#Glaube

Bin ich nichts anderes, als eine egomanische Narzisstin, für die Empathie ein Fremdwort ist? Eine vergnügungssüchtige Lügnerin, die zwischenmenschlichen Tiefgang nur vom Hörensagen kennt? Eiskalter Engel, längst schon dem Untergang geweiht?
Ständig auf der Suche nach dem nächsten Kick, rastlos wie ein ausgehungertes Tier. Getrieben und gehetzt, ohne die Möglichkeit durchzuatmen renne ich unentwegt umher. Doch egal wie schnell mich meine Beine tragen, das rettende Ufer bleibt unerreichbar.
Zerfressen von der Einsamkeit, wie ein schwarzes Loch, das sich selbst auslöscht. Wo bist du jetzt?
Versinkender Glaube an das Gute im Menschen, zieht alle Hoffnung mit in die Tiefe. Wem soll ich noch trauen, wenn niemand mehr an mich glaubt?

Chiara – oder: Bipolare Chaoten auf der Reise zu sich selbst

Nerv tötendes Piepsen reißt ihn unsanft  aus dem Tiefschlaf, der ihn erst zwei Stunden zuvor endlich übermannt hatte. Jeder einzelne  Knochen ist  schwer wie Blei, genauso wie sein Kopf. Nur noch ein paar Minuten liegen bleiben.

Zur Seite drehend streckt er seine Hand aus, streicht suchend über das zerwühlte Laken, ehe ihn die traurige Gewissheit erneut einholt:

Sie ist nicht mehr da.

Mit einem Schlag fühlt es sich so an, als ob ihm jemand ein Loch in die  Brust gerissen hätte, am liebsten würde er sich die Decke über den Kopf ziehen und nie wieder aufstehen.

Nie zuvor hatte er derart  intensiv für einen Menschen empfunden, mit der Intensität eines Tornados war Chiara in sein Leben gerauscht, raubte ihn den Verstand, brachte seine Aura zum Leuchten,  das Herz zum Tanzen.

Dreihundertfünfundsechzig Nächte zuvor  rannte sie ihn beim Warten auf den Zug  über den Haufen, seine geöffnete Aktentasche und sämtliche darin befindlichen Papiere flogen im weiten Bogen umher.

„Sagen Sie mal, müssen Sie denn hier mitten im Weg herumlungern? Sie sehen doch dass ich auf mein Telefon schaue, wie soll ich mich da noch auf was anderes konzentrieren?  Das hätte ganz böse ausgehen können.“

Verschmitzt lächelnd  packte Chiara ihr Handy weg,  half ihm beim Einsammeln der  Unterlagen,  ehe sie ihn zur Wiedergutmachung auf ein Bier einlud.

Sie war eine Erscheinung, wie er sie nie zuvor gesehen hatte, mit ihrer wallenden roten Mähne, dem stechendem Blick und  den bunten Bildern auf ihrer Haut war sie so anders als die Frauen die er bis dahin  gekannt hatte. Er hatte nicht den Hauch einer Chance  ihr zu wiederstehen, ließ sich in ihren geheimnisvollen Bann ziehen, verlor sich völlig in diesem Weib. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er die Bedeutung von Vollkommenheit erahnen.

Alles was ihm nach ihrem Verschwinden blieb, war unendliche Leere, Zerrissenheit, sowie quälende Ungewissheit. Und die braune Ledertasche, die zum Symbol ihres ersten Aufeinandertreffens wurde. Chiara mochte das abgegriffene Teil, deshalb schenkte er es ihr zum Geburtstag. Sie freute sich riesig, von nun an würde Sie die Erinnerung an ihr erstes Date  täglich ins Büro begleiten.

War er so geblendet, dass er die Warnzeichen ignoriert hat? War der berufliche Druck zu stark, hat er es deshalb nicht kommen sehen?

Manchmal wünschte er sich, dass er sie nie getroffen hätte, um sich einen Moment später für den Gedanken zu schämen. Sie waren doch einmal so glücklich miteinander, jede Begegnung glich einem Höhenrausch mit ungeahnter Intensität. Wie zwei verliebte Teenager gab es nichts außer grenzenloser  Zuneigung zueinander, alles andere war  belanglos.

Als die Tage wieder kürzer und die Nächte kälter wurden, blieb Chiara öfter und länger verschwunden, ohne ihm zu sagen wo sie hinging. Mit jeder Rückkehr, wirkte sie ein wenig distanzierter und entfremdeter, ihr Blick war eiskalt geworden.

Die Schatten unter ihren Augen wurden dunkler, sie verlor zunehmend an Gewicht,  die Wutausbrüche in denen sie völlig die Kontrolle verlor, häuften sich.

Kleinigkeiten reichten aus um sie in Rage zu versetzen, Porzellan krachte laut knallend gegen Wände, hinterließ  ein Trümmerfeld  und  noch ehe die Scherben aufgeräumt waren, liebten Sie sich zur Versöhnung, dennoch  war sie dabei kilometerweit von ihm entfernt.

Allzu gern fiel er auf  Chiaras Erklärungen  hinein, sie hätte Ärger in der Firma und eine einsetzende Herbstdepression die an ihrem Verhalten Schuld sei.  Gegen jede Warnung  von Freunden  stand die felsenfeste Überzeugung sie mit seiner  Liebe zu retten.

Trotz ihres chronischen Geldmangels und permanenten Nasenblutens glaubte er ihren Ausflüchten, sogar als sie eines Abends bewusstlos in der Küche umfiel. Es sei einfach eine harte Woche für sie gewesen, vor lauter Stress habe sie keine Zeit zum Essen gehabt.  Hoch und heilig musste sie ihm versprechen, einen Gang runter zu schalten und mehr auf sich aufzupassen.

Am nächsten Morgen  verabschiedete sie sich mit einem Kuss  und lief den kurzen Weg hinunter zum Bahnhof.

Er wollte ihr was Gutes tun,  sie mit einem spontanen Abendessen überraschen und  vom Büro abholen. Doch niemand dort, wusste wo sie ist, sie sei schon seit Tagen nicht mehr in der Arbeit gewesen, hätte sich  weder krank gemeldet  noch war sie telefonisch  zu erreichen.

Nackte Angst machte sich in ihm breit, obwohl sie in letzter Zeit einige Male abgetaucht war, diesmal wusste er, dass etwas anders ist als sonst

.Die Polizei meinte, sie würde erst nach vierundzwanzig Stunden nach Vermissten suchen, solange konnte er doch nicht warten.

Rot leuchtender Vollmond erhellte den Weg, den er verzweifelt nach ihr absuchte, sie wird doch wohl keinen Blödsinn gemacht haben? Da ihr uralter VW Käfer noch in der Garage stand, konnte sie nur mit den Öffentlichen unterwegs sein, weshalb er in der Bahnstation nach ihr Ausschau hielt. Doch die war ebenso menschenleer, wie das naheliegende Strandbad um diese Jahreszeit.

Neben den Gleisen schlängelte sich ein enger Schotterweg durch die Wiesen, ein Funken aufkeimender Hoffnung schien ihn dorthin zu ziehen um seine geliebte Chiara zu finden.

Rastlos hetzte er den Pfad entlang, als er wie aus dem Nichts auf einer stillgelegten Schiene einen Schatten entdeckte. Seine Beine zitterten als er nach der braunen Ledertasche griff mit der sie in der Früh aufgebrochen war, als wäre er in einem Alptraum gefangen, aus dem es kein Entkommen gibt.

Weit und breit keine Spur von ihr.

Es sollte Tage dauern bis die Polizei ihn befragte, ob er von ihrem Drogenproblem gewusst hätte. Die Spurensicherung hätte überall im Auto und auch in der Tasche Kokain gefunden, aber niemand konnte ihm sagen wo Chiara geblieben war.

Zum dritten Mal an diesem Morgen klingelt der Wecker, doch er weiß nicht wozu es sich noch lohnen sollte weiterzumachen.

Wer bist du?

Immer noch hängen mir die Fragen wie schlafende Fledermäuse im Kopf herum, von Zeit zu Zeit erwachend, fliegen sie wild umher und hinterlassen nichts als Chaos in dem ohnehin schon ermüdetem Oberstübchen.

Was willst du eigentlich von mir?

Nach tagelanger Abwesenheit, zweifle ich bereits daran ob er jemals wirklich existiert hat, oder nichts anderes als ein verzerrtes Wunschbild ist, das nur in- und von meiner Vorstellung lebt.

Wieso kannst du nicht aufhören, mit mir zu spielen?

Wieder mal freue ich mich, wie ein Moslem über das Ende des Ramadans, als er sich mit mir treffen will, mein Herz schlägt Purzelbäume und ich kann es nicht erwarten, ihn zu spüren. Auch wenn die Vernunft zur Vorsicht mahnt, noch einen Absturz aus Frust kann ich mir im jetzigen Zustand einfach nicht erlauben, jeder könnte der letzte sein. Krampfhaft versuche ich überfliegende Euphorie zu dämpfen, je höher der Flug, desto tiefer der Fall; und der kommt so sicher wie die nächste Flüchtlingswelle in Traiskirchen.

Warum lasse ich zu, dass du mich so behandelst?

Ist es wirklich nichts anderes als eine Obsession, die mich fest im Griff hält, oder weiß ich ganz tief drinnen dass es nicht vorbei sein kann? Als hätte ich einen furchtbaren Krampf, ich schaffe es nicht loszulassen. Unzählige Male schon daran gescheitert es einfach sein zu lassen, wie neurotisch laufe ich  wieder und wieder mit dem Kopf gegen die Wand.

Welche Rolle spielst du?

Den Rächer? Den Märtyrer? Den Spiegel? Das Arschloch? Die gescheiterte Hoffnung? Die Sehnsucht? Die Verzweiflung? Den Spieler? Das Rätsel? Den unbezwingbaren Berg?

Was soll ich durch dich lernen?

Geduld? Gleichgültigkeit? Gefühlskälte? Distanz? Einsamkeit?

Mir wird schwindelig, fixiere einen Punkt am Himmel um nicht abzuheben. Je mehr ich über das was war nachgrüble, umso schneller dreht sich das Karussell aus vergessen geglaubten Träumen und befördert mich unsanft zurück in ein Schlachtfeld aus ich-brauche-dich und du-kannst-mich-mal.