#Sandwich

Mit weit aufgerissenen Augen starrt die nette alte Dame in meine Richtung, ihr Bick scheint nach Hilfe zu schreien, noch bevor sie den Laut verbalisieren kann, steckt ein Plastikball zwischen ihren Lippen. Beim genauen Hinsehen, erkenne ich das Logo der AFD auf dem Knebel der winselnden Madame, deren Kurzhaarfrisur zur aktuellen Sturmwarnung passt. Wie zum Beweis, wuschelt der Kerl in rot nochmal durch ihre Federpracht, ehe er den Riemen über ihrem Hinterkopf so fest wie möglich zieht.
Er selbst steckt in einen knallroten Overall, seine Erscheinung strauchelt irgendwo zwischen Sheldon Cooper und Christian Kern, zum Glück sehe ich eh doppelt da muss ich mich wenigstens nicht entscheiden. Richtig schräg wird’s erst als Jair Bolosnaro mitten ins Geschehen platzt, den AFD Gag ball gegen eine Handgranate austauscht und höhnisch zu lachen beginnt, als er den Stift zieht.
So laut, dass ich schweißgebadet mitten in zerwühlten Laken aufschrecke, panikgebeutelt nach Luft japse und Gott anflehe nicht in Brasilien zu sein. Weder die Abwesenheit von Sambaklängen, noch die Tatsache immer noch kein spanisch zu sprechen, überzeugen mich von der Realität.
Vorsichtshalber rufe ich in Deutschland an. Frage nach, ob Angie gesprengt wurde. Aus DSGVO Gründen könne mir das niemand verraten, meint die Tussi am Ende der Leitung. Für was haben die dann ein Ordnungsamt? Verfluchte Hirnwichserei, danke fürs Gespräch und möge Sie der Blitz beim Scheißen treffen.
Ich atme zehnmal tief durch, bin dennoch so entspannt wie ein unkastriert- überzüchteter Rottweiler mit latent homosexuellen Tendenzen. Scheiß aufs Atmen, ich brauch was Stärkeres als Luft. Ob die DHL schon da war?
Zeitgleich mit dem halbsynthetisch-analgetischen Opioid, finde ich auch einen kleinen Schmierzettel in meinem Briefkasten.
„Leider warst du nicht zuhause. Melde dich. Liebe Grüße Benjamin.“ – auf dem einen Blatt Papier, inklusive einer Nummer die ich anrufen soll.
Das andere Stück ohne Wörter, dafür gekonnt gefaltet und mit braunem Pulver gefüllt. Seit wann liefert Benjamin Heroin zeitgleich mit Identitätsbekundungen auf zerrissenen Kassenzetteln? Wozu die Mühe? Wozu analog, wenn er doch mein Facebook, WhatsApp und Instagram kennt?
Ich beruhige mich erst, als die dritte Nase immer noch keinen Brechreiz auslöst – who the fuck ist Benjamin? Opiate sind so geil ohne Kotzen!
Mister L. ist nicht begeistert, als ich ihm von der analogen Nachricht erzähle, ganz im Gegenteil. Sein Gezicke nervt, ich lege auf bevor er sich beruhigt und einen triftigen Grund zum rumspinnen bemerkt. Doch noch ehe er mir Gelegenheit gibt, meinen Drogenkonsum abzustreiten, kann ich das Quietschen seiner Reifen hören, dicht gefolgt von einem dumpfen Knall vor dem Fenster.
Als ich nachsehe, was den Lärm verursacht hat, entdecke ich außer seinen knackigen Hintern, der soeben wieder in seiner Karre verschwindet, einen Beutel auf dem Fließen Boden. Der dürfte wohl Auslöser des Bumms gewesen sein, was zum Teufel ist das?
Als sein Auto in hörbarer Entfernung brummt, husche ich nach draußen um das Klatschdings zu inspizieren. Außen Müllsack, innen mein Kram – Unterhosen, Short, Tampons und ne Zahnbürste leuchten durch den durchsichtigen Plastikbeutel. Außen pfui, innen hui. Clever Mülltüte umhüllt Phillip Plein Shirt. Nobel geht die Welt zu Grunde.
Benjamin von vorn, Mr. L. von hinten.Sandwich hab ich mir irgendwie anders vorgestellt, ganz ohne Zettel und Dreckwäsche….

Rettet uns!

Keinen Plan, wo ich anfangen soll… Geschweige denn, wie ich das mache.

Nein, das ist kein Abschiedsbrief, chill mal…

Ich liebe dich. Euch. Durch die gemeinsame Zeit ist mir bewusst geworden, was Vollkommenheit bedeutet. Wunderschönes Gefühl neben dir aufzuwachen. Die Gewissheit, geliebt zu werden, jemand der meine Nähe einfordert und genießt – unbeschreiblich.

Auch wenn mir die Endlichkeit unserer Verbindung bewusst ist. Ich wünschte, dass es nicht so wäre – wider jeglicher Vernunft, gegen sämtliche Prophezeiungen ankämpfend habe ich dennoch den Glauben an UNS verloren.  Was denkst du jetzt?

Kopf hoch halten – Scheiße steht uns beiden bis zum Hals. Zwei Ertrinkende auf der Suche nach dem rettenden Ufer. Ziehen einander immer weiter nach unten.

Genieße den Untergang, weil ich deine Hand spüre. Paranoia vor dem Morgen – besser wir saufen gleich ab… Zwei Superstars sind einer zu viel – WIR sind undenkbar.

Vermutlich weißt du das längst.

Dein fragiles Ego fordert seinen Tribut – ich kann dich nicht halten.  Nicht mehr. ICH KANN NICHT MEHR.

Haben wir nicht beide ein behandlungswürdiges Defizit?

Borderliner feat. Narzisst. Wo bist du jetzt?

Ich kann dich nicht retten. Wer rettet mich?

Romantik war doch anders, oder?

Ich ficke nicht. Ich recherchiere.

Der Chefredakteurin gefällt´s, allerdings hat sie Bedenken wegen der Zensur. Sie wolle erst noch Rücksprache mit ihrem Anwalt halten und mir dann Bescheid geben.

Vor lauter Freude  vergesse ich  um ein Haar mich darüber aufzuregen, dass Arschlochkatze in meine Schuhe gepinkelt hat.

Allerdings hält die Euphorie nicht lange, eine halbe Stunde später meldet sich die Herausgeberin des Magazins noch mal bei mir. Der Jugendschutzbeauftragte halte die Darstellung sexueller Gewalt für problematisch, ob ich denn vielleicht einen anderen Text hätte. Ich spare mir die Frage, was der Jurist und sie von drogenverherrlichenden Gang Bang Storys halten, da ich  mir die Antwort insgeheim schon denken kann.

Soll ich jetzt etwa über Kuschelsex schreiben? Wie pervers ist das denn bitte? Wer tut so was Abartiges?

Ich durchforste meine Festplatte nach einem passenderen Beitrag, werde natürlich nicht fündig und suche anschließend in meinen Kontakten nach jemand der mich rein zu Recherchezwecken durchvögelt.

Da die meisten die infrage kommen würden, die üble Angewohnheit haben, äußerst anhänglich zu werden, schiebe ich den Gedanken wieder beiseite und beschließe was gegen den bestialischen Gestank meiner Manolo Blahniks  zu unternehmen. In die Waschmaschine kann ich die Dinger wohl nicht werfen.

Schmeiß die Fick-mich-Schuhe stattdessen in die Tonne vor dem Haus, als ein roter Mustang die Einfahrt reingeschossen kommt, vor mir stehen bleibt, die Scheibe hinunterlässt und in meine Richtung quatscht.

„Ey Prinzessin, welche Richtung diese  neue Club?“

Ich glaub mein Schwein pfeift.

Hinter dem Steuer des Wagens sitzt ein junger Kerl, schätze ihn auf Anfang zwanzig. Sein Trainingsanzug, die rumänische Nummerntafel  und die Frage nach dem Puff legen die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Vogel um einen Zuhälter handelt.

„Ey du Hosenscheißer, kein Geld mehr fürs Navi gehabt?“

Genervt  will ich an ihm vorbei, als er den zweiten Anlauf startet.

„Warum du so böse sein mit mir, ich nur gefragt wollen um Weg.“

Verkneife mir den Hinweis, dass es vermutlich besser wäre zum Deutschkurs als in eine Hurenhütte zu fahren. Aber nur weil er so lieb dreinschaut.

„Wie kommst auf die Idee, ich könnte wissen wo dieser Club ist?“

Es ist ja nicht so, dass ich mit tiefem Ausschnitt und Minirock vor die Türe gehe um den Müll rauszubringen; ganz im Gegenteil. Im Moment schaue ich eher aus wie ein Penner. Meine Haare sehen aus, als hätte ich ein Date mit einer nicht isolierten Starkstromleitung gehabt, der Nagellack ist zum Großteil abgebröckelt und meine Augenringe bilden einen super Kontrast zu den blutunterlaufenen Leuchtern  aus denen ich ihn wütend anstarre. Hätte ich noch eine Dose Bier in der Hand, könnte ich mich bei RTL  Familien im Brennpunkt bewerben.; als Hauptdarstellerin für die nächsten zehn Jahre.

„Entschludigung junge Frau, habe gesehen die Schuhe du haben schmeißen in Kibel.  Ich glauben diese schaut aus wie Nuttenschuhe und du vielleicht arbeiten in diese was ist Club.“

Großartig. Dank meinem Highheelinkontinenten Mistviech werde ich für eine Professionelle gehalten.  So nicht. Nicht mit mir. Damit hat das Tier endgültig sein Kastrationsurteil unterschrieben.

„Gut kombiniert Sherlock Holmes. Sonst noch was?“

„Du wieder seien böse mit mir, bitte ich wollen machen keine Ärger. Du nix arbeiten in diese was ist Club?“

Er sieht noch einen Tick niedlicher aus, mein Ärger ist beinahe verflogen und mir fällt die Sache mit der Recherche wieder ein.

„Nein. Ich bin eine ganz seriöse arbeitslose Arbeitslose. Nix ficki ficki in diese was ist Club.“

Das dürfte sogar er verstanden haben. Wahrscheinlich auch die geschätzt hundertdreißig Jahre alte Nachbarin, die uns vom Balkon aus belauscht und dabei so tut als würde sie ihre Blumen gießen, obwohl schon längst kein Wasser mehr aus der Gießkanne läuft.

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, für einen Puffsuchenden wirkt er relativ entspannt.

„Bitte, du mir sagen wohin? Diese scheiße was ist Handy Akku leer. Ohne Google maps fahren wie Depperter aber nix finden diese was ist Club.“

Sein Dackelblick wirkt.

„Weißt du was? Ich nix ficki ficki in diese was ist Club, aber wenn du willst ich machen ficki ficki mit dir in diese was ist  Auto?“

Meiner Nachbarin fällt vor Entgeisterung fast das Gebiss aus dem offen stehenden Mund, während er mir die Türe öffnet und ich in seinen Wagen steige.