#15

#15
Fünfzehn Menschenleben hat der Drogenkrieg in diesem Jahr bereits gefordert – in einem der schönsten und reichsten Länder der Welt. Ein neuer Highscore in der Geschichte Kärntens, nichts womit man sich rühmen kann. Fassungslosigkeit und gegenseitige Schuldzuweisungen bringen keins der Opfer wieder zurück. Genauso wenig wie der Ruf nach härteren Strafen und eine Aufstockung der Exekutive, wenn zeitgleich die Drogenberatungsstellen aus allen Nähten platzen oder eine Fortführung von Therapieeinrichtungen aus finanziellen oder parteipolitischen Gründen scheitert.
Ebenso subintelligent erscheint mir die Forderung Cannabis zu kriminalisieren, wer immer noch daran glaubt, man könne durch Verbote etwas bewirken, dem sei die Alkoholprohbition der USA in den 30er Jahren ins Gedächtnis gerufen – nie zuvor wurde so hemmungslos gesoffen wie in der Zeit des Verbotes.
Vor allem auch, weil der Stoff so hart wie möglich sein musste, um ihn unauffällig zu schmuggeln. Schließlich braucht eine Kiste Bier viel mehr Platz als eine Flasche Hochprozentiges. Je illegaler die Substanz, desto konzentrierter der Wirkstoffgehalt um sie lukrativ und effektiv von A nach B zu schaffen. Je härter das Material desto höher das Abhängigkeitspotential.
Damals wie heute.
Wie die Geschichte damals ausging, dürfte hinreichend bekannt sein – die Prohibition scheiterte kläglich. Viele der einstigen Befürworter mussten sich geschlagen geben und gelangten zu der Einsicht, dass Illegalität kein Garant für die Beseitigung eines Problems ist – allenfalls zu dessen Verlagerung in einen rechtsfreien Raum ist.
Allerdings wussten die Amerikaner nicht, wohin mit all den Beamten, die bis zur neuerlichen Legalisierung nur für die Überwachung des Verbotes zuständig waren. Dank eines gewissen Harry Anslinger´s , der zu der Zeit die Leitung des Federal Bureau of Narcotics überhatte, schuf man sich mit dessen Hilfe rasch ein neues Feindbild – und somit eine Aufgabe für die überflüssig gewordenen Alkohol-Jäger – der „War on drugs“ war geboren. Anslinger begann nun Öffentlichkeitskampagnen gegen die von ihm abgelehnten Drogen zu führen. Er argumentierte hier jedoch nicht nur mit gesundheitlichen Aspekten, sondern band auch Vorurteile ein. So wurde Schwarzen, Mexikanern und andere Minderheiten, denen der Großteil des Konsums zugeschrieben wurde, unterstellt im Rausch weiße Frauen zu vergewaltigen.
Anslinger schaffte es tatsächlich einen bis heute andauernden Drogenkrieg anzuzetteln, der sich nicht nur auf die Staaten beschränkte. Als sich Mexiko weigerte, Cannabis zu kriminalisieren, drohten die Staaten damit, keine Medikamente mehr ins Land liefern zu lassen Wie so vieler anderer Schwachsinn schwappte die Welle auch nach Europa über – wenn auch nicht Widerstandslos..
Durch Harry Anslingers Beorderung in die UN-Drogenkommission 1947 wurde das weltweite Verbot des Cannabisanbaus forciert, welches schließlich in Form des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel 1961 festgeschrieben wurde. Dieser völkerrechtliche Vertrag ist weiterhin gültig und verbietet diverse Drogen. 1970 zog sich Anslinger aus der Öffentlichkeit zurück.

Dreißig Jahre später. Irgendwo in Kärnten.
Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben, eigentlich mag sie es nicht in solchen Kreisen zu verkehren, aber die einzige Möglichkeit um an Gras zu kommen, ist diese desolate Wohnung mit dem zwielichtigen Gestalten, von denen sie keinen alleine in der Nacht begegnen möchte. Aber noch weniger will sie sich das Kiffen verbieten lassen, es ist das einzige was ihr gegen die Hyperaktivität hilft.
Heute habe er leider nichts mehr zu rauchen, aber es gäbe da noch was anderes um sie zu entspannen. Und tatsächlich – sie ist plötzlich gechilled.
Genauso wie der suchtkranke Dealer, der das zeitliche noch vor ihr segnen soll. Weil er es nicht mehr aushält, die Stigmatisierung, die ständige Geldbeschaffung, all der krank machende Dreck im Gift, das permanente Katz und Maus Spiel mit der Polizei, all die Vorwürfe an allem selbst Schuld zu sein, die soziale Ausgrenzung. Er träumt von der Schweiz, da würden sie den Menschen helfen. Dort bekäme er seine Medizin, er müsste nicht mehr dealen und hätte keine Angst mehr vor Streckmitteln. Einem Suchtkranken Menschen mit der kontrollierten Abgabe der Droge zu helfen, müsste so selbverständlich sein, wie einem Diabetiker Insulin zu spritzen.
Unterm Strich ist der eine nicht schwächer als der andere.
Auch wenn die Überlebensrate eines Junkies hinterher hinkt.
An einem verregneten Herbstmorgen träumt er ein letztes Mal von einem normalen Leben bei den Eidgenossen, bevor er auf die Brüstung des Balkons klettert und die Augen schließt.
#Nr.16

Bitte geh nicht weg

Ich bin süchtig nach DIR, weil DU alles spannender machst. Weil ich mitten in der Nacht auf einen Berg fahre, um den Sternen näher zu sein.

Ich bin süchtig nach dir, weil ich ohne dich nicht sein kann. Nicht die, die ich gerne wäre.

Ich will immer mehr von dir, als würde das gegen die Angst helfen. Die Angst dich zu verlieren. Die Angst mich in dir zu verlieren. Die Angst nicht zu genügen. Die Angst, dass niemand für mich da ist.

Ich bin süchtig nach dir, weil du Regie bei all den unvergesslichen Erinnerungen geführt hast.

DU steuerst nicht nur mein Fühlen – nein auch meinen Verstand. Wie eine Zecke setzt DU DICH in mir fest. Sämtliche Kontrollinstanzen außer Betrieb – ICH BRAUCH DICH WIE DIE LUFT ZUM ATMEN.

Ich würde alles dafür tun, dich ständig in meiner Nähe zu wissen. Unendlicher Vorrat Unantastbarkeit. Als hätte man den Knopf zum Herz- Abschalten gefunden. Maß- und skrupellos verliere ich den letzten Rest Menschlichkeit; ständig suchend nach dem, der mir Vollkommenheit lehrt.

Und plötzlich ist da etwas. Auf einmal bist DU da.

Wie eine undurchdringbare Barriere, die meinen Körper benetzt, nichts kommt mir zu nahe.

Alles was ich will bist DU. Die höchste aller Instanzen, der Ursprung aller Extreme, Treibstoff fürs Ego und die Motivation.

Gib mir mehr davon.

Nur ein bisschen mehr.

Ich schwöre dir die ewige Treue – nichts und niemand wird mir jemals wieder so viel bedeuten wie DU.

Du bist das Zentrum meines Handelns, die Grundlage meiner Existenz – auch wenn DU mich langsam aber sicher zerstörst und in den Wahnsinn treibst.

Zerfressen von der unstillbaren Gier nach immer mehr – ich werde alles für DICH sein.

Solange DU mich nicht alleine lässt. Ich flehe DICH an – bitte geh nicht weg.

Eiskalter Schweiß benetzt meinen zitternden Körper. Immer flacher die Atmung, ich frage mich, ob mein Brustkorb explodiert. Gefühlte 220 beats per Minute feuert der darunter liegende Muskel, nur um zu zeigen, was noch geht.

Challenge accepted.

Aber ohne DICH werd ich nicht gehen. Niemals.

Ich bin süchtig nach dir. 
 

 

188 bpm

Als ich die Augen wieder öffne, blicke ich in zwei besorgt dreinschauende Gesichter, die mir beide irgendwie bekannt vorkommen. Es liegt mir auf der Zunge, und doch weiß ich nicht so recht wer diese Gestalten sind.

„Maja, ist alles in Ordnung?“

Was will der von mir? Ich liege auf dem verdreckten Asphalt, höre die Sirenen immer näher kommen und hab keinen Plan was das alles soll.

„Du bist gestürzt, der Krankenwagen ist gleich hier“, als ob mich die Erklärungsversuche beruhigen könnten. Außerdem, wieso hingefallen? Ich dachte ich bekomme einen Herzinfarkt. Großartig.

Noch bevor ich mich drüber aufregen kann, ist wieder alles finster.

Wahnsinnige Träume geistern durch den ramponierten Kopf, ich bin auf der Flucht, doch schaffe es einfach nicht ihn abzuhängen. Der Abstand zwischen uns wird kleiner, traue mich nicht umzudrehen und ihn anzusehen, da ich ohnehin weiß wer es ist. Er wird nicht locker lassen, bis er mich zur Strecke gebracht hat und ich endgültig den Verstand verloren habe. Seine Schritte werden lauter, beinahe kann ich seinen Atem schon im Nacken spüren, als ich mit einem Mal erwache und mich aufrichte.

„Scheiße, wo bin ich hier?“

Erschreckt zuckt eine kleine Blondine in weißen Klamotten zusammen, als ich den ersten Brüller des Tages vom Stapel lasse.

„Sie sind im Krankenhaus, sie hatten einen Unfall. Der Arzt ist jeden Moment hier.“
Abgesehen von den Shorts, bin ich völlig nackt. An meinem Oberkörper haben sie Saugnäpfe angebracht, neben mir ein Monitor, in der Armbeuge steckt eine Nadel, durch die die Infusion tröpfelt.

Die zu tote strapazierte Phrase vom bösen Erwachen erreicht auf einmal nie geahnte Dimensionen. Fuck, was zum Teufel ist denn passiert?

Kalter Schweiß sammelt sich in einer kleinen Falte, dort wo der Hals aufhört und die Schultern anfangen. Mein Fokus dreht sich immer schneller um die eigene Achse, der Puls scheint auf dem besten Wege mein Herz zu zerbomben. Ununterbrochen denke ich nur an eine einzige Sache: „Du kannst jetzt nicht sterben.“

Wie ein unsichtbarer Schleier legt sich nackte Angst um mich herum, verheddert sich weil ich nicht damit aufhöre dagegen anzukämpfen, raubt mir den Atem.

Verfluchtes Herz hat den Kopf geschrottet. Aber diesmal so richtig. Belangloser Dach- oder rauschgiftbedingter Kollateralschaden?

Wen interessiert’s.

Bitte liebes Gehirn, halt einfach mal die Fresse.

Jetzt, wär super.

Von einer Sekunde auf die andere kommen die Wände des Krankenzimmers immer näher, langsam doch spürbar weicht der ganze Sauerstoff aus dem Raum, mein Brustkorb hebt und senkt sich als ob ich eben die Ziellinie des Ironmans überquert hätte.

Das Blondchen steht auf einmal neben mir und hält meine Hand.

„Es ist alles gut, sie sind in guten Händen. Hier kann Ihnen nichts mehr passieren.“

Sie dreht an der Schraube des Tropfs und tatsächlich beruhige ich mich, als der Arzt vor mir auftaucht:

„Na, da ist ja jemand wieder zu sich gekommen. Guten Tag.“

Ein hochgewachsenes Oberschnucki mit schwarzen Haaren und hellblauen Augen steht vor meiner Pritsche und schüttelt mir die Hand. Wäre ich nicht mit meiner Panik beschäftigt, könnte ich glatt auf böse Gedanken kommen.

„Hallo. Hab ich eine Herzattacke?“

Er mustert den Monitor und das Klemmbrett dass er in der Hand hält für einen Augenblick und setzt sich dann auf einen der Stühle.

„Sie haben eine Gehirnerschütterung, keinen Infarkt. Ihr Herzschlag ist viel zu hoch. Haben Sie irgendwelche Drogen genommen?“

„Ja.“

„Welche?“

„Alle.“

Mehr bringe ich nicht heraus, Tränen laufen mir über die Wangen. Warum bin ich so unendlich bescheuert?

„Wir warten die Laborergebnisse noch ab, ich komme dann wieder und möchte Sie diese Nacht zur Beobachtung hier lassen.“

Nicke stumm, vergrabe mein Gesicht unter den Händen. Ich hasse es vor anderen Menschen zu weinen.

Als er wiederkommt, bin ich gefasst, die Tatsache dass sich so viele Menschen hier um mich kümmern lässt die Angst weniger werden.

„Sie sollten einen Gang zurück schalten. Haben Sie schon mal daran gedacht einen Entzug zu machen? Wir haben eine ausgezeichnete Stadion im Haus.“

„Nein, danke. Ich schaff das auch alleine.“

„Sie sind auf beinahe alle Substanzen positiv getestet worden. Ich glaube, Sie machen sich was vor.“
Seine Miene wird ernst, als er sich die Ergebnisse nochmal durchblättert.

„Hören Sie, ich war schon mal in der Psychiatrie. Und danach war ich noch irrer als davor. Alles was ich will, ist die Bestätigung, dass ich heute Nacht nicht sterben muss.“

„Diese Garantie kann ich niemand geben. Tut mir leid. Überlegen Sie sich in Ruhe wie es weitergehen soll. Das ist eine Entscheidung, die sie nicht von heute auf morgen treffen können, sowas muss gut vorbereitet werden.“
Versuche mich zusammenzureißen, doch es hilft nichts. Als er wieder geht schluchze ich wie ein kleines Kind; das darf doch alles nicht wahr sein.