#Kernkompetenz

Wieso ist das so dunkel hier drinnen? Ist das der Hund, oder leckt da jemand anders an sich herum? Warum ist mein Kopfkissen feuchter als meine Kernkompetenz? Warum bin ich so hungrig? Wieso ist meine Nase so verstopft? Wo ist mein Bier hin? War da nicht mal ein Penis?
Schreie den Köter an, er soll mit dem Scheiß aufhören. Reiße eins der zugezogenen Fenster auf, es werde Licht – das Riesenvieh sitzt vor mir, starrt mich entgeistert an.
„Schau mich nicht so an“, fauchend bahne ich mir den Weg zur Toilette, dicht gefolgt vom vierbeinigen autoblowjobwauzi. Bevor ich die Tür hinter mir schließe, geb ich klein bei, weil er halt doch so lieb schauen kann.
„Ganz ehrlich, wenn ich mich selbst lecken könnte würd ichs auch machen.“, verständnisvoll erkläre ich ihm meine Rahmenbedingungen, während er versucht, die Katze zu fressen. Ich lasse mich sicher nicht provozieren, schon gar nicht von einem Vieh das jedes Mal nachdem ich pinkeln war, aus der Toilette säuft.
Die Telefonseelsorge weiß leider auch keine Antwort auf die Frage, wieso der Hund auf Pipi und dauerwichsen abfährt. Die Dame am anderen Ende der Leitung fragt nach meiner Kindheit, ich schimpfe sie eine pädophile Psychopathin, wünsche ihr ein sexsüchtiges Haustier an den Hals und werfe das Telefon aus Wut gegen die Wand.

Afterhour für Profis

Nicht mal die Chemiekeule für Privatpatienten hält mich länger als drei Stunden ruhig. Ich versichere dem diensthabenden Stadions Aufpasser  mich nicht umzubringen und darf Werner mit nach draußen begleiten. Die frische Luft tut gut, außer uns beiden ist ein Kerl im Rollstuhl hier unten, der lautstark telefoniert und dabei eine Zigarette nach der anderen vernichtet.

„Der hat heut sicher noch keine Entspann-dich-alles-wird-super-Tablette  bekommen“, schmunzelnd deutet Werner auf eine Holzbank in einiger Entfernung zu Mister Unentspannt, wir setzen uns und starren eine Weile wortlos auf den Vollmond über uns.

Eingesäumt von unzähligen Birken wirkt der Innenhof wie die Bilderbuchidylle eines Walt Disney Streifens. Solange man die Tatsache ausblendet, dass das dahinterliegende Gebäude kein Märchenschloss-  sondern die städtische Klapsmühle ist, deren Beknackte sediert vor dem Hauptabendprogramm herumlungern und nicht aus dem seelenfressenden Bunker heraus strömen.

In der Mitte des Gartens steht ein kleiner Springbrunnen, die Wasserfontäne sprudelt vor sich hin und fesselt meine Aufmerksamkeit. Fließendes Gewässer ist so beruhigend wie der Herzschlag eines geliebten Menschen, der neben einem einschläft. So stell ich mir den Flash einer Heroinspritze vor – Harmonie als Reinsubstanz. Unverfälschter Knall eines Vorschlaghammers, mitten ins Herz.

Vielleicht ist es aber auch die Wirkung der Pillen, mit denen sie uns ruhigstellen.

Werner raucht, ich schaue in den Himmel.

Wieso die hier Männer und Frauen in ein Zimmer zusammenlegen, will ich von ihm wissen. Es ist ja nicht so, dass wir irgendwo im Kongo wären.

„Das ist das VIP Zimmer“, sein entspannter Tonfall chillt mich.

„Ich dachte die VIP´s wären die Privatversicherten?“

Werner zündet sich die nächste Zigarette an.

Ja die auch, aber wir sind so was wie die Intensivpatienten der Psychiatrie. Die Härtefälle mit Pflichtversicherung, quasi.

„Wir sind halt was ganz besonderes. Dachte ich mir ja, als ich die Kamera über dem Bett bemerkt hab“, ich bin überrascht über die Lautstärke meines lautlos erwarteten Monologs.

Explosionsartig schießt die Rauchfontäne knapp neben meinen Kopf in den Nachthimmel, während mein Zimmerkollege prustend um Luft ringt  und der Rollstuhlfahrer vor Schreck sein Handy fallen lässt. Werners Husten ist bestimmt ein Zeichen dafür, dass er Lungenkrebs hat, er sollte das abklären lassen.

Es dauert, bis er sich wieder beruhigt. Doch auch wenn das Röcheln  verschwindet – sein Lächeln ist immer noch da: „Das ist ja wie im Ferienlager. So viel Spaß hatte ich hier drinnen noch nie.“

Logisch, er weiß ja auch noch nichts von seinem Tumor.

„Du bist also öfter hier? Ist es im Altersheim so langweilig?“

Werner nickt mir stumm zu, als der Bewegungsmelder die Beleuchtung angehen lässt und murmelndes Stimmenwirrwarr aus dem Gebäude zu uns herüber dringt.

Dessen Ursache schlurft in Form  einer Handvoll Insassen durch die gläserne Eingangstüre   – gierig stecken sie sich Kippen an, einer von ihnen winkt uns beim Vorbeigehen zu, ehe sie sich neben dem Brunnen setzen und hastig zu Ende qualmen. Was haben die denn für einen Stress? Müssen die heute noch zu einem Geschäftstermin?

Schneller als angenommen, erübrigt sich die Frage – die haben kein Meeting, sondern Halbzeit. Nachthemd statt Buisnesskostüm.  Einer der Typen gestikuliert so übertrieben, als wäre er in eine Kiste voller Amphetamin gefallen, lautstark schimpft er über „diesen Scheiß behinderten Ribery“ und die versnobten Arschloch-Bayern, schnippt seine glühende Kippe in die Wasserfontäne und marschiert zurück in die Anstalt. Knapp gefolgt von seiner Entourage, alle meine Irren schwimmen auf dem See, schwimmen auf dem See, Köpfchen hängt nach unten, FC Bayern grölt ole´.

Lieber Gott, bitte mach, dass ich das nicht laut gesungen habe. Lieber Gott bitte mach, dass ich aufhöre im Takt zu wippen.

Ich will keinen Ärger mit Uli kriegen.

„Welcher Film läuft denn in deinem Kopf, Fräulein gesundheitsbewusst?“

Erwischt. Warum liest Mister Friedhofsblond meine Gedanken, wie ein offenes Buch?

„Glaubst du,dass die Scheidungsrate genauso hoch wäre, wenn Männer dieselbe Begeisterung für ihre Frauen aufbringen könnten, wie für Fußball?“, starre mit aufgerissenen Augen in den Nachthimmel,ob er mir eine Antwort präsentiert? Plötzlich schallt ausgelassenes Jubeln durch eins der gekippten Fenster, die zweite Halbzeit nimmt hörbar Fahrt auf.

Werner zerknüllt die leere Schachtel Marlboro, holt aus und versenkt sie in einem der überdimensionalen Aschenkübel.

„Ist dein Freund Bayern Fan Maja?“

Kichernd boxe ich gegen Werners Oberarm, schüttle den Kopf und frage ihn, ob wir nicht langsam zurück in unser  kameraüberwachtes Schlafzimmer sollten.