#metoo

Flackernde Augen, die Buchstaben verschwimmen zunehmend, ausgebrannte Akkus zwingen mich zur Pause. Wie lang sitz ich eigentlich schon hier? Ich klappe den Rechner zu, blinzle durch die geöffneten Fenster raus in die analoge Welt, wundere mich darüber dass es langsam hell wird. Wo ist denn die Nacht geblieben?
Noch verwunderlicher als der viel zu rasche Sonnenaufgang ist mein pornoloser Browserverlauf und die Tatsache dass ein nackter Fickgott nebenan schläft und dabei immer noch seinen Pyjama trägt. Hab ich versehentlich geheiratet oder eine spontane Pimmelallergie bekommen? Hallo Libido, wo bist du denn?
Niemand antwortet mir, außer dem Schnarchen das durch die geöffnete Wohnzimmertüre dringt herrscht hier Totenstille.
Schütte den letzten Rest des braunen Pulvers auf „Die gute Küche“. Vor knapp zwei Jahrzehnten hat mich dieses Kochbuch durch die Lehrabschlussprüfung gebracht, heute missbrauche ich es als Unterlage für diverse psychotrope Substanzen. #metoo
Auf dem Einband des Covers ist ein Bild der beiden Autoren – Plachutta und Wagner. Beide absolut unfickbar. Ich befürchte meine nicht mehr existente Libido bei dem Anblick für immer zu verlieren. Bedecke Plachuttas Visage mit Heroin, Wagner verschwindet unter einem Häufchen Koks, ich suche verzweifelt nach Bier im Kühlschrank.
Außer Apfelmus und Weißwein ist das Ding leer – verfluchte Scheiße, was glaubt der Typ eigentlich? Das sein Ständer reicht um mich zufrieden zu stellen? Sogar in Traiskirchen ist mehr Klumpert im Eiskasten als hier. Wenn der kein Heineken hat, bastle ich mir halt einen Speedball – hab ich eh noch nie versucht.
Trotzig lass ich mich aufs Sofa fallen, vermische den braunen Haufen Pulver mit dem weißen, streiche mit der Rasierklinge eine dünne Linie des Cocktails an den Rand des Einbandes. Wo hab ich bloß den Strohhalm gelassen?

Ist koksen eigentlich vegan? Wieso bekommen so viele Durchfall von dem Zeug? Wegen dem Milchzucker, der zum Strecken verwendet wird? Ist man Laktoseintoleranz wenn man nach der ersten Line sofort kacken muss?
Wieso juckt es am ganzen Körper, wenn das andere Zeug in die Blutbahn gelangt? Warum macht das Zeug aus Nymphomaninnen frigide Frostbeulen? Seit wann ist Bier so ekelhaft und Pornos so uninteressant?
Du wolltest es doch wissen.
Richtig.
Strohhalm ins Gesicht. Ziehen.
Augen zu und…. Gott wie geil ist das denn?

#Glaube

Bin ich nichts anderes, als eine egomanische Narzisstin, für die Empathie ein Fremdwort ist? Eine vergnügungssüchtige Lügnerin, die zwischenmenschlichen Tiefgang nur vom Hörensagen kennt? Eiskalter Engel, längst schon dem Untergang geweiht?
Ständig auf der Suche nach dem nächsten Kick, rastlos wie ein ausgehungertes Tier. Getrieben und gehetzt, ohne die Möglichkeit durchzuatmen renne ich unentwegt umher. Doch egal wie schnell mich meine Beine tragen, das rettende Ufer bleibt unerreichbar.
Zerfressen von der Einsamkeit, wie ein schwarzes Loch, das sich selbst auslöscht. Wo bist du jetzt?
Versinkender Glaube an das Gute im Menschen, zieht alle Hoffnung mit in die Tiefe. Wem soll ich noch trauen, wenn niemand mehr an mich glaubt?

Über essentielle Selbstoptimierungs-Phantasien

Es reicht. Endgültig. Ich fange ein neues Leben an. Eins ohne Drogen, Gluten, Alkohol und Online-Pornos. Nur mehr Sonnenschein, basisches Mineralwasser, Kuschelsex und ausgedehnte Spaziergänge. Organisiert statt verwirrt!
Frisches Obst, statt Kokain und Wodka zum Frühstück. Zuversichtlich werfe ich den halben Joint der vor mir liegt ins Klo – ich brauch das alles nicht mehr.
Gerade als ich die Grapefruit fertig abgeschält und in mundgerechte Stücke geschnitten habe, holt mich das Vibrieren meines Telefons zurück auf den Boden der Realität. Dabei wären die Bitterstoffe der Zitrusfrucht doch so essentiell für meine Leber gewesen. Leider bleibt keine Zeit für Ernährungsoptimierung. Manuel verlangt, dass ich in vierzig Minuten am Bahnhof antanze. Dort würde jemand auf mich warten um das Zeug zu holen.
Mein Verstand sagt Grapefruit. Mein Herz ist ruiniert. Meine Konditionierung fickt sämtliche Selbstoptimierungsphantasien, werfe das Obst in den Müll.
Zehn Minuten später löse ich den Bausparvertrag auf. Ich solle so schnell wie möglich nach Klagenfurt um den Kerl abzuholen, den mir Manuel geschickt hat. Naja, dann fang ich halt nächste Woche mit dem Aufhören an. Lieber zu spät als nie, denke ich mir als der Unbekannte zu mir ins Auto steigt. Sein Geruch erinnert an einen Bus voller pubertierender Jungs, eine Mischung aus ner Überdosis AXE Deo und kaltem Zigarettenrauch, ich öffne das Fenster und atme nur noch durch die Nase.
Er sagt, wir müssen beim Baumarkt halten, verlässt diesen mit einer kleinen Krampe und einer Schaufel. Wir fahren raus aus der Stadt, mitten rein ins Nirgendwo. Ellena schickt mir ein Foto auf dem sie mit ihren Kindern Schlitten fährt. Ich fahre mit einem Fremden und Schaufel in den Wald um nach Koks zu suchen. Die Frage nach einem Selfie scheint unangebracht, der braungebrannte Gangster spaßbefreit. Wer wäre das nicht an seiner Stelle?
Immer wieder sieht er auf die Uhr, wie lange es noch dauert bis zum Sonnenuntergang will er wissen. Ohne Licht ist es unmöglich nach dem Zeug zu suchen. Ich denke mir, du Idiot kauf dir eine Stirnlampe wenn du zu dämlich bist dein Pack wieder zu finden. Hat schließlich keiner von dir verlangt, die Scheiße im Wald zu verbuddeln.
Am Weg dorthin versichert er mir, völlig clean zu sein. Wieso verliert man nüchtern einen fetten Batzen Kokain im Wald? Checke kurz, ob und wo ich den Pfefferspray hin gepackt hab. Nur zur Sicherheit.
An einer der Gabelungen lasse ich ihn aussteigen, er bittet mich um eine Mütze damit ihn niemand erkennt. Als ob ein Schwarzer in der Gegend nicht auffällt, nur weil er eine Kopfbedeckung trägt…
Währenddessen ich im Auto auf ihn warte, treibe ich mein Smartphone ins Burnout. Als sich der Touchscreen von einer Sekunde auf die andere ins digitale Jenseits verabschiedet, wird die Beifahrertür aufgerissen. Angepisster als Ivana Trump in Gegenwart ihres Göttergatten, steigt er ins Auto. Schuld sei nur der gefrorene Boden, wie soll man da ein Loch graben? Verständnisvoll nicke ich ihn zu, wer kann schon mit den witterungsbedingten Schwierigkeiten rechnen. Frost im Januar? Auf 2000 Meter Seehöhe mitten im österreichischen Bergland?
Ich hätte einfach bei meiner Grapefruit bleiben sollen.