#Müde

Denkst du wirklich dass dein heutiger Lifestyle dich vor zwei Jahrzehnten befriedigt hätte? Oder wärst du der Langeweile erlegen? Willkommen in meiner Welt!
Ich bin DU. Zwanzig Jahre davor. Mit Muschi statt Latte.
Hure statt Heilige, Magdalena fetzt – Maria ist der Inbegriff aller Spaßbremsen. Pacemakerin fürs Saufen, Ficken und Koksen. Mehr kann ich nicht – hab´s Laufen verlernt, Nase zu voll…
Herzschlag am Limit – vernarbtes Gewebe hinter den Rippen. Kämpfe ums Überleben – nicht weniger als das Teil, dass das Blut durch meinen Körper pumpt.
Schleppend bahnt es sich den Weg durch sämtliche Venen, dennoch reicht es nicht um den eiskalten Engel zu beleben. Ich bin so verdammt abgekämpft und müde.

Gesundheitsfanatiker ohne Schiebetüre

Werner wird  vom Tropf befreit und fragt ob ich mit ihm nach draußen komme um eine zu rauchen, er brauche das nach der Infusion.  Die besten Zigaretten wären die nach dem Essen. Oder nach dem Sex.

Aber ich rauche doch gar nicht.  Bin eher so die gesundheitsbewusste Drogenkonsumentin.

Schallendes Gelächter als der nächste Weißkittel durch die Türe schießt. Hier geht´s ja zu wie im Taubenschlag, sollten Durchgeknallte nicht zur Ruhe kommen?

„Guten Morgen Frau Siffredi. Ihr Gesundheitsbewusstsein lob ich mir. Vor allem in Anbetracht ihres multiplen Substanzgebrauchs.“

Herr Doktor  schüttelt mir die Hand, verrät mir dass er der Chef auf der Stadion sei. Ich frage ihn ob ich nach Hause gehen kann. Seine Miene wird ernst:

„Die gerichtliche Unterbringung ist mittlerweile aufgehoben, aber es wäre unverantwortlich Sie in dieser Verfassung zu entlassen.“

Ich verstehe nur Bahnhof. Wovon redet der denn?

„Sie sind immer noch sehr dehydriert, eine einzige Infusion ist nicht genug um das auszugleichen. Haben Sie ein wenig Geduld.“

Kann der mir nicht einfach ein Sixpack bringen? Zwecks der Flüssigkeit?

„Was heißt gerichtliche Unter-irgendwas?“

Überrascht über die endlose Steigerungsfähigkeit meiner Verwirrtheit, habe ich Schwierigkeiten dem Gespräch zu folgen.

„Wenn Patienten selbst- oder fremdgefährdend agieren, sind wir gezwungen sie hier festzuhalten.“

Agieren, hydrieren, intoxikablabladingsbums. Er hätte ebenso auf Russisch antworten können. Wovon redet denn der?

Die einzige Fremdgefährdung in dem Laden geht vom Koch aus, die Chance dieses kulinarische Attentat zu überstehen ist nicht viel höher als ein Aufenthalt an der syrischen Front.

„Nur weil ich den Krankenhausfraß gegessen habe, bin ich wohl nicht selbstgefährdend? Und andere Menschen gefährde ich auch nicht, ich glaub an Karma.“

Doktor Freud entgeht meine Anspannung nicht.

„Keine Sorge, der Koch liegt im Nebenzimmer. Ich komme am Nachmittag noch mal zu Ihnen, wenn Sie möchten kann ich Ihnen was gegen die Unruhe geben.“

Zumindest ist er schlagfertig.

„Aber für Bier ist es zu früh?“

Werner schlurft zurück ins Zimmer, lässt sich aufs frisch bezogene Laken fallen:

„Wenn sie Bier bekommt, will ich auch eins haben!“

Herr Doktor fasst ihn seine Hosentasche.

„Leider hab ich keins mehr eingesteckt.“

Ist der wirklich Arzt, oder ein Irrer der sich verkleidet hat?

Zum fünftausendsten Mal an diesem Morgen wird die Türe aufgerissen, zwei Damen in grün wuseln wie hyperaktive Frettchen herein, räumen das dreckige Geschirr weg und säuseln dem vermeintlich Durchgeknallten mit Stethoskop was zu. Er nickt, verabschiedet sich und folgt den Saubermachmuschis nach draußen.

Bestimmt vögelt er den beiden gleich das Hirn raus.

Mit einem lauten Knall fällt die verfickte Zimmertüre zurück ins Schloss, nur um eine Sekunde später wieder aufgerissen zu werden. Nicht mal bei meinem Dealer herrscht ein derartiges Kommen und Gehen.  Eine hochgewachsene Blondine bringt Pillen für Werner und mich.Zum Glück, ansonsten wäre der passende Zeitpunkt um fremdgefährdend zu werden.

„Gegen die Nervosität, Fräulein Siffredi.“

Miss Verständnis drückt mir einen winzigen Plastikbecher in die Hand, wartet bis ich mir den Inhalt in den Rachen gekippt habe.

„Entweder hängen sie die Türe aus, oder sie bringen mir die doppelte Dosis“ schnauze ich sie an.

„Ich muss Sie leider enttäuschen – Schiebetüren und ausreichende Medikation ist den Privatpatienten vorbehalten.“

Touche´.