Strattera

Langsam aber sicher werde auch ich unruhig. Versuche mich durch eine allgemeine Bestandsaufnahme zu entkrampfen – ein kurzer Blick in die Handtasche bestätigt mir ausreichend pharmazeutische Stabilisatoren zu besitzen um es ohne ernsthaften Amoklauf durch die Osterfeiertage zu schaffen.
Versuche den Doc zu erreichen – erwische nur seinen AB.
Scheiß drauf, brüllt die schwarze Gestalt die auf meiner linken Schulter sitzt: setz die Dinger einfach ab – was soll schon passieren? Hast schließlich drei Jahrzehnte ohne Strattera überlebt! Los! Leb!

Stütze mich am Waschbecken ab, mit schwindligem Hirn dem Spiegelbild entgegen.
Kalter Schweiß benetzt ein aschfahl werdendes Gesicht; leise wie der erste fallende Schnee meldet sich dein Endgegner zurück- dein Hirn erinnert dich daran, dass es keine Antikörper für deine Schmerzen gibt… SUCHTDRUCK lässt sich nicht ausschalten.
Zitternde Hände suchen nach flüssiger Erleichterung- vergeblich.
Immer wiederkehrende Stimmen, der Wunsch nach Suizid. Plötzliche Stille. Doc ruft zurück.
„Auf gar keinen Fall das Medikament absetzen. All die Struktur und Zielstrebigkeit wäre schlagartig weg.“
Seine Warnung amüsiert mich.
Zielorientiert und strukturiert in Zeiten wie diesen?
Damit ich meinen Sarg rechtzeitig bestelle?
Frag mich wer von uns beiden einen Psychiater nötiger hat, ziehe die letzten Pillen aus der Schachtel und werfe sie ins Feuer des Kamins.
Challenge accepted.

#Valentina2.0

Nach den seltsamen Ereignissen in der Natur hab ich erstmal die Schnauze voll von Menschen, Mardern und Birken. Hauptsache Ruhe – mein Hirn fühlt sich immer noch an, als wäre es in einen Starkstromkreis geraten, vielleicht wäre es an der Zeit am Testament zu basteln? Damit sie sich nach meinem Abgang nicht noch um meine Schulden streiten – ich möchte keinen Keil in die Familie treiben. Schließlich ist Familie das Allerwichtigste im Leben, abgesehen vom monatlichen Nettoeinkommen.
Komisch. Der zweite September erscheint mir dann doch sehr früh für die alljährlich wiederkehrende Herbstdepressions-Hauptsaison. Aber vielleicht hört sie dann auch eher wieder auf, bis zum Christkindlmarkt wär cool. Glühwein und Selbstmordmord mit Vanillekipferl klingt so sexy wie Kackstelzen mit Sauerkraut.
Halt´s Maul Gehirn.
Ich mobilisiere die letzten Energiereserven, die nicht chemisch basiert sind um meinen Arsch vor die Türe zu schaffen und endlich was gegen die omnipräsent – neurotische Melancholie zu unternehmen.
Mein Unterbewusstsein, die Präfrontale-Kortex-Arschloch-Stimme brüllt „Koks und Nutten“ von innen gegen meine Stirn. Mein frisch ausgedruckter Kontoauszug lacht mich so laut aus, dass ich mir verarscht vorkomme. Außerdem finde ich das Restbudget alles andere als zum Lachen – ein Euro vierzehn Cent. Das reicht gerade mal für eine Dose Schwechater; wie soll ich damit meinen Dachschaden unter Kontrolle halten?
Na gut, also doch mit Sport versuchen, davon soll der Körper selbstgebastelte Drogen ausschütten, außerdem sieht man danach nackt besser aus und das soll wiederrum das Selbstbewusstsein stärken. Also eh fast wie Cola, aber ohne Nasenflügelkaputt und hundert Euro pro Gramm. Chaka – ich geh trainieren!!!
Ich trete zum Abschied gegen das Kontoauszugsarschfickergerät, renne aus der Bank, deren Namen ich aus Datenschutzrechtlichen Gründen nicht nennen darf und bemerke schlagartig das Menschen die aus einem Kreditinstitut hinauslaufen, die sofortige und vollste Aufmerksamkeit aller Passanten auf sich ziehen.
Je schneller ich laufe, desto mehr Glückshormone müsste ich doch produzieren? Viel hilft viel?
Irrtum. Viel kotzt viel.
Auch nach dreihundert Metern schon.
Vielleicht fahr ich doch wieder nach Hause und streiche meine Wände schwarz, Köpfe ein Huhn und suhle mich in dessen Blut. Allerdings langt das Rauschgiftbudget maximal noch für eine Dose Butangas und abgelaufenes Bier. Mister Lover Lover ruft an, ob ich für heut Abend schon was geplant hätte, es wäre jetzt an der Zeit mal wieder unter Menschen zu kommen.
„Aber ich hasse Menschen“, wende ich ein.
Er beruhigt mich: „Sie dich doch auch, Baby. Ich bin um halb acht bei dir.“
Und plötzlich höre ich zufriedenes Lachen im Hintergrund. Wer zum Teufel….?
„Ach ja Kleines, schau bitte das du pünktlich bist. Valentina hat es nicht gern, wenn man sie warten lässt.“