#Melodie

Irgendwie schaut das Klavier aus, als ob es ein blindes Kind gebastelt hätte. Völlig asymmetrische Tasten, auch wenn ich keine Ahnung von Pianos hab bin ich mir doch sicher dass die nicht so aussehen als das Pappmodell auf dem Glastisch vor mir. Was wird denn das wenn´s fertig ist?
Links daneben packt sie einen Kugelschreiber, außerdem einen akkurat gestapelten Haufen kleiner bunter Post-it´s, bemerkt dass sie den Kaffee vergessen hat und stapft aus dem Büro. Ich versuche die klitzeleinen Wörter zu entziffern, die auf dem Dingsda stehen. Leider sind die genauso verhunzt wie das Teil selbst, außerdem interessiert mich der Scheißdreck eh nicht. Ich will Hilfe, keine behinderte Psycho-Bastelstunde.
„Milch und Zucker?“
Frau Misses Sozialarbeiterin säuselt besänftigend als sie die Tassen abstellt. Hat die meine Gedanken gelesen oder schau ich so angepisst aus dass man mit mir reden muss wie mit einer kranken Kuh?
Psychofuzzies.
„Schwarz, heiß und verlängert. So hab ich´s am Liebsten.“
Ich verbrenne mir den Mund,einzig ihr schrilles Lachen ist schlimmer als die verbrühte Zunge. Sie kriegt sich allmählich wieder ein, ich ärgere mich mich über meine Ungeduld als das Brennen wieder spürbar wird. Wieso tu ich mir immer weh? Verfluchte Gier. Scheiß Kaffee.Besser Eiscafé.
Was soll der Zirkus hier?
„Du siehst irritiert aus“, bemerkt Misses Oberpsychologisch, beugt sich nach vorne um das Krüppelinstrument in meine Richtung zu schieben.
„Langeweile“ steht auf der ersten Taste.
„Was tust du für gewöhnlich wenn dir langweilig ist?“
Sie kritzelt meine Antwort auf einen der Post it´s, pickt den rosa Zettel aufs Klavier.
„Wenn du wütend bist?“
Wieder dasselbe Spiel, die nächste Taste wird beklebt.
„Und was treibst du, wenn du dich freust?“
Dieselbe Antwort. Dasselbe Prozedere.
„Bei Erfolg?“
Check
„Und wenn du einsam bist?“
Check.
„Wenn du verliebt bist?“
Taste für Taste arbeiten wir uns durch, ich würd gern wissen was die für den Zirkus bezahlt bekommt? Und wofür die studiert hat. Um bunte Zettel auf weiße zu picken auf denen zwanzig Mal „ficken, saufen, feiern“ steht?
Zufrieden betrachtet sie ihr Werk, schiebt es wieder in die Mitte des Tisches und lässt den Kugelschreiber in ihrer Brusttasche verschwinden. Entweder hat sie Angst dass ich ihr damit ins Herz steche, oder sie will damit intelligenter wirken?
„Fällt dir was auf Maja?“, sie deutet auf den Tisch.
Jede meine Antworten wären ein Ton. Aber jede Antwort ist dieselbe. Das wird keine schöne Melodie, Maja – das ist eintönig.
Wieso? Ich hab doch drei Töne pro Taste – sie soll heut abend mit mir weggehen – ich beweise ihr das Gegenteil!
Sie verneint, wahrscheinlich muss sie zuhause weitere Pappinstrumenten und Metaphern basteln.
Wieso ist die nicht in Behandlung?
„Ich will eine Revanche“, vorsichtig ziehe ich das erste Post-ist ab, frage sie nach IHRER üblichen Reaktion aufs Langeweile. Mal sehen ob ihre Melodie besser klingt.
Nein, das ginge wirklich nicht. Schließlich sei ich ihre Klientin, nicht sie.
„Irgendwas in diesem Land läuft verdammt schief“, murmle ich vor mich hin, als ich ihr Büro verlasse.

Gesundheitsfanatiker ohne Schiebetüre

Werner wird  vom Tropf befreit und fragt ob ich mit ihm nach draußen komme um eine zu rauchen, er brauche das nach der Infusion.  Die besten Zigaretten wären die nach dem Essen. Oder nach dem Sex.

Aber ich rauche doch gar nicht.  Bin eher so die gesundheitsbewusste Drogenkonsumentin.

Schallendes Gelächter als der nächste Weißkittel durch die Türe schießt. Hier geht´s ja zu wie im Taubenschlag, sollten Durchgeknallte nicht zur Ruhe kommen?

„Guten Morgen Frau Siffredi. Ihr Gesundheitsbewusstsein lob ich mir. Vor allem in Anbetracht ihres multiplen Substanzgebrauchs.“

Herr Doktor  schüttelt mir die Hand, verrät mir dass er der Chef auf der Stadion sei. Ich frage ihn ob ich nach Hause gehen kann. Seine Miene wird ernst:

„Die gerichtliche Unterbringung ist mittlerweile aufgehoben, aber es wäre unverantwortlich Sie in dieser Verfassung zu entlassen.“

Ich verstehe nur Bahnhof. Wovon redet der denn?

„Sie sind immer noch sehr dehydriert, eine einzige Infusion ist nicht genug um das auszugleichen. Haben Sie ein wenig Geduld.“

Kann der mir nicht einfach ein Sixpack bringen? Zwecks der Flüssigkeit?

„Was heißt gerichtliche Unter-irgendwas?“

Überrascht über die endlose Steigerungsfähigkeit meiner Verwirrtheit, habe ich Schwierigkeiten dem Gespräch zu folgen.

„Wenn Patienten selbst- oder fremdgefährdend agieren, sind wir gezwungen sie hier festzuhalten.“

Agieren, hydrieren, intoxikablabladingsbums. Er hätte ebenso auf Russisch antworten können. Wovon redet denn der?

Die einzige Fremdgefährdung in dem Laden geht vom Koch aus, die Chance dieses kulinarische Attentat zu überstehen ist nicht viel höher als ein Aufenthalt an der syrischen Front.

„Nur weil ich den Krankenhausfraß gegessen habe, bin ich wohl nicht selbstgefährdend? Und andere Menschen gefährde ich auch nicht, ich glaub an Karma.“

Doktor Freud entgeht meine Anspannung nicht.

„Keine Sorge, der Koch liegt im Nebenzimmer. Ich komme am Nachmittag noch mal zu Ihnen, wenn Sie möchten kann ich Ihnen was gegen die Unruhe geben.“

Zumindest ist er schlagfertig.

„Aber für Bier ist es zu früh?“

Werner schlurft zurück ins Zimmer, lässt sich aufs frisch bezogene Laken fallen:

„Wenn sie Bier bekommt, will ich auch eins haben!“

Herr Doktor fasst ihn seine Hosentasche.

„Leider hab ich keins mehr eingesteckt.“

Ist der wirklich Arzt, oder ein Irrer der sich verkleidet hat?

Zum fünftausendsten Mal an diesem Morgen wird die Türe aufgerissen, zwei Damen in grün wuseln wie hyperaktive Frettchen herein, räumen das dreckige Geschirr weg und säuseln dem vermeintlich Durchgeknallten mit Stethoskop was zu. Er nickt, verabschiedet sich und folgt den Saubermachmuschis nach draußen.

Bestimmt vögelt er den beiden gleich das Hirn raus.

Mit einem lauten Knall fällt die verfickte Zimmertüre zurück ins Schloss, nur um eine Sekunde später wieder aufgerissen zu werden. Nicht mal bei meinem Dealer herrscht ein derartiges Kommen und Gehen.  Eine hochgewachsene Blondine bringt Pillen für Werner und mich.Zum Glück, ansonsten wäre der passende Zeitpunkt um fremdgefährdend zu werden.

„Gegen die Nervosität, Fräulein Siffredi.“

Miss Verständnis drückt mir einen winzigen Plastikbecher in die Hand, wartet bis ich mir den Inhalt in den Rachen gekippt habe.

„Entweder hängen sie die Türe aus, oder sie bringen mir die doppelte Dosis“ schnauze ich sie an.

„Ich muss Sie leider enttäuschen – Schiebetüren und ausreichende Medikation ist den Privatpatienten vorbehalten.“

Touche´.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jahrestag der Zufallsbumsbekanntschaften am Tag der Erektion

++Heftig hämmernde Beats aus den turmhohen Boxen hinter mir. Wummernd bis in die Magengrube hinein, lassen den Herzschlag bis zum geht-nicht-mehr in die Höhe schnalzen.

Die bunten Pillen kitzeln bereits unter der Kopfhaut, es fröstelt mich, obwohl ich vor Hitze glühe und immer weiter tanze. Geblendet vom Stroboskop erscheint alles noch ein wenig schneller, unzählige zuckende Gestalten rund um mich herum. Kollektive Tanzwut greift um sich.

An den Turntables ein kleiner, dicker Typ mit Glatze, lässig mit Tschik im Mundwinkel. Völlig entspannt ist er der einzige in dem verrauchten Club, der sich nicht zu der auf Anschlag gedrehten Musik bewegt. Immer wieder wird sein riesiger Kopf von einem roten Scheinwerfer touchiert, als ob Satan plötzlich mit dampfendem Schädel vor einen erscheint, während er den DJ macht.

Neben mir ist ein Rudel Nachwuchsgangster am abshaken, ich schätze sie auf U-20. Das zu dick aufgetragene „AXE“ schafft es nicht den Welpengeruch zu überdecken, der an ihnen haftet.

Yummie.

Mein Kopfkino beginnt Amok zu laufen, bisschen Frischfleisch wär genau das Richtige.

Doch noch bevor ich zu sabbern beginne, rempelt mich jemand von hinten an und raunt mir über die Schulter: „Baby, was willst den von den Kindern?“

„Wieso? Schau ich aus wie Michael Jackson?“

Mike drückt mir einen Drink in die Hand und zeigt Richtung Ausgang: „Nein, du hast ja noch eine Nase, aber die Gesichtsfarbe würde passen.“

Wir schieben uns durch die feiernde Menge nach draußen, eisig und sternenklar ist die Rauhnacht.

Der kleine Innenhof ist schwach beleuchtet, einige Betrunkene stehen vor dem Tor, rauchen und lachen, während eine kleine Blondine sich unweit entfernt die Seele aus dem Leib kotzt. Richtig romantisch. Hinter einem riesigen Christbaum steht eine Bierbank, auf die wir uns setzen. Mike kramt in seiner Jean, zieht eine kleine Tüte heraus und grinst mich an:

„Hast du mal Feuer Kleines?“

„Nur Nutten lassen sich Feuer geben. Und klein bin ich auch nicht.“

Genüsslich inhaliere ich den süßen Qualm, als plötzlich ein Security Typ hinter dem Christbaum hervorschießt und uns streng mustert.

„Raucht ihr hier etwa Haschisch?“, empört zeigt er auf den Spliff den ich zwischen meinen Fingern halte.

„Nein, wir doch nicht“, entgegne ich brüskiert.

„Aber sicher doch. Ich kann es doch riechen.“

„Wir rauchen kein Hasch. Das ist Marihuana“, klinkt sich auch noch Mike in die Diskussion ein.

Während ich in einem Lachkrampf versinke, schaut sich der Uniformierte verstohlen um: „Kann ich auch mal kurz ziehen?“

Am nächsten Morgen werde ich durch das Klingeln der Türe recht unsanft geweckt, desorientiert suche ich nach meinem Telefon um die Uhrzeit zu checken. Doch statt des Handys liegt ein nackter Mensch neben mir im Bett, blinzelt mich an und liebkost meinen entblößten Hintern.

Wer zum Teufel ist das und wie kommt der in meine Animationskiste?

Seine Berührungen sind nichts desto trotz sehr angenehm, vorsichtig streichelt er über den Rücken, küsst meinen Nacken und schlingt seine Arme um mich. Lasse mich in seine Richtung ziehen, kuschle mich an ihn. Bemerke etwas hartes, das von hinten gegen meine Oberschenkel drückt und fasse danach, als es zum zweiten Mal an der Türe klingelt. Fluchend lasse ich von ihm ab und stolpere beim Aufstehen beinahe über eine schwarze Uniform, die auf dem Boden liegt. Scheinbar ist der Fremde mit der Erektion der Security Kerl. Noch bevor ich meine eigenen Klamotten in dem Chaos des Schlafzimmers finden kann, läutet es zum dritten Mal. Zornig greife ich nach einem Handtuch, wickle es um mich und torkle durch den Vorraum um die verdammte Tür zu öffnen. Als ich aufmache und endlich sehe, wer den Radau verursacht, glaub ich endgültig dass mein Schwein pfeift.

„Alles Gute zum Jahrestag, Schatzi“, begrüßt mich Tim, der ein wenig blass aussieht.

Irritiert bitte ich ihn kurz zu warten, damit ich mir was anziehen kann und schlage ihm die Türe vor der Nase wieder zu.

Kaum habe ich mich umgedreht, kommt mir ein ebenso blass aussehender Mike in Unterhosen aus meinem Wohnzimmer entgegen.

„Guten Morgen, Babe. Gut geschlafen?“

Ich schüttle wortlos den Kopf und frage mich was gestern Nacht eigentlich so los war, als der zweite Kerl auf einmal nackt und offensichtlich immer noch sehr erregt aus dem Schlafzimmer kommt.

„Sag mal, hast du meine Boxershorts gesehen?“, verplant greift er nach seiner Uniform.

„Hey, du bist ja der Security vom Club?“

Mike ist sichtlich erfreut über den Nackten mit Latte, während ich kurz davor bin schreiend aus dem Fenster zu springen und einfach davonzulaufen.

„Scheiße mein Freund steht vor der Türe.“

Die beiden brechen in schallendes Gelächter aus, schön wenn ich wenigstens unterhaltsam bin.

„Ich dachte du hättest keinen Freund?“

Dafür dass er nicht mal weiß, wo seine Unterhose ist, kann er sich erstaunlich gut an Details erinnern.

„Ich hab viele Freunde.“

Hektisch fummle ich eine Short und ein weißes Tanktop aus dem Kleiderschrank, ziehe mich an und bitte die Jungs im Wohnzimmer zu warten, bis ich die Sache mit Tim geklärt habe.

„Hi Tim, komm rein. Willst du Kaffee haben? Ich könnt wirklich einen gebrauchen.“

Er nickt verlegen, kommt zu mir, umarmt mich und wandert mit den Händen unter mein Top, als unerwartetes Gejauchze aus dem Nebenraum ihn innehalten lässt.

„Hast du etwa Besuch?“

„Ja, Kollegen aus der Steiermark sind übers Wochenende hier. Ich habe auch nicht viel Zeit deswegen.“

Nehme ihn an der Hand,  ziehe ihn in die Küche um zu vermeiden, dass er bemerkt welche Art von Besuch auf dem Sofa herumlümmelt.  Beim Einschalten der Kaffee Maschine, schmiegt er sich an mich, packt mich an den Hüften und presst mir was gegen den Hintern.

Heilige Maria Mutter Gottes, ist heute Tag der Erektion?

„Tim, da sind Leute nebenan“, mit gespielter Empörung versuche ich ihn los zu werden.

„Dann solltest du versuchen, leise dabei zu sein“, tiefenentspannt zieht er mir die Short nach unten und presst mich über die Anrichte. Ich halte einen kurzen Augenblick dagegen, stemme mich mit einer Hand gegen die weißen Wandfliesen um mit der anderen in der Lade nach einem Kondom zu fischen.

„Welche normale Frau, hat Gummis in der Küche?“

„Gewinnbringender wär´s sicher, wenn ich einen Automaten im Klo aufhängen würde“, antworte ich, bevor er sich das Teil übergestreift hat und mit enem Ruck in mich eindringt.

Widerstehe dem Impuls laut aufzuschreien nur sehr schwer, als er immer schneller wird. Mit einem Mal zieht er sich beinahe ganz aus mir zurück, hält mir den Mund zu, um sich eine Sekunde später ganz in mir zu versenken. Stöhne wie von Sinnen in seine Hand, die meine Laute verstummen lässt, die Knie sind weich wie Watte und das Zittern meiner Beine zeigt, dass es nicht mehr lange dauert bevor ich das Gleichgewicht verliere.  Tims Hände krallen sich fest um mich, ein letztes Mal stößt er zu, verliert die Beherrschung und schreit laut auf, als es ihm kommt.

Leider um eine Minute zu früh für mich, doch das neuerliche Gekicher aus dem Wohnzimmer dämpft mein Verlangen, es zu Ende zu bringen. Während er sich  benommen auf die Eckbank fallen lässt, ziehe ich String und Hose wieder nach oben.  Eine Tasse Kaffee später verspreche ich Tim, mich bei ihm zu melden, wimmle ihn ab und folge der Rauchschwade Richtung Couch.

Anscheinend hat Mister Security seine Boxershort gefunden, ich setze mich zu den zwei Halbnackten auf die Couch und klaue mir den brennenden Joint aus Mikes ‘Hand.

„Also du bist wirklich die Schlimmste. Hast dich jetzt in der Küche vernaschen lassen?“

„Was bitteschön ist denn daran so schlimm? Und wie heißt du eigentlich?“

„Ich bin Georg, sehr erfreut dich kennenzulernen“, kichernd wie ein kleines Schulmädchen reicht er mir die Hand.

„Maja, freut mich auch sehr.“

„Mach dir nix draus Georg, das ist bei ihr ganz normal. Es wundert mich, dass sie nicht noch einen Mann im Kleiderschrank versteckt hat“, schmunzelnd krallt er sich das glühende Gerät von mir zurück.

„Was soll denn das bitte heißen? So schlimm wie du tust, bin ich auch nicht.“

„Nein, Kleines. Du bist viel Schlimmer. Schau dich mal an. Du siehst aus wie ein frisch durchgevögeltes Eichhörnchen.“

Georg fällt vor Lachen beinahe von der Couch: „Er hat Recht Maja.“

„Ach ja? Habt ihr beiden heute schon mal in den Spiegel geschaut?“

„Zumindest hat keiner von uns mit einem hässlichen Rothaarigen aufm Klo rumgemacht“, kontert Mike gelassen.

„Welcher Rothaarige?“

Ich versuche mich zu konzentrieren, doch die immer noch nicht ganz abgeflachte Erregungskurve und die Nachwirkungen einiger fragwürdiger Substanzen, machen es unmöglich mich an die Geschichte zu erinnern.

„Ach was Baby? Hast es schon verdrängt?“

„Wenn ich mich nicht daran erinnern kann, ist es auch niemals passiert. Und damit basta.“

Georg legt seinen Arm um meine Schultern und veralbert mich: „Oh doch, es ist passiert. Ich hab den Kerl danach aus dem Club geworfen.“

Wovon redet der Mensch da eigentlich?

„Naja eigentlich haben wir beide herumgeschmust, als du angefangen hast dem Rothaarigen neben dir zwischen die Beine zu greifen“, versucht Mike meine Erinnerung aufzufrischen.

Und tatsächlich, plötzlich klingelt´s im ramponierten Schädel, langsam beginnt das Standbild im Oberstübchen Farbe anzunehmen. Rote Farbe.

„Ach du Scheiße, jetzt fällt mir alles wieder ein“, resigniert lasse ich meinen Kopf auf die Tischplatte fallen.

„Irgendwer hat gefragt ob der Typ wohl überall rote Haare hat“, raune ich Richtung  Fertigteilparkettboden.

„Ja genau Kleines. Und dreimal darfst du raten, wer gefragt hat.“

Insgeheim kenne ich die Antwort bereits, doch nur um vollkommen sicher zu gehen, hake ich noch einmal nach: „Wer hat gefragt?“

Mike beugt sich nach vorne, berührt mit seinen Lippen beinahe mein Ohr als er flüstert: „Na du Maja, wer denn sonst?“

Ich bemerke, wie mir die Hitze in den Kopf steigt, der schätzungsweise die gleiche Farbe wie die Haare des Kerls von letzter Nacht annimmt. Mehr und mehr Einzelheiten bahnen sich ihren Weg aus dem drogeninduziertem Teilzeit Nirwana zurück in meinen Verstand.

„Mike, bitte sag, dass das alles nicht wahr ist.“

„Oh doch Baby, das ist es. Aber es kommt noch besser… Frag mal die Security.“

„Letzte Nocht, woar a schware Partie für di“, Georg scheint richtig gute Laune zu haben.

Für die Art von Gespräch bin ich eindeutig zu nüchtern, weswegen ich den Kopf wieder hebe um auf dem versifften Glastisch nach etwas Unterhaltung zu suchen, doch alles was ich entdecken kann sind einige Viagra Pillen. Nein danke-ich bräuchte wohl eher ein Gegenmittel.

„Freut mich, wenn’s so schön für dich ist“, genervt fauche ich in seine Richtung.

„Sei doch nicht gleich eingeschnappt. Als ich den Typ aus dem Club geworfen habe, ist er handgreiflich geworden, deswegen haben wir die Polizei gerufen und seine Personalien verlangt.“

„Schön Georg. Ich will jetzt aber nicht deine Lebensgeschichte hören.“

„Schon gut, ich komm ja schon auf den Punkt. Also- was schätzt du, wie alt die Kröte gewesen ist?“

Mein Kopf sinkt wieder zu Tisch.

„Will ich das wissen?“

Lautes Grölen hinter mir, ich denke ich will es nicht wissen.

„Ach Kleines, halb so schlimm. Er war doch eh schon sechzehn.“

Ohne einen Ton zu sagen, stehe auf und schenke mir einen Schluck Wodka ein.

„Sonst noch jemand Durst?“

Georg und Mike sind immer noch mit totlachen beschäftigt, es dauert zwei weitere Shots, bis sich zumindest einer der beiden soweit beruhigt um wieder normal reden zu können.

„Sieh´s doch mal positiv Maja, heute in einem Jahr stehen dann vier Zufallsbumsbekanntschaften vor deiner Hütte um dir einen schönen Jahrestag zu wünschen.“

Der Schnaps wirkt, denn jetzt wiehern wir alle drei.

„Wisst ihr was das traurige an der ganzen Sache ist, Jungs?“

Lasse mich mitsamt der Flasche Grey Goose zwischen die beiden fallen, klemme sie mir zwischen die Beine, während meine Hände auf die Oberschenkel von Georg und Mike wandern.

„Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob er wirklich überall dieselbe Haarfarbe hatte.“

Lasse beide Hände tiefer gleiten, solange bis ich in jeder was Hartes fühlen kann. Eigentlich eh praktisch, dass beide so wenig anhaben.

Mike erwischt mich am Hinterkopf, da ist nichts als purer Provokation in seinem musternden Blick, tief in meine Augen tauchend explodieren seine Pupillen.Die ansonsten stechend grünen Lichter verfinstern sich im Bruchteil einer Sekunde. Tiefschwarze Aura fesselt mich so sehr, dass ich Georgs Hände erst bemerke, als er mir das Top über den Kopf zieht. Mike lässt von mir ab, mustert mich wie ein Löwe die Antilope kurz vor dem endgültigem Knock out. Georg klatscht mir mit der flachen Hand auf den Arsch, mit einem Mal reißt es uns aus der Schockstarre zurück.

„Baby, alles halb so schlimm. Ich glaub wir bringen dich jetzt mal auf andere Gedanken.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wild

Muss eine wilde Nacht gewesen sein.. Bin neben einer halbleergefressenen Schachtel mit Keksen und einem geschmolzenem Riegel Kinderschokolade neben dem Gesicht aufgewacht. Die frische Packung mit Batterien liegt unangetastet auf dem Nachtisch. Besuch hatte ich keinen, soweit ich mich erinnere. Es ist mir auch äußerst schleierhaft wie zum Henker ich überhaupt ins Bett gekommen bin, außerdem frag ich mich wieso meine Füße ununterbrochen zittern. Der schnurrende Kater kann´s nicht sein, es fühlt sich nicht flauschig an. Wahrscheinlich ist es meine Mutter. Kurzer Blick unter die Decke und mein Verdacht bestätigt sich.
Millimeter neben meiner rechten Fußsohle liegt das Handy und vibriert so heftig, dass ich mich beinahe verliebe.

„Guten Morgen Mum“,

ich versuche so wach und nüchtern wie möglich zu klingen auch wenn es mich alle Konzentration der Welt kostet, den Hubschrauber im Hirn und den Randalierer im Magen zu ignorieren.

„Was heißt guten Morgen? Es ist halb drei! Bist du jetzt erst aufgestanden? Was tust du in der Nacht? Nein! Ich will es überhaupt nicht wissen! Und warum hörst du dich an wie Bonnie Tyler?“

Meine Mum klingt, als ob sie kurz vor einer Herzattacke stünde.

„Danke mir geht’s gut. Und dir?“

„Das kann nicht so weitergehen, Kind! Du brauchst endlich einen Mann, einen Ernährer“, ich frag mich ob sie das wirklich ernst meint, auch wenn ich die Antwort insgeheim kenne.

„Mama, bitte. Ich hab so viel Zeug zu essen, dass ich damit ins Bett geh “, ich wische mir Schokoladenreste aus dem Gesicht und stecke mir einen der übrigen Vanillekipferl in den Mund.

„Das ist nicht lustig! Du musst dich zusammenreißen! Sonst wird dich nie einer heiraten und ich bekomme niemals Enkelkinder.“

„Mama, genau das ist ja mein Plan. Warum wegen einem Liter Milch, gleich die ganze Kuh kaufen?“
Ich bereue den Satz noch ehe ich ihn fertig ausgesprochen habe.

„Kind! Das kann ja nicht dein Ernst sein! Irgendwann bist du alt und alleine, wenn du keine Familie gründen wirst“, der vorwurfsvolle Unterton in ihrer Stimme ist nicht zu überhören.

Ich bezweifle bei meinem Lebensstil überhaupt alt zu werden, behalte den Gedanken aber für mich.
„Ja Mama, du hast ja Recht. Ist sicher schön wenn man alt ist, die Kinder auf Besuch kommen, dich um Geld anschnorren, deinen Kühlschrank leerfressen, das ganze Bier wegsaufen, den Tank von deiner Karre leerfahren und dir die Dreckwäsche vor die Waschmaschine schmeißen.“

Sie seufzt laut und ich bin mir sicher, dass sie im Stillen ein Stoßgebet zum Himmel schickt.

„Du weißt ja gar nicht wie schön es ist Kinder zu haben!“

„So viel Glück halte ich gar nicht aus. Warum streichst nicht einfach Michael das Taschengeld?“

„Wieso?“

„Naja dann hat er kein Geld für Kondome und du kommst zu deinem Enkelkind“, ich stehe auf um die Jalousie und das Fenster zu öffnen. Doch das Tageslicht gepaart mit der Frischluft haut mich beinahe um.

„Ich will nicht dass sich dein Bruder fortpflanzt. Erstens ist er erst siebzehn und zweitens ist er unmöglich. Er hat gestern zu mir gesagt, ich soll nett zu ihm sein, weil er einmal mein Altersheim aussuchen wird. Kannst du dir das vorstellen?“

„Aber das hab ich doch auch schon oft zu dir gesagt“, entgegne ich ihr gelassen, während ich unter dem Kopfkissen nach etwas essbarem suche.
„Aber nicht an der vollen Kassa beim Billa. Weißt wie mich die Leute angeschaut haben“ der aufgebrachte Tonfall erstaunt mich, meine Mutter ist wahrlich schlimmeres von ihrer Brut gewöhnt.
Als sie letzte Woche mit ihrem schwerst pubertierenden Sohn telefonierte und ihn fragte ob er denn schon im Bus wäre, war seine überaus schlagfertige Antwort: „Nein Mama, ich steige grad zu meinem Crackdealer ins Auto und hol ihn einen runter.“
Die anschließende Diskussion zum Thema das Internet sei an allem Schuld, ist mir immer noch sehr gut in Erinnerung.
Neben dem Bett steht ein volles Glas mit Orangensaft. Mein Mund ist völlig ausgetrocknet, ich leere ich es in einem Zug.
„Pfui Teufel da ist ja Wodka drinnen!“ schrei ich angewidert und muss würgen.
„Trinkst du etwa schon wieder, Kind?“
„Nein Mama, immer erst wenn´s dunkel ist“, ich stehe wieder auf, schließe das Fenster und ziehe den Vorhang zu.
Mein Nacken ist völlig steif, ich frage mich wann ich meinen Kopfwieder bewegen kann. Wenn ein verspannter Arm vom Tennis – Tennisarm heißt, wie heißt dann ein kaputter Nacken den man sich beim Oralsex zugezogen hat? Blasknackwatschen? Schwanzlutschhexenschuss? Fellatiotraumata? Die Frage kommt ganz oben auf die „muss ich mal googeln“ Agenda.
Ganz langsam kehrt auch die Erinnerung an die vergangene Nacht wieder. In flüchtigen Fragmenten schleicht sie sich in das längst für tot erklärte Gedächtnis ein um mich immer wieder eiskalt von hinten zu erwischen. Genauso wie der Kerl, letzte Nacht. Also war doch jemand zu Besuch. Ich beschließe der Sache auf den Grund zu gehen und etwas gegen den beißenden Geschmack von abgestandenem Orangensaft mit Stolichnaya in meinem Mund zu machen.
Entschlossen wanke ich Richtung Küche, öffne die Türe, stolpere über einen leeren Sixpack und knalle beinahe auf einen kläffenden Zwergdackelminilabradudel. Oder so. Ich denke der Hund ist Epileptiker, er zuckt, tanzt und kläfft wie verrückt. Ich hoffe das Mistvieh hat nichts von meinem südamerikanischen Multivitaminzeugs genommen und gleichzeitig gelange ich zu der Überzeugung dass es nie zu früh für Alkohol ist.
„Kind, bitte sag, dass du dir keinen Hund gekauft hast“, dröhnt es aus meiner Hand. Erschrocken zucke ich zusammen, ich hatte bereits auf das Gespräch in meiner Rechten vergessen, als mich die Stimme aus dem Telefon wieder daran erinnert. Jessy Pinkman wirkt gegen mich wie die Biene Maja auf Baldriantropfen
„Mama sei froh, es ist zumindest kein Tiger im Badezimmer eingeschlossen“ mit einem kurzen Blick ums Eck versichere ich mich, dass dort wirklich keiner ist.
„Wie meinst du das? Was redest du für ein wirres Zeug? Und wessen Hund ist das“ sie klingt zunehmend verzweifelter.
Auf der Kommode im Vorraum liegt ein Döner, von dem schon jemand abgebissen hat. Pfui Teufel, denke ich mir, werfe das fettige Teil in Richtung des Kläffers und treffe ihn voll am Kopf. Das wie gesprengt aussehende Fleisch fliegt ihm um die braunen Schlappohren, er schüttelt den Kopf, weiße Soßenspritzer rauschen wie Sternschnuppen durch den Flur. Die Holztüre hinter dem dicken Raubtier, das leichte Ähnlichkeit mit Cindy von Marzahn hat, sieht aus wie die benutzte Kulisse eines Gangbang-Pornodrehs.
Die überraschte Leberwurst auf vier Beinen blickt mich verstört durch die mit Salat verhangenen Augen hindurch an, zumindest ist jetzt Ruhe. Anstatt weiterhin Alarm zu schlagen, leckt der Köter jetzt den ebenso gesprenkelten Fußboden.
„Mach dir keine Sorgen Mama. Der gehört nicht mir, sondern meinem Besuch“, der große, südländisch aussehende Kerl der komatös auf der Couch liegt , erscheint mir die plausibelste Antwort auf beinahe alles zu sein. Ganz egal was passiert ist – es war immer der Neger.
„Welcher Besuch denn?“
„Mama ich muss jetzt wirklich aufhören, sollte mich fertig zum Arbeiten machen“, neugierig schleiche ich um den Unbekannten in meinem Wohnzimmer herum.
„Du hast doch gar keine Arbeit? Also, wer ist auf Besuch“, meine Mutter hat ihre Fassung schnell wieder gefunden und fordert eine Erklärung. Der unbekannte Mittzwanziger zieht sich die Decke über den Kopf, als er meine Stimme hört.
„Mama es ist ein wildfremder Ausländer, der nackt auf meiner Couch liegt und ganz sicher mit Drogen dealt“ ich gebe mein Bestes um nicht allzu sarkastisch zu klingen. Woher weiß die Frau eigentlich, dass ich arbeitslos bin?
„Du hast den gleich trockenen Humor wie dein Vater, Kind. “
„Was heißt hier Humor? Das ist mein Ernst. Und vermutlich bin ich schwanger von ihm, also kommst auch zu deinem Enkelkind. Wird halt eine sehr gesunde Farbe haben.“
Ich hoffe nicht allzu rassistisch zu klingen als ich den halb abgebrannten Joint im Aschenbecher entdecke, den ich mir Sekunden später anzünde.
Durch das auf Lautprecher geschaltene Handy höre ich sie in einem Lachkrampf versinken. Schön wenn die Wahrheit so amüsant ist.
Drei tiefe Atemzüge später sacke ich tiefenentspannt neben den warmen Körper der regungslos daliegt, ich blase etwas des süßlichen Rauchs in seine Richtung.
Der Schwall des Nebels legt sich wie ein Schleier um sein Gesicht. Plötzlich bewegt sich da was, er zieht sich die Decke bis unter die Nase und schlägt die riesigen Augen für einen kurzen Moment auf. Schwärzer als die Farbe selbst.
„Mama ich muss jetzt echt aufhören.“ Ich packe das Leopardenfell-Imitat und reiße es nach unten. Beim Anblick des Körpers der sich die ganze Zeit dahinter versteckt hat, bin ich – atemlos – ganz ohne Helene F. oder die Kinder vom Bahnhofsklo.
Der unbekannte Nackte schläft inzwischen wieder ungerührt weiter. Dann wollen wir mal sehen wie lange.
„Kind, bitte. Ich hab gerade beim Fenster rausgeschaut, wieso steht dein Auto bei mir auf dem Parkplatz? Du bist doch schon seit Wochen nicht mehr hier gewesen. Und wer ist bei dir zu Besuch?“
Sie hätte mich genauso gut nach dem Sinn des Lebens oder der Quadratwurzel aus 104 976 fragen können.
„Mama, weißt du eigentlich was deine andere Tochter geplant hat?“
Meine Finger umkreisen schwarze Nippel, wandern dann über seinen Bauchnabel nach unten um schließlich über den steinhart gewordenen Schwaz zu zeichnen. Scheinbar reagiert er trotz Tiefschlaf recht intensiv auf meine Bemühungen. Hoffentlich ist er nicht der einzige den ich manipulieren kann.
„Nein, ich habe keine Ahnung. Wovon redest du?“
Jackpot, der Köder ist geschluckt, und ich bin die Königin der Ablenkungsmanöver.
„Sie will sich die Augen operieren lassen, damit sie keine Brille mehr braucht.“
Am liebsten würd ich das schwarze Prachtexemplar, dass vor mir liegt besteigen, sein Riesending in den Mund nehmen und solange lutschen bis er heftiger explodiert als der Sprengstoffgürtel eines Dschihadisten.
„Das ist doch nicht weiter schlimm? Ich hab schon mit ihr darüber geredet, die Operation ist ein unkomplizierter Eingriff, hat sie gemeint“ die entspannte Antwort hab ich erwartet, es wird Zeit das Ass im Ärmel auszuspielen.
„Ja Mama. In Österreich vielleicht. Das kostet aber eine schöne Stange Geld, und du kennst ja unseren Sparefroh.“
„Ich versteh nicht. Wo will sie sich denn operieren lassen?“
„Mama, bitte setz dich.“
„Slowenien? Du musst ihr das ausreden! Cevapcici und Calamari ja, aber bitte wer lässt sich dort die Augen richten? “
„Nein nicht Slowenien Mama. Schlimmer…“
„Bitte sag mir endlich wo sie sich operieren lässt..“ die Anspannung ist kaum zu überhören, wie auch? Viel zu abgedreht und unberechenbar scheint dieser Haufen von Nachkommen zu sein. Langeweile ist genauso unbekannt wie das Wort Normalität.
„In Istanbul .“
Hoffentlich hab ich sie nicht umgebracht.
„Mama?“
Nichts, auch wenn ich ganz genau hinhöre und die Luft anhalte, die Leitung ist tot. Verdammt, das dürfte wirklich gesessen haben. Ich nehme an, dass sie dabei ist sämtliche Fenster im Haus zu putzen, dass helfe ihr gegen Stress hab ich mir als Kind mal sagen lassen. Wir hatten immer die saubersten Scheiben der ganzen Straße, mehr als einmal ist ein Besucher gegen die gläserne Terassentüre gelaufen weil sie so sauber war, dass man denken konnte da wäre nichts. Die Nachbarn dachten alle der Kerl aus der Glaserei wäre mein Vater, sooft wie er bei uns war um die permanenten Schäden zu begutachten und zu reparieren.
Der mit einem Satz aufs Sofa springende Hund schreckt mich aus meinem Tagtraum auf und ich frage mich ob ich zu weit gegangen bin. Beim zweiten Rückrufversuch geht sie endlich ran.
„Ich kann jetzt nicht weitertelefonieren. Ich muss die Fenster putzen“, versucht sie mich abzuwimmeln.
„Ist doch alles halb so schlimm, sei froh dass sie sich nicht in einem Dönerstand operieren lässt?“
Den Lachkrampf zu unterdrücken kostet mir mehr Anstrengung als den nackten Mann vor mir nicht anzufassen.
„Das ist nicht lustig! Weißt du wie es dort unten zugeht? Deine Tante war vorigen Monat auf Urlaub dort und hat sich das Bein gebrochen. Weißt du wer sie behandelt hat?“
„Mama, bitte keine schweren Fragen.“
„Die Putzfrau! Die hat zuvor das Klo sauber gemacht, sich den Arbeitsmantel ausgezogen, ein Stetoskop umgehängt und schwuppdiwupp war es aufeinmal die Ärztin.“
Die staubtrockene Antwort haut mich beinahe um und ich lache so laut auf, dass sowohl das dicke Vieh als auch der afroamerikanische Kerl völlig desorientiert und erschrocken in meine Richtung schauen. Unwissend wen von den dreien ich zuerst beruhigen soll, versuche ich erst das Telefonat zu beenden.
„Mama ich werde es ihr ausreden. Versprochen.“
„Bitte tu das! Sonst kommt sie blind und dafür mit einer Brustvergrößerung nach Hause.“
„Falls sie den Weg zurück noch findet“, die gespielte Ernsthaftigkeit überrascht sogar mich.
„Kind, sind denn deine Fenster alle sauber?“
„Ja Mutter. Ich muss jetzt aufhören, in Ordnung?“
„Bis bald. Meld dich falls hungrig bist. Ciao.“
Das war beinahe schon zu einfach, denke ich, ziehe mir dabei das Shirt aus, werfe es auf den dümmlich dreinschauenden Wackeldackel und setze mich auf den Typ.
„Ya Man. You´re so beautyfull Baby!“
Ich lächle ihn an und bin mir sicher dass es ein guter Tag wird.