Banane

Ernesto schreit mich an: „Gib Gas, du Irre!“
Seine Stirn ist Schweißbenetzt, er scheint es echt ernst zu meinen. Als ob man mir den Bleifuß diktieren müsste, scheiß verblödeter Beifahrerischer Ausländer. Trete mit voller Kraft aufs Gaspedal, Ernestos Schädel knallt gegen die Kopflehne.
„Bist du deppert, die Kiste jault ja lauter als mein angeficktes Alter Ego beim Porno schauen“, unüberhörbarer Enthusiasmus meinerseits. Gott, ich liebe diese Karre. Mustang rulez.
Ernesto eher nicht. Der kotzt gegen die geschlossene Seitenscheibe.
Ich schreie ihn an, fasle etwas von du dummes Arschloch, schau was du da angerichtet hast. Würgendes Röcheln neben mir: „In meinem Auto kann ich hinspeiben wo ich will du Miststück.“
Achja, genau. Sein PKW.
Als ob ich mir ne gelbe Karre für über 25 Riesen holen würde. Bin schließlich keine übermotivierte Verkaufsnutte von Chiquita, oder der Post.
„Fick dich doch Ernesto.“
Fahre den Mustang rechts ran und steige aus. Theatralisch kann ich.
Zwei Schritte weiter erbarme ich mich – elendiges Würgen hinter mir; verdammt noch mal, wieso muss der jetzt abkratzten? Sicher weil sein Auto so hässlich ist? Da würd ich auch den Freitod wählen….
So friedlich wie er da auf dem Boden liegt, man könnte meinen er hätte das Zeitliche gesegnet. Wäre da nicht die immer größer werdende Ausbeulung knapp unter seinem Bauchnabel. Ich denke nicht, dass Leichen Erektionen bekommen.
„Totstellen geht ohne Latte, du Genie“, fasse ihn mit der einen zwischen die Beine, suche mit der anderen mein Handy in der Tasche. Noch bevor ich Ernestos Penis auf den Weg nach Instagram schicke, reißt er die Augen auf – und mich zu Boden.
Immer lauter werdende Sirenen, seine Knie drücken meine Schultern unnachgiebig zu Boden, er knurrt mich an: „Wenn du schnell bist, hast du vielleicht noch eine Chance. Auf die Plätze, fertig,…. !“

Beim ersten Versuch das grunzende Viech über den Zaun zu heben, wird lötzlich eins der Fenster über unserern Köpfen aufgerissen. Vor Schreck lass ich das Schwein fallen, mit einem Schlag ist es wieder putzmunter. Ich hab befürchtet, dass die Dosis für so´n Vieh zu niedrig ist – aber wer will schon ein Babyschwein überdosieren? Die sind echt niedlich, deswegen versuchen wir die auch zu klauen.“Ihr scheiß behinderten Ausländer, lasst sofort Henry los!“, schallt es aus dem Stock über dem Gehege.
Steffen packt mich am Anorak, wir laufen los. Henry lassen wir zurück, weiß eh nicht, ob er sich mit den Katzen verstanden hätte.

Es fühlt sich eigenartig an, ihn nach so langer Zeit endlich wiederzusehen, da ist kein Kribbeln mehr im Bauch – auch wenn die Freude über das Wiedersehen wahrhaftig ist, und all den Kleinkram überstrahlt, der mich in letzter Zeit so genervt hat.
Irgendwas ist da immer noch zwischen uns beiden, spürbare Spannung schält sich aus unserer getarnten Gelassenheit, als unsere Blicke sich endlich kreuzen. Ich erkenne ihn unter hunderten Menschen in der Lobby – selbst wenn man mir die Augen verbunden hätte würde ich seine körperliche Präsenz bemerken; seine geistige schien ohnehin ständig anwesend. Gsnz egal wie weit wir voneinander entfernt waren…

Seine Augen spiegeln den Glanz der Meinen

Schon komisch, wie sich der eigene Geschmack im Laufe der Zeit verändert, einem ständigen Wandel erliegt. Ist das Entwicklung oder Abbau?
Früher fand ich die Onkelz cool, außerdem Wurstsalat-Majonaise-Semmel.
Heute steh ich auf Paul Kalkbrenner, vegetarische Extrawurst und glutenfreies Brot.
Fortschritt, oder Verblödung?
Die erste langfristige Hauptrolle in meinem autoerotischem Kopfkino, spielte ein kleingewachsener Blondschopf mit Stockerlarsch und Karohemden – mein Mathelehrer – der Traum meiner schlaflosen Nächte – der Inhalt sämtlicher präubertären feuchten Träume. Während andere Mädels von Robbie Williams fantasierten, malte ich mir eine romantische Blowjob-Szene im Kopierraum mit dem Herrn Professor Algebra aus.
Nachdem er keinen meiner Liebesbriefe beantwortete, dachte ich erst an Freitod, änderte nach langem Überlegen aber einfach mein Beuteschema. Ich wollte schließlich nicht sterben bevor mir die ersten Schamhaare das Gefühl von körperlicher Reife geben konnten. Nur die Besten sterben jung, aber nur die Bescheuerten ohne Titten und Landebahn.
Bedingt durch den subtilen Rassismus meiner Erzeuger, beschloss ich von jetzt an nur mehr an afroamerikanische Männer zu denken. Ich wollte keinen Professor, ich wollte Ebola. Rebell ohne Grund?
Egal, hauptsache schwarzer Penis.
Bis zu dem Tag, an dem ich zum zweiten Mal neunundzwanzig wurde, hielt ich meiner Wichsphantasie die Treue. Länger als irgendeinem realen Mann…

Mehr torkelnd, als flatternd suche ich Halt am Aquarium, um nicht schon vor dem Frühstück umzukippen. Haben wir gestern so viel gesoffen, oder hab ich mir die Grippe eingefangen? Leider kann mir der Piranjia auch keine schlüssige Antwort liefern, ich zeige ihm den Stinkefinger und hoffe insgeheim, dass das Mistvieh nicht rausspringt und ihn mir abbeißt.
„Hör auf Bernd zu provozieren“ , der warnende Unterton in seiner Stimme entgeht mir nicht, auch wenn ich keine Ahnung habe, wer Bernd ist.
Als hätte der halbnackte Kerl, der da vor mir im Türrahmen lehnt, meine Gedanken gelesen, antwortet er auf meine unausgesprochene Frage. Bernd sei der Fisch. Und ich würde aussehen, wie ein potentieller Köder.

The Nightmare before Kirchtag

Was ich denn so wichtiges zu tun hätte an einem Montagabend, quengelt er. Das tut er immer, wenn er ohne Frühstücksfick aufstehen muss.

„Dasselbe was ich jeden Abend mache“, antworte ich genervt.

„Weltherrschaft oder Vollrausch?“

Dafür, dass er seit vierundzwanzig Stunden ungevögelt ist, macht er einen recht ausgeglichenen Eindruck. Im Gegensatz zu mir – meine Contenance´ ist wie weggeblasen. Was denkt er sich denn, mich hinzustellen als ob ich Harald Junkes´Klon mit Titten wäre?

Das lass ich mir sicher nicht gefallen, wutentbrannt beende ich das Telefonat. Allerdings bin ich viel zu wütend um ihn zu ignorieren – beim dritten Rückruf gehe ich ran:

„Nein, Mister Obergescheit, ich bin nicht betrunken. Das bin ich montags nie, weil ich da immer ein neues Leben beginne. Wenn du mir auch nur ein einziges Mal zuhören würdest, wüsstest du das längst. Und nur zu deiner Info – ich kratze halbverdaute, ausgekotzte Nagetierrestel vom Fußboden. Die kleben nur deshalb so fest, weil mich deine Erektion über zwei Tage ans Bett gefesselt hat. Du bist also hier nicht der Einzige, der Probleme hat.“

 

Von genervt auf hysterisch in weniger als zehn Sekunden, wehe er lacht jetzt.

Vorsichtshalber beende ich das Gespräch zum zweiten Mal, lege auf und schalte in den Flugmodus. Er soll ruhig wissen, dass es mir ernst ist – theatralisch kann ich.

Schneller als das Bedürfnis zu trinken kehrt meine Verwirrtheit zurück, wo kommen die wandelnden weißen Punkte auf dem Ceranfeld auf einmal her?

Wie Slowmow-Sternschnuppen in orientierungslos; freilaufende Kokainvorräte oder Basmatireis auf Einzelkämpfer-Entdeckungsreise durch meine Küche?

Schneller als das schlechte Gewissen, weil ich seinen Schwanz heut Morgen nicht gelutscht hab, erwischt mich die Gewissheit, dass das keine krabbelnden Schneeflocken sind. Nein, das sind Maden.

Angewidert würge ich knapp am Waschbecken vorbei, Gismo starrt mich entsetzt an, wie eine frisch gebackene Pornoprinzessin beim ersten Deepthroat.  Synchronkotzen für Katzenbesitzer. Beziehungsstatus – es ist kompliziert – aber scheißegeil.

Flugmodus wieder ausgeschaltet, ich lass dreimal bei ihm klingeln. Vergeblich.

Als ob ich mich selbst retten könnte, was ist bloß los mit dem Mann? Woher kommt all das Ungeziefer? Warum riecht es hier nach fermentierter und niedrigtemperaturgegarter Wasserleiche? Woher kommt das Flimmern in der Mikrowelle?

Er ruft zurück.

Mit zitternden Fingern drücke ich ihn weg und öffne den Ofen…..

 

 

Gesundheitsfanatiker ohne Schiebetüre

Werner wird  vom Tropf befreit und fragt ob ich mit ihm nach draußen komme um eine zu rauchen, er brauche das nach der Infusion.  Die besten Zigaretten wären die nach dem Essen. Oder nach dem Sex.

Aber ich rauche doch gar nicht.  Bin eher so die gesundheitsbewusste Drogenkonsumentin.

Schallendes Gelächter als der nächste Weißkittel durch die Türe schießt. Hier geht´s ja zu wie im Taubenschlag, sollten Durchgeknallte nicht zur Ruhe kommen?

„Guten Morgen Frau Siffredi. Ihr Gesundheitsbewusstsein lob ich mir. Vor allem in Anbetracht ihres multiplen Substanzgebrauchs.“

Herr Doktor  schüttelt mir die Hand, verrät mir dass er der Chef auf der Stadion sei. Ich frage ihn ob ich nach Hause gehen kann. Seine Miene wird ernst:

„Die gerichtliche Unterbringung ist mittlerweile aufgehoben, aber es wäre unverantwortlich Sie in dieser Verfassung zu entlassen.“

Ich verstehe nur Bahnhof. Wovon redet der denn?

„Sie sind immer noch sehr dehydriert, eine einzige Infusion ist nicht genug um das auszugleichen. Haben Sie ein wenig Geduld.“

Kann der mir nicht einfach ein Sixpack bringen? Zwecks der Flüssigkeit?

„Was heißt gerichtliche Unter-irgendwas?“

Überrascht über die endlose Steigerungsfähigkeit meiner Verwirrtheit, habe ich Schwierigkeiten dem Gespräch zu folgen.

„Wenn Patienten selbst- oder fremdgefährdend agieren, sind wir gezwungen sie hier festzuhalten.“

Agieren, hydrieren, intoxikablabladingsbums. Er hätte ebenso auf Russisch antworten können. Wovon redet denn der?

Die einzige Fremdgefährdung in dem Laden geht vom Koch aus, die Chance dieses kulinarische Attentat zu überstehen ist nicht viel höher als ein Aufenthalt an der syrischen Front.

„Nur weil ich den Krankenhausfraß gegessen habe, bin ich wohl nicht selbstgefährdend? Und andere Menschen gefährde ich auch nicht, ich glaub an Karma.“

Doktor Freud entgeht meine Anspannung nicht.

„Keine Sorge, der Koch liegt im Nebenzimmer. Ich komme am Nachmittag noch mal zu Ihnen, wenn Sie möchten kann ich Ihnen was gegen die Unruhe geben.“

Zumindest ist er schlagfertig.

„Aber für Bier ist es zu früh?“

Werner schlurft zurück ins Zimmer, lässt sich aufs frisch bezogene Laken fallen:

„Wenn sie Bier bekommt, will ich auch eins haben!“

Herr Doktor fasst ihn seine Hosentasche.

„Leider hab ich keins mehr eingesteckt.“

Ist der wirklich Arzt, oder ein Irrer der sich verkleidet hat?

Zum fünftausendsten Mal an diesem Morgen wird die Türe aufgerissen, zwei Damen in grün wuseln wie hyperaktive Frettchen herein, räumen das dreckige Geschirr weg und säuseln dem vermeintlich Durchgeknallten mit Stethoskop was zu. Er nickt, verabschiedet sich und folgt den Saubermachmuschis nach draußen.

Bestimmt vögelt er den beiden gleich das Hirn raus.

Mit einem lauten Knall fällt die verfickte Zimmertüre zurück ins Schloss, nur um eine Sekunde später wieder aufgerissen zu werden. Nicht mal bei meinem Dealer herrscht ein derartiges Kommen und Gehen.  Eine hochgewachsene Blondine bringt Pillen für Werner und mich.Zum Glück, ansonsten wäre der passende Zeitpunkt um fremdgefährdend zu werden.

„Gegen die Nervosität, Fräulein Siffredi.“

Miss Verständnis drückt mir einen winzigen Plastikbecher in die Hand, wartet bis ich mir den Inhalt in den Rachen gekippt habe.

„Entweder hängen sie die Türe aus, oder sie bringen mir die doppelte Dosis“ schnauze ich sie an.

„Ich muss Sie leider enttäuschen – Schiebetüren und ausreichende Medikation ist den Privatpatienten vorbehalten.“

Touche´.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sichtschutz in gelb

Mir ist schwindlig im Kopf, außerdem ist es mir rätselhaft seit wann gelbe Vorhänge das Bett umranden.  Drehe mich noch mal zur Seite, weiterschlafen hilft bestimmt.

Drifte gerade zurück in den Tiefschlaf, als mich lautes Schnarchen aufschrecken lässt.  Zögere eine Sekunde, doch schließlich siegt die Neugierde und ich schiebe den Sichtschutz zur Seite.

Bitte, wer ist denn er?

Lebt der noch?

Ein grauhaariger Mann, ich schätze ihn auf einhundertschzig Jahre, liegt regungslos auf der Pritsche nebenan. Bin ich im Leichenschauhaus?

Aber dann würd ich doch in einer Holzkiste liegen?

Wäre ich nicht so routiniert in substanzbedingten Gedächtnisverlust, könnte ich glatt in Panik ausbrechen. Ich gebe mir Mühe mich zu orientieren, als der Scheintote nebenan zu brabbeln beginnt. Gott sei Dank –  der ist gar nicht tot – der riecht nur so.

Warum sollte er sonst auch am Tropf hängen?

Der Gedanke beruhigt mich solange, bis ich registriere, dass er nicht der einzige mit einer Kanüle in der Vene ist. Durch einen durchsichtigen langen Schlauch bin ich mit dem Plastikbeutel über dem Bett verbunden, tröpchenweise läuft die Flüssigkeit nach unten, direkt hinein in die Blutbahn.

Langsam aber sicher erhärtet sich der Verdacht, nicht in meinem Schlafzimmer zu sein.

Müssen meine Partys eigentlich immer so enden?

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums wird plötzlich eine Glastüre aufgerissen, durch die ein Blondchen ganz in weiß durchgeschossen kommt.  Ihre Brillengläser sind so dick wie die Unterseite eines Aschenbechers, in der Brusttasche ihres Kittels stecken bunte Kugelschreiber, die es mir schwer machen ihr Namensschild zu entziffern. Alles was ich erkennen kann, ist ein Doktor Titel.

Mit ernster Miene bleibt sie am Fußende des Betts stehen, zieht eine ihrer Augenbrauen nach oben während ihr Kopf nach links kippt:

„Sie wissen wo sie hier sind, Frau Siffredi?“

Ob sie es selbst auch weiß?

„Naja, wie im Hilton schauts hier nicht gerade aus.“

Der brabbelnde Schnarchkopf lacht.

Frau Doktor wirkt spaßbefreit, ohne mit der Wimper zu zucken wirft sie einen Blick auf das Klemmbrett in ihrer Hand. Unterdessen füllt sich der Raum, ein Weißkittel nach dem anderen versammelt sich um die humorlose Blondine. Das ist ja schlimmer als auf einer Baustelle –  einer arbeitet, zwanzig schauen blöd zu.

„Haben sie Selbstmordgedanken Frau Siffredi?“

Was für eine Überleitung, gratuliere Frau Doktor.

„Prinzipiell oder momentan?“

Blöde Frage, blöde Antwort.

Einige ihrer Handlanger beißen sich auf die Lippen, doch nicht allen gelingt es, ernst zu bleiben. Unterdrücktes Kichern aus den hinteren Reihen, bestärkt mich in der Annahme, dass die Tante zum Lachen in den Keller geht.

Mein Magen macht mit heftigen Knurren auf sich aufmerksam, überstimmt alle anderen Nebengeräusche und erinnert mich an meine Verfressenheit. Spiegeleier wären jetzt geil. Und Räucherlachs. Und Kaffee. Und Schokolade.

Wann habe ich das letzte Mal was gegessen?

„Denken Sie daran sich selbst zu verletzen?“

Frau Doktor lässt nicht locker.

„Nein, ich denke an Frühstück.“

Sie erklärt mir, dass ich in der Psychiatrie bin. Verstehe nicht, was das mit meiner Bitte nach Essen zu tun hat, Irre brauchen doch auch Kohlenhydrate? Drohe mit der Patientenanwaltschaft, drei Minuten später löst sich die Menschentraube vor mir auf, ein Kerl in grüner Montur stellt ein Tablett neben mein Bett, wünscht mir guten Appetit und zischt wieder ab.

Der Hunger treibts rein, die Gier behälts unten. Will gar nicht wissen, was genau ich da in mich reinstopfe. Hauptsache Futter.

„Lange nichts mehr zu essen bekommen?“

Erschrocken zucke ich zusammen, dem unkontrollierten Muskelkrampf folgt ein Knall gegen die Fensterscheibe, die den Amokflug meiner Gabel beendet. Wer hat da grade mit mir geredet?

Ach ja. Da war ja noch einer.

Der totgeglaubte Greis von nebenan wirkt gar nicht mehr so tot.

„Schmeißt du immer mit Besteck herum, wenn dich ein Mann anspricht?“

Verarscht mich der etwa?

„Ja, deswegen haben sie mich in die Klapsmühle gesperrt.  Und du?“

Jesus liebt mich. Und meinen Vogel.

Vor Kälte zitternd erreiche ich schließlich die beheizte Wartehalle des Bahnhofs. Gott sei Dank bin ich die einzige Person, die um die Zeit hier herumschleicht. Otto Normalverbraucher sitzt Werktags  pflichtbewusst -gefesselt am Schreibtisch, so wie es sich für anständige Bürger gehört. Im Gegensatz zu mir:

Mit der anmutigen Eleganz eines nassen Putzfetzens klatsche ich auf einen Stuhl, lasse meinen Kopf zwischen die Oberschenkel sinken und schließe die Augen. Verdammt. Es dreht sich immer noch.

Kralle meine Finger um die Armlehnen, verkrampft halte ich mich daran fest, bete dass das Kopf- Karussell anhält. Tut es aber nicht.  Plötzlich reißt mich eine Stimme zurück in die Wirklichkeit.

„Verzeihen Sie, junge Frau. Aber man kann ihren Hintern sehen.“

Wo zum Teufel kommt denn die grauhaarige  Schnalle auf einmal her?

Zutiefst erschrocken  verliere ich die Contenance und kotze der Anstandstante vor die Füße. Immer noch würgend wische ich mit dem Handrücken über die Mundwinkel und glotze sie verstört an:

„Mein Arsch ist momentan das kleinste Problem. Hätten sie vielleicht einen Kaugummi für mich?“

Völlig unaufgeregt macht die alte Frau einen Schritt zur Seite, um nicht in die Schweinerei zu treten. Verständnisvoll lächelnd nimmt sie neben mir Platz, zieht eine Packung Fishermens Friend aus ihrer Tasche:

„Sie kommen aus Kärnten?“

Verschlucke mich an einem der Zuckerl, ringe nach  Luft. Sind sie zu stark, bist du zu dicht.

„Was hat mich verraten? Die vollgereiherten Schuhe, oder die Spermaflecken im Haar?“

Vergrabe den wummernden Schädel unter meinen Händen, wenn ich sie nicht sehe, bin ich auch unsichtbar für sie, oder?

Auf einmal spüre ich eine Hand an meinem Rücken, flüchtiges Kribbeln über der Wirbelsäule, das Geräusch erinnert an ein ruckhaft abgezogenes Pflaster.

„Eigentlich das  Haider Bild auf ihrer Kutte“, mit einem breiten Grinsen streckt sie mir das Portrait in die zitternden Hände und verabschiedet sich als der Lautsprecher den einfahrenden Zug ankündigt.

Echt jetzt?

Welcher Komiker hat mir Jörg aufs Kreuz gepickt?

Schockiert über das Ausmaß an Pietätlosigkeit wanke ich in die Toilette. Nur um sicherzugehen, dass mir niemand ein Hakenkreuz auf die Stirn-  oder einen Hitlerbart über die Oberlippe gemalt hat, checke ich mein Spiegelbild.  Keine Nazisymbole zu erkennen – allerdings sehe ich aus, als würde ich direkt aus dem zweiten Weltkrieg kommen. Frisch und vital wie eine aufgequollene Wasserleiche.

Versuche mir das zerknitterte Bild des verstorbenen Kärnten Königs nochmal anzukleben, in der Hoffnung  dadurch von meinem elendigen Anblick abzulenken.

Allerdings werde ich abrupt von meinem Vorhaben abgelenkt, als mein Telefon klingelt.

Steffi klingt unentspannt:

„Sag mal wo steckst du denn? “

Ich erzähle ihr von meiner misslichen Lage und bitte sie, mich abzuholen.

„Maja, du hast so einen Vogel! Bleib wo du bist und lass dich nicht von fremden Kerlen anquatschen. Ich bin in einer Stunde bei dir. Übrigens sind  wir fristlos gekündigt. “

Erleichtert  schmeiße ich Jörg in den Mistkübel.

„Ich freu mich. Bis später.“

Komm mit mir ins Erdbeerland

Und während Emma mit ihrer Familie den sechsten Geburtstag des mittleren Sohns feiert, martert mich die Frage, was zur Hölle ich hier eigentlich mache.

Andere Leute sind in dem Alter verheiratet, haben ein Haus gebaut, Bäume gepflanzt und mindestens ein Stück Nachwuchs produziert. Und ich?

Hab mehr Kilometer auf dem „Walk of Shame“ zurückgelegt, als  Haile Gebraisselasse jemals gelaufen ist.

Emma zündet die Kerzen auf der Torte an und singt mit dem Kinderrudel „Happy Birthday“, ich stehe vor dem Badezimmerspiegel und stemme mich mit aller Kraft gegen die sichtbaren Spuren, die die vergangene Nacht in meinem Gesicht hinterlassen hat. Tiefe, schwarzgraue Ränder zeichnen das Bild einer intensiven Phase unter meine Augen.

Hab doch irgendwo mal gelesen, dass Gurkenscheiben dagegen helfen sollten. Zwei Stück auf die müden Leuchter geklatscht und fünf Minuten später wird aus Christiane F. plötzlich Willi Dungl.

Oder?

Einen Versuch wär’s wert.

Doch weder im Kühl- noch im Schuhschrank lässt sich eine Gurke finden. Nur um absolut auf Nummer Sicher zu gehen, schaue ich auch noch im Putzmittelkastel. Doch darin herrscht gähnende Leere.

Weder Seife, noch Gemüse.

Hmmm.

Ob der Pizzaservice auch Gurken liefert?

Luigi klingt angepisst, als ich ihn nach der Mindestbestellmenge frage. Er sei schließlich kein Gemüse- sondern ein Pizzalieferant. Ich solle mir die fünfzehn Kilogramm Gurken sonst wohin stecken. Warum diese Südländer auch immer so aggressiv sein müssen, das liegt sicher am Gluten. Von mir aus soll er sich doch zum Teufel scheren, scheiß verkackter Pizza Wichser.

Gibt schließlich noch andere Wege, um gesellschaftstauglich auszusehen. Scheiß auf Salat, ein Hoch auf psychoaktive Substanzen.

Nein, Gaddafi ist immer noch hier.

Wir trinken Tee und unterhalten uns.

Ja, wir müssen hier weg. Andernfalls werden die uns eines Tages finden.

Muammar lacht sich ins Fäustchen:

„Sie werden dich nicht finden. Niemand wird dich finden. Du bist bei mir.“

Hansi Hölzel zeigt uns im Vorbeigehen den Stinkefinger, Gaddafi singt das Lied vom Kommissar, ich ringe nach Luft, um nicht umzukippen.

Der Schnee auf dem wir alle talwärts fahren, kennt heute jedes Kind.

Gaddafi tanzt.

Losgelöst, als ob es kein Morgen gäbe.

Mein Mund steht weit offen; staunender Versuch, treffende Worte für die Szene zu finden scheitert.  Wie aus dem Nichts, taucht der Unbekannte im Kapuzenpulli neben mir auf, wortlos reicht er mir seine Hand, aus der ein kleines Päckchen in meine fällt.

Er sagt ich solle einfach den Mund aufmachen. Ich tue, was er verlangt, widerstandslos lasse ich mir die bunten Pillen in den Rachen kippen.

Falco bleibt plötzlich stehen.

„Gut gehen muss es dir, Baby.“

Ich will tanzen.

Wer ist der Typ im Strache Shirt?

Ist es…?

Nein….?

Doch.

Jörg hat Sinn für Ironie. Das würde zumindest den blauen String erklären.

Aus sicherer Entfernung beobachte ich den abgedankten Landeshauptmann,  Falco und Gaddafi beim Crack rauchen. Ob ich auch mal probieren sollte?

Haider schüttelt den Kopf, Muammar kniet vor ihm.

Einen Block weiter bringt Emma ihre Kinder ins Bett.

Und während Gaddafi den Bärentaler unter dem Mistelzweig hochbläst, flüstert mir Falco ins Ohr:

„Komm mit mir ins Erdbeerland“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fick dich.

Bin mir nicht sicher ob mir die Unendlichkeit dieser beinahe-Romanze oder das eigene Lamentieren mehr auf die Nerven geht.

Warum lasse ich mich so behandeln?

Hatten wir nicht schon zig-tausend Mal einen Schlussstrich gezogen?

Wieso kommen wir nicht voneinander los?

Ich wünschte ich könnte dich vergessen. Warum ist es so schwer, sich zu entlieben?

Als würde ein nasses Handtuch auf der Brust kleben, Luft holen für Fortgeschrittene..

Ersticke an Sehnsucht, Gott wie ich dich vermisse. Neurotische Jagd nach dem felhlendem Teil; vergessenes Detail im großen Ganzen… Wo bist du jetzt?

Renne orientierungslos durch das Chaos, das du angerichtet hast. Lachend schickst mich mitten ins Nirgendwo, ein Hoch auf euch Sadisten.

Auf das ihr an eurem Zynismus erstickt.

 

 

Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über hypersensible Krapfen, Ständerverschwendung, Fickfrösche und Arschlochkatzen

Irgendwann komme ich in einem fremden Zimmer wieder zu mir, desorientiert und wundgevögelt versuche ich mich zu erinnern, vor allem weil der nackte Kerl neben mir es wert wäre, ihn nicht zu vergessen.

Brauche einige Minuten um mich in der Dunkelheit zurechtzufinden, die einzige Lichtquelle ist der Vollmond, der durchs offene Fenster auf die schlafende Gestalt mit Halberrektion scheint. Wo zum Teufel bin ich hier? Wie spät ist es? Welches Jahr? Haben wir schon einen neuen Bundespräsidenten? War ich bei der Wahl?

Stapse über herumliegende Klamotten um einen Blick nach draußen zu werfen, und tatsächlich- schräg unter der blendenden Säufersonne steht das gottverdammte Riesenrad.

Wie zum Henker bin ich in den verfickten Prater gekommen?

Wollte doch nur den Müll rausbringen.

Danke liebes Arschlochkuscheltier.

Lautlos suche ich in dem Sauhaufen nach meinen Klamotten, muss hier dringend weg. Auch wenn  ich ansonsten alles andere als eine Ständerverschwenderin bin, bin ich schlicht und einfach zu verwirrt um den schlummernden Fickfrosch wachzublasen. Wer weiß, vielleicht ist er eine Niete im Bett?

Außerdem fühlt sich meine Zaubermaus an, als ob ich mich von einem ganzen Rudel gut bestückter Sportficker besteigen- und im Anschluss fisten lassen hätte. Knie so weich wie vergammelte Bananen, bekomme die Beine beim Gehen nicht zusammen weil die Schwellung in der Mitte keine Reibung mehr verträgt. Als würde man einen hypersensiblen Krapfen zwischen den Beinen stecken haben.

Nicht mal Marko Anautovic läuft so breitbeinig. Vermutlich hat man auf seine Vagina mehr Rücksicht genommen.

Fluchtartig fische ich einige Fetzen vom Boden, die passend erscheinen und schleiche mich hinaus. Doch anstatt dem erwarteten Vorraum einer Wohnung, stehe ich in dem hell beleuchteten Gang eines Hotels. Nackt.

Filmriss für Fortgeschrittene.

Hektisch schlüpfe ich in die geklaute Boxershort und das T-Shirt. Unterwäsche und Schuhe werden eh überbewertet. Genauso wie Bargeld und Handy.

Nichts wie weg hier.

Ich bin dabei mich zu beruhigen, als ich den Fahrstuhl erreiche. Im gleichen Moment, in dem der Herzschlag unter hundertachzig bpm fällt, sehe ich mein Spiegelbild in der Kabine des Aufzugs und befürchte jeden Moment einen Infarkt zu kriegen, wobei der Anblick nach einem Selfie für Facebook schreit.

Hashtag dieMetamorphosevomPennerzurpsychotischenVollgestörten  – Spermaflecken auf der Short und ein XXL-Shirt mit der Aufschrift  „Sex habe ich genug – das Leben fickt mich jeden Tag.“

Mit der Wucht einer Abrissbirne trifft mich die Erkenntnis, dass mich die Katze umbringen will, ich in Zukunft vorsichtiger recherchieren- und nie wieder Männersachen im Dunklen mitgehen lassen werde.

Außerdem frage ich mich, wieso mir der Laden so bekannt vorkommt, als ich im Erdgeschoss ankomme und durch die Lobby schlurfe. Kurz bevor ich den Ausgang erreiche, ohne vom Rezeptionisten bemerkt zu werden, kommt ein sehr vertraut wirkender Kerl aus der Toilette.

Geschockt gafft er mich an, ich starre zurück und plötzlich fällt der Vorhang:

„Hi Joey.“

„Babe… Oh mein Gott. Was ist mit dir passiert? Was tust du hier? Kaffee?“

„Tequilla wär mir lieber.“

Joey umarmt mich, leise flüstert er mir ins Ohr:

„Wir gehen jetzt nach Hause.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jahrestag der Zufallsbumsbekanntschaften am Tag der Erektion

++Heftig hämmernde Beats aus den turmhohen Boxen hinter mir. Wummernd bis in die Magengrube hinein, lassen den Herzschlag bis zum geht-nicht-mehr in die Höhe schnalzen.

Die bunten Pillen kitzeln bereits unter der Kopfhaut, es fröstelt mich, obwohl ich vor Hitze glühe und immer weiter tanze. Geblendet vom Stroboskop erscheint alles noch ein wenig schneller, unzählige zuckende Gestalten rund um mich herum. Kollektive Tanzwut greift um sich.

An den Turntables ein kleiner, dicker Typ mit Glatze, lässig mit Tschik im Mundwinkel. Völlig entspannt ist er der einzige in dem verrauchten Club, der sich nicht zu der auf Anschlag gedrehten Musik bewegt. Immer wieder wird sein riesiger Kopf von einem roten Scheinwerfer touchiert, als ob Satan plötzlich mit dampfendem Schädel vor einen erscheint, während er den DJ macht.

Neben mir ist ein Rudel Nachwuchsgangster am abshaken, ich schätze sie auf U-20. Das zu dick aufgetragene „AXE“ schafft es nicht den Welpengeruch zu überdecken, der an ihnen haftet.

Yummie.

Mein Kopfkino beginnt Amok zu laufen, bisschen Frischfleisch wär genau das Richtige.

Doch noch bevor ich zu sabbern beginne, rempelt mich jemand von hinten an und raunt mir über die Schulter: „Baby, was willst den von den Kindern?“

„Wieso? Schau ich aus wie Michael Jackson?“

Mike drückt mir einen Drink in die Hand und zeigt Richtung Ausgang: „Nein, du hast ja noch eine Nase, aber die Gesichtsfarbe würde passen.“

Wir schieben uns durch die feiernde Menge nach draußen, eisig und sternenklar ist die Rauhnacht.

Der kleine Innenhof ist schwach beleuchtet, einige Betrunkene stehen vor dem Tor, rauchen und lachen, während eine kleine Blondine sich unweit entfernt die Seele aus dem Leib kotzt. Richtig romantisch. Hinter einem riesigen Christbaum steht eine Bierbank, auf die wir uns setzen. Mike kramt in seiner Jean, zieht eine kleine Tüte heraus und grinst mich an:

„Hast du mal Feuer Kleines?“

„Nur Nutten lassen sich Feuer geben. Und klein bin ich auch nicht.“

Genüsslich inhaliere ich den süßen Qualm, als plötzlich ein Security Typ hinter dem Christbaum hervorschießt und uns streng mustert.

„Raucht ihr hier etwa Haschisch?“, empört zeigt er auf den Spliff den ich zwischen meinen Fingern halte.

„Nein, wir doch nicht“, entgegne ich brüskiert.

„Aber sicher doch. Ich kann es doch riechen.“

„Wir rauchen kein Hasch. Das ist Marihuana“, klinkt sich auch noch Mike in die Diskussion ein.

Während ich in einem Lachkrampf versinke, schaut sich der Uniformierte verstohlen um: „Kann ich auch mal kurz ziehen?“

Am nächsten Morgen werde ich durch das Klingeln der Türe recht unsanft geweckt, desorientiert suche ich nach meinem Telefon um die Uhrzeit zu checken. Doch statt des Handys liegt ein nackter Mensch neben mir im Bett, blinzelt mich an und liebkost meinen entblößten Hintern.

Wer zum Teufel ist das und wie kommt der in meine Animationskiste?

Seine Berührungen sind nichts desto trotz sehr angenehm, vorsichtig streichelt er über den Rücken, küsst meinen Nacken und schlingt seine Arme um mich. Lasse mich in seine Richtung ziehen, kuschle mich an ihn. Bemerke etwas hartes, das von hinten gegen meine Oberschenkel drückt und fasse danach, als es zum zweiten Mal an der Türe klingelt. Fluchend lasse ich von ihm ab und stolpere beim Aufstehen beinahe über eine schwarze Uniform, die auf dem Boden liegt. Scheinbar ist der Fremde mit der Erektion der Security Kerl. Noch bevor ich meine eigenen Klamotten in dem Chaos des Schlafzimmers finden kann, läutet es zum dritten Mal. Zornig greife ich nach einem Handtuch, wickle es um mich und torkle durch den Vorraum um die verdammte Tür zu öffnen. Als ich aufmache und endlich sehe, wer den Radau verursacht, glaub ich endgültig dass mein Schwein pfeift.

„Alles Gute zum Jahrestag, Schatzi“, begrüßt mich Tim, der ein wenig blass aussieht.

Irritiert bitte ich ihn kurz zu warten, damit ich mir was anziehen kann und schlage ihm die Türe vor der Nase wieder zu.

Kaum habe ich mich umgedreht, kommt mir ein ebenso blass aussehender Mike in Unterhosen aus meinem Wohnzimmer entgegen.

„Guten Morgen, Babe. Gut geschlafen?“

Ich schüttle wortlos den Kopf und frage mich was gestern Nacht eigentlich so los war, als der zweite Kerl auf einmal nackt und offensichtlich immer noch sehr erregt aus dem Schlafzimmer kommt.

„Sag mal, hast du meine Boxershorts gesehen?“, verplant greift er nach seiner Uniform.

„Hey, du bist ja der Security vom Club?“

Mike ist sichtlich erfreut über den Nackten mit Latte, während ich kurz davor bin schreiend aus dem Fenster zu springen und einfach davonzulaufen.

„Scheiße mein Freund steht vor der Türe.“

Die beiden brechen in schallendes Gelächter aus, schön wenn ich wenigstens unterhaltsam bin.

„Ich dachte du hättest keinen Freund?“

Dafür dass er nicht mal weiß, wo seine Unterhose ist, kann er sich erstaunlich gut an Details erinnern.

„Ich hab viele Freunde.“

Hektisch fummle ich eine Short und ein weißes Tanktop aus dem Kleiderschrank, ziehe mich an und bitte die Jungs im Wohnzimmer zu warten, bis ich die Sache mit Tim geklärt habe.

„Hi Tim, komm rein. Willst du Kaffee haben? Ich könnt wirklich einen gebrauchen.“

Er nickt verlegen, kommt zu mir, umarmt mich und wandert mit den Händen unter mein Top, als unerwartetes Gejauchze aus dem Nebenraum ihn innehalten lässt.

„Hast du etwa Besuch?“

„Ja, Kollegen aus der Steiermark sind übers Wochenende hier. Ich habe auch nicht viel Zeit deswegen.“

Nehme ihn an der Hand,  ziehe ihn in die Küche um zu vermeiden, dass er bemerkt welche Art von Besuch auf dem Sofa herumlümmelt.  Beim Einschalten der Kaffee Maschine, schmiegt er sich an mich, packt mich an den Hüften und presst mir was gegen den Hintern.

Heilige Maria Mutter Gottes, ist heute Tag der Erektion?

„Tim, da sind Leute nebenan“, mit gespielter Empörung versuche ich ihn los zu werden.

„Dann solltest du versuchen, leise dabei zu sein“, tiefenentspannt zieht er mir die Short nach unten und presst mich über die Anrichte. Ich halte einen kurzen Augenblick dagegen, stemme mich mit einer Hand gegen die weißen Wandfliesen um mit der anderen in der Lade nach einem Kondom zu fischen.

„Welche normale Frau, hat Gummis in der Küche?“

„Gewinnbringender wär´s sicher, wenn ich einen Automaten im Klo aufhängen würde“, antworte ich, bevor er sich das Teil übergestreift hat und mit enem Ruck in mich eindringt.

Widerstehe dem Impuls laut aufzuschreien nur sehr schwer, als er immer schneller wird. Mit einem Mal zieht er sich beinahe ganz aus mir zurück, hält mir den Mund zu, um sich eine Sekunde später ganz in mir zu versenken. Stöhne wie von Sinnen in seine Hand, die meine Laute verstummen lässt, die Knie sind weich wie Watte und das Zittern meiner Beine zeigt, dass es nicht mehr lange dauert bevor ich das Gleichgewicht verliere.  Tims Hände krallen sich fest um mich, ein letztes Mal stößt er zu, verliert die Beherrschung und schreit laut auf, als es ihm kommt.

Leider um eine Minute zu früh für mich, doch das neuerliche Gekicher aus dem Wohnzimmer dämpft mein Verlangen, es zu Ende zu bringen. Während er sich  benommen auf die Eckbank fallen lässt, ziehe ich String und Hose wieder nach oben.  Eine Tasse Kaffee später verspreche ich Tim, mich bei ihm zu melden, wimmle ihn ab und folge der Rauchschwade Richtung Couch.

Anscheinend hat Mister Security seine Boxershort gefunden, ich setze mich zu den zwei Halbnackten auf die Couch und klaue mir den brennenden Joint aus Mikes ‘Hand.

„Also du bist wirklich die Schlimmste. Hast dich jetzt in der Küche vernaschen lassen?“

„Was bitteschön ist denn daran so schlimm? Und wie heißt du eigentlich?“

„Ich bin Georg, sehr erfreut dich kennenzulernen“, kichernd wie ein kleines Schulmädchen reicht er mir die Hand.

„Maja, freut mich auch sehr.“

„Mach dir nix draus Georg, das ist bei ihr ganz normal. Es wundert mich, dass sie nicht noch einen Mann im Kleiderschrank versteckt hat“, schmunzelnd krallt er sich das glühende Gerät von mir zurück.

„Was soll denn das bitte heißen? So schlimm wie du tust, bin ich auch nicht.“

„Nein, Kleines. Du bist viel Schlimmer. Schau dich mal an. Du siehst aus wie ein frisch durchgevögeltes Eichhörnchen.“

Georg fällt vor Lachen beinahe von der Couch: „Er hat Recht Maja.“

„Ach ja? Habt ihr beiden heute schon mal in den Spiegel geschaut?“

„Zumindest hat keiner von uns mit einem hässlichen Rothaarigen aufm Klo rumgemacht“, kontert Mike gelassen.

„Welcher Rothaarige?“

Ich versuche mich zu konzentrieren, doch die immer noch nicht ganz abgeflachte Erregungskurve und die Nachwirkungen einiger fragwürdiger Substanzen, machen es unmöglich mich an die Geschichte zu erinnern.

„Ach was Baby? Hast es schon verdrängt?“

„Wenn ich mich nicht daran erinnern kann, ist es auch niemals passiert. Und damit basta.“

Georg legt seinen Arm um meine Schultern und veralbert mich: „Oh doch, es ist passiert. Ich hab den Kerl danach aus dem Club geworfen.“

Wovon redet der Mensch da eigentlich?

„Naja eigentlich haben wir beide herumgeschmust, als du angefangen hast dem Rothaarigen neben dir zwischen die Beine zu greifen“, versucht Mike meine Erinnerung aufzufrischen.

Und tatsächlich, plötzlich klingelt´s im ramponierten Schädel, langsam beginnt das Standbild im Oberstübchen Farbe anzunehmen. Rote Farbe.

„Ach du Scheiße, jetzt fällt mir alles wieder ein“, resigniert lasse ich meinen Kopf auf die Tischplatte fallen.

„Irgendwer hat gefragt ob der Typ wohl überall rote Haare hat“, raune ich Richtung  Fertigteilparkettboden.

„Ja genau Kleines. Und dreimal darfst du raten, wer gefragt hat.“

Insgeheim kenne ich die Antwort bereits, doch nur um vollkommen sicher zu gehen, hake ich noch einmal nach: „Wer hat gefragt?“

Mike beugt sich nach vorne, berührt mit seinen Lippen beinahe mein Ohr als er flüstert: „Na du Maja, wer denn sonst?“

Ich bemerke, wie mir die Hitze in den Kopf steigt, der schätzungsweise die gleiche Farbe wie die Haare des Kerls von letzter Nacht annimmt. Mehr und mehr Einzelheiten bahnen sich ihren Weg aus dem drogeninduziertem Teilzeit Nirwana zurück in meinen Verstand.

„Mike, bitte sag, dass das alles nicht wahr ist.“

„Oh doch Baby, das ist es. Aber es kommt noch besser… Frag mal die Security.“

„Letzte Nocht, woar a schware Partie für di“, Georg scheint richtig gute Laune zu haben.

Für die Art von Gespräch bin ich eindeutig zu nüchtern, weswegen ich den Kopf wieder hebe um auf dem versifften Glastisch nach etwas Unterhaltung zu suchen, doch alles was ich entdecken kann sind einige Viagra Pillen. Nein danke-ich bräuchte wohl eher ein Gegenmittel.

„Freut mich, wenn’s so schön für dich ist“, genervt fauche ich in seine Richtung.

„Sei doch nicht gleich eingeschnappt. Als ich den Typ aus dem Club geworfen habe, ist er handgreiflich geworden, deswegen haben wir die Polizei gerufen und seine Personalien verlangt.“

„Schön Georg. Ich will jetzt aber nicht deine Lebensgeschichte hören.“

„Schon gut, ich komm ja schon auf den Punkt. Also- was schätzt du, wie alt die Kröte gewesen ist?“

Mein Kopf sinkt wieder zu Tisch.

„Will ich das wissen?“

Lautes Grölen hinter mir, ich denke ich will es nicht wissen.

„Ach Kleines, halb so schlimm. Er war doch eh schon sechzehn.“

Ohne einen Ton zu sagen, stehe auf und schenke mir einen Schluck Wodka ein.

„Sonst noch jemand Durst?“

Georg und Mike sind immer noch mit totlachen beschäftigt, es dauert zwei weitere Shots, bis sich zumindest einer der beiden soweit beruhigt um wieder normal reden zu können.

„Sieh´s doch mal positiv Maja, heute in einem Jahr stehen dann vier Zufallsbumsbekanntschaften vor deiner Hütte um dir einen schönen Jahrestag zu wünschen.“

Der Schnaps wirkt, denn jetzt wiehern wir alle drei.

„Wisst ihr was das traurige an der ganzen Sache ist, Jungs?“

Lasse mich mitsamt der Flasche Grey Goose zwischen die beiden fallen, klemme sie mir zwischen die Beine, während meine Hände auf die Oberschenkel von Georg und Mike wandern.

„Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob er wirklich überall dieselbe Haarfarbe hatte.“

Lasse beide Hände tiefer gleiten, solange bis ich in jeder was Hartes fühlen kann. Eigentlich eh praktisch, dass beide so wenig anhaben.

Mike erwischt mich am Hinterkopf, da ist nichts als purer Provokation in seinem musternden Blick, tief in meine Augen tauchend explodieren seine Pupillen.Die ansonsten stechend grünen Lichter verfinstern sich im Bruchteil einer Sekunde. Tiefschwarze Aura fesselt mich so sehr, dass ich Georgs Hände erst bemerke, als er mir das Top über den Kopf zieht. Mike lässt von mir ab, mustert mich wie ein Löwe die Antilope kurz vor dem endgültigem Knock out. Georg klatscht mir mit der flachen Hand auf den Arsch, mit einem Mal reißt es uns aus der Schockstarre zurück.

„Baby, alles halb so schlimm. Ich glaub wir bringen dich jetzt mal auf andere Gedanken.“