Standbild auf Wolke 7

Seine Augen mustern mich erwartungsvoll. Vorsichtig streicht er eine Haarsträhne aus meinem Gesicht, für einen kurzen Augenblick scheint die Zeit still zu stehen. Er strahlt heller als alle Sterne zusammen, unsere Blicke kreuzen sich. Ich bin geblendet von ihm, verliere mich in diesem Lächeln.

Verliere mich in ihm.

Fassungslos winke ich dem letzten Rest an Selbstbeherrschung hinterher. Wusste gar nicht wie schnell die verschwinden kann, wenn es darauf ankommt.

Fast so rasant, wie das Shirt, ist auch meine Contenance entwischt. Vorsichtig aber sehr bestimmt zieht er es über meinen Kopf, er wirkt zufrieden, als ich nackt vor ihm knie.

Stolpernder Herzschlag schießt mich immer weiter nach oben, ganz egal wie dünn die Luft dort ist. Je höher der Flug, desto tiefer der Fall?

Vorausgesetzt, man möchte jemals wieder von dort runter kommen….

 

 

 

Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blind Date für Fortgeschrittene

Jeder Schritt schmerzt, aber ich würde mir eher die Schneidezähne schwarz anmalen, als mit  Krücken bei ihm aufzutauchen. Raubtiere lassen sich Wunden niemals anmerken, lieber nicht-schwarz- angemalte Zähne zusammen beißen als verletzlich erscheinen. Das könnte Kopf und Kragen kosten.

Vom Gin betäubt  gelingt es, unhumpelnd über die Treppe nach oben zu gelangen. Elegant geht trotzdem anders.

Alex grinst belustigt.

„Lachst wohl gerne über Behinderte?“

Gespielt entrüstet angle ich mir seinem Drink.

„Eigentlich lache ich wegen deiner Eitelkeit.“

„Sagt der Kerl im rosaroten String Tanga. Wieso steht auf deiner Unterhose eigentlich Olaf? Klaust du die Dinger?“

„Sicher sind die gestohlen. Irgendwo muss man schließlich sparen.“

Mister Minislip holt eine Flasche Champagner aus der Küche während ich mich ausziehe und in die Sonne lege, die für diese Jahreszeit ganz schön heftig vom Himmel knallt.

Er fragt, ob ich hungrig sei. Ich schiebe seinen rosa String zur Seite- und den dahinter versteckten Schwanz in meinen Mund.

Aber eigentlich ist das nichts zum Essen.

Öffne die Augen und bemerke beim Blick nach oben die Überraschung in seinem Gesicht.

Sekunden später kippt mir die Kinnlade nach unten, der kleine Prinz namens Olaf rutscht mir durch die Lippen nach draußen:

„Sag mal Olaf, ist das ein Schneeadler hinter dir“

Mit der Coolness eines James Dean zündet Alex sich eine Zigarre an, dreht sich um und lässt dicke Rauchschwaden in den dämmernden Himmel steigen, während seine Erektion punktgenau auf den Grund meiner Verwirrung zeigt.

„Guten Morgen Schuhu!“

Unbeeindruckt  springt der Riesenvogel hinter eine Mauer, verschwindet genauso schnell aus meinem Blickfeld, wie er gekommen war. Ist das ein Flashback oder hab ich heute versehentlich halluzinogene Substanzen konsumiert?

Vermutlich ist es die Höhenluft im Burgenland, die meinem Verstand einen Streich spielt.

„Ich sollte wirklich aufhören zu trinken.“

Starre regungslos über die Hecke, als plötzlich was Rosafarbenes an mir vorbeifliegt und in meinem Glas landet.

Jetzt schießt der Verrückte auch noch Tangas durch die Gegend. Alex lehnt sich paffend an die Mauer, ich fische das Wurfgeschoss aus meinem Champagner und ziele damit auf ihn.

„Du wirfst wie ein Mädchen“ , tiefenentspannt weicht der nackte Kerl seiner vorbeifliegenden Unterwäsche aus, die Sekunden später gegen die vergitterte Wand des Nachbargebäudes knallt, hinter der auf einmal wieder der weiße Vogel auftaucht.

Ich hätte die Psychopharmaka wohl doch nicht so abrupt absetzen dürfen.

„Sieht man für normal bei einem Delirium nicht weiße Mäuse?“

Alex spielt mit seinem Schwanz:

„Nagetiere sind was für Amateure, Schätzchen. Schneeeulen sind der Rolls Royce unter den entzugsbedingten Albino Halluzinationen“

„Du musst es ja wissen. Immerhin hast du bereits maturiert, als Hitler einmarschiert ist.“

Keine drei Sekunden später werde ich recht unsanft auf den Holztisch gedrückt.

„Du bist ziemlich frech für eine behinderte Irre“

Sein wachgerubbelter Ständer steckt schneller in mir, als ich „scheiße-ist-das-geil“ sagen kann, taktgenau fickt er mich in die Sprachlosigkeit.  Ächze benommen in seine Hand, die er mir auf den Mund drückt. Um seinem Griff zu entwischen, drehe ich den Kopf zur Seite, als ich schlagartig bemerke, dass wir beobachtet werden.

Meine Erregungskurve sackt entschlossener in den Keller als Josef Fritzl vor seiner Inhaftierung. Es fühlt sich pervers an von einem voyeuristischen Uhu beim Ficken beobachtet zu werden. Sogar in meiner Welt.

Alex entgeht mein Unbehagen keineswegs, er nimmt mich an der Hand und zieht mich nach drinnen. Falle vor ihm auf die Knie, lecke über die Innenseiten seiner Oberschenkel. Langsam arbeite ich mich nach oben, lasse meine Zungenspitze über sein Allerheiligstes tanzen. Ich spüre das Zucken in seinen Oberschenkeln, unkontrolliert und in immer kürzer werdenden Abständen verrät es das nahende Zielfeuerwerk.

Die weiße Fontäne streift meine Wange, seinem erlöst klingendem Stoßseufzer folgt ein wütender Aufschrei von draußen. Im nächsten Moment klatscht etwas gegen eines der Fenster. Klingt nach nassem Fetzen. Ich tippe mal auf Olafs Tanga.

Verängstigt und vollgewichst klammere ich mich an ein Bein, immer lauter wird das Gebrüll jenseits der Terrassen Tür.

„Mach dir keine Sorgen, der Nachbar hat grad seine fünf Minuten.“

Alex löst sich aus meiner Umarmung  um die Türe einen Spalt weiter zu öffnen.

„Was will denn die Arschgeige jetzt schon wieder?“, genervt schiebt er sich nach draußen um die Lage zu sondieren. Sein Schwanz steht nach wie vor kerzengerade in die Höhe als er dem Schreihals über den Gartenzaun zuwinkt.

„Meine Verehrung Herr Nachbar. Warum so unentspannt?“

Versteckt hinter einem der Vorhänge belausche ich das Gespräch.

„Geh scheißen du Koffer.“

Der klingt ja wirklich nicht sehr ausgeglichen, wie der wohl aussieht. Versuche einen Blick auf den Schreihals zu werfen, ziehe den Vorhang zur Seite, doch alles was ich erkennen kann ist Alex ‘nackter Arsch, den er wackelnd über die Grenzmauer streckt.

„In deinen oder in meinen Garten?“

„Du tickst ja nicht ganz richtig, perverser Volltrottel du.“

Alex dreht dem Kerl wieder seine Vorderseite zu:

„Dafür pudert deine Alte so gern mit mir. Die mag das.“

„Ich bring dich um du Arschloch.“

Wütendes Geplärre wandelt sich in hysterisches Kreischen.

„Wünsche dir auch noch ein schönes Wochenende. Grüß die Frau Gattin schön von mir. Falls du sie mal treffen solltest.“

Als wäre nichts gewesen stolziert Alex zurück ins Haus, köpft die nächste Flasche Dom Perignon und nimmt neben mir am Fußboden Platz.

„Was zum Teufel war denn das?“

Fassungslos schüttle ich den Kopf.

„Der zuckt immer aus, wenn er meine Unterhosen auf seinem Grundstück findet.  Ich mach doch auch kein Theater wenn seine Frau ihre BHs hier liegen lässt.“´

„Kann ich was Stärkeres zu trinken haben Alex?“

„Aber sicher doch, Schätzchen. Hat dich der Trottel so erschreckt?“

„Nein, aber ich finde die Art von Blind Dates gehört anständig gefeiert.“