#fünfhundertachtundzwanzig

Erst als ich in einiger Entfernung das Starten seines Motors höre, drehe ich mich um und überlege wie ich am schnellsten aus der Nummer raus komme. Es ist inzwischen stockdunkel, auch der Vollmond reicht nicht aus um die Schwärze der Umgebung aufzuhellen.
Nicht dass es mich schockieren würde, wie ein lästig gewordenes Haustier ausgesetzt zu werden – ehrlich gesagt wundert es mich, wieso das nicht schon viel früher passiert ist. Was mich dennoch überrascht ist das WIE. Ich hätte eher damit gerechnet als Kind ausgewildert zu werden, nicht als tageslichttaugliches Bumshäschen mit äußerst bemerkenswerten Fellatio-Fähigkeiten. Und schon gar nicht mit eingesauten Klamotten. Damit kann ich sicher nicht flüchten, ohne unangenehm aufzufallen.
So eine verfluchte Scheiße, was tu ich denn jetzt?
Erstmal schreie ich den Baum an, trete dagegen und winsle vor Schmerz laut auf, als der Knochen meines Zehs knackend mit dem Stamm kollidiert. Seit wann ist Birke ein Hartholz, verschissene Scheiß Arschficker Natur – zubetoniert gehört sie. Ich beende meine Schimpftirade erst, als mir meine private Unfallversicherung einfällt – die zahlen fünfhundertachtunzwanzig Euro pro gebrochenen Knochen. Es tut zwar immer noch scheiße weh, aber die Aussicht aufs Schmerzensgeld dämpft zumindest meinen Impuls die Botanik weiterhin anzuschreien.
Ich überlege, ob ich nicht nochmal dagegentreten sollte – eintausendsechsundfünfzig Euro sind schließlich besser als fünfhundertachtundzwanzig. Bin mir aber nicht ganz sicher, ob die Generali pro Knochen, oder pro Vorfall bezahlt, Instinktiv suche ich nach meinem Handy, um die Versicherungspolizze zu checken. Doch der Griff auf die Hüfte verläuft im Sande – da ist weder eine Handtasche noch ein Telefon. So ein gottverdammter Mistkerl, brabble ich vor mich hin. Plötzlich lässt mich ein Knacken im Unterholz aufschrecken. Bitte lieber Gott mach dass es kein Wildschwein ist. Ich kauere mich auf den Boden, lausche aufmerksam ins schwarze Nichts hinein.
Es knackt noch mal, bitte lieber Gott mach dass es der Prinz auf dem weißen Pferd ist, der mich sucht und mit in sein Schloss nimmt.
„Wenn der eine ausgesetzte, hinkende,nackte Irre mit vollgepinkelten Klamotten mit zu sich nimmt, hat das sicher seine Gründe. Vermutlich illegaler Organhandel – da hofft man auf Mister Right und erwacht stattdessen in einer Badewanne voller Eiswürfel und einer riesigen Narbe“, redet mir eine der Stimmen im Kopf zu. Wieso kann mich diese Arschlochstimme nicht mal ermutigen?
Das Knacken kommt näher, meine Nerven liegen blank, Adrenalin flutet die Blutbahn. Kämpfen oder Fliehen? Wie von einer Tarantel gestochen springe ich auf die Birke. Versuche an ihr hoch zu klettern. Stattdessen rutsche ich ab, und verletze mein Schmuckkästchen an einem abstehenden Stück Rinde. Ob die Unfallversicherung auch für abgerissene Schamlippen zahlt?
Klatsche unsanft auf den Boden, danke Gott dass mir dabei nicht noch ein Tannenzapfen im Arsch stecken bleibt. Dann Totenstille.
Ich kralle mir einen herumliegenden Stock – wenn ich schon nicht flüchten kann, werd ich halt kämpfen. Denselben Gedanken dürfte der vorbeispringende Hase haben, als er zwei Haken schlägt und wieder verschwindet. Super Heldengeschichte – genitale Verstümmelung wegen Osterhasenphobie. Ich hab mehr Neurosen, als andere Frauen Schuhe im Schrank.
Langsam finde ich mich mit meinem Schicksal ab, da höre ich das vertraute Motorengeräusch und das Quietschen seiner Bremsen in der Ferne. Abrupt unterbrochen durch lautes Pfauchen neben meinem lädierten Fuß – wo zum Teufel kommt der Marder her?
Lieber Gott bitte mach, dass er nicht tollwütig ist.