Lighthouse Family

Als die Umrisse der Stadt im Rückspiegel verschwinden, tauchen diese merkwürdigen Gestalten am Straßenrand auf. Irgendwo hab ich die beiden schon mal gesehen, wenn ich mich bloß erinnern könnte wo. Er trägt ein kariertes Flanellhemd. Sein drei-Tage Bart wirkt reinrassig-heterosexuell, genauso wie die schulterlangen blonden Haare die er sich lässig aus dem Gesicht streicht, bevor er den Daumen zur Fahrbahn rausstreckt um den Wagen vor mir zu stoppen.
Seine Begleiterin hält ein Schild auf dem „Rehab“ geschrieben steht in die Luft, der Mercedes hält nicht an. Während meine Vernunft noch „No No No“ stammelt, kitzelt mich die Neugierde, ich stoppe und frage wo´s hingehen soll.
„Wir wollen ans Meer, kannst du uns dort hinbringen?“
Die beiden sehen nicht wie Triebtäter aus, viel eher wie abgefuckte Junkies. In der stillen Hoffnung, sie könnten noch Stoff eingesteckt haben, öffne ich die Beifahrertür.
Was sie denn dort machen wollen, frage ich die bleichgesichtige Neo-Beifahrerin als ich Kurs auf die Autobahn aufnehme. Sie zögert still, sucht im Rückspiegel verstohlen nach Augenkontakt mit ihrem Begleiter.
Kurt übernimmt das Reden für Prinzessin Antwortscheu:
„Wir wollen erst nach Whitney suchen, um dann gemeinsam nach Hause zu gehen.“
Jetzt weiß ich so viel wie vorhin.
„Die haben sie in Lampedusa aufgegriffen, man dachten sie sei eine illegale Einwanderin“, ergänzt Amy, deren Augenaufschlag wie der einer Christiane F. am Höhepunkt ihrer einzigen Karriere gleicht.
„Dabei wollte sie nur mit jemand tanzen“, Kurts Tonfall wird theatralisch, genauso wie Amys hektische Suche nach dem Spritzbesteck.
Ob sie sich denn einen Schuss setzten könnte, will sie wissen. Ich sage Hauptsache du rauchst hier nicht. Passiv Fixen ist halb so tragisch, Kurt schüttelt den Kopf, ehe er sie anschreit:
„Hör auf alles weg zu ballern, wir wollten gemeinsam abtreten!“
Genervt rollt sie ihre Augen, packt das kleine Tütchen wieder zurück in ihre Tasche: „wie lange dauert es noch bis zum Meer?“
Ich frage sie, ob ich wie Google mops aussehe, diese Unterhaltung wär so sinnvoll wie ein vasektomierter Samenspender.
„Ich bin doch kein Smartloch“, trällert sie mir entgegen
„Nein, aber saufen tust wie eins“, raunt es von der Rückbank.
Die Lage wird angespannt, ich halte an der ersten Raststätte hinter der Grenze. Unterzuckerte Junkies sind wie Dschihadisten auf Crackentzug – unberechenbar und brandgefährlich. Snickers sagt du bist nicht du, wenn du hungrig bist.
Wir stabilisieren sowohl den Blutzucker- als auch den Alkoholspiegel, außerdem findet Amy ihre verschollene Freundin Whitney am Klo der Raststätte .Dort findet man Junkies immer, erklärt mir Kurt. Lieber Toilette als Lampedusa, lallt die afroamerikanische Tussi ausm WC.
Die Stimmung ist zurück ausm Keller, Whitney zurück ausm Klo, wir zurück auf der Autobahn, im Radio läuft Nirvana. Kurt grinst.
„Grado oder Triest?“, will Whitney wissen.
„Am liebsten nach Tel Aviv, aber zur Not tuts auch Lignano.“
Kurts Antwort klingt wie ein Werbeslogan der oberitalienischen Tourismusindustrie. Er bemerkt meinen verwirrten Gesichtsausdruck, noch bevor ich ihn frage was er und seine substanzgeschädigte Entourage namens Winehouse und Houston eigentlich vorhätten.

Mister Cobain meint, bisschen Drogen, bisschen Meer, bisschen Suizid. Club 37 plus ist das neue Club 27. Amy schluchzt. Nein, sie könne in keiner Welt leben, in der Israel den Songcontest gewinnt.
Whitney stimmt ihr zu.
Was ich auf dem Selbstmordausflug zu suchen hätte, fragt sie mich. Am Horizont die erste Ahnung auf Meer.