich gibt.

„Bin ich auch.“

„Auf was hast denn Lust?“

Klingt nach einer Fangfrage, vielleicht sollte ich zur Abwechslung mal nachdenken bevor ich den Mund aufmache.

„Auf Hummer und Austern, und Tiere die aussterben.“

Laut lachend zieht er mich an sich, schnappt sich meinen Hintern und küsst mich. Bitte lieber Gott, mach dass er nie mehr damit aufhört.

„Ich denke wir rufen den Zimmerservice.“

Jan zieht mich hinter sich her, dirigiert mich wortlos in die Suite im höchsten Wolkenkratzer des Landes. Die Aussicht ist gewaltig, direkt unter mir erstreckt sich die Donauinsel und die Reichsbrücke, beeindruckt ziehe ich mir das Kleid über den Kopf, splitterfasernackt stehe ich vor ihm.

Energisch fasst er an die mittlerweile kerzengerade abstehenden Brustwarzen, Fingerspitzen die mich immer weiter in den Wahnsinn treiben.

Jan presst seinen Körper an meinen, gekonnt reibt er über den heißen Fleck zwischen meinen Beinen, wie ein Gepard der um die Antilope schleicht, kurz bevor er sie mit einem gezielten Biss in die Kehle erledigt.

Bestimmt umklammert er mit seinen Händen meine, hält mich fest, sein Mund kommt immer näher zu meinen Ohren und ich kann seinen Atem spüren. Diffuser Schwall aus warmer Luft kitzelt die Nervenenden, feucht und hart spielt die Zungenspitze, besessen tänzelt sie über mein Ohrläppchen, wie ein Jugendlicher auf Excstasy.

Trotz hochsommerlicher Temperaturen zieht sich ein eiskalter Schauer über jeden einzelnen Quadratmillimeter meiner Haut, legt sich bestimmt über den Nacken, drückt unerwartet zu und hinterlässt nichts als einen Hauch von Sehnsucht im Unterbewusstsein.

Ich bin nicht mal einen Millimeter davon entfernt, den Verstand endgültig zu verlieren, meine Knie versagen ihren Dienst und ich sacke wie ein nasser Sack in seine Arme.Er fängt mich auf, hebt mich hoch, vorsichtig lässt er mich aufs Bett sinken, streichelt mir übers Gesicht, fixiert mich mit seinem Blick.

„Ruh dich mal aus, Kleines. Ich bin hier, falls du irgendwas brauchst.“

Kralle meine Finger in seinen Nacken, ziehe ihn noch ein Stückchen näher, will ihn nie mehr wieder loslassen. Inhaliere das Gefühl von wahrhaftiger Nähe, seinen Geruch, die Gewissheit am Ende der Suche angekommen zu sein.

„Aber ich will nicht einschlafen.“

Beherzt versuche ich Widerstand zu leisten, ich will keine einzige Sekunde verschwenden in der er bei mir ist.

„Maja, ich verspreche dir, dass ich da bin, sobald du die Augen wieder aufmachst.“

Jan kuschelt sich an mich, zieht mir die Decke über den nackten Körper, liebkost meinen Nacken und hält mich fest. Wie ein Schleier legt sich eiserne Müdigkeit über mich, trotzdem kribbelt es wie verrückt; nicht nur zwischen den Beinen, nein; ich glaub diesmal auch unter den Rippen.

Scheiße, ich bin verliebt.

Mister Lover Lover Libanon

2015-03-07 21.31.44

Bin zum Babysitten verdonnert worden, wobei das Baby mittlerweile 17 und mitten in der Pubertät ist. Mein Bruder und sein gleichaltriger, mindestens genauso groß und altersentsprechend genauso bescheuerter Freund Lukas, wollen bei der Affenhitze natürlich zum See.

Großartig.

Und ich will dreißigtausend Euro, einen Ford Mustang Shelby GT und einen dreiundzwanzigjährigen, gut gebauten, äußerst potenten Brasilianer. Aber wer fragt mich schon.

Wunderbar so ein Ufer, vollgestopft mit laut grölenden, vor sich hin schwitzenden,  versifften und angesoffenem Pöbel. Nicht das ich ungern am Wasser  wäre, aber das Publikum auf diesem einem Strand ist die Steigerung vom Kaisermühlenblues. In der Balkan Version. Ich wundere mich, wieso eigentlich noch niemand offenes Feuer gemacht, und ein Spanferkel darüber gehängt hat.

Doch noch bevor ich die Frage laut stelle, denke ich mir es wäre besser die Klappe zu halten, ehe noch einer den Gedanken in die Tat umsetzt.

Keine drei Sekunden nachdem wir uns mittendrin statt nur dabei die Handtücher aufgebreitet haben, dringt die spannende Geräuschkulisse die uns umgibt bis in mein Bewusstsein

„Ey, isch figg deine Mudda du Hurensohn“ die Meldung aus dem Mund einer von mir auf zwölf Jahren geschätzten kleinen Dunkelhaarigen zaubert mir ein entspanntes Grinsen auf die Lippen.

Lautes Gelächter auch von Seiten meiner zwei Riesenbabys, die mich mit ihrem Gelaber über Bushido und  die Titten einer gewissen Jaqueline  beinahe in den Wahnsinn treiben. Ich  frage mich ob ich in dem Alter genauso viel Mist verzapft habe, stehe auf und streife mir das Strandkleid über den Kopf.

Plötzlich ist es still.

„Maja, die schauen dich alle an…“

Ich habe die ungeteilte Aufmerksamkeit meines Bruders und scheinbar auch die von circa hundertfünfzig anderen Badegästen als ich mit meinen 182 cm nackt mitten auf der Liegewiese stehe.

„Scheiß dich nicht an Michi“

Gott, wie schön ist diese herrliche Ruhe.

Genieße die Blicke noch einen Moment bevor ich mir zumindest ein Bikiunterteil  anziehe, mich wieder in die Waagrechte begebe und meine Brüste in die Sonne lege.

Lukas schaut mich verstohlen an.

„Hattest du nicht mal ein Bauchnabelpiercing?“

Bemerkenswerte Beobachtungsgabe der Junge.

„Ja das hab ich nur tiefergelegt.“

Die Farbe seines Kopfs lässt auf einen Sonnenstich schließen, als ich den Satz zu Ende gesprochen habe.

Es hat funktioniert und die Beiden verschwinden Richtung Strandbar. Gut so. Endlich Ruhe. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.

Döse vor mich hin, werfe ab und zu einen Blick rund um mich herum, versichere mich, dass die Dumpfbacken okay sind und checke die Umgebung nach etwas Abendunterhaltung ab.

Tatsächlich kreuzt  ein junger Mann meinen Fokus, Prädikat „äußerst fickbar“.

Das schwarzäugige Muskelpaket mit  kurzen Haaren und sonnengebräunter Haut lässt mich und meinen Instinkt aus der Siesta erwachen.Für den Bruchteil einer Sekunde kreuzen sich unsere Blicke, starten den Turbo und ich weiß nicht mehr ob ich so heiß wegen des Wetters oder des Kerls bin.

Ebenso schnell wie mein Kopf Kino angeht ist er leider schon wieder aus der Bildfläche verschwunden. Mist.

Stunden später hab ich die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihm bereits aufgegeben und wir beschließen den Heimweg anzutreten.

Wie aus dem Nichts steht er plötzlich vor mir:

„Gehst etwa schon?“

Völlig perplex kann ich nicht aufhören ihn anzustarren.

„Ja, ich muss mal die zwei Jungs nach Hause bringen.“

„Aha. Und was machen wir zwei dann später noch?“

Da wird mir bestimmt noch was einfallen, denke ich mir, drücke ihm einen Zettel in die Hand, auf dem meine Nummer gekritzelt ist und liefere Michael und Lukas wieder bei deren Erzeugern ab. Wie schön sind Kinder, wenn man sie wieder zurück an den Absender schicken kann. Herrlich.

Stehe am Balkon meiner Wohnung, blase süßen Rauch in den sternenklaren Himmel und im gleichen Augenblick in dem ich mich frage wie libanesisch geht, piepst mein Handy.

„Sehen wir uns noch?“

Gutes Timing, Baby.

„Ja klar. Magst zu mir kommen?“
Zehn Minuten darauf öffne ich ihm splitterfasernackt die Türe, und Mister Libanon scheint sichtlich verwirrt.

„Willst vorher nicht bissl reden?“

Irritiert kann er dennoch seine Augen nicht von mir lassen.

„Nein, ich will ficken. Nicht reden.“

Als ob sämtliche seiner Synapsen auf Standbild eingestellt wäre, bewegt er sich keinen Millimeter. Für eine gefühlte Ewigkeit scheint die Szene eingefroren.

Wie aus dem Nichts schüttelt  er seinen Kopf, fasst mir an die Brüste und küsst mich.

„Wo ist denn hier das Schlafzimmer?“

Juhu, Schockstarre überwunden.

Küsse ihn zurück, seine Zunge ist richtig talentiert und ich frag mich ob er wohl überall so heiß schmeckt.

Meine Hände wandern tiefer, genauso wie auch mein Kopf, vorsichtig streife ich seine Short nach unten, und sauge den irrsinnig machenden Geruch seines großartigen Körpers ein.

Den und seinen Ständer, so tief wie möglich.

Unerwartet heftig hält er auf einmal meine Arme fest, zieht seinen zugegebenermaßen winzigen Schwanz aus meinem Mund, schreit einmal laut auf und spritzt mir mitten ins Gesicht.

Nach nicht mal dreißig Sekunden.

Ich bin scheinbar im falschen Film. Mister Lover Lover Libanon du kleiner Schnellspritzer.

Benommen sinkt er aufs Bett und flüstert irgendwas wie:

„Du bist so geil“

Das ist echt sein Ernst. Der ist fix und fertig.
Wische mir mit seiner Boxershort das klebrige Zeug von dem Augen.

Kurzer Griff in die Schublade des Nachtkästchens und mein bester Freund aus Plastik eilt mir zur Hilfe. Während mein Date immer noch nach Luft röchelt, stelle ich mich neben ihn ans Bett, einen Fuß auf den schwarzen Metallrahmen der Pritsche gelehnt.

Stecke mir den roten Vibrator erst in den Mund, dann ganz langsam in meine längst überfällige Fotze, die ihr Abendessen mit schmatzenden Geräuschen verschlingt. Und wieder ausspuckt. Und wieder verschlingt.

Die Augen meines immer noch leicht lädierten Fickers werden immer größer, seine Hände wandern zum Kunststoffkonkurenten, er nimmt ihn mir weg und macht mit Händen und Zunge dort weiter wo Mister Fridolin aufgehört hat.

Steckt mir zwei Finger in den Arsch während seine  Zungenspitze Tango am Gipfel meiner geilsten Stelle tanzt. Leckt mich bis zur Besinnungslosigkeit, zucke, schreie, zittere und schreie nochmal.

Vollkommen tiefenentspannt kuschle ich mich in seine Arme, wir rauchen den Ofen fertig, der im Aschebecher gelegen hat.

„Babe, es ist voll scheiße.“

Sein Gesichtsausdruck lässt eine ernste Ansprache erwarten, gespannt warte ich auf seine Fortsetzung

„Warum? Was meinst denn?“
„Weist meine Eltern sind strenge Moslems, wenn die wissen dass ich mich mit dir treffe, bringe ich Schande über meine Familie.“

Sein Dackelblick könnte glatt jemand umhauen. Jemand anderen.

Pruste laut los und kann mich vor Lachen kaum halten.

„Schnucki, ich wollt dich nur ficken. Und jetzt schmeiß ich dich raus. Muss morgen früh aufstehen.“

Humor ist nicht so das Ding vom Libanon.

Sieht mich etwas angepisst an, als er sich anzieht und wieder verschwindet.

Insomnia – eine Nacht die niemals enden sollte

Der Kiefer verkrampft, ich fahre mit der Zungenspitze über die Lippen und schmecke Blut. Wie besessen hämmert der Beat aus den Boxen, wirkt wie Brandbeschleuniger aufs rasende Herz. Es ist so heiß hier drinnen.Fühle deine Hand wie sie meinen Hinterkopf hält und das Gesicht in deine Richtung drückt, intensiver als jemals zuvor. Dein Atem ist spürbar nah an meinem, kurz bevor ich dich küsse lasse ich mich um ein Haar von der Welle mitreißen, die mich vom Kopf bis in die Zehenspitzen durchfährt.

Bin getrieben und gehetzt, als wäre irgendetwas Undefinierbares hinter mir her um den letzten Funken an Vernunft aus mir heraus zu kitzeln.

Tausende Flausen im Kopf, Vorstellungen, Pläne völlig unstrukturiert und wie aus dem Nichts erschienen, lassen mich einen Moment innehalten um einen Atemzug später dahinter her zu laufen ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wohin die Reise führt.

Ich drehe mich, wanke, falle ins Bodenlose und frage mich währenddessen noch wie zum Teufel das passieren konnte.

Der Kiefer verkrampft, ich fahre mit der Zungenspitze über die Lippen und schmecke Blut. Wie besessen hämmert der Beat aus den Boxen, wirkt wie Brandbeschleuniger aufs rasende Herz. Es ist so heiß hier drinnen.Fühle deine Hand wie sie meinen Hinterkopf hält und das Gesicht in deine Richtung drückt,  intensiver als jemals zuvor.  Dein Atem ist spürbar nah an meinem, kurz bevor ich dich küsse lasse ich mich um ein Haar von der Welle mitreißen, die mich vom Kopf bis in die Zehenspitzen durchfährt.

Unzählige winzige Nadelspitzen, die mich für den Bruchteil einer Sekunde treffen,  in einer flüssigen Abwärtsbewegung durch sämtliche Nervenstränge rasen und  nichts als einen Blitz aus Hitze in der Wirbelsäule hinterlassen, der schneller vergeht als die eigene Unschuld.

Zentrierte Glut, ich schmecke dich, deine Zunge spielt mit meiner und ich kann keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen, völlig instinktgesteuert lasse ich mich fallen.Presse meinen Körper an deinen, bekomme nicht genug von dem Geschmack und dem Gefühl das du in mir auslöst. Jede Berührung brennt wie Feuer auf nackter Haut, elektrisiert die Sinne, macht süchtig nach dir.

Wir geben uns der Vollkommenheit hin, gefesselt von deinen dunklen Augen, kann ich meinen Blick nicht von Dir abwenden und explodiere vor Glück.Das Karussell dreht sich weiter, lässt uns keine einzige Sekunde zum Verschnaufen, keine Möglichkeit dem Siedepunkt zu entfliehen, der nicht mehr lange auf sich warten lässt.

Schlinge die zitternden Arme um dich, wir  bewegen uns zum Takt von Mr. Kalkbrenner, völlig unwissend dass dieser Moment nie mehr wieder kommt, und wahrscheinlich sind wir genau deswegen so losgelöst und glücklich.

Die Grenzen  zwischen Dir und mir sind flüssig, ungenau  und beinahe nicht mehr zu erkennen, ich weiß nicht mehr wo du anfängst und ich aufhöre. Verliere mich in dir und lasse mich herausfordernd zu Boden drücken, ehe wir uns Sekunden später auf einem nie zuvor erklommenen Gipfel befinden.

Oh mein Gott, was geschieht mit uns…Noch einmal schnalzt der Puls in schwindelerregende Höhe, lässt die Temperatur ansteigen und zieht mir dennoch die Gänsehaut über die vor Ekstase bebenden Gliedmaßen.Kann dich spüren, so verdammt tief und perfekt, lass mein Innerstes berühren und bin eins mit dir.

Erlebe mich unbesiegbar und völlig mit mir und allem rund um mich herum im Frieden und Einklang;  als ob ich am Ende des Weges angekommen wäre, erschöpft aber glücklich.

Du lächelst mich an, deine Pupillen sind genauso riesig wie der Vollmond der durchs offene Fenster scheint und ich wünschte diese Nacht würde niemals enden.