Sichtschutz in gelb

Mir ist schwindlig im Kopf, außerdem ist es mir rätselhaft seit wann gelbe Vorhänge das Bett umranden.  Drehe mich noch mal zur Seite, weiterschlafen hilft bestimmt.

Drifte gerade zurück in den Tiefschlaf, als mich lautes Schnarchen aufschrecken lässt.  Zögere eine Sekunde, doch schließlich siegt die Neugierde und ich schiebe den Sichtschutz zur Seite.

Bitte, wer ist denn er?

Lebt der noch?

Ein grauhaariger Mann, ich schätze ihn auf einhundertschzig Jahre, liegt regungslos auf der Pritsche nebenan. Bin ich im Leichenschauhaus?

Aber dann würd ich doch in einer Holzkiste liegen?

Wäre ich nicht so routiniert in substanzbedingten Gedächtnisverlust, könnte ich glatt in Panik ausbrechen. Ich gebe mir Mühe mich zu orientieren, als der Scheintote nebenan zu brabbeln beginnt. Gott sei Dank –  der ist gar nicht tot – der riecht nur so.

Warum sollte er sonst auch am Tropf hängen?

Der Gedanke beruhigt mich solange, bis ich registriere, dass er nicht der einzige mit einer Kanüle in der Vene ist. Durch einen durchsichtigen langen Schlauch bin ich mit dem Plastikbeutel über dem Bett verbunden, tröpchenweise läuft die Flüssigkeit nach unten, direkt hinein in die Blutbahn.

Langsam aber sicher erhärtet sich der Verdacht, nicht in meinem Schlafzimmer zu sein.

Müssen meine Partys eigentlich immer so enden?

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums wird plötzlich eine Glastüre aufgerissen, durch die ein Blondchen ganz in weiß durchgeschossen kommt.  Ihre Brillengläser sind so dick wie die Unterseite eines Aschenbechers, in der Brusttasche ihres Kittels stecken bunte Kugelschreiber, die es mir schwer machen ihr Namensschild zu entziffern. Alles was ich erkennen kann, ist ein Doktor Titel.

Mit ernster Miene bleibt sie am Fußende des Betts stehen, zieht eine ihrer Augenbrauen nach oben während ihr Kopf nach links kippt:

„Sie wissen wo sie hier sind, Frau Siffredi?“

Ob sie es selbst auch weiß?

„Naja, wie im Hilton schauts hier nicht gerade aus.“

Der brabbelnde Schnarchkopf lacht.

Frau Doktor wirkt spaßbefreit, ohne mit der Wimper zu zucken wirft sie einen Blick auf das Klemmbrett in ihrer Hand. Unterdessen füllt sich der Raum, ein Weißkittel nach dem anderen versammelt sich um die humorlose Blondine. Das ist ja schlimmer als auf einer Baustelle –  einer arbeitet, zwanzig schauen blöd zu.

„Haben sie Selbstmordgedanken Frau Siffredi?“

Was für eine Überleitung, gratuliere Frau Doktor.

„Prinzipiell oder momentan?“

Blöde Frage, blöde Antwort.

Einige ihrer Handlanger beißen sich auf die Lippen, doch nicht allen gelingt es, ernst zu bleiben. Unterdrücktes Kichern aus den hinteren Reihen, bestärkt mich in der Annahme, dass die Tante zum Lachen in den Keller geht.

Mein Magen macht mit heftigen Knurren auf sich aufmerksam, überstimmt alle anderen Nebengeräusche und erinnert mich an meine Verfressenheit. Spiegeleier wären jetzt geil. Und Räucherlachs. Und Kaffee. Und Schokolade.

Wann habe ich das letzte Mal was gegessen?

„Denken Sie daran sich selbst zu verletzen?“

Frau Doktor lässt nicht locker.

„Nein, ich denke an Frühstück.“

Sie erklärt mir, dass ich in der Psychiatrie bin. Verstehe nicht, was das mit meiner Bitte nach Essen zu tun hat, Irre brauchen doch auch Kohlenhydrate? Drohe mit der Patientenanwaltschaft, drei Minuten später löst sich die Menschentraube vor mir auf, ein Kerl in grüner Montur stellt ein Tablett neben mein Bett, wünscht mir guten Appetit und zischt wieder ab.

Der Hunger treibts rein, die Gier behälts unten. Will gar nicht wissen, was genau ich da in mich reinstopfe. Hauptsache Futter.

„Lange nichts mehr zu essen bekommen?“

Erschrocken zucke ich zusammen, dem unkontrollierten Muskelkrampf folgt ein Knall gegen die Fensterscheibe, die den Amokflug meiner Gabel beendet. Wer hat da grade mit mir geredet?

Ach ja. Da war ja noch einer.

Der totgeglaubte Greis von nebenan wirkt gar nicht mehr so tot.

„Schmeißt du immer mit Besteck herum, wenn dich ein Mann anspricht?“

Verarscht mich der etwa?

„Ja, deswegen haben sie mich in die Klapsmühle gesperrt.  Und du?“

Standbild auf Wolke 7

Seine Augen mustern mich erwartungsvoll. Vorsichtig streicht er eine Haarsträhne aus meinem Gesicht, für einen kurzen Augenblick scheint die Zeit still zu stehen. Er strahlt heller als alle Sterne zusammen, unsere Blicke kreuzen sich. Ich bin geblendet von ihm, verliere mich in diesem Lächeln.

Verliere mich in ihm.

Fassungslos winke ich dem letzten Rest an Selbstbeherrschung hinterher. Wusste gar nicht wie schnell die verschwinden kann, wenn es darauf ankommt.

Fast so rasant, wie das Shirt, ist auch meine Contenance entwischt. Vorsichtig aber sehr bestimmt zieht er es über meinen Kopf, er wirkt zufrieden, als ich nackt vor ihm knie.

Stolpernder Herzschlag schießt mich immer weiter nach oben, ganz egal wie dünn die Luft dort ist. Je höher der Flug, desto tiefer der Fall?

Vorausgesetzt, man möchte jemals wieder von dort runter kommen….

 

 

 

Willkommen in meiner Welt, Arschloch.

Zerstückelte Erinnerungsfetzen drängen aus der Versenkung nach oben und innerhalb eines einzigen Herzschlages ist alles anders.

Es ist endgültig vorbei, letzte Funken falscher Hoffnung und kranker Sentimentalität wie weggeblasen; verglüht ohne dabei auf die Knie zu sinken. Ziellose Besessenheit steuert geradezu in die nächste Vollkatastrophe.

Warum bin ich heute nochmal aufgestanden?

Ach ja. Weil ich dachte, der Typ mit dem Sushi und dem Six Pack würd endlich Frühstück bringen. Von wegen. Die Rundfunkgebühr wollt der Spast; aber das ist ein anderes Kapitel.

Der Schlafentzug zeigt erste Spuren, alles auf slowmo. Nachlegen ist umsonst, sämtliche Körpersysteme kurz vorm Abstürzen. Siebzig Stunden wach und ohne feste Nahrung. Da hilft auch Boliviens Exportschlager Nummer eins nichts mehr. Irgendwann ist einfach zu viel des Guten.

Recht herzlichen Dank liebe Obsession.

Geprügelt, gedemütigt und verzweifelt aus dem Ring gestiegen; niemals gekrochen. Ziellos von einer in die nächste Misere getorkelt.

Unzählige Male die Selbstachtung verloren-kein einziges Mal den Stolz.

Mit gehobenem Kopf scheint der Fall ästhetischer, bisschen Contenance und so´n Scheiß. Immer tanzend. Mit Sonnenbrille.

Und noch während man sich den Aufprall als allerletzte Instanz des eigenen Selbstzerstörungswahns vorstellt, kündigt sich unerwartet Hilfe bei dem Vorhaben an.

Sein Gesicht ist eingefallen, die Konturen der Wangenknochen deutlich auszumachen. Mittlerweile hat sich die noble Blässe in fahles Grau gewandelt, die Stirn voller entzündet aussehender Punkte, tiefe schwarze Ränder unter weit aufgerissenen Augen.

Er wollte immer sein wie Onkel Charlie, geworden ist er das uneheliche, in einer Bahnhofstoilette gezeugte Balg, von Jessy Pinkman und Christiane F.

Ihr Kinder vom Bahnhof Zoo.

Aus jeder seiner Poren dringt das Gift nach außen; vor nicht allzu langer Zeit war ich süchtiger nach seinem Geruch, als nach dem Inhalt seiner Taschen.

Da ist kein Glanz mehr in seinem Blick, sämtliche Erinnerungen getötet.

Will mich erinnern.

Schaff es nicht.

Rastloser Geist randaliert im erschöpften Körper, wirre Gedankengänge, leergekokste Müdigkeit eines  kaputten Wahnsinnigen am Rande der Existenzberechtigung.

Willkommen in meiner Welt, Arschloch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über den Wechsel der Perspektive

Ihr Lächeln haut mich um ein Haar um, als sie mir die Tür öffnet. Längst schon ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden, die einzige Lichtquelle stammt aus dem Flur ihrer Wohnung. Kann mich nicht daran erinnern, wann es zum letzten Mal so stockdunkel gewesen ist; es ist noch nicht mal so spät, doch längst hat die Winterzeit wieder den Steuerknüppel der Herbstdepression übernommen.

Doch die scheint mit einem Schlag wie weggewischt, Lauras Grinsen zaubert auch mir augenblicklich eins ins Gesicht.

„Schön, dass du Zeit hast. Komm rein.“

Küssen uns flüchtig auf die Wangen, unschuldig wie ich es nie gewesen bin.

„Wo hast denn deine schlechtere Hälfte gelassen?“

Lasse mich auf die schwarze Ledercouch fallen, während sie ein Glas aus dem Schrank holt.

„Ach Maja, lass mich bloß mit dem Idioten in Ruhe. Alles Arschlöcher.“

Ziehe die kleine Tüte mit Northern Lights aus der Jean, ohne sie auch nur einen einzigen Moment aus den Augen zu lassen.

„Hab ich dir ja gesagt. Hast du zufällig Papers?“

Dort wo die weiße Spitze ihres Nachthemds aufhört, fängt Lauras Gänsehaut erst an, zieht sich über ihr Dekollete´, ihre Arme. Die langen Haare trägt sie offen, blonde Locken fallen ihr übers Gesicht, zeichnen die Konturen ihres Profils, in dessen Mitte blitzblaue Augen heraus stechen.
Als sie sich umdreht, um mir Wein und OCB zu holen, kann ich nicht anders und muss ihren Hintern anstarren. Wie eine zweite Haut schmiegt sich der Stoff um ihre perfekten Rundungen, wie ein Raubtier das Blut geleckt hat, verwandelt sich mein Unterbewusstsein in ein Instinktgesteurtes Triebtäterdings.
Baby….
Barfuß fegt sie durch die Wohnung, sammelt die essentiellen Bestandteile eines gelungenen Abends ein, pflanzt sich neben mich und dreht Wanda auf Anschlag.

Entspannt, Zentimeter für Zentimeter lässt sie sich tiefer in die Kissen fallen, die systematisch angeordnet in der einzigen Ecke der Couch gestapelt herumliegen, einzig und allein die Augen, die immer noch wach den Überblick behalten.

Lauras Tiefenentspanntheit überträgt sich sekundenschnell auf mich, ich vergesse beinahe sie danach zu fragen, woher die zarte, weiße Staubschicht auf ihrem Glastisch kommt, ehe ich meinen Kopf auf ihren Körper fallen- und von ihr streicheln lasse.

Vorsichtig zeichnen ihre Fingerspitzen die Konturen meines Gesichts nach, streifen lose Haarsträhnen nach hinten, mustert mich ausgiebig, senkt den Kopf, küsst mich.

Erst nur zaghaft, komme ihr entgegen, streichle über ihren Kopf, öffne meinen Mund. Wie Teenager, die´s zum ersten Mal machen, unbeholfen und dennoch geschickt heizen wir uns ein. Als meine Hände auf ihren Brüsten landen, werden ihre Augen mit einem Schlag tiefschwarz, die Pupillen explodieren, genauso wie ihre Nippel, die sich wie Radiergummi unter der Seide abzeichnen. Schieb ihr Nachthemd über die Schultern, ihre Zunge tief in meinem Mund, Fingerspitzen unter meiner Bluse.

Drück ihren perfekten Körper zu Boden, splitterfasernackt liegt sie auf dem Parkett. Kann mich nicht satt sehen an ihr, räkelt sich provokant, fickt mich mit ihrem Blick.

Wieso hat mir nie jemand gesagt, wie geil Frauen sind?