#Advent

Irgendjemand knipst die Lichterkette des Christbaums an – genauso wie die rot funkelnde Kugel über dem Eislaufplatz und dem Bling-Bling-Anzug der Kirche – die Stadt strahlt als wäre ein AKW in unmittelbarer Nähe explodiert. Ich explodiere als der Kerl hinterm Tresen sechs Euro für ne Tasse Glühwein verlangt. Da scheiß ich doch aufs Fest der Liebe. Und auf die pisswarme Container Plörre sowieso.
Wo bitteschön kommen wir denn da hin? Wo ist denn die Relation hin, wenn ich für zehn Tassen von dem Zeug ebenso gut ein Gramm Heroin krieg? Irgendwas läuft falsch in der Welt, ich sage er soll sich den Fusel doch in seinen Hintern schieben und zische wutentbrannt davon.
Ich höre den Punschverkäufer noch irgendetwas von „da sind drei Euro Pfand für die Tasse“ hinterherrufen, ignoriere ihn aber gekonnt.
Immer mehr Menschen tummeln sich rund um die kleinen Holzhütten, die außer überteuertem Alkoholika allerhand anderen Scheißdreck verkaufen. Angefangen von lächerlich aussehenden Bummelmützen, die höchstwahrscheinlich Made in Bangladesch sind über ungarischen Baumkuchen, Murmeltiersalbe, Filzpatscherl aus Polyester oder Räuchermischungen für den energetischen Hausputz – das who is who des Christkindglumperts gibt sich ein Stell dich ein.
Direkt neben dem Weihrauchstand verkauft einer Schnaps. Da fühl ich mich erstmal gut aufgehoben, zum Ersten rennen hier keine hyperaktiven Kleinkinder herum, zum Zweiten will der Typ hinterm Tresen keinen Einsatz für das Shotglas haben und es riecht erstaunlicherweise gar nicht nach Schnapsleichen sondern nach Kirchenorgel.
Ach ja der Räucherheini da drüben.
Nachdem ich mich von A wie Anika- bis E- wie Enzianshot durchgearbeitet habe fallen die ersten Schneeflocken vom Himmel, zeitgleich brummt aus den Boxen über mir „Last Christmas“ um mich schlagartig zu angenehmisieren und in eine debil-nostalgische-Weihnachtsneurotikerin zu verwandeln. Alles was ich noch will ist Weihrauch, Gold und Myhrre. …
„But the very next day you give it away….“
Und noch einen Enzian, bitte.
„I´ll give it to someone special..yeahhhhahhhhaaaa“
Immer dichter wird der Schneefall, genauso wie meine überaus reizende Wenigkeit – als ich schließlich bei Z wie Zirbe ankomme, macht sich ein dezenter Verlust der deutschen Muttersprache bemerkbar.
„Iwillsahln bittschön“, lalle ich über die Theke, an der ich mich mit beiden Händen abstütze um nicht umzufallen. Wie hübsch der Kellner doch plötzlich geworden ist, denk ich mir. Die rote Mütze steht ihm wirklich gut, sie harmoniert mit dem weißen Vollbart und dem dazu passenden Overall. Er erinnert mich an irgendjemand, wen ich bloß wüsste an wen.
„Ho ho ho, Fräulein. Na, bist du immer schön artig gewesen?“, will er von mir wissen. Mir dämmert es langsam, wer er ist. Mit Sicherheit nicht der mit den Spirituosen, der hatte doch gar keinen Vollbart. Naja, zumindest will der auch kein Geld von mir – ist eh praktisch, weil ich gar keins hab.
Ich frag den Weihnachtsmann ob er mir n Hunderter leihen kann, er fragt ob ich ihn einen blase. Das Kind auf seinem Schoß fragt blasen heißt, ihre Mama sage das oft zu Onkel Ferdinand.
Onkel Ferdinand reißt die Kleine aus Santa Claus Armen, stapft mit ihr davon.
Mir wird das alles zu verwirrend hier, nichts wie ab durch die Mitte. Erst als ich wieder an dem Räucherstand ankomme, beruhige ich mich ein wenig. Schließlich weiß ich dass es in der Nähe Hochprozentiges von A bis Z gibt.
Aber erstmal begutachte ich das Sortiment an getrockneten Pflanzen das vor mir liegt – fein säuberlich sortiert und in kleine Plastikbeutel abgepackt, fühl ich mich fast wie beim Dealer meines Vertrauens. Geschätzt hundert verschiedene Päckchen bietet der gesetzte alte Kerl zum Verkauf an.
„Kamma s rauchn a, Chef?“, will ich wissen?
Meine Alkoholfahne dürfte ausreichen um ihn innerhalb von Sekunden auf ein ähnliches Level zu befördern. Grinsend, mit schief gelegten Kopf und hochgezogener Augenbraue überzeugt er mich von der Sinnhaftigkeit des uralten Brauchs, seine Räume in Raunächten auszuräuchern um somit negative Energien zu vertreiben. Alles was man dazu bräuchte wäre etwas Kohle, Sand, Weihrauch und- je nachdem welchen Effekt man erzielen möchte- das passende Kraut.
Ich entscheide mich für ein Zeug namens „Iriswurzel“, deren Beschreibung verspricht, seelische Blockaden zu lösen und das andere Geschlecht magisch anzuziehen. Klingt wie Kokain, isses aber nicht.
„Kohle, Sand, Gefäß, Iriswurzel – das macht dann dreiundfünfzig Euro und zwanzig Cent, Fräulein.“
Ich frage ob ich auch mit Karte zahlen kann, er bejaht.
Leider akzeptiert er keine Billa-Karte als Bargeldersatz….

Rape Game – Frohe Weihnachten

Der Schneefall ist dichter geworden, riesige Flocken tanzen über dem Weihnachtsmarkt und zaubern die perfekte Kulisse für die angeblich stillste Zeit im Jahr. Unzählige Menschen laufen an mir vorbei, doch ich  bleibe voller Konzentration einzig und alleine an ihm hängen.

Aus der Menge herausstechend,  strahlt eine nie zuvor erlebte Souveränität von ihm aus, als er sich zur Seite dreht und mir direkt in die Augen sieht.

Kann seinem Blick nicht standhalten, senke den Kopf , spüre dass er in meine Richtung kommt. Adrenalin schießt durch den unterkühlten Körper, den auch der dritte Glühwein nicht aufzuwärmen vermag. Ich sehe direkt in seine schwarzen Augen, die mich ausgiebig mustern, unablässig und provokant.

„Was wollen wir trinken?“ Lässig stemmt er seine Arme gegen die Hüften, streicht sich eine Haarsträhne aus dem makellosen Gesicht.

Als ob mich ein Stromschlag durchfährt, ein kleines Detail seiner Aura lässt mich erst frösteln, kurz darauf bewegungsunfähig werden.

Verdammt noch mal, was hat er mit mir angestellt?

Und wie war noch mal die Frage?

Provokantes Grinsen gepaart mit seinem stechenden Blick- ganz schnell hab ich mich gefangen,  wieder zurück steige ich auf das eben begonnene Spiel ein.

„Also mir würde auch noch was anderes einfallen, als mit dir zu trinken“,kaum habe ich den Satz ausgesprochen nimmt er mich an der Hand und zieht mich hinaus auf die Straße.

Aufgeregt wie ein kleines Kind am Krampustag  lasse ich mich mitreißen, wir laufen durch die Stadt, immer weiter weg vom menschenmassenverseuchten Zentrum. Am Ende einer düster wirkenden Gasse, deren einzige Lichtquelle der hoch stehende Vollmond ist, umfasst der Fremde meine Taille und zieht mich an sich.  Sandelholz, Kaffee und Zimt bestimmen seinen Geruch, sein Parfum  macht mich völlig verrückt, nur eine Sekunde später spüre ich seine Lippen auf meinen, ins unendlich steigernde Verlangen macht sich in mir breit.

„Du schmeckst genauso gut, wie du riechst“, bemerkt er mit einem strahlenden Lächeln, dass ich sofort erwidere.

„Komisch, dasselbe hab ich mir auch gerade gedacht.“

„Ich bin übrigens Sascha“, zärtlich streicht er über meine Wange als er sich endlich vorstellt.

„Freut mich sehr, Sascha“, ich küsse ihn wieder, bin so vertieft dass ich die Schritte die immer näher kommen, erst im letzten Moment höre.

Plötzlich lässt ervon mir ab und beginnt diabolisch zu lachen. Ich habe keine Ahnung was geschieht als ich drei Männer auf uns zukommen sehe. Fragend sehe ich ihn an, ehe er mich an den Haaren packt und daran zerrt, er hält mich fest während die anderen Typen vor mir zu stehen kommen.

„Na, wen haben wir denn da?“ Ein schlanker Hüne, vermutlich nicht älter als zwanzig zieht mich mit seinen Blicken aus. Er bleibt einige Zentimeter vor mir stehen und packt mich mit einer Hand am Hals, während er mit der anderen unter meinen Rock fasst.

Vor Angst gelähmt  und dennoch kann ich die Erregung, die sich in mir breit macht nicht leugnen. Auch dem Unbekannten bleibt sie nicht verborgen, tastet sich vorsichtig unter meinen Slip vor.

„Die kleine Hure ist ja völlig feucht. Wie lang hast mit der schon rumgemacht, Sascha?“

Alle vier brechen in schallendes Gelächter aus. Ich habe keine Ahnung was hier geschieht, als ich auch noch die Hände der anderen spüre, die sich ihren Weg unter meinen Pullover bahnen.

„Keine fünf Minuten, die braucht es  scheinbar schon dringend. Los bringen wir sie runter“, gehässig spottet er,  hält immer noch meine Haare fest und schiebt mir seine Hand in den Mund. Einer der vier, ein südländisch wirkender, stämmiger Typ kramt einen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnet eine Türe, die fünf Schritte von uns entfernt liegt.

„Los Prinzessin.“

Mit einigen lose von der Decke hängenden Glühbirnen erstreckt sich der Gang vor uns, aus blankem Beton der Boden auf dem das Trippeln meiner Absätze wie ein gespenstischer Trommelwirbel wirkt. Am Ende des Flurs befindet sich eine Holztür, die mit einem lauten Knarren aufgemacht wird.

Ich drehe mich um zu sehen ob eine Möglichkeit zur Flucht besteht, doch Sascha kann meine Gedanken lesen und scheuert mir eine.

„Nur nicht auf dumme Ideen kommen, Schätzchen“, wieder zieht er mich an sich,  küsst leidenschaftlich den Hals, ehe ich von ihm durch die Tür geschoben werde, die Sekunden später ins Schloss fällt.