Ich kapituliere. Endgültig.

Vor Erschöpfung gelähmt fällt der Körper ins Koma, lange nachdem sich mein Geist Richtung Nirwana verabschiedet hat. Auch wenn ich lieber alleine eingeschlafen wäre, da ist keine Kraft mehr um vor ihm davon zu laufen. Kein Kampf, keine Flucht – flehe um Ruhe…

Er wird mich doch in Frieden lassen, schließlich wirkt der Kerl genauso durch wie ich?

Theoretisch.

Praktisch ist es ihm scheißegal, wie ich mich fühle. Warum sonst drückt das Stück Schwanz gegen meinen Arsch, stoßen seine Finger mitten in die Fotze um mich aufzuwecken?

Ich krümme mich vor Schmerz, löse mich windend aus seinem Griff um der erzwungenen Nähe zu entfliehen. Hätte ich doch nur mehr Kraft übrig, würd ich ihm ins Gesicht schlagen…. Immer und immer wieder

Beim zweiten Klingeln des Weckers lässt er endlich von mir ab

„Keine Sorge, du kannst jetzt weiterschlafen. Zum Ficken bist eh nicht zu gebrauchen“, er küsst mich.

Drei Sekunden nach seinem Verschwinden knicke ich erneut ein – Widerstand zwecklos, Akkus so leer wie mein Herz.  Viel zu kurz die Ladephase, verstörte blinzle ich in die Sonne, er kommt zurück. Nicht weniger entschlossen als Kim Jong beim Atombombentest, schießt er durch die angelehnte Türe, fokussiert mich mit der Präzision eines Scharfschützen.

Wie lange habe ich gepennt? Wieso ist es plötzlich so hell hier drinnen?  Was zum Teufel macht er mit mir?

Mister Einfühlsam kniet über mir, packt seinen Schwanz aus der Hose und wichst mir auf die Brüste.  Ein Wunder, dass er mich danach nicht fragt, wie er war.

Ohne ein Wort zu sagen wische ich mir das Sperma vom Körper, drücke den fremd gewordenen Torso von mir weg und verlasse ihn.

Alles was ich noch fühle ist Leere.

Alles was ich will ist Schlafen.

Für Immer.

 

 

 

Kurze Zwischenbilanz

Vermutlich hat sich Chester einen Bandwurm eingefangen. Oder gleich ein ganzes Wurmrudel. Schön, so ist er wenigstens nie alleine – weder der Kater, noch der Parasit.

Das weniger Schöne daran ist, dass mir dieser Streichelzoo langsam aber sicher die Haare vom Kopf frisst. Sashimi-Thunfisch wächst schließlich nicht auf Bäumen. Genauso wenig wie lila Toilettenpapier vom Markenhersteller. Auch wenn ich nicht ganz begreife, wieso das nach Lavendel riecht – wer will schon  nach Mottenkugeln duften, wenn er sich den Hintern abputzt?

 

Wie auch immer – Entweder steig ich wieder auf das zweilagige No-Name Produkt vom Diskonter um, oder der Flohzirkus bekommt in Zukunft Kitekat statt Mister Wu´s Sushi Service zum Abendessen.

Ich hab schließlich keinen Esel der Gold scheißt. Und mein Psychotherapeut verlangt plötzlich auch das Doppelte, weil er ja jetzt ein richtiger Doktor ist.

Aber wenn ich ihn frage, ob es denn normal wäre, wenn ich beim Wichsen an Sebastian Kurz und Donald Trump denke, kann er mir keine plausible Antwort liefern. Ratlosigkeit und Schamesröte kann ich auch ohne hundert Euro die Stunde haben,  vielleicht sollte ich mit meinem Opa über die belastenden Masturbationsphantasien sprechen. Auf der Fahrt nach Hause beschleichen mich dann doch Zweifel, entweder aus einem plötzlichen Anflug von Vernunft oder aufgrund des sinkenden Alkoholpegels.

Ich will den alten Mann ja nicht umbringen.

Nicht ohne zu wissen, was in seinem Testament steht. Weil Sashimi-Thunfisch wächst schließlich nicht auf Bäumen. Genauso wenig wie lila Toilettenpapier vom Markenhersteller.

Opa sagt, der Kurz soll zurück in die Krabbelstube und der Donald wird’s eh nicht lange machen, den werden´s sicher verschwinden lassen. Wir spazieren durch den Garten, ob ich denn ein paar Himbeeren haben möchte, will er wissen.

Aus Angst mir einen Fuchsbandwurm einzufangen, lehne ich dankend ab. Mein Handywecker klingelt zum dritten Mal. Sechzehn Uhr dreißig, Zeit zum Aufstehen. Sehr aussagekräftiger Parameter zur Bestimmung meines labilen Geisteszustandes. Nur Irre schlafen bis halb fünf am Nachmittag.

Opa fragt mich, ob ich denn als Callgirl arbeite, weil es ständig läutet. Ich sage, Opa bitte, ich muss mir billiges Klopapier vom Lidl kaufen, also nein, ich bin immer noch arbeitssuchend, zutiefst hoffend er möge den Mottenkugelgeruch nicht bemerken.

Tut er eh nicht, er ist zu vertieft in seine Geschichte über die Hitlerjugend. Ich denke komisch, er ist doch erst  1948 auf die Welt gekommen.

Verabschiede mich mit einem geschmeidigen „Sieg Heil“, steig ins Auto und fahr zurück nach Kärnten. Kaum alleine mit mir und meinem dreckigen Geist, muss ich wieder an Sebastian und Donald denken. Schalte die Klimaanlage auf Vollgas. Sebastian schiebt meinen Rock nach oben.

Donald leckt sich über die Oberlippe, während sich Monsieur Macron auf der Rückbank von Angie den Schwanz lutschen lässt.

Wo ist Gaddafi eigentlich hin verschwunden?

Vermutlich ist er zurück im Erdbeerland, aber ich muss unbedingt nach Hause um die Erektion auf der Wand zu verhüllen. Alles andere wäre unseriös, oder?

Steffen sagt, so eine verdammte Scheiße, steh doch zu deinen Erektionen auf den Wänden. Ich solle endlich mal meine Gedanken liberalisieren.

Ersticke beinahe an meinem Thunfisch. Ich solle was?

„Weißt du Maja, so normal wie wir ist sonst niemand.“

Verdammtes Crystal Meth, sogar meinen liebsten Polen hast du dir unter den Nagel gerissen.

Ich nicke Steffen kurz zu, steige in meinen Wagen und verschwinde.

Fünfzehn Minuten später liege ich auf einer Low-Budget Massageliege für ganz Arme und schiebe meinen Kittel Richtung Bauchnabel.

Der Ostdeutsche Kerl begutachtet mein Geschlechtsorgan sehr sorgfältig und pflichtbewusst. Hatte beinahe schon vergessen, wie sehr ich deutsche Gründlichkeit schätze, als er mir mit schwarzen Edding eine Linie auf mein Allerheiligstes zeichnet.

„Keine Sorge Maja, ich muss nur den Stichkanal vorzeichnen, damit ich das Ding anständig reinmache.“

Als ob mich das beruhigen würde. Und nein, ich bin nicht nervös, aber wie sicher ist er sich, dass er nicht aus Versehen meinen Kitzler durchsticht?

„Keine Sorge, das ist so gut wie ausgeschlossen, entspann dich einfach.“

Er hat leicht reden; immerhin zielt niemand mit einer Nadel auf sein Halleluja.

Kalter Schweiß kühlt meine Schläfe, als er zum dritten Versuch ansetzt. Ich kralle meine Finger in die schwarze Liege, beiße auf die Unterlippe bis es blutet. Mit einem kurzen Stoß sticht die Kanüle durch das dünne Stück Haut, ich jaule wie eine läufige Hündin. Für einen kurzen Moment bäumt sich mein Oberkörper auf, verkrampft, ehe er wieder zurück sinkt.

„Alles okay bei dir? Wir haben´s fast geschafft.“

So ein Idiot.  Dasselbe hat Hitler damals über Polen gesagt, aber bitte.

Breitbeiniger als eine frisch gegangbangte Jungfrau wanke ich zurück zum Parkplatz, unsicher ob ich heulen, onanieren oder koksen sollte. Entscheide mich für die einzige Variante, die Sinn macht.

Michi fragt, wo ich so lange gesteckt habe.

Ich frage, ob er Tiefkühlgemüse hat.

Jasmin legt den Kopf schief.

„Muss ich mir Sorgen um dich machen?“

Mit einem fetten Grinsen im Gesicht drücke ich mir den Sack Erbsen zwischen die Beine, schüttle den Kopf und seufze erleichtert auf, als sich die betäubende Erlösung wie ein weißer Schleier über den Glastisch zieht…

„Röhrl bitte…..“

 

 

 

 

 

 

 

 

Sichtschutz in gelb

Mir ist schwindlig im Kopf, außerdem ist es mir rätselhaft seit wann gelbe Vorhänge das Bett umranden.  Drehe mich noch mal zur Seite, weiterschlafen hilft bestimmt.

Drifte gerade zurück in den Tiefschlaf, als mich lautes Schnarchen aufschrecken lässt.  Zögere eine Sekunde, doch schließlich siegt die Neugierde und ich schiebe den Sichtschutz zur Seite.

Bitte, wer ist denn er?

Lebt der noch?

Ein grauhaariger Mann, ich schätze ihn auf einhundertschzig Jahre, liegt regungslos auf der Pritsche nebenan. Bin ich im Leichenschauhaus?

Aber dann würd ich doch in einer Holzkiste liegen?

Wäre ich nicht so routiniert in substanzbedingten Gedächtnisverlust, könnte ich glatt in Panik ausbrechen. Ich gebe mir Mühe mich zu orientieren, als der Scheintote nebenan zu brabbeln beginnt. Gott sei Dank –  der ist gar nicht tot – der riecht nur so.

Warum sollte er sonst auch am Tropf hängen?

Der Gedanke beruhigt mich solange, bis ich registriere, dass er nicht der einzige mit einer Kanüle in der Vene ist. Durch einen durchsichtigen langen Schlauch bin ich mit dem Plastikbeutel über dem Bett verbunden, tröpchenweise läuft die Flüssigkeit nach unten, direkt hinein in die Blutbahn.

Langsam aber sicher erhärtet sich der Verdacht, nicht in meinem Schlafzimmer zu sein.

Müssen meine Partys eigentlich immer so enden?

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums wird plötzlich eine Glastüre aufgerissen, durch die ein Blondchen ganz in weiß durchgeschossen kommt.  Ihre Brillengläser sind so dick wie die Unterseite eines Aschenbechers, in der Brusttasche ihres Kittels stecken bunte Kugelschreiber, die es mir schwer machen ihr Namensschild zu entziffern. Alles was ich erkennen kann, ist ein Doktor Titel.

Mit ernster Miene bleibt sie am Fußende des Betts stehen, zieht eine ihrer Augenbrauen nach oben während ihr Kopf nach links kippt:

„Sie wissen wo sie hier sind, Frau Siffredi?“

Ob sie es selbst auch weiß?

„Naja, wie im Hilton schauts hier nicht gerade aus.“

Der brabbelnde Schnarchkopf lacht.

Frau Doktor wirkt spaßbefreit, ohne mit der Wimper zu zucken wirft sie einen Blick auf das Klemmbrett in ihrer Hand. Unterdessen füllt sich der Raum, ein Weißkittel nach dem anderen versammelt sich um die humorlose Blondine. Das ist ja schlimmer als auf einer Baustelle –  einer arbeitet, zwanzig schauen blöd zu.

„Haben sie Selbstmordgedanken Frau Siffredi?“

Was für eine Überleitung, gratuliere Frau Doktor.

„Prinzipiell oder momentan?“

Blöde Frage, blöde Antwort.

Einige ihrer Handlanger beißen sich auf die Lippen, doch nicht allen gelingt es, ernst zu bleiben. Unterdrücktes Kichern aus den hinteren Reihen, bestärkt mich in der Annahme, dass die Tante zum Lachen in den Keller geht.

Mein Magen macht mit heftigen Knurren auf sich aufmerksam, überstimmt alle anderen Nebengeräusche und erinnert mich an meine Verfressenheit. Spiegeleier wären jetzt geil. Und Räucherlachs. Und Kaffee. Und Schokolade.

Wann habe ich das letzte Mal was gegessen?

„Denken Sie daran sich selbst zu verletzen?“

Frau Doktor lässt nicht locker.

„Nein, ich denke an Frühstück.“

Sie erklärt mir, dass ich in der Psychiatrie bin. Verstehe nicht, was das mit meiner Bitte nach Essen zu tun hat, Irre brauchen doch auch Kohlenhydrate? Drohe mit der Patientenanwaltschaft, drei Minuten später löst sich die Menschentraube vor mir auf, ein Kerl in grüner Montur stellt ein Tablett neben mein Bett, wünscht mir guten Appetit und zischt wieder ab.

Der Hunger treibts rein, die Gier behälts unten. Will gar nicht wissen, was genau ich da in mich reinstopfe. Hauptsache Futter.

„Lange nichts mehr zu essen bekommen?“

Erschrocken zucke ich zusammen, dem unkontrollierten Muskelkrampf folgt ein Knall gegen die Fensterscheibe, die den Amokflug meiner Gabel beendet. Wer hat da grade mit mir geredet?

Ach ja. Da war ja noch einer.

Der totgeglaubte Greis von nebenan wirkt gar nicht mehr so tot.

„Schmeißt du immer mit Besteck herum, wenn dich ein Mann anspricht?“

Verarscht mich der etwa?

„Ja, deswegen haben sie mich in die Klapsmühle gesperrt.  Und du?“

Fick dich.

Bin mir nicht sicher ob mir die Unendlichkeit dieser beinahe-Romanze oder das eigene Lamentieren mehr auf die Nerven geht.

Warum lasse ich mich so behandeln?

Hatten wir nicht schon zig-tausend Mal einen Schlussstrich gezogen?

Wieso kommen wir nicht voneinander los?

Ich wünschte ich könnte dich vergessen. Warum ist es so schwer, sich zu entlieben?

Als würde ein nasses Handtuch auf der Brust kleben, Luft holen für Fortgeschrittene..

Ersticke an Sehnsucht, Gott wie ich dich vermisse. Neurotische Jagd nach dem felhlendem Teil; vergessenes Detail im großen Ganzen… Wo bist du jetzt?

Renne orientierungslos durch das Chaos, das du angerichtet hast. Lachend schickst mich mitten ins Nirgendwo, ein Hoch auf euch Sadisten.

Auf das ihr an eurem Zynismus erstickt.

 

 

Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über hypersensible Krapfen, Ständerverschwendung, Fickfrösche und Arschlochkatzen

Irgendwann komme ich in einem fremden Zimmer wieder zu mir, desorientiert und wundgevögelt versuche ich mich zu erinnern, vor allem weil der nackte Kerl neben mir es wert wäre, ihn nicht zu vergessen.

Brauche einige Minuten um mich in der Dunkelheit zurechtzufinden, die einzige Lichtquelle ist der Vollmond, der durchs offene Fenster auf die schlafende Gestalt mit Halberrektion scheint. Wo zum Teufel bin ich hier? Wie spät ist es? Welches Jahr? Haben wir schon einen neuen Bundespräsidenten? War ich bei der Wahl?

Stapse über herumliegende Klamotten um einen Blick nach draußen zu werfen, und tatsächlich- schräg unter der blendenden Säufersonne steht das gottverdammte Riesenrad.

Wie zum Henker bin ich in den verfickten Prater gekommen?

Wollte doch nur den Müll rausbringen.

Danke liebes Arschlochkuscheltier.

Lautlos suche ich in dem Sauhaufen nach meinen Klamotten, muss hier dringend weg. Auch wenn  ich ansonsten alles andere als eine Ständerverschwenderin bin, bin ich schlicht und einfach zu verwirrt um den schlummernden Fickfrosch wachzublasen. Wer weiß, vielleicht ist er eine Niete im Bett?

Außerdem fühlt sich meine Zaubermaus an, als ob ich mich von einem ganzen Rudel gut bestückter Sportficker besteigen- und im Anschluss fisten lassen hätte. Knie so weich wie vergammelte Bananen, bekomme die Beine beim Gehen nicht zusammen weil die Schwellung in der Mitte keine Reibung mehr verträgt. Als würde man einen hypersensiblen Krapfen zwischen den Beinen stecken haben.

Nicht mal Marko Anautovic läuft so breitbeinig. Vermutlich hat man auf seine Vagina mehr Rücksicht genommen.

Fluchtartig fische ich einige Fetzen vom Boden, die passend erscheinen und schleiche mich hinaus. Doch anstatt dem erwarteten Vorraum einer Wohnung, stehe ich in dem hell beleuchteten Gang eines Hotels. Nackt.

Filmriss für Fortgeschrittene.

Hektisch schlüpfe ich in die geklaute Boxershort und das T-Shirt. Unterwäsche und Schuhe werden eh überbewertet. Genauso wie Bargeld und Handy.

Nichts wie weg hier.

Ich bin dabei mich zu beruhigen, als ich den Fahrstuhl erreiche. Im gleichen Moment, in dem der Herzschlag unter hundertachzig bpm fällt, sehe ich mein Spiegelbild in der Kabine des Aufzugs und befürchte jeden Moment einen Infarkt zu kriegen, wobei der Anblick nach einem Selfie für Facebook schreit.

Hashtag dieMetamorphosevomPennerzurpsychotischenVollgestörten  – Spermaflecken auf der Short und ein XXL-Shirt mit der Aufschrift  „Sex habe ich genug – das Leben fickt mich jeden Tag.“

Mit der Wucht einer Abrissbirne trifft mich die Erkenntnis, dass mich die Katze umbringen will, ich in Zukunft vorsichtiger recherchieren- und nie wieder Männersachen im Dunklen mitgehen lassen werde.

Außerdem frage ich mich, wieso mir der Laden so bekannt vorkommt, als ich im Erdgeschoss ankomme und durch die Lobby schlurfe. Kurz bevor ich den Ausgang erreiche, ohne vom Rezeptionisten bemerkt zu werden, kommt ein sehr vertraut wirkender Kerl aus der Toilette.

Geschockt gafft er mich an, ich starre zurück und plötzlich fällt der Vorhang:

„Hi Joey.“

„Babe… Oh mein Gott. Was ist mit dir passiert? Was tust du hier? Kaffee?“

„Tequilla wär mir lieber.“

Joey umarmt mich, leise flüstert er mir ins Ohr:

„Wir gehen jetzt nach Hause.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

188 bpm

Als ich die Augen wieder öffne, blicke ich in zwei besorgt dreinschauende Gesichter, die mir beide irgendwie bekannt vorkommen. Es liegt mir auf der Zunge, und doch weiß ich nicht so recht wer diese Gestalten sind.

„Maja, ist alles in Ordnung?“

Was will der von mir? Ich liege auf dem verdreckten Asphalt, höre die Sirenen immer näher kommen und hab keinen Plan was das alles soll.

„Du bist gestürzt, der Krankenwagen ist gleich hier“, als ob mich die Erklärungsversuche beruhigen könnten. Außerdem, wieso hingefallen? Ich dachte ich bekomme einen Herzinfarkt. Großartig.

Noch bevor ich mich drüber aufregen kann, ist wieder alles finster.

Wahnsinnige Träume geistern durch den ramponierten Kopf, ich bin auf der Flucht, doch schaffe es einfach nicht ihn abzuhängen. Der Abstand zwischen uns wird kleiner, traue mich nicht umzudrehen und ihn anzusehen, da ich ohnehin weiß wer es ist. Er wird nicht locker lassen, bis er mich zur Strecke gebracht hat und ich endgültig den Verstand verloren habe. Seine Schritte werden lauter, beinahe kann ich seinen Atem schon im Nacken spüren, als ich mit einem Mal erwache und mich aufrichte.

„Scheiße, wo bin ich hier?“

Erschreckt zuckt eine kleine Blondine in weißen Klamotten zusammen, als ich den ersten Brüller des Tages vom Stapel lasse.

„Sie sind im Krankenhaus, sie hatten einen Unfall. Der Arzt ist jeden Moment hier.“
Abgesehen von den Shorts, bin ich völlig nackt. An meinem Oberkörper haben sie Saugnäpfe angebracht, neben mir ein Monitor, in der Armbeuge steckt eine Nadel, durch die die Infusion tröpfelt.

Die zu tote strapazierte Phrase vom bösen Erwachen erreicht auf einmal nie geahnte Dimensionen. Fuck, was zum Teufel ist denn passiert?

Kalter Schweiß sammelt sich in einer kleinen Falte, dort wo der Hals aufhört und die Schultern anfangen. Mein Fokus dreht sich immer schneller um die eigene Achse, der Puls scheint auf dem besten Wege mein Herz zu zerbomben. Ununterbrochen denke ich nur an eine einzige Sache: „Du kannst jetzt nicht sterben.“

Wie ein unsichtbarer Schleier legt sich nackte Angst um mich herum, verheddert sich weil ich nicht damit aufhöre dagegen anzukämpfen, raubt mir den Atem.

Verfluchtes Herz hat den Kopf geschrottet. Aber diesmal so richtig. Belangloser Dach- oder rauschgiftbedingter Kollateralschaden?

Wen interessiert’s.

Bitte liebes Gehirn, halt einfach mal die Fresse.

Jetzt, wär super.

Von einer Sekunde auf die andere kommen die Wände des Krankenzimmers immer näher, langsam doch spürbar weicht der ganze Sauerstoff aus dem Raum, mein Brustkorb hebt und senkt sich als ob ich eben die Ziellinie des Ironmans überquert hätte.

Das Blondchen steht auf einmal neben mir und hält meine Hand.

„Es ist alles gut, sie sind in guten Händen. Hier kann Ihnen nichts mehr passieren.“

Sie dreht an der Schraube des Tropfs und tatsächlich beruhige ich mich, als der Arzt vor mir auftaucht:

„Na, da ist ja jemand wieder zu sich gekommen. Guten Tag.“

Ein hochgewachsenes Oberschnucki mit schwarzen Haaren und hellblauen Augen steht vor meiner Pritsche und schüttelt mir die Hand. Wäre ich nicht mit meiner Panik beschäftigt, könnte ich glatt auf böse Gedanken kommen.

„Hallo. Hab ich eine Herzattacke?“

Er mustert den Monitor und das Klemmbrett dass er in der Hand hält für einen Augenblick und setzt sich dann auf einen der Stühle.

„Sie haben eine Gehirnerschütterung, keinen Infarkt. Ihr Herzschlag ist viel zu hoch. Haben Sie irgendwelche Drogen genommen?“

„Ja.“

„Welche?“

„Alle.“

Mehr bringe ich nicht heraus, Tränen laufen mir über die Wangen. Warum bin ich so unendlich bescheuert?

„Wir warten die Laborergebnisse noch ab, ich komme dann wieder und möchte Sie diese Nacht zur Beobachtung hier lassen.“

Nicke stumm, vergrabe mein Gesicht unter den Händen. Ich hasse es vor anderen Menschen zu weinen.

Als er wiederkommt, bin ich gefasst, die Tatsache dass sich so viele Menschen hier um mich kümmern lässt die Angst weniger werden.

„Sie sollten einen Gang zurück schalten. Haben Sie schon mal daran gedacht einen Entzug zu machen? Wir haben eine ausgezeichnete Stadion im Haus.“

„Nein, danke. Ich schaff das auch alleine.“

„Sie sind auf beinahe alle Substanzen positiv getestet worden. Ich glaube, Sie machen sich was vor.“
Seine Miene wird ernst, als er sich die Ergebnisse nochmal durchblättert.

„Hören Sie, ich war schon mal in der Psychiatrie. Und danach war ich noch irrer als davor. Alles was ich will, ist die Bestätigung, dass ich heute Nacht nicht sterben muss.“

„Diese Garantie kann ich niemand geben. Tut mir leid. Überlegen Sie sich in Ruhe wie es weitergehen soll. Das ist eine Entscheidung, die sie nicht von heute auf morgen treffen können, sowas muss gut vorbereitet werden.“
Versuche mich zusammenzureißen, doch es hilft nichts. Als er wieder geht schluchze ich wie ein kleines Kind; das darf doch alles nicht wahr sein.