The Nightmare before Kirchtag

Was ich denn so wichtiges zu tun hätte an einem Montagabend, quengelt er. Das tut er immer, wenn er ohne Frühstücksfick aufstehen muss.

„Dasselbe was ich jeden Abend mache“, antworte ich genervt.

„Weltherrschaft oder Vollrausch?“

Dafür, dass er seit vierundzwanzig Stunden ungevögelt ist, macht er einen recht ausgeglichenen Eindruck. Im Gegensatz zu mir – meine Contenance´ ist wie weggeblasen. Was denkt er sich denn, mich hinzustellen als ob ich Harald Junkes´Klon mit Titten wäre?

Das lass ich mir sicher nicht gefallen, wutentbrannt beende ich das Telefonat. Allerdings bin ich viel zu wütend um ihn zu ignorieren – beim dritten Rückruf gehe ich ran:

„Nein, Mister Obergescheit, ich bin nicht betrunken. Das bin ich montags nie, weil ich da immer ein neues Leben beginne. Wenn du mir auch nur ein einziges Mal zuhören würdest, wüsstest du das längst. Und nur zu deiner Info – ich kratze halbverdaute, ausgekotzte Nagetierrestel vom Fußboden. Die kleben nur deshalb so fest, weil mich deine Erektion über zwei Tage ans Bett gefesselt hat. Du bist also hier nicht der Einzige, der Probleme hat.“

 

Von genervt auf hysterisch in weniger als zehn Sekunden, wehe er lacht jetzt.

Vorsichtshalber beende ich das Gespräch zum zweiten Mal, lege auf und schalte in den Flugmodus. Er soll ruhig wissen, dass es mir ernst ist – theatralisch kann ich.

Schneller als das Bedürfnis zu trinken kehrt meine Verwirrtheit zurück, wo kommen die wandelnden weißen Punkte auf dem Ceranfeld auf einmal her?

Wie Slowmow-Sternschnuppen in orientierungslos; freilaufende Kokainvorräte oder Basmatireis auf Einzelkämpfer-Entdeckungsreise durch meine Küche?

Schneller als das schlechte Gewissen, weil ich seinen Schwanz heut Morgen nicht gelutscht hab, erwischt mich die Gewissheit, dass das keine krabbelnden Schneeflocken sind. Nein, das sind Maden.

Angewidert würge ich knapp am Waschbecken vorbei, Gismo starrt mich entsetzt an, wie eine frisch gebackene Pornoprinzessin beim ersten Deepthroat.  Synchronkotzen für Katzenbesitzer. Beziehungsstatus – es ist kompliziert – aber scheißegeil.

Flugmodus wieder ausgeschaltet, ich lass dreimal bei ihm klingeln. Vergeblich.

Als ob ich mich selbst retten könnte, was ist bloß los mit dem Mann? Woher kommt all das Ungeziefer? Warum riecht es hier nach fermentierter und niedrigtemperaturgegarter Wasserleiche? Woher kommt das Flimmern in der Mikrowelle?

Er ruft zurück.

Mit zitternden Fingern drücke ich ihn weg und öffne den Ofen…..

 

 

Wer bist du?

Immer noch hängen mir die Fragen wie schlafende Fledermäuse im Kopf herum, von Zeit zu Zeit erwachend, fliegen sie wild umher und hinterlassen nichts als Chaos in dem ohnehin schon ermüdetem Oberstübchen.

Was willst du eigentlich von mir?

Nach tagelanger Abwesenheit, zweifle ich bereits daran ob er jemals wirklich existiert hat, oder nichts anderes als ein verzerrtes Wunschbild ist, das nur in- und von meiner Vorstellung lebt.

Wieso kannst du nicht aufhören, mit mir zu spielen?

Wieder mal freue ich mich, wie ein Moslem über das Ende des Ramadans, als er sich mit mir treffen will, mein Herz schlägt Purzelbäume und ich kann es nicht erwarten, ihn zu spüren. Auch wenn die Vernunft zur Vorsicht mahnt, noch einen Absturz aus Frust kann ich mir im jetzigen Zustand einfach nicht erlauben, jeder könnte der letzte sein. Krampfhaft versuche ich überfliegende Euphorie zu dämpfen, je höher der Flug, desto tiefer der Fall; und der kommt so sicher wie die nächste Flüchtlingswelle in Traiskirchen.

Warum lasse ich zu, dass du mich so behandelst?

Ist es wirklich nichts anderes als eine Obsession, die mich fest im Griff hält, oder weiß ich ganz tief drinnen dass es nicht vorbei sein kann? Als hätte ich einen furchtbaren Krampf, ich schaffe es nicht loszulassen. Unzählige Male schon daran gescheitert es einfach sein zu lassen, wie neurotisch laufe ich  wieder und wieder mit dem Kopf gegen die Wand.

Welche Rolle spielst du?

Den Rächer? Den Märtyrer? Den Spiegel? Das Arschloch? Die gescheiterte Hoffnung? Die Sehnsucht? Die Verzweiflung? Den Spieler? Das Rätsel? Den unbezwingbaren Berg?

Was soll ich durch dich lernen?

Geduld? Gleichgültigkeit? Gefühlskälte? Distanz? Einsamkeit?

Mir wird schwindelig, fixiere einen Punkt am Himmel um nicht abzuheben. Je mehr ich über das was war nachgrüble, umso schneller dreht sich das Karussell aus vergessen geglaubten Träumen und befördert mich unsanft zurück in ein Schlachtfeld aus ich-brauche-dich und du-kannst-mich-mal.