deschawü 1.0

Ich lag nackt in meinem riesigen Bett aus schwarz lackiertem Metall und erwachte weil die Sonnenstrahlen durch die leicht geöffneten Jalousien direkt auf mein Gesicht schienen. Hatte ich wirklich solange geschlafen?
Meine Hand tastete sich vorsichtig über den Nachtisch um nach meinem Telefon zu suchen, ich musste wissen wie spät es war. Als ich mich auf die Seite drehte, konnte ich das Brennen auf der Haut wieder spüren. Immer noch fühlte ich mich leicht benommen und irgendwie verkatert, mein Verstand schien sich nur sehr langsam zu regenerieren und auf Touren zu kommen. Was um alles in der Welt war da gestern Nacht passiert?
Ich schlug die Augen auf und durch die einfallende Helligkeit erkannte ich den gesamten Inhalt meiner Handtasche, die schwarzen Strapse und den Rock, die quer über den dunkelbraunen Holzboden verstreut lagen. Scheinbar hatte ich es eilig ins Bett zu kommen. Das rote Top lag neben mir auf dem zweiten Kopfpolster.
Seit Jan ausgezogen war, waren bereits acht Monate vergangen und obwohl nie ein anderer Mann über Nacht blieb, bezog ich immer noch beide Kissen und Decken. Das große Teil würde mit nur einer Bettwäsche einfach viel zu leer aussehen.
Ein kurzer Blick aufs Display des Telefons verriet mir, dass es wirklich schon recht spät war. Ich sollte eigentlich schon längst auf dem Weg in die Arbeit sein.
Außerdem sah ich, dass ich eine Nachricht im Posteingang hatte. Neugierig öffnete ich sie.
Es war nur ein kurzer Satz der seine Wirkung aber keinesfalls verfehlte.
„Du hast kein einziges Mal gesagt, dass ich aufhören soll.“ Als ich den Anhang öffnete, stockte mir der Atem. Auf dem Bild sah man mich von hinten, völlig nackt und mit über dem Kopf verschnürten und festgemachten Armen, die Beine weit gespreizt und der Arsch völlig rot und wundgeschlagen.
„Verfluchte Scheiße, was ist denn da gestern eigentlich abgegangen?“, schoss es mir durch den Kopf.
Ich realisierte nur langsam, dass die Bildfetzen die durch meinen Verstand geisterten, wohl doch einen realen Hintergrund hatten und nicht bloß geträumt waren.
Eine unkontrollierbare Hitzewelle schoss mir durch den ganzen Körper und ich verspürte den Drang mich meiner aufkommenden Lust hinzugeben. Meine Hand wanderte zwischen meine Beine und verschwand unter der Decke. Mir fielen die Einzelheiten wieder ein, wie aus einem Traum gerissen, kam ich mir vor. Ich rieb mit dem Ballen der Hand über meine Schamlippen, während zwei Finger in meiner Muschi ein- und ausglitten. Die Erinnerung an das abgefahrene Shooting war besser als alle Clips, die Youporn zu bieten hatte und so dauerte es auch nicht lange ehe ich laut stöhnend zum Orgasmus kam.
Zehn Minuten später stieg ich relativ entspannt, wenn auch immer noch verwirrt aus der dampfenden Dusche und betrachtete das Malheur im Spiegel. Ich sah aus, als ob mich ein Lkw überfahren hätte. Mein Arsch war mit einem riesigen blauen Fleck überzogen der die Größe einer DIN A 4 Seite hatte und meine Handgelenke waren ebenfalls dunkel verfärbt, genau an den Stellen an denen das Isolierband befestigt war. Auch auf meiner Wange konnte man die Stelle sehen, mit der er mich zu Boden gedrückt hatte und knapp über meiner Hüfte konnte man eine Bissspur entdecken. So konnte ich unmöglich arbeiten gehen. Wie sollte ich das erklären?
Und wie war es überhaupt soweit gekommen? Was war eigentlich mit mir los in letzter Zeit? Wieso ging ich so ein Risiko ein?
Als ob ich mich selbst bei all den merkwürdigen Aktionen beobachten würde, ohne jedoch die Möglichkeit zur bewussten Steuerung zu bekommen.
Ich kramte im Badezimmerschrank nach Make-up und versuchte zuerst die Spuren an den Händen zu verdecken. Nachdem ich auch noch eine zweite Schicht darüber verteilt hatte, konnte man wirklich kaum mehr was erkennen.
Als es mir auch noch gelang die Stelle im Gesicht soweit abzudecken, dass niemand auch nur erahnen konnte, was ich erlebt hatte beschloss ich mich auf den Weg in die Arbeit zu machen.
Zu einem knielangen, dunkelgrünen Bleistiftrock und schwarzen, halterlosen Strümpfen zog ich eine tief ausgeschnittene, weiße Bluse an. Die schwarzbraunen, knapp schulterlangen Haare trug ich offen.
Ich hatte keine Zeit mehr um das Chaos in meiner Wohnung zu beseitigen, bevor ich in meine schwarzen Pumps schlüpfte und hinaus in die schon sehr hoch stehende Sonne trat. Es war viel zu heiß für diese Jahreszeit und ich fühlte mich, als ob ich gegen eine Wand lief.
Immer noch unschlüssig ob ich ihm auf seine Nachricht antworten sollte, beschloss ich erstmal abzuwarten bis ich einen klaren Gedanken fassen konnte.
Aber auch als ich schon längst in meinem Wagen saß, konnte ich mich einfach nicht lange genug auf etwas anderes konzentrieren. Ständig rissen mich Erinnerungsfetzen der vergangenen Stunden aus dem alltäglichen Trott und begannen langsam aber sicher die Herrschaft über meinen Geist zu gewinnen.
Ich musste ständig an seinen Schwanz in mir denken, an die Schläge auf meine nackte Haut und ich hatte es längst aufgegeben, gegen diese Gedanken anzukämpfen auch wenn sie zum Teil sehr beängstigend wirkten.
„Hey Süße, wie geht´s dir? “, riss mich Sue mich aus meinen Träumereien.
„Danke, passt soweit.“
Mit völlig entspannter und gelassener Mine, log ich unserer Empfangsdame in der Lobby des Hotels ins Gesicht. Sie war eine der ersten Mitarbeiter in diesem Betrieb und folglich führte sie sich oft auf, als ob ihr der Laden gehören würde.
Sue war Anfang vierzig, schlank und hatte blonde lange Haare. An und für sich mochte ich sie, war aber immer sehr darauf bedacht, was ich in Ihrer Gegenwart erzählte. Sie schien mir nicht ungefährlich zu sein, auch wenn ich nicht wusste, was genau dieses Misstrauen ihr gegenüber auslöste.
„Irgendwie schaust heute müde aus?“, bemerkte sie sehr beiläufig wenn auch sehr kühl.
„Bin noch nicht ganz da, meine Kaffeemaschine hat den Geist aufgegeben.“
„Oje, ganz ohne Koffein geht’s wirklich nicht.“
Sie sah etwas besorgt aus, wobei ich mir unsicher war, wieviel davon aufgesetzt war.
„Gibt schlimmeres. So ich muss wirklich los, bin spät dran. Wir sehen uns später.“
Ich versuchte das Gespräch abzuwürgen um endlich ins Büro zu kommen ohne dass jemand meine Verspätung bemerken würde.
„Geht klar. Bis später Eli.“
Ich drehte mich um und lief durch die Hotelbar vorbei ins Büro, wo bereits mein Boss auf mich wartete. Mit einem ernsten Blick auf die Armbanduhr legte er seinen Kopf schief und sah mich vorwurfsvoll an.
„Eli, dass ist bereits das dritte Mal in dieser Woche. Du bist schon wieder zu spät. Das geht so nicht weiter.“
Der kleine dicke Kerl mit dem hochroten Kopf versuchte mich anscheinend wieder mal zur Vernunft zu bringen. Er wirkte sehr unentspannt und gestresst, wobei ich nicht wusste ob ich der einzige Grund für seinen nicht gerade ausgeglichenen Zustand war.
„Ja, es tut mir wirklich Leid Manfred, aber mein Auto ist heute Morgen nicht angesprungen.“
„Es ist ständig irgendetwas, das bei dir nicht funktioniert. Krieg endlich dein Leben auf die Reihe. Das kann so nicht weitergehen!“
„Sorry, wird nicht wieder vorkommen.“ Ich versuchte so gut es ging reumütig zu wirken.
„Das hoffe ich für dich. Und jetzt schau dass du an die Arbeit kommst. Wir haben noch viel zu tun.“
Mit einem etwas versöhnlicheren Unterton hastete er endlich hinaus aus dem kleinen Raum.
„Blöder Wichser.“ dachte ich mir und machte mich genervt an den Schreibtisch, fuhr den Rechner hoch und tat ungefähr eine halbe Stunde so, als ob ich wirklich arbeiten würde.
In Wirklichkeit checkte ich meinen privaten Mail Account und sah mir Videos auf Youtube an.
Das Büro lag im Eingangsbereich des Hotels, unweit der Küche und der Lieferanteneinfahrt. Durch meine Glasfront neben dem Tisch konnte ich so immer sehen wer gerade auf dem Parkplatz kam, oder auch wieder wegfuhr. Es war also sehr unwahrscheinlich von irgendjemanden beim absolut nix tun erwischt zu werden.
Kurz überlegte ich ernsthaft, ob ich nicht doch vielleicht etwas Sinnvolles machen sollte, entschied mich aber dagegen. Warum auch jetzt damit anfangen, die würden das dann ja immer von mir verlangen.
Stattdessen kramte ich in meiner Handtasche. Irgendwo musste ich noch einen fertigen Joint haben und ich konnte den jetzt wirklich gut vertragen.
Fünf Minuten später stand ich mit Josy, dem portugiesischem Frühstückskoch auf dem Dach des Hotels in der brütenden Hitze. Von hier aus hatte man eine wunderbare Aussicht auf das ganze Areal des Ferienclubs. Unter uns lagen die Tennisplätze und der Parkplatz, der zu dieser Zeit des Jahres gerammelt voll war, hinter uns der See und der kleine angrenzende Wald.
Die meisten Touristen kamen aus Wien, um ein paar Tage zu relaxen und der Großstadt zu entfliehen.
Josy war noch nicht lange hier, sprach aber perfektes Deutsch, da seine Goßeltern aus der Nähe von München stammten und er in den Sommerferien immer bei ihnen auf Besuch war. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, was wohl auch an unserer gemeinsamen Leidenschaft für gutes Gras lag.
„Ist doch alles scheiße hier.“ Meckerte er.
„Wieso?“
„Weil sie alle bescheuert sind. Ich meine schau sie dir doch an“
Er deutete auf zwei Tennislehrer unter uns, die gerade über den Parkplatz liefen.
„Hier. Nimm mal den Dübel und entspann dich.“ Ich gab ihm den brennenden Joint nachdem ich selbst einen tiefen Zug genommen hatte.
Josy war einen Kopf kleiner als ich, braungebrannt, hatte schwarzes Schulterlanges Haar, dass er meistens zu einem Pferdeschwanz gebunden und einen drei Tage Bart. Seine südländische Herkunft konnte er trotz perfekter deutscher Sprachkenntnisse nicht abstreiten und seiner Anziehungskraft auf Frauen schadete es ganz und gar nicht.
„Oh ja, das tut gut.“ Meinte er etwas entspannter als vorhin.
„Was hast Du für ein Problem mit den Tennisfritzen?“
„Ach, ist doch egal.“
„Jetzt sag schon, was ist los?“ bohrte ich weiter.
Wütend und traurig zugleich sah er mich an.
„Die beiden haben Mia gefickt.“
„Was?“ entgegnete ich entgeistert.
„Tatsache.“
„Das ist nicht dein Ernst?“
„Doch. Ich war gestern Abend noch auf ein Bier an der Bar. Die waren auch dort und haben sich blendend unterhalten.“
„Und deswegen meinst, dass sie miteinander gevögelt haben?“
Ich wusste, dass Josey schon länger scharf auf Mia war und er sehr besitzergreifend sein konnte, wenn es um sie ging, obwohl sie soweit ich wusste nie etwas miteinander hatten.
Sie war Kinderanimateurin und erst seit kurzem im Hotel. Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig, hatte allerdings noch nie mehr als drei Sätze mit Ihr gewechselt.
So wie der kiffende Frühstückskoch, der neben mir stand, kam auch sie aus Spanien, da es dort richtig schwierig war einen Job zu finden. Doch anders als ihm, merkte man ihr das Heimweh oft an. Sie hatte noch Schwierigkeiten mit der Sprache und die Mentalität der Österreicher schien ihr noch sehr gewöhnungsbedürftig.
„Ich hab gesehen, wie sie sich angesehen haben und sie hat mich völlig ignoriert. Die beiden haben sie anständig abgefüllt und sind dann zu dritt abgehauen.“
„Vielleicht weil sie schlafen wollten?“ versuchte ich Josey zu beruhigen.
„Nein, da war garantiert mehr.“
„Hast du versucht mit ihr zu reden?“
„Klar doch. Ich war kurz davor den Kerlen eine reinzuhauen. Aber sie sagte nur ich soll sie gefälligst in Ruhe lassen, sie amüsiere sich.“
Ich rauchte den letzten Rest weg und konnte mich nicht mehr auf Joseys Geschichte konzentrieren, weil mir meine eigene im Kopf herumgeisterte, weshalb ich ziemlich abwesend auf den See unter uns starrte.
„Irgendwie wirkst du heute auch sehr zerstört. Was ist los mit Dir? Wie war dein Date mit dem Fototyp?“ fragend sah er mir in die Augen.
So stark das Bedürfnis auch war mit jemanden darüber zu reden, entschied ich mich doch dafür es besser für mich zu behalten, da ich nicht wusste wie er darauf reagieren würde.
„Ich hatte eine denkwürdige Nacht.“ Mein Grinsen wirkte scheinbar denn er bohrte nicht weiter nach.
„Was hälst du davon auch noch einen denkwürdigen Nachmittag zu erleben?“
Sehr plötzlich war Josey sehr nahe gekommen und ich konnte seinen Atem im Nacken spüren als er seine Hände an meine Hüften legte und seinen Körper an mich presste.
„Oh mein Gott, das kannst jetzt echt nicht machen, wir sollten beide schon längst wieder zurück sein.“ Wirklich glaubhaft klang mein Versuch ihn davon abzuhalten nicht, viel zu erregt dröhnte der Unterton meiner Worte und zum wiederholten Mal an diesem Tag war ich so verdorben nass zwischen den Schenkeln. Er schob seine Hand unter meinen Rock und konnte so meine Vorfreude fühlen.
„ Ach Elli. Du bist ein richtig geiles Stück. Komm zieh dein Oberteil aus.“
Ich tat was er von mir verlangte, öffnete die Bluse unter der ich keine Unterwäsche trug und drehte mich um. Er packte mich zärtlich am Nacken und küsste mich. Als er mir seine Zunge in den Mund schob, dachte ich kurz zu explodieren, packte ihn am Hintern und drückte ihn noch fester an mich.
Sein steinharter Schwanz presste sich gegen die Hose und mit einer gekonnten Handbewegung befreite ich ihn um mich wenig später davor hinzuknien und ihn mit einer Hand am Schaft vorsichtig in meinen Mund gleiten zu lassen. Als ich ihn ganz in mir hatte, hielt ich kurz inne und ließ ihn nur langsam wieder hinaus um mit meiner Zunge über seine Spitze zu lecken.
Kurz musste ich an Andreas´ riesiges Teil denken und wie er sich wohl in meiner Kehle anfühlen mochte, der Gedanke daran ließ meine enge Spalte noch schneller auslaufen und obwohl ich alles für einen Fick gegeben hätte, wollte ich es um jeden Preis vermeiden, dass Josey meinen zugerichteten Hintern sah. Ich hatte keine Ahnung wie er darauf reagieren würde und in meinem benebelten Zustand würde mir so schnell auch keine plausible Ausrede einfallen.
„Oh ja, das tut richtig gut, mach weiter.“ seine Stimme klang sehr hitzig als er seine Hände auf meinen Hinterkopf legte und mir seinen Prügel sehr tief in den Rachen schob. Als er bis zum Anschlag in mir war, öffnete ich die Augen und sah ihm ins Gesicht.
Heißblütig blickte er mich an, wie ich mit seinem Schwanz im Mund zwischen seinen Beinen kniete und meine nackten Brüste hin und her schaukelten.
„Los, komm und zieh deinen Rock hoch, ich will dich durchvögeln.“ Ungeduldig ließ er meinen Kopf los und versuchte mich auf den blanken Betonboden zu drücken, als auf einmal die Türe mit einem lauten Knall geöffnet wurde und Manfred, unser Hoteldirektor mit weit offenem Mund vor uns stand.
„Was zur Hölle treibt ihr hier?“

Sichtschutz in gelb

Mir ist schwindlig im Kopf, außerdem ist es mir rätselhaft seit wann gelbe Vorhänge das Bett umranden.  Drehe mich noch mal zur Seite, weiterschlafen hilft bestimmt.

Drifte gerade zurück in den Tiefschlaf, als mich lautes Schnarchen aufschrecken lässt.  Zögere eine Sekunde, doch schließlich siegt die Neugierde und ich schiebe den Sichtschutz zur Seite.

Bitte, wer ist denn er?

Lebt der noch?

Ein grauhaariger Mann, ich schätze ihn auf einhundertschzig Jahre, liegt regungslos auf der Pritsche nebenan. Bin ich im Leichenschauhaus?

Aber dann würd ich doch in einer Holzkiste liegen?

Wäre ich nicht so routiniert in substanzbedingten Gedächtnisverlust, könnte ich glatt in Panik ausbrechen. Ich gebe mir Mühe mich zu orientieren, als der Scheintote nebenan zu brabbeln beginnt. Gott sei Dank –  der ist gar nicht tot – der riecht nur so.

Warum sollte er sonst auch am Tropf hängen?

Der Gedanke beruhigt mich solange, bis ich registriere, dass er nicht der einzige mit einer Kanüle in der Vene ist. Durch einen durchsichtigen langen Schlauch bin ich mit dem Plastikbeutel über dem Bett verbunden, tröpchenweise läuft die Flüssigkeit nach unten, direkt hinein in die Blutbahn.

Langsam aber sicher erhärtet sich der Verdacht, nicht in meinem Schlafzimmer zu sein.

Müssen meine Partys eigentlich immer so enden?

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums wird plötzlich eine Glastüre aufgerissen, durch die ein Blondchen ganz in weiß durchgeschossen kommt.  Ihre Brillengläser sind so dick wie die Unterseite eines Aschenbechers, in der Brusttasche ihres Kittels stecken bunte Kugelschreiber, die es mir schwer machen ihr Namensschild zu entziffern. Alles was ich erkennen kann, ist ein Doktor Titel.

Mit ernster Miene bleibt sie am Fußende des Betts stehen, zieht eine ihrer Augenbrauen nach oben während ihr Kopf nach links kippt:

„Sie wissen wo sie hier sind, Frau Siffredi?“

Ob sie es selbst auch weiß?

„Naja, wie im Hilton schauts hier nicht gerade aus.“

Der brabbelnde Schnarchkopf lacht.

Frau Doktor wirkt spaßbefreit, ohne mit der Wimper zu zucken wirft sie einen Blick auf das Klemmbrett in ihrer Hand. Unterdessen füllt sich der Raum, ein Weißkittel nach dem anderen versammelt sich um die humorlose Blondine. Das ist ja schlimmer als auf einer Baustelle –  einer arbeitet, zwanzig schauen blöd zu.

„Haben sie Selbstmordgedanken Frau Siffredi?“

Was für eine Überleitung, gratuliere Frau Doktor.

„Prinzipiell oder momentan?“

Blöde Frage, blöde Antwort.

Einige ihrer Handlanger beißen sich auf die Lippen, doch nicht allen gelingt es, ernst zu bleiben. Unterdrücktes Kichern aus den hinteren Reihen, bestärkt mich in der Annahme, dass die Tante zum Lachen in den Keller geht.

Mein Magen macht mit heftigen Knurren auf sich aufmerksam, überstimmt alle anderen Nebengeräusche und erinnert mich an meine Verfressenheit. Spiegeleier wären jetzt geil. Und Räucherlachs. Und Kaffee. Und Schokolade.

Wann habe ich das letzte Mal was gegessen?

„Denken Sie daran sich selbst zu verletzen?“

Frau Doktor lässt nicht locker.

„Nein, ich denke an Frühstück.“

Sie erklärt mir, dass ich in der Psychiatrie bin. Verstehe nicht, was das mit meiner Bitte nach Essen zu tun hat, Irre brauchen doch auch Kohlenhydrate? Drohe mit der Patientenanwaltschaft, drei Minuten später löst sich die Menschentraube vor mir auf, ein Kerl in grüner Montur stellt ein Tablett neben mein Bett, wünscht mir guten Appetit und zischt wieder ab.

Der Hunger treibts rein, die Gier behälts unten. Will gar nicht wissen, was genau ich da in mich reinstopfe. Hauptsache Futter.

„Lange nichts mehr zu essen bekommen?“

Erschrocken zucke ich zusammen, dem unkontrollierten Muskelkrampf folgt ein Knall gegen die Fensterscheibe, die den Amokflug meiner Gabel beendet. Wer hat da grade mit mir geredet?

Ach ja. Da war ja noch einer.

Der totgeglaubte Greis von nebenan wirkt gar nicht mehr so tot.

„Schmeißt du immer mit Besteck herum, wenn dich ein Mann anspricht?“

Verarscht mich der etwa?

„Ja, deswegen haben sie mich in die Klapsmühle gesperrt.  Und du?“

Fick dich.

Bin mir nicht sicher ob mir die Unendlichkeit dieser beinahe-Romanze oder das eigene Lamentieren mehr auf die Nerven geht.

Warum lasse ich mich so behandeln?

Hatten wir nicht schon zig-tausend Mal einen Schlussstrich gezogen?

Wieso kommen wir nicht voneinander los?

Ich wünschte ich könnte dich vergessen. Warum ist es so schwer, sich zu entlieben?

Als würde ein nasses Handtuch auf der Brust kleben, Luft holen für Fortgeschrittene..

Ersticke an Sehnsucht, Gott wie ich dich vermisse. Neurotische Jagd nach dem felhlendem Teil; vergessenes Detail im großen Ganzen… Wo bist du jetzt?

Renne orientierungslos durch das Chaos, das du angerichtet hast. Lachend schickst mich mitten ins Nirgendwo, ein Hoch auf euch Sadisten.

Auf das ihr an eurem Zynismus erstickt.

 

 

Standbild auf Wolke 7

Seine Augen mustern mich erwartungsvoll. Vorsichtig streicht er eine Haarsträhne aus meinem Gesicht, für einen kurzen Augenblick scheint die Zeit still zu stehen. Er strahlt heller als alle Sterne zusammen, unsere Blicke kreuzen sich. Ich bin geblendet von ihm, verliere mich in diesem Lächeln.

Verliere mich in ihm.

Fassungslos winke ich dem letzten Rest an Selbstbeherrschung hinterher. Wusste gar nicht wie schnell die verschwinden kann, wenn es darauf ankommt.

Fast so rasant, wie das Shirt, ist auch meine Contenance entwischt. Vorsichtig aber sehr bestimmt zieht er es über meinen Kopf, er wirkt zufrieden, als ich nackt vor ihm knie.

Stolpernder Herzschlag schießt mich immer weiter nach oben, ganz egal wie dünn die Luft dort ist. Je höher der Flug, desto tiefer der Fall?

Vorausgesetzt, man möchte jemals wieder von dort runter kommen….

 

 

 

Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Calamari in Aktentaschen und kiffende Zwerge

Die Autofahrt ist so zäh, wie die Calamari ,die meine Schwester heut Mittag weniger gegrillt als viel mehr vergewaltigt  hat. Vielleicht ist mir deswegen schlecht? Oder ist es mein Fahrstil der den latenten Brechreiz auslöst? Am gestrigen Alkoholkonsum kann es nicht liegen, immerhin hatte ich nur sechs Bier. Eh schon fast abstinent. Grauslich.

Da fällt mir ein, dass ich in meinem Buko noch ein Heineken haben müsste. Vielleicht hilft das ja gegen das flaue Gefühl, dass sich eine Handbreit über meinem Lieblingskörperteil langsam ausbreitet.

„Elena, kannst mir mal bitte die Tasche von der Rückbank geben?“

Der liebste aller Gartenzwerge schaut erschrocken vom Handy auf. Ihr Gesichtsausdruck ändert sich auch nicht, als sie sieht wie ich mir mein Reperaturbier aufmache:

„Maja! Echt jetzt? “

„Was ist denn? Scheiß dich nicht an, erstens  ist  eh schon nach Mittag. Und drittens tue ich nichts Verbotenes. Fast nichts. “

„Ja, du Vollprofi. Und zweitens ist es ganze zwei Minuten nach zwölf. Wenn du trinken willst, sollte vielleicht lieber ich fahren?“

„Spinnst jetzt? Ich mach das nur aus Sicherheitsgründen. Außerdem fahr ich nicht mal mit fünf Promille nicht so einen Scheiß zusammen wie du nüchtern.“

„Logisch, die fünf hast ja auch jeden Morgen nach dem Aufstehen.  Übung macht den Meister. Wieso aus Sicherheitsgründen? Weil dir dann kein Heroin beim Fahren spritzt?“, Elena wirkt plötzlich gelassener.

„Naja, falls mich die Polizei aufhält und fragt wieso ich so rote Augen habe, kann ich sagen dass ich getrunken habe.“

Jetzt schaut sie verwirrt aus.

„Und wieso solltest du ihnen freiwillig sagen, dass du während dem Fahren säufst?“

„Weil ich davor gekifft habe. Und das werd ich ihnen ja wohl nicht verraten.“

Elena starrt resigniert auf ihr IPhone.

„Musst ihnen nicht sagen. Das können die sich sicher denken, wenn mit siebzig Sachen über die Autobahn fetzt.“

Deswegen hat mir der Typ im Smart vorhin den Vogel gezeigt. Ich hab mich noch gefragt seit wann diese überdachten Zündkerzen so schnell sind.

„Sag mal Elena, mit wem schreibst du da eigentlich?“

Wäre sie nicht so vertieft, hätte sie mir sicher schon vorhin gesagt, dass ich die Kiste mit der Dynamik eines achtundachtzig jährigem,  stark sedierten und dementem  Pensionisten  über die Autobahn steuere.

„Ich hab mir Tinder geholt.“

„Und als nächstes dann Genitalherpes? Schön. Das tut deiner Ehe sicher gut.“

Hatte schon beinahe vergessen, wie sich moralische Überlegenheit anfühlt-wie ein flüchtiger Fick mit einem Unbekannten in einer Toilette – sehr kurz spannend, aber die Erregungskurve fällt noch schneller ins Bodenlose,  als sie gestiegen ist. Spätestens wenn ein Kopf gegen die Spülung knallt und sie auslöst, ist das Ding gelaufen. Und so stirbt mein Anstandsbewusstsein genauso rasant wie die Erektion eines 15jährigen Debütfickers, der sich beim zweiten Stoß ins nasse Ziel entlädt.

„Genau Frau Misses Pornoprinzessin. Wenn wir diesen Sommer alle deine  aktuellen Verehrer zum Grillen einladen, ist unser Garten voll.“

Elena klingt gereizt. Vielleicht sollte ich ihr Batterien schenken.

„Kann sein. Vielleicht sollten wir alle einladen, mit denen ich jemals geschlafen habe? Ob die Miete für die Stadthalle wohl sehr teuer ist?“

„Du bist so blöd, Maja.“

Schneller als erwartet ist das Bier leer, es schmeckt schon wieder, aber ich bezweifle dass meine Co-Pilotin auch eins eingesteckt hat.

„ Ich darf das. Immerhin bin ich nicht verheiratet.“

„Und deswegen machst jetzt einen auf Anstandspolizei? Hast du zufällig noch was zu rauchen dabei?“

Zutiefst schockiert über ihre Frage nach Rauschgift, klappe ich die Sonnenblende nach unten und ziehe einen Joint dahinter vor.

„Hast du zufällig noch Alkohol dabei?“

Wortlos fischt sie eine Flasche Prosecco aus einer Plastiktüte. Ihr Blick wandert  suchend im Wagen umher, bleibt schließlich an einem MC Donalds Becher voller Cola hängen. Sie öffnet die Scheibe und kippt die Limo beim Fenster hinaus, mit der kurzen Bemerkung dass Zucker süchtig mache und das Zeug pures Gift für den Körper sei.

Nachdem sie den halb Liter Becher bis zum Rand mit der Puffbrause aufgefüllt hat, zündet sie sich den Ofen an.

„Seit wann kiffst du denn? Muss man dazu nicht mindestens eins dreißig groß sein?“

„Seit mich Thorsten nicht mehr fickt. Alles halb so schlimm, zumindest ist die Scheiße Gluten frei“

Elena klingt sehr gelassen, ihr Körper sinkt zurück, sie zieht die Pumps aus, streckt ihre Beine beim Fenster hinaus  und dreht die Musik lauter. Mittlerweile haben ihre Augen dieselbe Farbe wie meine eigenen. Fast so rot wie Faymann in besseren Zeiten.

Nachdenklich nippe ich an meinem Drink. Das Zeug schmeckt widerlich, viel zu sauer, die Kohlensäure brennt erst im Hals und anschließend rumort es wie verrückt im Bauch.

„Deswegen die Sache mit Tinder, verstehe. Und wieso redest nicht mit Thorsten darüber, bevor dir so einen Dilettanten ins Bett holst?“

„Wieso redest du nicht mit einem Therapeuten darüber, dass du während dem Autofahren becherst, onanierst und herumvögelst als ob es kein Morgen gäbe?“

„Touche´“

Der weiße Skoda hinter mir, blendet ständig auf, meine Augen brennen  auch ohne den Lichtamoklauf  von dem Deppen.  Auch wenn es schön ist, dass mir mal nicht der Mittelfinger von anderen Verkehrsteilnehmern gezeigt wird. Ich fahre von der Autobahn ab, vielleicht ist dann Ruhe. Aber leider Fehlanzeige.

„Was will denn der Idiot von dir? Der soll doch einfach überholen wenn es ihm zu langsam geht.“

Obwohl Elena im Tinderwahn wie abgekapselt von der Realität wirkt, bemerkt sie den Lichthupenjunkie hinter uns.

„Das ist sicher einer meiner Stalker“

Fahre noch ein bisschen langsamer, konzentriert versuche ich im Rückspiegel zu erkennen, ob es jemand ist, den ich kenne. Plötzlich prustet Elena los:

„Das ist ein Bulle, du verrücktes Huhn. Schau mal genau, der hat eine Uniform an.“

Fuck. Fuck. Fuck. Scheiße. Fuck. Scheiße. SO eine gottverdammte Oberscheiße.

Lieber Gott mach dass er ein Stripper ist.

Klammere mich an den letzten Funken Hoffnung, doch als ich den Wagen rechts ranfahre und mir den Kerl der da aussteigt im Rückspiegel ansehe, revidiere ich das Stoßgebet und hoffe er möge sich nicht ausziehen.

Nicht, dass mich sein Körperbau an Ottfried Fischer erinnern würde, nein; aber sein Gesichtsausdruck ist der eines Arschlochs.  Sogar aus zwanzig Metern Entfernung durch einen Spiegel in einem verrauchten Wagen erkennbar.  Nackte Arschlöcher sind noch schlimmer als angezogene, da hab ich keinen Bock drauf.

Nervös nippe ich an dem XXL Becher Prosecco, Elena starrt auf das glühende Teil zwischen ihren Fingern, als würde es ihr jeden Moment die Lottozahlen für die nächste Ziehung verraten.

„Wenn  du ihn beim Fenster rausschmeißt, sind wir gearscht.“

In aller Ruhe, wischt sie über das Display des Telefons, ihre Beine hängen immer noch nach draußen, genauso erlahmt wie ihr Kurzzeitgedächtnis.

„Ich steck mir den nicht in den Arsch! Bist du bescheuert?“

„Da versteckt man auch keine verbrannten Joints,  sondern weißes Pulver, du Genie.“

Keine fünf Schritte trennen den Bullen von meiner Karre, Elena schmeißt die brennende Tüte in ihre Aktentasche.

Lieber Gott mach dass der Kiwara geruchsblind ist.

„Führerschein und Zulassung bitte“ ,diese unverblümt-direkte Art seiner Begrüßung macht mich beinahe heiß, wäre da nicht seine ich-bin-ein-Arschloch-und-find-es-gut Ausstrahlung, könnt ich glatt schwach werden. Wortlos reiche ich ihm den Kram, versuche krampfhaft seriös zu wirken und nehme deshalb nicht mal den Gurt ab. Safety first.

„Frau Siffredi, sie wissen wieso ich sie anhalte?“

Naja, rein theoretisch gäbe es viele Gründe. Mir scheint, als stelle er eine Fangfrage.

„Hab ich einen Telefonjoker?“

Seine linke Augenbraue zieht sich nach oben, für den Bruchteil eines Moments auch seine Mundwinkel. Und doch lässt er sich nicht aus der Fassung bringen.

„Nein. Aber wir können das Publikum befragen“, während ich nachdenke, was er damit gemeint hat, stolziert er zur Beifahrerseite und mustert Elena mit der Präzision eines Dschihadisten beim Anflug auf das World Trade Center.

„Es geht nicht um sie, Frau Siffredi, sondern um die Dame neben ihnen.“

Elenas Entspanntheit ist verflogen, ihre Füße stecken inzwischen wieder in Schuhen und auf dem Boden, ratlos schaut sie den Kerl an.

„Krieg ich jetzt einen Strafzettel weil ich zu wenig oft mit meinem Mann schlafe?  Das soll wohl ein Witz sein. Es liegt nicht an mir, sondern an ihm.“

Lieber Gott im Himmel, mach dass der Stripper in Wahrheit ein Psychotherapeut ist.

„Sie haben während der Fahrt ihre Beine durchs Fenster gestreckt. Ist ihnen eigentlich bewusst, was dabei alles passieren kann?“

Gut. Kein Seelenklemptner und nicht aus der Ruhe zu bringen.

„Ja und? Sind eh meine Haxen, was kümmert das die Polizei? Haben sie nichts anderes zu tun?“

Seine Augenbraue wandert tatsächlich noch ein wenig weiter nach oben.

„Können sie sich bitte ausweisen?“

Elena greift nach ihrer Aktentasche, ihre Finger wandern zu dem silbernen Verschluss.

Lieber Gott bitte schick Gehirnzellen. Jetzt. Sofort.

Zeitgleich trifft uns beide die Erkenntnis, dass der Inhalt der Ledertasche  vor sich hin brennt, weil sich Misses ach so niveauvoll den Rest der illegalen Spaß Tüte nicht zwischen die Arschbacken-sondern mitten in die Vorverträge für Finanzierungsanfragen gesteckt hat, die sich langsam aber sicher in Rauch auflösen.

Ärsche gehen nicht in Flammen auf. Im Gegensatz zu Kreditverträgen.

Wichtige Lektion auf dem Weg vom Kleinkriminellen zur Syndikatsspitze. Oder für einen oberintelligent wirkenden Post auf Facebook.

Elenas Hirn läuft langsam wieder; ich sehe ihr die Anspannung an,.nervös als hätte sie einen abgetrennten menschlichen Kopf in der qualmenden Tasche versteckt; und tatsächlich- Prinzessin oberstoned und underfucked checkt auf einmal den Ernst der Lage.

Ungeöffnet stellt sie das Corpus delicti zurück auf den Boden: „Tut mir leid, aber ich kann mich leider nicht ausweisen.“

Ich atme tief durch.

Mister Arschloch tötet Elena mit seinem Blick, hält ihr einen Vortrag über die Gefahren abstehender Extremitäten aus fahrenden Fahrzeugen und verdonnert sie zu einer Geldstrafe.

„Wie bitte? Sie wollen dafür auch noch Kohle haben? So langsam wie meine Freundin fährt, hätte ich maximal einen blauen Fleck abbekommen, wenn ich irgendwo angeeckt wäre. Von wegen Freund und Helfer. Stasi Methoden sind das.“

Lieber Gott bitte mach dass sie sich beruhigt.

Mit einem Schlag ist das mulmige Gefühl im Bauch  zurück, es brodelt als ob ich Mentos mit Cola light  eingeschmissen hätte.

„Fünfunddreißig Euro um genau zu sein.“

Wenn Blicke töten könnten, würde der uniformierte I-Tüpfelchen  Reiter  in Flammen aufgehen. Wütend greift sie wieder an die Schnalle des Aktenkoffers und öffnet ihn. Panik kriecht in mir hoch, erreicht mein Hirn noch vor der Rauchwolke die mir entgegenkommt.

Reiße Elena das Teil aus den Händen, Sekunden später lösche ich die darin wuchernde Glut indem ich mitten rein reihere – verfluchter Sprudelwein, es würgt mich ununterbrochen,  obwohl sich mein  gesamter Mageninhalt bereits auf Elenas Papierkram, Schminkzeug und ihr Portemonnaie  verteilt hat.

Bekomme keine Luft mehr, kämpfe mit den Tränen, als sich der letzte Tintenfisch aus mir evakuiert. Die vollgereiherte Tasche stelle ich zurück zu ihrer Besitzerin, die mich zwei Sekunden besorgt mustert, um kurz darauf mit dem Bullen weiter zu verhandeln:

„Mein Bargeld ist jetzt leider gerade gestorben. Gibt´s vielleicht eine andere Möglichkeit um das Problem aus der Welt zu schaffen?“

„Ist mit ihnen alles in Ordnung?“, für jemand der wie ein VAWK (=Vollarschwichskopf)  aussieht, klingt er durchaus menschlich.

„Alles bestens. Das ist nur die Aufregung, weil ich zwei Kilo Marihuana im Kofferraum liegen habe und mir das Bier ausgegangen ist.“
Grinsend streckt mir VAWK meine Papiere durch die Fensterscheibe.

188 bpm

Als ich die Augen wieder öffne, blicke ich in zwei besorgt dreinschauende Gesichter, die mir beide irgendwie bekannt vorkommen. Es liegt mir auf der Zunge, und doch weiß ich nicht so recht wer diese Gestalten sind.

„Maja, ist alles in Ordnung?“

Was will der von mir? Ich liege auf dem verdreckten Asphalt, höre die Sirenen immer näher kommen und hab keinen Plan was das alles soll.

„Du bist gestürzt, der Krankenwagen ist gleich hier“, als ob mich die Erklärungsversuche beruhigen könnten. Außerdem, wieso hingefallen? Ich dachte ich bekomme einen Herzinfarkt. Großartig.

Noch bevor ich mich drüber aufregen kann, ist wieder alles finster.

Wahnsinnige Träume geistern durch den ramponierten Kopf, ich bin auf der Flucht, doch schaffe es einfach nicht ihn abzuhängen. Der Abstand zwischen uns wird kleiner, traue mich nicht umzudrehen und ihn anzusehen, da ich ohnehin weiß wer es ist. Er wird nicht locker lassen, bis er mich zur Strecke gebracht hat und ich endgültig den Verstand verloren habe. Seine Schritte werden lauter, beinahe kann ich seinen Atem schon im Nacken spüren, als ich mit einem Mal erwache und mich aufrichte.

„Scheiße, wo bin ich hier?“

Erschreckt zuckt eine kleine Blondine in weißen Klamotten zusammen, als ich den ersten Brüller des Tages vom Stapel lasse.

„Sie sind im Krankenhaus, sie hatten einen Unfall. Der Arzt ist jeden Moment hier.“
Abgesehen von den Shorts, bin ich völlig nackt. An meinem Oberkörper haben sie Saugnäpfe angebracht, neben mir ein Monitor, in der Armbeuge steckt eine Nadel, durch die die Infusion tröpfelt.

Die zu tote strapazierte Phrase vom bösen Erwachen erreicht auf einmal nie geahnte Dimensionen. Fuck, was zum Teufel ist denn passiert?

Kalter Schweiß sammelt sich in einer kleinen Falte, dort wo der Hals aufhört und die Schultern anfangen. Mein Fokus dreht sich immer schneller um die eigene Achse, der Puls scheint auf dem besten Wege mein Herz zu zerbomben. Ununterbrochen denke ich nur an eine einzige Sache: „Du kannst jetzt nicht sterben.“

Wie ein unsichtbarer Schleier legt sich nackte Angst um mich herum, verheddert sich weil ich nicht damit aufhöre dagegen anzukämpfen, raubt mir den Atem.

Verfluchtes Herz hat den Kopf geschrottet. Aber diesmal so richtig. Belangloser Dach- oder rauschgiftbedingter Kollateralschaden?

Wen interessiert’s.

Bitte liebes Gehirn, halt einfach mal die Fresse.

Jetzt, wär super.

Von einer Sekunde auf die andere kommen die Wände des Krankenzimmers immer näher, langsam doch spürbar weicht der ganze Sauerstoff aus dem Raum, mein Brustkorb hebt und senkt sich als ob ich eben die Ziellinie des Ironmans überquert hätte.

Das Blondchen steht auf einmal neben mir und hält meine Hand.

„Es ist alles gut, sie sind in guten Händen. Hier kann Ihnen nichts mehr passieren.“

Sie dreht an der Schraube des Tropfs und tatsächlich beruhige ich mich, als der Arzt vor mir auftaucht:

„Na, da ist ja jemand wieder zu sich gekommen. Guten Tag.“

Ein hochgewachsenes Oberschnucki mit schwarzen Haaren und hellblauen Augen steht vor meiner Pritsche und schüttelt mir die Hand. Wäre ich nicht mit meiner Panik beschäftigt, könnte ich glatt auf böse Gedanken kommen.

„Hallo. Hab ich eine Herzattacke?“

Er mustert den Monitor und das Klemmbrett dass er in der Hand hält für einen Augenblick und setzt sich dann auf einen der Stühle.

„Sie haben eine Gehirnerschütterung, keinen Infarkt. Ihr Herzschlag ist viel zu hoch. Haben Sie irgendwelche Drogen genommen?“

„Ja.“

„Welche?“

„Alle.“

Mehr bringe ich nicht heraus, Tränen laufen mir über die Wangen. Warum bin ich so unendlich bescheuert?

„Wir warten die Laborergebnisse noch ab, ich komme dann wieder und möchte Sie diese Nacht zur Beobachtung hier lassen.“

Nicke stumm, vergrabe mein Gesicht unter den Händen. Ich hasse es vor anderen Menschen zu weinen.

Als er wiederkommt, bin ich gefasst, die Tatsache dass sich so viele Menschen hier um mich kümmern lässt die Angst weniger werden.

„Sie sollten einen Gang zurück schalten. Haben Sie schon mal daran gedacht einen Entzug zu machen? Wir haben eine ausgezeichnete Stadion im Haus.“

„Nein, danke. Ich schaff das auch alleine.“

„Sie sind auf beinahe alle Substanzen positiv getestet worden. Ich glaube, Sie machen sich was vor.“
Seine Miene wird ernst, als er sich die Ergebnisse nochmal durchblättert.

„Hören Sie, ich war schon mal in der Psychiatrie. Und danach war ich noch irrer als davor. Alles was ich will, ist die Bestätigung, dass ich heute Nacht nicht sterben muss.“

„Diese Garantie kann ich niemand geben. Tut mir leid. Überlegen Sie sich in Ruhe wie es weitergehen soll. Das ist eine Entscheidung, die sie nicht von heute auf morgen treffen können, sowas muss gut vorbereitet werden.“
Versuche mich zusammenzureißen, doch es hilft nichts. Als er wieder geht schluchze ich wie ein kleines Kind; das darf doch alles nicht wahr sein.

Frau Misses Unkaputtbar feiert hart

Eitelkeit ist die größere Hure als Stolz. Das Schlafzimmer rotiert noch schlimmer als vor zwei Stunden. Scheißdreck. Vielleicht sollte ich mir einfach eingestehen, dass ich keine 18 mehr bin. Die ganze Nacht durchfeiern ist nicht mehr. Zumindest nicht, ohne einen Regenerationstag einzuplanen.

Aber nein; Frau Misses Unkaputtbar weiß es wieder mal besser und gibt einen feuchten Dreck auf das was andere denken.

Das Resultat meiner Überheblichkeit äußert sich recht heftig, zwingt mich in die Knie, als ich den Versuch starte, wieder gesellschaftsfähig auszusehen. Kaum aus dem Bett raus, scheint das Oberstübchen Millimeter vor der Explosion zu stehen. Und ich dachte immer Migräne wäre ein Synonym für „kein Bock auf ficken“.

Falsch gedacht. Nur um ganz sicher zu gehen, fasse ich zwischen meine Beine… Keine Spur von keiner Lust. Ganz im Gegenteil.

Hatte ich nicht mal einen Kerl hier drinnen? Wohin ist der verschwunden?

Torkle Richtung Wohnzimmer, dort angekommen bestätigt sich mein Verdacht. In Embryonalstellung zusammengekauert kuschelt sich ein Nackter gegen eines der Raubtiere. Dessen Schnurren dürfte auch die Ursache meines Schwindels sein. Oder die Unmengen an Wodka Bull und Koks vergangene Nacht.

Schuld ist immer die Katze.

Gebannt beobachte ich die zwei Turteltauben, doch egal wie sehr ich mich auch anstrenge ich komme nicht drauf, wer der Unbekannte auf dem Sofa ist.
Vielleicht hilft ja ein Kaffee. Starte die Maschine und stell mich erstmal in die Dusche; kaltes Wasser soll ja Wunder wirken.

Kokain auch.

Schlüpf in den Bademantel, den Rest des weißen Pulvers auf die Waschmaschine schüttend, hektisch und gierig suche ich nach einem Strohhalm. Und siehe da -tatsächlich macht es den Anschein, alles wäre in bester Ordnung.

Und trotzdem: Irgendetwas ist anders.

Stetig schneller steigt der Takt des roten Muskels unter meiner Brust, neurotisch gegen die Rippen hämmernd zwingt er mich zu Boden. Blut tropft aus der Nase, scheiße ich glaub diesmal hab ich es wirklich übertrieben, bekomme keine Luft mehr, das wars dann wohl.

Verzweifelt versuche ich einen Punkt zu fixieren, mich von den Gedanken gleich zu krepieren zu verabschieden, doch es ist vergebens. Scheiße, ich kann jetzt nicht sterben, meine Wohnung sieht aus wie eine Müllhalde.
Außerdem bin ich heut Abend verabredet, ich muss ihn unbedingt wiedersehen.

Whoop. Whoop.

Stemme mich auf das Waschbecken, klatsche mir eiskaltes Wasser ins Gesicht und versuche an was Schönes zu denken. Tief einatmen, das wird schon wieder.

Ziehe mir eine herumliegende Short und ein Top drüber, sollte einfach mal an die frische Luft gehen um wieder klar zu kommen.

Kaum dort angekommen, beginnt der Kampf von vorn. Höllisch brennt die Sonne in meinen blutunterlaufenen Augen, stetig schneller werdender Herzschlag und das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen lassen mich in Panik ausbrechen. Kalter Schweiß läuft mir über die Schläfen und die ganze Welt beginnt sich wieder um mich zu drehen.

Zurück Richtung Eingang wankend höre ich das Klingeln, doch kann nicht mehr reagieren. Das Fahrrad erwischt mich frontal, ohne Möglichkeit ihm auszuweichen klatsche ich mit dem Hinterkopf auf den Asphalt.
Und plötzlich geht das Licht aus.