#Glaube

Bin ich nichts anderes, als eine egomanische Narzisstin, für die Empathie ein Fremdwort ist? Eine vergnügungssüchtige Lügnerin, die zwischenmenschlichen Tiefgang nur vom Hörensagen kennt? Eiskalter Engel, längst schon dem Untergang geweiht?
Ständig auf der Suche nach dem nächsten Kick, rastlos wie ein ausgehungertes Tier. Getrieben und gehetzt, ohne die Möglichkeit durchzuatmen renne ich unentwegt umher. Doch egal wie schnell mich meine Beine tragen, das rettende Ufer bleibt unerreichbar.
Zerfressen von der Einsamkeit, wie ein schwarzes Loch, das sich selbst auslöscht. Wo bist du jetzt?
Versinkender Glaube an das Gute im Menschen, zieht alle Hoffnung mit in die Tiefe. Wem soll ich noch trauen, wenn niemand mehr an mich glaubt?

Hashtag die Faschingsprinzessinnen

Direkt neben uns tanzt Miss Mietzekatze, als ob es um Leben und Tod gehen würde, die Kleine scheint drauf wie Hupe zu sein. Gegen sie wirke selbst ich wie ein Schulmädchen auf Bachblüten.
Ihre riesengroßen Augen wandern unruhig umher, ob sie wohl ein Katzenklo sucht?
„Ey du Muschi, zur Drogenberatung geht´s hier lang!“, Gerfried verschreckt das Raubtier mit seinem Geschrei beinahe zu Tode. Von der Paranoia überwältigt ergreift das Fellknäuel die Flucht.
Ich sage Gerfried bitte hör auf damit. Wer bitteschön will schon mit einer eins fünfundachtzig großen Banane über seine offensichtlichen Suchtprobleme sprechen:
Gerfried meint, vielleicht eine vegane Mutzi?
Ich sage, geh doch selbst zum Psychiater du durchgeknalltes Früchtchen. Verständnisvoll nickt mir eine Nonne zu, ehe sie versucht so unauffällig wie möglich hinter einen Barhocker zu reihern. Den, auf dem ich gerade sitze.
Lautlos geht irgendwie anders. Sie grölt wie ein Hooligan bei Stadionverbot, als sich ihr Mageninhalt unweit meiner Stiefel evakuiert.
„Blöde Fotze, ich rufe das Veterinäramt an, wenn du weiterhin auf unschuldige Waschbären kotzt! Das ist blasphemische Tierquälerei, du Gotteshure!“, kreische ich sie an. Ein zufällig vorbeirauschendes Schneewittchen schnauzt mich an, ich solle gefälligst meine dämliche Fresse halten, ansonsten werde sie mich windelweich prügeln.
Ich sage, Gerfried wir gehen, bevor sie ihre Zwerge ausm Arsch zieht.
Mit einem lauten Knall geht Frau Misses Klosterschwester zu Boden, mitten rein in ihr Erbrochenes. Wenn das der liebe Gott sehen würde…
Halleluja und fick dich Schneewittchen.
Ab morgen ist Ramadan, schrei ich die Banane an. Gerfried nimmt mich an der Hand und zieht mich aus dem Lokal hinaus.
„So Kleines, jetzt zeig ich dir den Weg zur Drogenberatung…“

Lei lei, ihr Narren – und willkommen in VILLACH!

Jesus liebt Faschingsflüchtlinge. Faschierte Pinguine. Und mich. Mich sowieso.

Steffi´s süffisantes Grinsen spricht Bände, als sie mich im Nonnenfummel über die Treppe kommen sieht, Charly braucht eine Sekunde länger um denselben Gesichtsausdruck wie seine bessere Hälfte anzunehmen.

„Du als Nonne? Genauso gut  könnten sie Mahatma Ghandi in einem Hitler Kostüm zur Fastnacht schicken.“

„Seit wann weißt du, wer Ghandi ist, Mister Oberschlau? Hast letzte Nacht auf einem Geschichtsbuch geschlafen?“

„Nein. Aber auf ner Frau mit Matura.“

Steffi verdreht ihre Augen und seufzt genervt:

„Vergiss ihn. Männer eben. Bitte pass auf dich auf, da draußen sind genug Verrückte.“

„Aber was? Die wirklichen Irren sind alle noch hier drinnen. Lei-Lei ihr Narren.“, gespielt entsetzt kralle ich mir Charlys  Bier, wünsche den Beiden noch einen entspannten Gümpeli Mittwoch und verschwinde Richtung  Dorfdisko. Na dann wollen wir den Eidgenossen mal zeigen, wie wir die fünfte Jahreszeit in Villach feiern.

Wodka. Joint. Wodka. Joint. Noch mehr Wodka. Ein kleiner geht noch?

Filmriss…

Die ersten Sonnenstrahlen touchieren meine Augenlider, brennen wie Salz in einer frischen Wunde. Ich versuche mein Gesicht mit dem Handrücken vor dem Licht abzuschirmen, als wäre ich ein Vampir der jeden Moment zu Staub zerfallen könnte. Mein Kopf droht zu explodieren, außerdem ist es viel zu heiß hier. Apropos hier  – Wo bin ich eigentlich?

Weder die Bettwäsche, noch die Aussicht aus dem Fenster  kommen mir bekannt vor. Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe- ich habe absolut keine Ahnung in wessen Schlafzimmer ich bin und was gestern passiert ist.  Da ich immer noch in der schwarzen Kutte stecke und nicht mal meine Schuhe ausgezogen habe, tippe ich auf ein recht katholisches Abendprogramm; auch wenn mir nicht ganz klar ist, wohin meine Unterwäsche verschwunden ist.

„Gott, ich werde nie wieder trinken.“

„Hoffentlich, Prinzessin.“

Erschrocken zucke ich zusammen, als plötzlich ein Kerl im Bademantel durch die offenstehende Tür geschossen kommt und sich neben mich aufs Bett fallen lässt. Wer ist denn er, bitte? Ave Maria.

Insgeheim bin ich froh darüber, dass mich das alles nicht mehr schocken kann.  Jesus liebt mich.

„Was heißt hier Prinzessin?  Faschierter Pinguin triffts wohl eher.“

Der erste Versuch aufzustehen scheitert. Mir ist schwindelig.  Ich setze mich wieder hin, und versuche mich auf einen Punkt zu konzentrieren, alles dreht sich.

Doch je länger ich auf das  Zeigerblatt der Uhr starre, desto mehr breitet sich Unruhe in mir aus.

Ich muss hier raus. Jetzt sofort.

„Nein Schätzchen. Du schaust wie Prinzessin Methamphetamin  aus. Teufel noch mal, du warst letzte Nacht so bedient, als hätten sie dir K.O Tropfen ins Getränk gemischt.“

Seufzend drücke ich die Spitzen der Zeigefinger gegen meine wummernden Schläfen, zeichne kleine Kreise um den Kater zu besänftigen.

„Mir muss man nichts ins Getränk schmeißen. Einfach nur abwarten bis ich vom Barhocker falle. Dazu brauch ich ganz sicher keine Hilfe. Außerdem schmeißt man das Zeug nur jungen Frauen in den Drink.“

Der Unbekannte hat scheinbar Sinn für Humor, er bepisst sich beinahe vor Lachen.

Mir ist aber nicht nach Small Talk, ich muss unbedingt zurück zu Steffi und Chary, schließlich sollten wir um vier zu arbeiten beginnen. Auch wenn sich meine Motivation in Grenzen hält, ich will hier weg.

Tapfer unterdrücke ich den Brechreiz, kämpfe mich in die Senkrechte und greife nach meinem Mantel, der auf dem Schreibtisch gelandet ist.

„Wo willst du denn hin?“

„Ich muss arbeiten.“

„Warte doch noch einen Moment, dann bring ich dich zurück?“

Ich schüttle den Kopf:

„Nein, ist schon ok. Ich denke ein wenig frische Luft, könnte mir nicht schaden.“

Mister Bademantel erklärt mir noch den Weg, doch ich kann mich nicht gleichzeitig aufs nicht-übergeben und seine Worte konzentrieren. Winke ihm zum Abschied noch mal und verschwinde nach draußen.

Die Kälte brennt unbarmherzig in den Lungen, zumindest lenkt das von der Übelkeit ab. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo genau ich hier gelandet bin, aber so groß ist die Stadt ja nicht. Entscheide mich nach rechts zu laufen, als ich plötzlich jemand durch ein  Fenster rufen höre:

„Du bist falsch, du musst in die andere Richtung laufen!“

Sehr fürsorglich der Kerl, auch wenn mir schleierhaft ist, woher er weiß, wo ich hin will.

Bedanke mich, und folge seinem Ratschlag. Doch auch diese Seite der Straße kommt mir nicht mal annähernd bekannt vor. Außerdem nervt es mich, von Passanten angestarrt zu werden.  Als ob die noch nie eine angesoffene Nonne bei Tageslicht gesichtet hätten.

Als ich am Ende der Straße ein Taxi stehen sehe, brülle ich vor Freude „Halleluja“ und bete ein stilles „Vater unser“.

„Wo soll’s denn hin gehen?“

Der arabisch aussehende Fahrer, stört sich kein bisschen an meiner desolaten Verfassung.

„In die alte Steigstraße, Ortsteil Bronschhofen, bitte.“

Er überlegt kurz, schaltet sein Navi ein und dreht sich auf meine Seite:

„Das wird aber an die 200 Stutz kosten.“

Ich frage mich, ob ich grade richtig gehört habe.

„Was? Wo zum Teufel bin ich hier?“

Der Fahrer tippt kurz auf dem Bildschirm des Navigationsgerätes und deutet darauf.

„Du bist am Bodensee, Schätzchen. Bronschhofen ist eine Stunde von hier entfernt“

Verwirrt schüttle ich den Kopf.

„Aber wie bin ich hier her gekommen?“

„Das kann ich dir leider auch nicht verraten.“

Das Brummen hinter der Schläfe wird wieder lauter, ich habe weder 200 Franken für die Taxifahrt noch einen Rest an Guthaben auf dem Telefon um jemand anzurufen. Als hätte er meine Misere bemerkt, huscht Mister Albanien ein dreckiges Lächeln übers Gesicht:

„Vielleicht fällt uns ja eine andere Lösung ein, um die Fahrt zu bezahlen.“

Echt jetzt?