#Geschlechtsverkehrsminister

Obwohl ich mich warm angezogen habe, fröstelt es mich schon nach den ersten paar hundert Metern. Der Sommer ist eindeutig vorbei, denke ich mir als der erste Windstoß meine frisch gekämmten Haare in ein chaotisch aussehendes Vogelnest verwandelt. Vielleicht sollte ich nochmal umkehren um eine dickere Jacke und eine Mütze zu holen?
Ach was, schließlich wird’s einem beim Spazieren eh warm. Man muss halt nur lang genug gehen.
Kaum dass ich die Betonklötze der Innenstadt hinter mir lasse, versiegt der Asphalt zu einer engen Schotterstraße die mich an einer Lichtung entlang direkt in den Wald führt. Nach einer knackigen Bergauf Etappe mitten durchs Geäst, bin ich so aufgeheizt dass ich mein Sweatshirt ausziehe und es mir über die Hüften binde. Gott sei Dank hab ich nicht noch einen Pulli eingepackt, schießt es mir in den Sinn.
Wobei ein BH vielleicht nicht so blöd gewesen wäre. Unter meinem weißen Trägertop zeichnen sich baumelnde Titten ab, die bei jedem Schritt aus dem Ausschnitt zu hüpfen scheinen.
Scheiß drauf, hier sieht mich eh keiner, und wenn ich wieder aus der Wildnis raus bin zieh ich mir halt was über.
Stapfe gedankenverloren über die Forststraße, bemerke weder die Buntheit die der Oktober ins Blättermeer gezaubert hat – noch den Wagen der hinter mir her rollt. Unfassbar wie unaufmerksam Menschen ohne WLAN heutzutage noch sein können. ADHS sei Dank.
Und noch während ich mich frage, ob Geschlechtsverkehrsministerin ein anerkanntes Berufsziel für Langzeitarbeitslose sei, höre ich plötzlich Bremsgeräusche hinter mir.
Und noch während ich mich frage, ob mein Arbeitsamt Betreuer mich zu Kontrollzwecken stalkt, wird eine Türe laut scheppernd aufgerissen und ich von starken Händen gepackt.
Hätte wohl doch nicht ohne Tittenwärmer rausgehen sollen, schießt es mir durchs Hirn als ein chemisch stinkendes Tuch unter meine Nase gedrückt wird.
Ob Frauen mit eingepackten Hupen tendenziell seltener gechloroformed werden?
Ob das AMS Chloroform zu Resozialisierungszwecken zweckentfremden darf?
Ob Sexualstraftäter neuerdings alte, dicke Frauen entführen?
Fühle wie meine Knie weich werden, nachgeben. Ich sacke wie ein nasser Sack zu Boden und verliere das Bewusstsein. OFFLINE…….

#Luxusprobleme

Als ob ich ein Gutachten nötig hätte, dass mir meine Verhaltenskreativität bescheinigt. Jeder der mich kennt, weiß dass ich nicht ganz knusprig bin, auch ohne ärztliches Attest.
Mr. L fragt ob wir ans Meer fahren. Rico fragt wann ich zurück ans Meer komme. Mister Psychotherapeut sagt, dass er dringend einen Therapeuten bräuchte. Mister Arbeitslosencoach sagt, dass ich nicht ins Ausland darf, es sei denn ich hätte ein Vorstellungsgespräch. Nur zum Bumsen allein kann ich nicht einfach weg.
Auch nicht als ADHS-Beeinträchtigte. Auch nicht als Sexsüchtige. Auch nicht als Schlafwandlerin. Auch nicht im Schengen Raum. Auch nicht alkoholisiert und verwirrt.
Rico fragt ob ich heute Nacht fliegen kann, es gäbe noch eine Maschine. Mister L will wissen ob ich lieber nach Grado oder Triest möchte. Ich frage einen glatzköpfigen Penner ob er mir eine Zigarette schnorrt.
Rauchend spaziere ich weiter, grüble über meine Luxusprobleme, widerstehe dem Drang mich anzutrinken, auch wenn mir der Zigaretten-Sandler ein Gambrinus angeboten hat.
Rico ruft an, ich drücke ihn weg, sauge gierig an der Marlboro. Am Filter angekommen, erlischt die Glut stinkend, es läutet erneut. Mister L. lässt nicht locker, auch nach dem dritten Mal abwürgen ruft er weiterhin an.
Schalt auf Lautlos. Flugmodus. Schieb das nervige Teil in die Arschtasche meiner Jeans, als die Straßen zunehmend von der einsetzenden Rushhour verstopfen und der Abgasgestank sich wie ein unsichtbarer Schleier über die Köpfe der wandelnden Menschenmassen legt. Irgendwo in der Ferne Sirenengeheul, ich trete in Hundescheiße, der Himmel verdunkelt sich zunehmend.
Von der Gewitterwolke verfolgt, erreiche ich den Bahnhof, grölender Donner es schüttet wie aus Kübeln, ich flüchte nach drinnen.
Und jetzt?
Nach Spanien zu dem treulosen Ehebrecher? Nach Italien mit dem rachsüchtigen Superstar?
Fahre die Rolltreppe hinab, die Katakomben des Hauptbahnhofs sind menschenleer, planlos schlendere ich die Unterführung entlang, finde einen herrenlosen Hundert Euro Schein am Boden, hebe ihn auf, schreie laut Juhu. Über mir knirschende Ansage im Lautsprecher, neben mir die Rolltreppe zur Nummer vier.
„Achtung Bahnsteig 4. Intercity nach Zagreb fährt ein.“
Ob ich an Zeichen glaube?
Achtung Zagreb, ADHS Gestörte fährt ein. Dacht´s und huschte über die Stufen nach oben…

Unpünktlich und inkontinent

Zum ersten Vorstellungsgespräch komme ich knapp drei Stunden zu spät, dafür sitzt mein Make up tadellos, meine Frisur ist Bombe und ich hab mir sogar meinen Anus bleachen lassen. Schließlich will ich einen perfekten Eindruck liefern.
Als ich um 23 Uhr vor verschlossenen Türen stehe, gebe ich mich dennoch nicht geschlagen – erst läute ich Sturm, rufe dreißig Mal die Nummer an, die am Bewerbungsformular steht und schieße mit Steinen an das einzige beleuchtete Fenster des riesigen Hauses.
Gerade als ich wieder gehen will, öffnet jemand die Türe und ich blicke in den Lauf einer Schrotflinte, versteinere augenblicklich.
„Wer sind sie und was in Gottes Namen tun sie hier?“, schreit mich der Bewaffnete an.
„D-d-d-a-s A-a-am—-s szs.-c—h….. „ stottere ich in Todesangst, pinkle mir aus Angst dabei ins Höschen. Sichtlich amüsiert senkt der alte Sack die Waffe, zieht mir den Bewerbungsbogen aus der zitternden Hand.
„Du kommst vom AMS? Sag mal kiffen die dort jetzt auch?“
Aus Angst erschossen zu werden beiß ich mir auf die Lippen.
„Du solltest doch um 17uhr kommen?“, schnauzt er mich an.
Wenn der wüsste wie lang es dauert sich den Hinterausgang zu stylen, würde er nicht so zickig sein.
„pünk—t—lll—ich—keitz iiii—sss-…“
Halt deine dämliche Schnauze, da wird man ja geisteskrank. Schreib mir eine WhatsApp, geht sicher schneller. Und hör auf in meinen Vorgarten zu pissen, dich sollte man in die Irrenanstalt sperren.
„Pünktlichkeit ist leider nicht meine Stärke“, tippe ich während er keift, schicke die Nachricht auf sein Telefon.
„Macht nichts du dumme Nuss. Dafür macht deine Inkontinenz alles wieder wett. Ich werd das genauso deinem Betreuer schreiben. Und jetzt hau ab, ehe ich dir noch eine Einstellungszusage mitgebe.“
Nichts wie weg hier…..

Willkommen Zuhause. Hoffentlich verpisst du dich bald wieder.

Ich schwelge immer noch in Erinnerung an all die Eindrücke die Brasilien und vor allem Rico in mein Gedächtnis gebrannt haben. Doch schneller als erwartet holt mich der Alltag und vor allem Österreich und vor allemst da AMS wieder ein. Da Rico zurück bei seiner Familie und mein Erspartes zurück im Wirtschaftskreislauf gelandet ist, muss ich mir Gedanken machen wer mein Leben finanziert. Das Geld vom Arschlochamt langt grade mal fürs Katzenfutter – auch wenn wir von BIO weit entfernt sind. Geschweige denn vom Botox, dem Audi und die Miete meiner Residenz.
Was denken sich die Verantwortlichen denn? Dass ich als faltige Fußgängerin zu Vorstellungsgesprächen hatschen soll? Wieso bin ich nicht in Brasilien geblieben?
So sachlich als möglich formuliere ich einen Beschwerdebrief an „Irgendeinen Trottel im Parlament“, nachdem mir sämtliche AMS- Betreuer mit einer Einweisung in die Klapse drohen.
Aber da war ich doch vorm Urlaub eh schon. Typisch österreichisches Sozialsystem. Schickts die Depperten solang von Anstalt zu Anstalt bis sie irgendwann wo geben und tatsächlich noch hackeln.
Viel Ärger als diese Ansammlung an Vollpfosten kann doch wirklich kein Job sein, ich klaue mir eine Stellenliste aus den Händen einer dunkelhäutigen Frau mit Turban und achtzehn Kindern im Schlepptau. Sämtliche Anwesenden applaudieren, man lässt mich sofort vorsprechen, ganz ohne Nummer ziehen und warten……….
Welche Qualifikation ich den vorzuweisen hätte, fragt die zu stark geschminkte Mittvierzigerin, nachdem sie mich bittet Platz zu nehmen. Frage sie dasselbe, keine Antwort.
Scheinbar findet sich nichts auf ihrem Bildschirm, weder mein Name, noch die Versicherungsnummer lässt ihr Gesicht strukturierter wirken.
„Die EDV spinnt heut ein bisscchen. Welche Qualifikationen haben sie denn vorzuweisen?“
Fragt sie nochmal, starrt immer noch den Rechner an.
„Hmmm. Ich kann die Luft zum Stinken bringen.“
Zwei Sekunden später lugt sie hinter dem Bildschirm hervor, schüttelt den Kopf, massiert ihre Schläfen mit kleinen kreisförmigen Bewegungen ihrer Fingerspitzen.
Macht ihr die Technik zu schaffen, oder versucht sie selbst gerade einen fahren zu lassen?
Noch bevor ich sie fragen kann speit der Drucker Papiere aus. Wortlos und ohne Augenkontakt schickt sie mich mit dem Wisch wieder vor die Türe.
Ich wette sie schicken mich zur Eischulung für AMS Betreuer, oder so… Hatte ganz vergessen wie lustig die Schnitzeljagd doch sein kann.
Rico, du fehlst mir.

#Sommer

Sommer liegt in der Luft, die Atmosphäre in diesen Tagen kribbelt vor Aufregung. So viele glitzernde Augen sieht man nicht mal beim Sommerschlussverkauf im Einkaufszentrum.
Abgesehen vom Alkoholverkauf lässt die Vorfreude auf das kollektive Dauerbesäufniss auch die Temperatur in den schmalen Gassen der Innenstadt ansteigen. Kirchtag ist! Villach säuft. Italien eskaliert. Und ich versuche die Contenance in Person zu verkörpern- ich bestelle tatsächlich Wasser. Nein, ich will mich nicht waschen sondern das Zeug trinken.
Meine Gang fragt ob ich sehr krank bin. Ich sage nein. Der Besoffene Sack am Nebentisch fragt, ob ich schwanger bin. Ich sage nein, nur fett.
Mama schenkt mir Wein ein, bemerkt beiläufig dass auch Schwangere hin und wieder ein Glas heben dürfen, schließlich hätte sie das auch getan als sie zu mir trächtig war. Kralle mir die Flasche Welschriesling aus dem Kühler, setzte sie an um sie aus zu trinken.
„Ja Mama, hast Recht. Immerhin ist ja aus mir was geworden. Kannst ruhig mal meinen AMS Berater fragen.“
Gekonnt ignoriert sie meinen Provokationsversuch, dreht sich auf die andere Seite um eine Diskussion zum Thema Dammschnitt und Wehen Einleitung mit dem unbekannten drei-Prommiler anzufangen.
Trotzig schütte ich das Wasser in den Blumentopf vor uns, ehe ich ihn unbemerkt in die Handtasche meiner Mutter stopfe. Schließlich lasse ich mich nicht ignorieren. Als der Kellner vorbeikommt, flüstere ich ihn ins Ohr: „Hören Sie mal, die alte Frau neben mir klaut eure Tischdeko.“
Vermutlich ist er der deutschen Muttersprache nicht mächtig, denn anstatt die Polizei zu rufen zuckt er mit den Schultern: „Meine Kollege kommen gleich. Ich nichts zuständig für scheiße Buschkawettel. Ich nur Klo kassieren, da keine Blumen nur Papier auffüllen.“
Olga fragt wieso ich mit dem Scheißhauschef anbandle, ich könnt mindestens einen von den Türstehern abkriegen. Meine bedauernswert immer noch unverhaftete Mutter bemerkt die untergejubelte Beute erst im nächsten Bierzelt. Ihrem resigniertem Kopfschütteln folgt ein: „Das Kind war immer schon schwierig.“
Vermutlich weil sie in der Schwangerschaft gesoffen hat. Irgendwer muss doch Schuld an meinen offensichtlichen Defiziten tragen.
Olga will wissen ob wir die Blumen nicht rauchen können. Mama sagt, Olga soll schlafen gehen so angesoffen wie sie ist. Olga sagt, ey ey Kapitansky, lässt sich unter den Tisch fallen um auf den versifften Pflastersteinen ein Nickerchen zu halten.
Höchstwahrscheinlich hat auch ihre Erzeugerin gesoffen, als Olga noch ein Embryo war.
Lachende Feierwütige zucken sofort ihr Handy um das Rauschgerät unter uns zu fotografieren. #Kirchtagsopfer.
Nach dem gefühlt dreitausendsten Schnappschuss schreckt Olga plötzlich auf, stoßt sich den Kopf an der Tischplatte, brüllt lei lei und fragt nach einem Krapfen. Tante Uschi zieht an ihrem Ohr, behersch dich bitte, Fasching war schon.
Rappeln uns auf, ziehen weiter. Flanieren raus aus dem Trubel, runter zur Drau. Vorbei an Horden wildpinkelnder Freizeitsäufer, fummelnder Volksschüler und tiefenentspannter Kiffer, während über uns die Post abgeht. Wärmen längst vergessene Saufgeschichten auf, als es aufeinmal hinter uns knallt.
Wie aus dem Nichts klatscht der Körper auf den Asphalt, aus der Nase und dem Mund des jungen Mannes läuft Blut, außer seinem röchelnden Atmen ist nichts zu hören. Ich rufe den Notarzt, während das Blitzlichtgewitter über unseren Köpfen einsetzt. Erstmal ein Foto für Facebook, social media für ganz asoziale. Ich zweifle an der Menschlichkeit der Gaffer, schicke ein stilles Stoßgebet nach oben: Herr lass es Empathie regnen.
Schöne neue Welt.
#Fuckdigitalism
#Fucksocialmedia

Prosit Neujahr

Ganz oben auf der Liste der Vorsätze fürs neue Jahr schreib ich „Kein Drama mehr“. Fest entschlossen, dass ich es dieses Mal auf die Reihe kriege und mich aus dieser unglücklich machenden Verbindung endgültig befreie.

Gleich darunter kritzle ich  „Maßvoller Umgang mit Alkohol & Co“, lache mich dabei kaputt und zweifle an der Sinnhaftigkeit solcher Selbstoptimierungs-Pläne. Vielleicht bleib ich einfach so scheiße, wie ich bin?

 

Erwache am nächsten Morgen nicht nur mit einem – sondern mit drei Katern, die in Form eines Dreiecks um mich herum liegen. Hashtag Pythagoras.

Die Anordnung der Tiere lässt einen Funken Optimismus aufkeimen – wäre mein Zustand kritisch, lägen die drei in einer Linie, parallel zu der Couch.

Wollte ich nicht zum Neujahrslauf?

Ja, genau. Um mit einem Haufen Spinner um die Wette zu rennen. Am 1.1.

Was haben die den für ein Leben?

Haben die gestern Abend vor dem Laptop onaniert, kaltes Wasser getrunken und sind danach ins Bett?

Spasten.

Gaddafi zeigt mir den Vogel. Als ob ich was dafür könnte.

Zerschneide die Todesanzeige meiner Großmutter, um mir daraus einen Filter für den Frühstücksjoint zu basteln. Die Frau hat drei Kinder großgezogen, ein Haus gebaut und mehr als einen Baum gepflanzt. Und alles was von ihr übrig bleibt, ist Filterpapier.

Hashtag Pietät-los.

Er fehlt mir.

Denke die ganze Zeit an ihn, wo er jetzt wohl gerade ist?

Ob er auch manchmal an mich denkt?

Er ruft tatsächlich an – mein Herz tanzt….

Erste Sonnenstrahlen fluten das Wohnzimmer, das Dreieck schnurrt, Oma filtert und Muammar onaniert vor dem Christbaum.

Ob „Wichser“ wohl eine anerkannte Berufsbezeichnung ist?

Ein Anruf beim Arbeitsmarktservice, bringt leider auch kein Licht ins Dunkel, da die Dame am anderen Ende der Leitung einfach auflegt. Als ob der abrupte Abbruch des Telefonats ihre Inkompetenz verschleiern könnte.

Gaddafi entsichert seine Knarre.

Aber er wollte doch aufhören damit. Keine AMS Betreuer mehr umbringen im neuen Jahr.

„Und du wolltest mit den Drogen aufhören!“

„Ja. Und Chlorophyll wollte dieses Jahr rot sein, du Idiot.“

Wutentbrannt stürzt er nach draußen, steigt in den Wagen und fährt davon. Hoffentlich auf Nimmerwiedersehen.