#unfertigmonsieurriemer

#joel

Um der ganzen Angelegenheit die verdiente Dramatik zu verleihen, verstecke ich mich solange hinter den Müllcontainern, bis er endlich aus dem Treppenhaus geschlichen kommt, in sein Auto steigt und verschwindet. Mittlerweile schneit es, der eiskalte Asphalt hat meine nackten Füße dunkelblau anlaufen lassen, ich husche so schnell wie möglich zurück nach drinnen, als sein immer leiser werdendes Motorengeräusch mich endgültig überzeugt.
Mein zufällig vorbeikommender Nachbar schaut nicht minder verwirrter, als der eben abgezischte EX-Stecher. Die sind sicher alle dement, weil sie viel zu viel Gluten in sich reinstopfen. Würden die nicht ständig raffiniertes Weißmehl futtern, müssten sie auch nicht so deppert dreinschauen wenn sie mich sehen.
„Fräulein Nachbarin, hat der Exekutor die Schuhe auch gepfändet?“ ,will der senile Möchtegern-Komiker wissen, als ich mich durch die halb geöffnete Eingangstüre zwänge.
Wenn Arroganz töten könnte, würde er jetzt in Fetzten gegen die Glasfront des Gebäudes fliegen:
„Nein Herr Nachbar. Er hat sie geklaut um sie ihrer Frau zu schenken, weil sie letztes Mal so brav geschluckt hat. Schönen Tag noch. Grüßen Sie die Gattin schön von mir“, verabschiede ich mich mit einem Hechtsprung über die Treppe direkt zurück in meine vier Wände. Zur Sicherheit verschließe ich die Türe doppelt. Hab schließlich keine Lust auf einen eifersüchtig-rasenden-Tattergreis auf Rachefeldzug. Ach was, denk ich mir – der alte Sack ist sicher schon krepiert. Oder er hat sein Hörgerät auf lautlos geschalten – wieso sonst ist es so leise da draußen?

Über essentielle Selbstoptimierungs-Phantasien

Es reicht. Endgültig. Ich fange ein neues Leben an. Eins ohne Drogen, Gluten, Alkohol und Online-Pornos. Nur mehr Sonnenschein, basisches Mineralwasser, Kuschelsex und ausgedehnte Spaziergänge. Organisiert statt verwirrt!
Frisches Obst, statt Kokain und Wodka zum Frühstück. Zuversichtlich werfe ich den halben Joint der vor mir liegt ins Klo – ich brauch das alles nicht mehr.
Gerade als ich die Grapefruit fertig abgeschält und in mundgerechte Stücke geschnitten habe, holt mich das Vibrieren meines Telefons zurück auf den Boden der Realität. Dabei wären die Bitterstoffe der Zitrusfrucht doch so essentiell für meine Leber gewesen. Leider bleibt keine Zeit für Ernährungsoptimierung. Manuel verlangt, dass ich in vierzig Minuten am Bahnhof antanze. Dort würde jemand auf mich warten um das Zeug zu holen.
Mein Verstand sagt Grapefruit. Mein Herz ist ruiniert. Meine Konditionierung fickt sämtliche Selbstoptimierungsphantasien, werfe das Obst in den Müll.
Zehn Minuten später löse ich den Bausparvertrag auf. Ich solle so schnell wie möglich nach Klagenfurt um den Kerl abzuholen, den mir Manuel geschickt hat. Naja, dann fang ich halt nächste Woche mit dem Aufhören an. Lieber zu spät als nie, denke ich mir als der Unbekannte zu mir ins Auto steigt. Sein Geruch erinnert an einen Bus voller pubertierender Jungs, eine Mischung aus ner Überdosis AXE Deo und kaltem Zigarettenrauch, ich öffne das Fenster und atme nur noch durch die Nase.
Er sagt, wir müssen beim Baumarkt halten, verlässt diesen mit einer kleinen Krampe und einer Schaufel. Wir fahren raus aus der Stadt, mitten rein ins Nirgendwo. Ellena schickt mir ein Foto auf dem sie mit ihren Kindern Schlitten fährt. Ich fahre mit einem Fremden und Schaufel in den Wald um nach Koks zu suchen. Die Frage nach einem Selfie scheint unangebracht, der braungebrannte Gangster spaßbefreit. Wer wäre das nicht an seiner Stelle?
Immer wieder sieht er auf die Uhr, wie lange es noch dauert bis zum Sonnenuntergang will er wissen. Ohne Licht ist es unmöglich nach dem Zeug zu suchen. Ich denke mir, du Idiot kauf dir eine Stirnlampe wenn du zu dämlich bist dein Pack wieder zu finden. Hat schließlich keiner von dir verlangt, die Scheiße im Wald zu verbuddeln.
Am Weg dorthin versichert er mir, völlig clean zu sein. Wieso verliert man nüchtern einen fetten Batzen Kokain im Wald? Checke kurz, ob und wo ich den Pfefferspray hin gepackt hab. Nur zur Sicherheit.
An einer der Gabelungen lasse ich ihn aussteigen, er bittet mich um eine Mütze damit ihn niemand erkennt. Als ob ein Schwarzer in der Gegend nicht auffällt, nur weil er eine Kopfbedeckung trägt…
Währenddessen ich im Auto auf ihn warte, treibe ich mein Smartphone ins Burnout. Als sich der Touchscreen von einer Sekunde auf die andere ins digitale Jenseits verabschiedet, wird die Beifahrertür aufgerissen. Angepisster als Ivana Trump in Gegenwart ihres Göttergatten, steigt er ins Auto. Schuld sei nur der gefrorene Boden, wie soll man da ein Loch graben? Verständnisvoll nicke ich ihn zu, wer kann schon mit den witterungsbedingten Schwierigkeiten rechnen. Frost im Januar? Auf 2000 Meter Seehöhe mitten im österreichischen Bergland?
Ich hätte einfach bei meiner Grapefruit bleiben sollen.