Erbsen

Nach dem ganzen Chaos der vergangenen Wochen – erst mal zuhause einschließen und tot stellen. Parke den Wagen zwei Straßen weiter mitten im völligen Nichts, schalte das Telefon in den Leckt mich alle am Arsch Modus, lasse den Pizza Menschen mit einem Sixpack kommen, ziehe die Vorhänge zu und packe einen Sack Tiefkühlerbsen auf mein ramponiertes Geschlechtsteil.
Völlig abgeschirmt von der Außenwelt, bin ich fest entschlossen solange in der Isolationshaft auszuhalten, bis genügend Gras über den Schlamassel gewachsen ist und mein lustigster Körperteil soweit gekühlt ist, bis er wieder funktioniert.
Allerdings ist das Sixpack schneller leer, als die Erbsen aufgetaut sind. Und da ich mir eine Woche Pause von allen anderen psychoaktiven Substanzen verordnet habe, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als den Sushi Typen anzurufen und Bier zu bestellen.
Kann ja unmöglich zweimal pro Stunde Mister Giovanni ohne Pizza kommen lassen. Der muss sich ja denken, ich hätte ein ernsthaftes Problem mit Alkohol.
Doch noch ehe ich die Nummer von Monsieur Sashimi gefunden habe, läutet es an der Türe.
Ich überlege für einen Augenblick, ob ich womöglich schon etwas bestellt habe, ohne mich daran zu erinnern.
Lieber Gott- bitte nicht noch einen Kratzbaum.
Zeitgleich mit dem zweiten Klingeln, checke ich meinen Browserverlauf – kein Lieferservice, keine Pornos, keine Versuche ins Dark Web einzusteigen, also wer zum Teufel klingelt da draußen Amok?
Lieber Gott- bitte mach, dass es nicht meine Mutter ist.
Gerade als ich mich innerlich auf eine Diskussion zum Thema warum ich keine Enkelkinder produziere, einstelle, höre ich wie jemand den Schlüssel ansteckt und aufschließt.
Der beste aller Exfreunde schaut mindestens genauso fragend, wie ich, als er mich sieht.
„Hi Maja, was machst du denn hier?“
„Ich wohne hier. Und was verschafft mir die Ehre deines Besuchs?“
„Sehr witzig. Wollte die Katzen füttern, weil ich dachte du wärst noch in Wien.“
„Und warum klingelst du dann, bevor du reinkommst?“
Setzen uns in die Küche, ich setze Kaffee auf und suche nach was Essbarem in Kuchenform.
„Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, weil ich dich nicht erreicht habe und deine Karre oben beim Waldweg stehen gesehen habe.“
Bin beinahe schon gerührt, wegen seiner Fürsorge. Sein Beschützerinstinkt ist nach wie vor ungebrochen; hauptberuflich Deutscher Schäferhund. Inklusive Hüftdysplasie.
Er habe ohnehin nicht viel Zeit, heute Abend ist Yoga angesagt. Na dann, Namaste, ihr Huren.
Kaum hab ich mich überwunden einen Wettex in die Hand zu nehmen, überkommt mich das Putz-Tourette: „Verfickte Scheiß Arschlochwaschmaschine“, brülle ich den Staubsauger an.
„Geh sterben du hyperaktives Miststück“, raunzt Mister Vorwerk zurück.
Kaum haben sie sich von No-Name zu High-End gemausert, schon werden sie vorlaut. Gottverdammte Staubsauger. Gibt es ein narzisstischeres Haushaltsgerät?
Abgesehen von Vibratoren?

Sie würde den Anblick ihrer Erstgeborenen wohl kaum ohne Herzattacke überstehen – Außer einer mir völlig unbekannten Boxer Short übern Arsch-, und siebenhundertfünfzig Gramm Erbsen in der Hand, bin ich splitterfasernackt. Bei dem Anblick müsste ich einen Krankenwagen für die alte Frau anrufen, die würden dann da auftauchen und mich nebenbei ins Zentrum für seelische Gesundheit verfrachten – Jahreskarte inklusive.
Paranoia macht sich in mir breit, wie ein Virus breitet sich der Verfolger in mir aus. Ich hasse das Gefühl, nur noch einen Schritt weiter und ich verliere mich in der Angst.
Atemfrequenz hetzt mit dem Herzschlag um die Wette, kickt auf den höchsten aller Gipfel. Doch mir bleibt nicht eine einzige Sekunde um es auszukosten. Kaum erahnt, wie der Himmel schmeckt, und schon geht es wieder bergab.

Schriftverkehr ohne Ingwer

Mister DJ schreibt, dass er mich ficken will. Mister VAWK schreibt, dass er mir gern ins Gesicht wichsen würde. Der abgefuckte Borderliner mit den riesigen Augen schreibt, dass er ein Bild meiner Brüste haben will. Der kleine Afghane schickt mir ein Wichs-Video. Natalia schreibt, sie weiß wer ich bin – der Vater ihres ungeborenen Balgs. Außerdem hat sie die Zeugung heimlich gefilmt, um mich damit zu erpressen.

Gaddafis Schwester schreibt, sie würde finanzielle Hilfe brauchen um in Europa Fuß zu fassen. Monsieur Michel schreibt, dass sein Schwanz ganz hart ist. Der Womanizer fragt, ob ich wieder mal in der Stadt wäre. Die Stadt Lausanne schreibt irgendwas französisches, wahrscheinlich wollen die Geld von mir. Die Stadt Klagenfurt schreibt, dass sie Geld von mir will. Die GIS schreibt, dass sie Geld von mir will. Zalando schickt die dritte Mahnung, während ich den Exekutionsbescheid öffne. Das Gericht schreibt, dass mein Dienstgeber die offenen Strafzettel bezahlen wird. Mein Dienstgeber schreibt, dass ich gekündigt bin.

Mein Neffe schreibt, ich soll ja nicht ans Telefon gehen. Sein Bruder schreibt, er hätte letzte Nacht ins Aquarium gewichst. Anja postet Fischpenisse. Ich frage Nordsee oder Beate Ushe? Steffen schreibt, mit Ingwer schmecken die Dinger weltklasse.

Che schreibt, hasta la victoria siempre. Ich verstehe leider kein italienisch. Aber ich glaube Viktoria war eine Hure.

Elena schreibt, ob es mir gut geht. Ich schiebe mir ein Stück Ingwer in den Arsch um nicht wahnsinnig zu werden und schreibe tutto bene.

 

 

 

Miss Unentschlossen grübelt

Ja, weil ich endlich wieder schlafen kann.

Nein, weil du mich nicht liebst.

Ja, weil du mich an die Notwendigkeit der Bodenhaftung erinnert hast.

Nein, weil ich zu gerne fliege.

Ja, weil du auch gern abhebst.

Nein, weil ich Angst vorm gemeinsamen  Absturz bekomme.

Ja, weil du mich nicht aufgegeben hast, als alle anderen weg waren

Nein, weil ich dich nicht brauche

Ja, weil ich dich doch brauche

Nein, weil ich mir das nicht eingestehen will.

Ja, weil ich es endlich sollte.

Nein, weil du mich verändern und hinbiegen möchtest.

Ja, weil Gestörte sich das Hirn wieder einrenken lassen müssen.

Nein, weil so gestört bin ich doch gar nicht?

Ja, weil du mich zum Lachen bringst.

Nein, weil ich wegen dir heule.

Ja, weil du durchgeknallt bist.

Nein, weil ich ein Miststück bin.

Ja, weil du mir nichts vormachst.

Nein, weil mir das nicht ins Konzept passt.

Ja, weil ich unendlich viel lerne.

Nein, weil ich es ohnehin besser weiß.

Ja, weil du unendlich viel lernst.

Nein, weil du es ohnehin besser weißt.

Ja, weil du so gut fickst.

Nein, weil ich noch einen  Gutschein vom Orion gefunden habe.

Ja, weil du mich in den Arm nimmst.

Nein, weil Nähe zuzulassen, verletzlich macht.

Ja, weil du mir gut tust.

Nein, weil ich das nicht will.

Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Calamari in Aktentaschen und kiffende Zwerge

Die Autofahrt ist so zäh, wie die Calamari ,die meine Schwester heut Mittag weniger gegrillt als viel mehr vergewaltigt  hat. Vielleicht ist mir deswegen schlecht? Oder ist es mein Fahrstil der den latenten Brechreiz auslöst? Am gestrigen Alkoholkonsum kann es nicht liegen, immerhin hatte ich nur sechs Bier. Eh schon fast abstinent. Grauslich.

Da fällt mir ein, dass ich in meinem Buko noch ein Heineken haben müsste. Vielleicht hilft das ja gegen das flaue Gefühl, dass sich eine Handbreit über meinem Lieblingskörperteil langsam ausbreitet.

„Elena, kannst mir mal bitte die Tasche von der Rückbank geben?“

Der liebste aller Gartenzwerge schaut erschrocken vom Handy auf. Ihr Gesichtsausdruck ändert sich auch nicht, als sie sieht wie ich mir mein Reperaturbier aufmache:

„Maja! Echt jetzt? “

„Was ist denn? Scheiß dich nicht an, erstens  ist  eh schon nach Mittag. Und drittens tue ich nichts Verbotenes. Fast nichts. “

„Ja, du Vollprofi. Und zweitens ist es ganze zwei Minuten nach zwölf. Wenn du trinken willst, sollte vielleicht lieber ich fahren?“

„Spinnst jetzt? Ich mach das nur aus Sicherheitsgründen. Außerdem fahr ich nicht mal mit fünf Promille nicht so einen Scheiß zusammen wie du nüchtern.“

„Logisch, die fünf hast ja auch jeden Morgen nach dem Aufstehen.  Übung macht den Meister. Wieso aus Sicherheitsgründen? Weil dir dann kein Heroin beim Fahren spritzt?“, Elena wirkt plötzlich gelassener.

„Naja, falls mich die Polizei aufhält und fragt wieso ich so rote Augen habe, kann ich sagen dass ich getrunken habe.“

Jetzt schaut sie verwirrt aus.

„Und wieso solltest du ihnen freiwillig sagen, dass du während dem Fahren säufst?“

„Weil ich davor gekifft habe. Und das werd ich ihnen ja wohl nicht verraten.“

Elena starrt resigniert auf ihr IPhone.

„Musst ihnen nicht sagen. Das können die sich sicher denken, wenn mit siebzig Sachen über die Autobahn fetzt.“

Deswegen hat mir der Typ im Smart vorhin den Vogel gezeigt. Ich hab mich noch gefragt seit wann diese überdachten Zündkerzen so schnell sind.

„Sag mal Elena, mit wem schreibst du da eigentlich?“

Wäre sie nicht so vertieft, hätte sie mir sicher schon vorhin gesagt, dass ich die Kiste mit der Dynamik eines achtundachtzig jährigem,  stark sedierten und dementem  Pensionisten  über die Autobahn steuere.

„Ich hab mir Tinder geholt.“

„Und als nächstes dann Genitalherpes? Schön. Das tut deiner Ehe sicher gut.“

Hatte schon beinahe vergessen, wie sich moralische Überlegenheit anfühlt-wie ein flüchtiger Fick mit einem Unbekannten in einer Toilette – sehr kurz spannend, aber die Erregungskurve fällt noch schneller ins Bodenlose,  als sie gestiegen ist. Spätestens wenn ein Kopf gegen die Spülung knallt und sie auslöst, ist das Ding gelaufen. Und so stirbt mein Anstandsbewusstsein genauso rasant wie die Erektion eines 15jährigen Debütfickers, der sich beim zweiten Stoß ins nasse Ziel entlädt.

„Genau Frau Misses Pornoprinzessin. Wenn wir diesen Sommer alle deine  aktuellen Verehrer zum Grillen einladen, ist unser Garten voll.“

Elena klingt gereizt. Vielleicht sollte ich ihr Batterien schenken.

„Kann sein. Vielleicht sollten wir alle einladen, mit denen ich jemals geschlafen habe? Ob die Miete für die Stadthalle wohl sehr teuer ist?“

„Du bist so blöd, Maja.“

Schneller als erwartet ist das Bier leer, es schmeckt schon wieder, aber ich bezweifle dass meine Co-Pilotin auch eins eingesteckt hat.

„ Ich darf das. Immerhin bin ich nicht verheiratet.“

„Und deswegen machst jetzt einen auf Anstandspolizei? Hast du zufällig noch was zu rauchen dabei?“

Zutiefst schockiert über ihre Frage nach Rauschgift, klappe ich die Sonnenblende nach unten und ziehe einen Joint dahinter vor.

„Hast du zufällig noch Alkohol dabei?“

Wortlos fischt sie eine Flasche Prosecco aus einer Plastiktüte. Ihr Blick wandert  suchend im Wagen umher, bleibt schließlich an einem MC Donalds Becher voller Cola hängen. Sie öffnet die Scheibe und kippt die Limo beim Fenster hinaus, mit der kurzen Bemerkung dass Zucker süchtig mache und das Zeug pures Gift für den Körper sei.

Nachdem sie den halb Liter Becher bis zum Rand mit der Puffbrause aufgefüllt hat, zündet sie sich den Ofen an.

„Seit wann kiffst du denn? Muss man dazu nicht mindestens eins dreißig groß sein?“

„Seit mich Thorsten nicht mehr fickt. Alles halb so schlimm, zumindest ist die Scheiße Gluten frei“

Elena klingt sehr gelassen, ihr Körper sinkt zurück, sie zieht die Pumps aus, streckt ihre Beine beim Fenster hinaus  und dreht die Musik lauter. Mittlerweile haben ihre Augen dieselbe Farbe wie meine eigenen. Fast so rot wie Faymann in besseren Zeiten.

Nachdenklich nippe ich an meinem Drink. Das Zeug schmeckt widerlich, viel zu sauer, die Kohlensäure brennt erst im Hals und anschließend rumort es wie verrückt im Bauch.

„Deswegen die Sache mit Tinder, verstehe. Und wieso redest nicht mit Thorsten darüber, bevor dir so einen Dilettanten ins Bett holst?“

„Wieso redest du nicht mit einem Therapeuten darüber, dass du während dem Autofahren becherst, onanierst und herumvögelst als ob es kein Morgen gäbe?“

„Touche´“

Der weiße Skoda hinter mir, blendet ständig auf, meine Augen brennen  auch ohne den Lichtamoklauf  von dem Deppen.  Auch wenn es schön ist, dass mir mal nicht der Mittelfinger von anderen Verkehrsteilnehmern gezeigt wird. Ich fahre von der Autobahn ab, vielleicht ist dann Ruhe. Aber leider Fehlanzeige.

„Was will denn der Idiot von dir? Der soll doch einfach überholen wenn es ihm zu langsam geht.“

Obwohl Elena im Tinderwahn wie abgekapselt von der Realität wirkt, bemerkt sie den Lichthupenjunkie hinter uns.

„Das ist sicher einer meiner Stalker“

Fahre noch ein bisschen langsamer, konzentriert versuche ich im Rückspiegel zu erkennen, ob es jemand ist, den ich kenne. Plötzlich prustet Elena los:

„Das ist ein Bulle, du verrücktes Huhn. Schau mal genau, der hat eine Uniform an.“

Fuck. Fuck. Fuck. Scheiße. Fuck. Scheiße. SO eine gottverdammte Oberscheiße.

Lieber Gott mach dass er ein Stripper ist.

Klammere mich an den letzten Funken Hoffnung, doch als ich den Wagen rechts ranfahre und mir den Kerl der da aussteigt im Rückspiegel ansehe, revidiere ich das Stoßgebet und hoffe er möge sich nicht ausziehen.

Nicht, dass mich sein Körperbau an Ottfried Fischer erinnern würde, nein; aber sein Gesichtsausdruck ist der eines Arschlochs.  Sogar aus zwanzig Metern Entfernung durch einen Spiegel in einem verrauchten Wagen erkennbar.  Nackte Arschlöcher sind noch schlimmer als angezogene, da hab ich keinen Bock drauf.

Nervös nippe ich an dem XXL Becher Prosecco, Elena starrt auf das glühende Teil zwischen ihren Fingern, als würde es ihr jeden Moment die Lottozahlen für die nächste Ziehung verraten.

„Wenn  du ihn beim Fenster rausschmeißt, sind wir gearscht.“

In aller Ruhe, wischt sie über das Display des Telefons, ihre Beine hängen immer noch nach draußen, genauso erlahmt wie ihr Kurzzeitgedächtnis.

„Ich steck mir den nicht in den Arsch! Bist du bescheuert?“

„Da versteckt man auch keine verbrannten Joints,  sondern weißes Pulver, du Genie.“

Keine fünf Schritte trennen den Bullen von meiner Karre, Elena schmeißt die brennende Tüte in ihre Aktentasche.

Lieber Gott mach dass der Kiwara geruchsblind ist.

„Führerschein und Zulassung bitte“ ,diese unverblümt-direkte Art seiner Begrüßung macht mich beinahe heiß, wäre da nicht seine ich-bin-ein-Arschloch-und-find-es-gut Ausstrahlung, könnt ich glatt schwach werden. Wortlos reiche ich ihm den Kram, versuche krampfhaft seriös zu wirken und nehme deshalb nicht mal den Gurt ab. Safety first.

„Frau Siffredi, sie wissen wieso ich sie anhalte?“

Naja, rein theoretisch gäbe es viele Gründe. Mir scheint, als stelle er eine Fangfrage.

„Hab ich einen Telefonjoker?“

Seine linke Augenbraue zieht sich nach oben, für den Bruchteil eines Moments auch seine Mundwinkel. Und doch lässt er sich nicht aus der Fassung bringen.

„Nein. Aber wir können das Publikum befragen“, während ich nachdenke, was er damit gemeint hat, stolziert er zur Beifahrerseite und mustert Elena mit der Präzision eines Dschihadisten beim Anflug auf das World Trade Center.

„Es geht nicht um sie, Frau Siffredi, sondern um die Dame neben ihnen.“

Elenas Entspanntheit ist verflogen, ihre Füße stecken inzwischen wieder in Schuhen und auf dem Boden, ratlos schaut sie den Kerl an.

„Krieg ich jetzt einen Strafzettel weil ich zu wenig oft mit meinem Mann schlafe?  Das soll wohl ein Witz sein. Es liegt nicht an mir, sondern an ihm.“

Lieber Gott im Himmel, mach dass der Stripper in Wahrheit ein Psychotherapeut ist.

„Sie haben während der Fahrt ihre Beine durchs Fenster gestreckt. Ist ihnen eigentlich bewusst, was dabei alles passieren kann?“

Gut. Kein Seelenklemptner und nicht aus der Ruhe zu bringen.

„Ja und? Sind eh meine Haxen, was kümmert das die Polizei? Haben sie nichts anderes zu tun?“

Seine Augenbraue wandert tatsächlich noch ein wenig weiter nach oben.

„Können sie sich bitte ausweisen?“

Elena greift nach ihrer Aktentasche, ihre Finger wandern zu dem silbernen Verschluss.

Lieber Gott bitte schick Gehirnzellen. Jetzt. Sofort.

Zeitgleich trifft uns beide die Erkenntnis, dass der Inhalt der Ledertasche  vor sich hin brennt, weil sich Misses ach so niveauvoll den Rest der illegalen Spaß Tüte nicht zwischen die Arschbacken-sondern mitten in die Vorverträge für Finanzierungsanfragen gesteckt hat, die sich langsam aber sicher in Rauch auflösen.

Ärsche gehen nicht in Flammen auf. Im Gegensatz zu Kreditverträgen.

Wichtige Lektion auf dem Weg vom Kleinkriminellen zur Syndikatsspitze. Oder für einen oberintelligent wirkenden Post auf Facebook.

Elenas Hirn läuft langsam wieder; ich sehe ihr die Anspannung an,.nervös als hätte sie einen abgetrennten menschlichen Kopf in der qualmenden Tasche versteckt; und tatsächlich- Prinzessin oberstoned und underfucked checkt auf einmal den Ernst der Lage.

Ungeöffnet stellt sie das Corpus delicti zurück auf den Boden: „Tut mir leid, aber ich kann mich leider nicht ausweisen.“

Ich atme tief durch.

Mister Arschloch tötet Elena mit seinem Blick, hält ihr einen Vortrag über die Gefahren abstehender Extremitäten aus fahrenden Fahrzeugen und verdonnert sie zu einer Geldstrafe.

„Wie bitte? Sie wollen dafür auch noch Kohle haben? So langsam wie meine Freundin fährt, hätte ich maximal einen blauen Fleck abbekommen, wenn ich irgendwo angeeckt wäre. Von wegen Freund und Helfer. Stasi Methoden sind das.“

Lieber Gott bitte mach dass sie sich beruhigt.

Mit einem Schlag ist das mulmige Gefühl im Bauch  zurück, es brodelt als ob ich Mentos mit Cola light  eingeschmissen hätte.

„Fünfunddreißig Euro um genau zu sein.“

Wenn Blicke töten könnten, würde der uniformierte I-Tüpfelchen  Reiter  in Flammen aufgehen. Wütend greift sie wieder an die Schnalle des Aktenkoffers und öffnet ihn. Panik kriecht in mir hoch, erreicht mein Hirn noch vor der Rauchwolke die mir entgegenkommt.

Reiße Elena das Teil aus den Händen, Sekunden später lösche ich die darin wuchernde Glut indem ich mitten rein reihere – verfluchter Sprudelwein, es würgt mich ununterbrochen,  obwohl sich mein  gesamter Mageninhalt bereits auf Elenas Papierkram, Schminkzeug und ihr Portemonnaie  verteilt hat.

Bekomme keine Luft mehr, kämpfe mit den Tränen, als sich der letzte Tintenfisch aus mir evakuiert. Die vollgereiherte Tasche stelle ich zurück zu ihrer Besitzerin, die mich zwei Sekunden besorgt mustert, um kurz darauf mit dem Bullen weiter zu verhandeln:

„Mein Bargeld ist jetzt leider gerade gestorben. Gibt´s vielleicht eine andere Möglichkeit um das Problem aus der Welt zu schaffen?“

„Ist mit ihnen alles in Ordnung?“, für jemand der wie ein VAWK (=Vollarschwichskopf)  aussieht, klingt er durchaus menschlich.

„Alles bestens. Das ist nur die Aufregung, weil ich zwei Kilo Marihuana im Kofferraum liegen habe und mir das Bier ausgegangen ist.“
Grinsend streckt mir VAWK meine Papiere durch die Fensterscheibe.

Wer bist du?

Immer noch hängen mir die Fragen wie schlafende Fledermäuse im Kopf herum, von Zeit zu Zeit erwachend, fliegen sie wild umher und hinterlassen nichts als Chaos in dem ohnehin schon ermüdetem Oberstübchen.

Was willst du eigentlich von mir?

Nach tagelanger Abwesenheit, zweifle ich bereits daran ob er jemals wirklich existiert hat, oder nichts anderes als ein verzerrtes Wunschbild ist, das nur in- und von meiner Vorstellung lebt.

Wieso kannst du nicht aufhören, mit mir zu spielen?

Wieder mal freue ich mich, wie ein Moslem über das Ende des Ramadans, als er sich mit mir treffen will, mein Herz schlägt Purzelbäume und ich kann es nicht erwarten, ihn zu spüren. Auch wenn die Vernunft zur Vorsicht mahnt, noch einen Absturz aus Frust kann ich mir im jetzigen Zustand einfach nicht erlauben, jeder könnte der letzte sein. Krampfhaft versuche ich überfliegende Euphorie zu dämpfen, je höher der Flug, desto tiefer der Fall; und der kommt so sicher wie die nächste Flüchtlingswelle in Traiskirchen.

Warum lasse ich zu, dass du mich so behandelst?

Ist es wirklich nichts anderes als eine Obsession, die mich fest im Griff hält, oder weiß ich ganz tief drinnen dass es nicht vorbei sein kann? Als hätte ich einen furchtbaren Krampf, ich schaffe es nicht loszulassen. Unzählige Male schon daran gescheitert es einfach sein zu lassen, wie neurotisch laufe ich  wieder und wieder mit dem Kopf gegen die Wand.

Welche Rolle spielst du?

Den Rächer? Den Märtyrer? Den Spiegel? Das Arschloch? Die gescheiterte Hoffnung? Die Sehnsucht? Die Verzweiflung? Den Spieler? Das Rätsel? Den unbezwingbaren Berg?

Was soll ich durch dich lernen?

Geduld? Gleichgültigkeit? Gefühlskälte? Distanz? Einsamkeit?

Mir wird schwindelig, fixiere einen Punkt am Himmel um nicht abzuheben. Je mehr ich über das was war nachgrüble, umso schneller dreht sich das Karussell aus vergessen geglaubten Träumen und befördert mich unsanft zurück in ein Schlachtfeld aus ich-brauche-dich und du-kannst-mich-mal.