Seit Wochen versteckt sich meine Motivation irgendwo im Keller. Doch egal wie sehr ich sie auch zurück ins Erdgeschoss ersehne – das Mistvieh bleibt verschollen, überlässt mich meiner immer ausufernderen Apathie.

Fight or flight? #dystopia Nach einem kurzen Moment der Schockstarre lodert das Feuer in meinem Brustkorb erneut auf, zündet die Adrenalinbombe, weitet meine Pupillen unanständiger als peruanischer Schnupfen beim Gruppensex in Wuhan, setzt sämtliche Urreserven frei, die uns für existenzielle Notfälle gestiftet wurden. Mit aller Kraft balle ich die Faust, boxe dem Mistkerl neben mir mitten ins Gesicht, unterdrücke einen Schmerzensschrei, als meine Fingerknöchel an seinem Unterkiefer zersplittern. Sein Würgegriff öffnet sich, ich japse benommen nach Luft, ramme meinen Ellbogen gegen die Innenseite der Beifahrertür. Mit einem Klick entriegelt diese und befördert mich unsanft auf den Asphalt. Mit dem Gesicht voraus klatsche ich auf den Boden, mein Schädel pocht. Nichts wie weg hier.

Gott im Himmel, wie langweilig ist das denn?? Keine Kneipen offen, keine Schwimmbäder, keine Sauna, keine Hotels, keine Clubs, keine Chippendales, kein AMS – dafür acht Meter Neuschnee und offline allein zuhause – je suis Kevin.

Ob ich den Assis vor der Tür beim Schneeschaufeln helfen sollte?

Nein, das wäre zuviel des Guten. Schließlich bin ich eine Augenweide. Sollen doch die tageslichtuntauglichen frigiden Frostbeulen den Parkplatz frei schepfn.

Ich bin Künstlerin, für solch trivialen Scheißdreck fehlt mir die Erdung. Und außerdem bin ich zu betrunken um auch  nur ansatzweise einen soliden Eindruck zu machen…

2 Nächte später…

Mit dem Schneepflug meldet sich auch mein WLAN und Telefonanschluss zurück aus dem Winterschlaf, die anfängliche Euphorie darüber hält nicht lange.

Dreiundzwanzig entgangene Anrufe.

„Olga, was ist passiert“, texte ich meiner Freundin über sämtlich verfügbare Kanäle – SMS, Whatsapp, Messenger, Insta, Twitter, Snapchat, Telegram. Thremaa, Tinder…

Keine Reaktion.

Zieh mir Spikes über die Martens, die Kapuze tief ins Gesicht und stapfe durch den immer dichter werdenden Schneefall. Nicht mal der Vollmond schafft es, die dicke Wolkenschicht zu durchdringen und mir den Weg zu leuchten.

Erschöpft und vor Kälte zitternd stehe ich schließlich an ihrer Tür. Ihr Appartment ist dunkel.

Läute Sturm, werfe meinen Schlüsselbund an ihr Fenster.

Immer noch kein Licht.

Zwei Jugendliche kommen aus einem anderen Hauseingang, zünden sich lässig eine Kippe an, einer der beiden trägt eine dreieckig aussehende Plastiktüte.

„Hey Jungs, habt ihr ein, zwei Raketen zum Verkaufen übrig?“

Strattera

Langsam aber sicher werde auch ich unruhig. Versuche mich durch eine allgemeine Bestandsaufnahme zu entkrampfen – ein kurzer Blick in die Handtasche bestätigt mir ausreichend pharmazeutische Stabilisatoren zu besitzen um es ohne ernsthaften Amoklauf durch die Osterfeiertage zu schaffen.
Versuche den Doc zu erreichen – erwische nur seinen AB.
Scheiß drauf, brüllt die schwarze Gestalt die auf meiner linken Schulter sitzt: setz die Dinger einfach ab – was soll schon passieren? Hast schließlich drei Jahrzehnte ohne Strattera überlebt! Los! Leb!

Stütze mich am Waschbecken ab, mit schwindligem Hirn dem Spiegelbild entgegen.
Kalter Schweiß benetzt ein aschfahl werdendes Gesicht; leise wie der erste fallende Schnee meldet sich dein Endgegner zurück- dein Hirn erinnert dich daran, dass es keine Antikörper für deine Schmerzen gibt… SUCHTDRUCK lässt sich nicht ausschalten.
Zitternde Hände suchen nach flüssiger Erleichterung- vergeblich.
Immer wiederkehrende Stimmen, der Wunsch nach Suizid. Plötzliche Stille. Doc ruft zurück.
„Auf gar keinen Fall das Medikament absetzen. All die Struktur und Zielstrebigkeit wäre schlagartig weg.“
Seine Warnung amüsiert mich.
Zielorientiert und strukturiert in Zeiten wie diesen?
Damit ich meinen Sarg rechtzeitig bestelle?
Frag mich wer von uns beiden einen Psychiater nötiger hat, ziehe die letzten Pillen aus der Schachtel und werfe sie ins Feuer des Kamins.
Challenge accepted.

Frohe Ostern nach Polen!

Sehnsüchtig erwarte ich das Ende des christlichen Ramadans´, neue Lage – vier Tage. Und die werden sich so ziehen, als würde man mitten in einer Wurzelbehandlung stecken.
Ab Samstag gibt´s dann endlich wieder Mundspülung mit Alkohol – es lebe die Auferstehung. Auch wenn ich noch nicht sicher bin, ob mir der Pfarrer den Korb mit „Listerin ultrawhite“ segnen wird. Vielleicht versteck ich es einfach unter der Osterpinze?
Ich ertrage das alkoholfreie Placebo vom Billigproduzenten keine weitere Woche mehr, ohne dabei nicht zum Nazi zu werden. Soll doch den Produzenten von dem Glumpert der Blitz beim Scheißen treffen – was denkt sich der Beckenrandschwimmer eigentlich dabei, so einen Mist zu fabrizieren? Weiß der wie anstrengend so ein Tag ohne morgendliches Menthol- Schnaps-mit-Fluorid-Gurgeln werden kann? Wie soll man denn da funktionieren?

Steffen schlägt mir Eigenurin als Alternative vor – schließlich hätte ich da sämtliche wasserlöslichen Toxine des Vorabends noch mal zur Verfügung. Drogen- und Alkoholrecycling für ganz Verzweifelte. Oder für Menschen aus Polen. Die saufen ein Glas Bier achtzehn Mal, bevor es endgültig in der Kanalisation landet. Sagt Steffen.
Aber gut. Er sagt auch, dass er nur deswegen fremdfickt, weil er am „Restless-Penis-Syndrom“ leidet, wegen seines Eisenmangels. Klar doch, Pole.
Ich ficke auch nur fremd, weil ich an ADHS leide. Alkohol-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Und daran ist die Fastenzeit, bzw. das Mundwasser und letztendlich auch Jesus Schuld. Wäre der Depp nicht vierzig Tage in der Wüste gestrandet, müsste ich nicht solche Entbehrungen auf mich nehmen. Dann müsste ich nicht mit unbekannten Onlinefreaks unter einer Autobahnunterführung herummachen, kiloweise Ritalin in mich stopfen und Eigenurin trinken. Supergeil, lieber Jesus.
Von dir lass ich mich nicht mehr verarschen – auch wenn ich keine Matura hab.
Frohe Ostern, wünsch ich euch! Tut nichts, was ich tun werde 😉