deschawü 2.0

Er hatte sich den Tag über freigehalten und anscheinend den richtigen dazu ausgesucht. Im Fernsehen sagten sie, es würde einer der heißesten des bisherigen Jahres werden und ein kurzer Blick nach draußen bestätigte die Prophezeiung der, wie er, fand billig aussehenden Wettermoderatorin. Es war schon früh am Morgen, als er aus dem Studio zurück in seine kleine Zweizimmerwohnung mitten in der Innenstadt kam.
„Diese kleine durchgeknallte Schlampe.“ Er murmelte völlig in Gedanken versunken, während er die Speicherkarte aus seiner Kamera holte, seinen Rechner hochfuhr und sich zurücklehnte.
Die Bilder der vergangenen Nacht rauschten im Eiltempo über den Bildschirm und er musste schmunzeln als er sie so hilflos, mit roten Striemen am Arsch sah, hilflos, mit verbundenem Mund ihm völlig ausgeliefert. Spontan beschloss er ihr das Bild zu senden, sie sollte sehen was er gestern sehen durfte.
Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, als sie in dem Aufzug bei ihm auftauchte. Sie musste damit rechnen dass es nicht nur bei den Aufnahmen blieb, sondern er auch noch so einige andere Dinge von Ihr verlangte, über die man im Vorfeld nicht geredet hatte.
Verrücktes Ding. Aber irgendjemand musste ihr noch beibringen, wie man sich zu benehmen hatte.
Wie es sich wohl anfühlen würde, von ihr den Schwanz gelutscht zu bekommen, während ein anderer Kerl ihr seinen ganz beiläufig von hinten reinschiebt, wenn sie auf allen vieren auf dem Fußboden vor und zurück rutscht…
Ob sie es genießen würde?
Oh ja sie war es wert von ihm diszipliniert zu werden.
Sie musste erfahren was es heißt, zu dienen. Er freute sich auf das, was noch kommen würde, auf all die Dinge, die er ihr beibringen würde.
Abrupt riss es ihn aus seinem Tagtraum als sein Telefon klingelte, er blickte kurz aufs Display, kannte allerdings die Nummer nicht, die ihn gerade zu erreichen versuchte.
Vielleicht war es ein neuer Kunde, der einen Fotografen brauchte?
„Hallo Andreas. Alles klar?“
Es dauerte nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde bevor er begriff, wen er da gerade an der Leitung hatte, diese Stimme würde er wohl nie vergessen.
„Was willst du? Wir hatten doch ausgemacht, keine Anrufe!“ sein Tonfall klang sehr aufgewühlt und erzürnt.
„Aber, wer wird denn gleich so böse sein?“ Die Person am anderen Ende der Leitung lachte laut auf.
Wie zum Teufel hatte sie seine Nummer herausbekommen? Irgendjemand musste wieder zu viel geredet haben, wie sonst war das möglich? Er versuchte die Fassung zu bewahren und sein Handy nicht gegen die Wand zu werfen.
„Woher hast du meine Nummer?“, wollte er wissen.
„Ach du zorniger Kerl müsstest eigentlich wissen, dass ich immer alles kriege was ich will, oder?“
„Und was genau ist es diesmal? Du weißt doch, dass ich mit der Sache nichts mehr zu tun habe?“
Der Zorn aus seiner Stimme war gewichen, er klang jetzt sehr gefasst und ruhig.
„Sag bloß du verdienst mit deinem Fotostudio mehr als bei mir?“
Er schwieg.
„Na also, wir verstehen uns. Ich brauch jemand auf den ich mich verlassen kann und da bist mir spontan du eingefallen.“
„Aber ich sagte doch, ich will nicht mehr.“
„Und ich kann mich nicht daran erinnern dich gefragt zu haben was du willst. Muss ich dich daran erinnern was mit Carlos geschehen ist?“
Nein, dass musste sie ganz und gar nicht tun. Er würde den Augenblick niemals vergessen, als er den alten Spanier zusammengeschlagen am Steg unter dem Ferienclub gefunden hatte nachdem sie die halbe Nacht gefeiert hatten. Sie hatten ihn übel zugerichtet, etliche Knochen waren gebrochen, seine Augen blutunterlaufen und einige schlimme Platzwunden zeichneten seinen Kopf. Im ersten Moment hatte er gedacht, sie hätten ihn umgebracht.
„Wo sollen wir uns treffen?“ wissend, dass eine weitere Diskussion keinen Sinn hatte gab er nach.
„Ich komme dich heute Abend um halb acht abholen. Deine Adresse stimmt noch, nehme ich an?“
„Als ob du das nicht schon längst wüsstest.“
„Gut. Bis später dann. Und versetz mich bloß nicht, das mag ich nämlich gar nicht. Ciao“
In Gedanken versunken trat er vors Schlafzimmerfenster und sah auf das hektische Treiben auf der Straße unter ihm.

Kurze Zwischenbilanz

Vermutlich hat sich Chester einen Bandwurm eingefangen. Oder gleich ein ganzes Wurmrudel. Schön, so ist er wenigstens nie alleine – weder der Kater, noch der Parasit.

Das weniger Schöne daran ist, dass mir dieser Streichelzoo langsam aber sicher die Haare vom Kopf frisst. Sashimi-Thunfisch wächst schließlich nicht auf Bäumen. Genauso wenig wie lila Toilettenpapier vom Markenhersteller. Auch wenn ich nicht ganz begreife, wieso das nach Lavendel riecht – wer will schon  nach Mottenkugeln duften, wenn er sich den Hintern abputzt?

 

Wie auch immer – Entweder steig ich wieder auf das zweilagige No-Name Produkt vom Diskonter um, oder der Flohzirkus bekommt in Zukunft Kitekat statt Mister Wu´s Sushi Service zum Abendessen.

Ich hab schließlich keinen Esel der Gold scheißt. Und mein Psychotherapeut verlangt plötzlich auch das Doppelte, weil er ja jetzt ein richtiger Doktor ist.

Aber wenn ich ihn frage, ob es denn normal wäre, wenn ich beim Wichsen an Sebastian Kurz und Donald Trump denke, kann er mir keine plausible Antwort liefern. Ratlosigkeit und Schamesröte kann ich auch ohne hundert Euro die Stunde haben,  vielleicht sollte ich mit meinem Opa über die belastenden Masturbationsphantasien sprechen. Auf der Fahrt nach Hause beschleichen mich dann doch Zweifel, entweder aus einem plötzlichen Anflug von Vernunft oder aufgrund des sinkenden Alkoholpegels.

Ich will den alten Mann ja nicht umbringen.

Nicht ohne zu wissen, was in seinem Testament steht. Weil Sashimi-Thunfisch wächst schließlich nicht auf Bäumen. Genauso wenig wie lila Toilettenpapier vom Markenhersteller.

Opa sagt, der Kurz soll zurück in die Krabbelstube und der Donald wird’s eh nicht lange machen, den werden´s sicher verschwinden lassen. Wir spazieren durch den Garten, ob ich denn ein paar Himbeeren haben möchte, will er wissen.

Aus Angst mir einen Fuchsbandwurm einzufangen, lehne ich dankend ab. Mein Handywecker klingelt zum dritten Mal. Sechzehn Uhr dreißig, Zeit zum Aufstehen. Sehr aussagekräftiger Parameter zur Bestimmung meines labilen Geisteszustandes. Nur Irre schlafen bis halb fünf am Nachmittag.

Opa fragt mich, ob ich denn als Callgirl arbeite, weil es ständig läutet. Ich sage, Opa bitte, ich muss mir billiges Klopapier vom Lidl kaufen, also nein, ich bin immer noch arbeitssuchend, zutiefst hoffend er möge den Mottenkugelgeruch nicht bemerken.

Tut er eh nicht, er ist zu vertieft in seine Geschichte über die Hitlerjugend. Ich denke komisch, er ist doch erst  1948 auf die Welt gekommen.

Verabschiede mich mit einem geschmeidigen „Sieg Heil“, steig ins Auto und fahr zurück nach Kärnten. Kaum alleine mit mir und meinem dreckigen Geist, muss ich wieder an Sebastian und Donald denken. Schalte die Klimaanlage auf Vollgas. Sebastian schiebt meinen Rock nach oben.

Donald leckt sich über die Oberlippe, während sich Monsieur Macron auf der Rückbank von Angie den Schwanz lutschen lässt.

Wo ist Gaddafi eigentlich hin verschwunden?

Vermutlich ist er zurück im Erdbeerland, aber ich muss unbedingt nach Hause um die Erektion auf der Wand zu verhüllen. Alles andere wäre unseriös, oder?

Steffen sagt, so eine verdammte Scheiße, steh doch zu deinen Erektionen auf den Wänden. Ich solle endlich mal meine Gedanken liberalisieren.

Ersticke beinahe an meinem Thunfisch. Ich solle was?

„Weißt du Maja, so normal wie wir ist sonst niemand.“

Verdammtes Crystal Meth, sogar meinen liebsten Polen hast du dir unter den Nagel gerissen.

Ich nicke Steffen kurz zu, steige in meinen Wagen und verschwinde.

Fünfzehn Minuten später liege ich auf einer Low-Budget Massageliege für ganz Arme und schiebe meinen Kittel Richtung Bauchnabel.

Der Ostdeutsche Kerl begutachtet mein Geschlechtsorgan sehr sorgfältig und pflichtbewusst. Hatte beinahe schon vergessen, wie sehr ich deutsche Gründlichkeit schätze, als er mir mit schwarzen Edding eine Linie auf mein Allerheiligstes zeichnet.

„Keine Sorge Maja, ich muss nur den Stichkanal vorzeichnen, damit ich das Ding anständig reinmache.“

Als ob mich das beruhigen würde. Und nein, ich bin nicht nervös, aber wie sicher ist er sich, dass er nicht aus Versehen meinen Kitzler durchsticht?

„Keine Sorge, das ist so gut wie ausgeschlossen, entspann dich einfach.“

Er hat leicht reden; immerhin zielt niemand mit einer Nadel auf sein Halleluja.

Kalter Schweiß kühlt meine Schläfe, als er zum dritten Versuch ansetzt. Ich kralle meine Finger in die schwarze Liege, beiße auf die Unterlippe bis es blutet. Mit einem kurzen Stoß sticht die Kanüle durch das dünne Stück Haut, ich jaule wie eine läufige Hündin. Für einen kurzen Moment bäumt sich mein Oberkörper auf, verkrampft, ehe er wieder zurück sinkt.

„Alles okay bei dir? Wir haben´s fast geschafft.“

So ein Idiot.  Dasselbe hat Hitler damals über Polen gesagt, aber bitte.

Breitbeiniger als eine frisch gegangbangte Jungfrau wanke ich zurück zum Parkplatz, unsicher ob ich heulen, onanieren oder koksen sollte. Entscheide mich für die einzige Variante, die Sinn macht.

Michi fragt, wo ich so lange gesteckt habe.

Ich frage, ob er Tiefkühlgemüse hat.

Jasmin legt den Kopf schief.

„Muss ich mir Sorgen um dich machen?“

Mit einem fetten Grinsen im Gesicht drücke ich mir den Sack Erbsen zwischen die Beine, schüttle den Kopf und seufze erleichtert auf, als sich die betäubende Erlösung wie ein weißer Schleier über den Glastisch zieht…

„Röhrl bitte…..“

 

 

 

 

 

 

 

 

Postkoitale Dysphorie

Wir liegen eng umschlungen auf dem Laken, lauschen langsamer werdenden Atemgeräuschen des Anderen, während sich ein wohliger Schauer über uns legt.

Fabian ist der Erste, der seine Stimme wieder findet. Vorsichtig streichelt er über mein Gesicht, leckt mit der Zungenspitze über seine Lippen. Ob mein Mund auch so trocken ist, fragt er mich. Als hätte ich einen toten Hamster verschluckt, antworte ich.

Wann das Buch endlich fertig ist, will er wissen. Wann der Gin-Tonic endlich fertig ist, will ich wissen.

Trinkend starren wir in den Himmel, warum er nicht mehr aufhören kann, will ich wissen. Außerdem soll er sich den theatralischen Stoßseufzer für seinen Therapeuten aufheben, oder meinetwegen für seine Friseurin.

Wir lachen.

Sabine war ihr Name. Als er von ihr zu erzählen beginnt, fangen seine Augen Feuer, sein Tonfall wird weicher. Sie war die Liebe seines Lebens, der Mittelpunkt seiner Welt.

Vorsichtig taste ich nach seiner Hand, suche Halt, ehe er weiterredet.

Keine drei Wochen nach dem Kennenlernen zieht er zu ihr, hält um ihre Hand an. Ja, sie will. Freudentränen. Zukunftspläne.

Eine Woche später ist sie tot. Verunglückt in dem Wagen, den er ihr zum Geburtstag geschenkt hat.

Fabians Finger wandern Richtung Gift, kann ihn nicht halten. Kann mich nicht mehr halten.

Wir liegen eng umschlungen auf dem Laken, lauschen dem langsamer werdenden Atemgeräuschen des Anderen, während sich ein wohliger Schauer über uns legt.

Leider hält die postkoitale Schockstarre nicht lange an, Thorsten sagt, dass er verliebt in mich ist. Ich erinnere ihn an seine Ehefrau und die drei Kinder.

Wann das Buch endlich fertig ist, will er wissen. Und ob ich viel über ihn geschrieben hab. Weil eigentlich sollte ich über ihn schreiben. Weil eigentlich ist er spannender als die Frage nach Gott. Weil eigentlich ist er schneller, höher, besser und weiter.

„Und härter!“, deute auf seine Erektion, ziehe mich an und verschwinde.

Wir liegen eng umschlungen auf dem Laken, lauschen dem langsamer werdenden Atemgeräuschen des Anderen, während sich ein wohliger Schauer über uns legt.

So sehr ich mich auch konzentriere –  ich komm nicht auf seinen Namen.

Wann das Buch endlich fertig ist, will der Unbekannte wissen. Woher er von dem Buch weiß, frag ich ihn. Seine rechte Hand packt mich am Hinterkopf, zieht mich an seine Brust.

„Du willst spielen Maja?“, süffisant grinsend dirigiert er meinen Kopf nach unten…

Alles beim Alten

Ich wünsche mir Frieden

Danke für die Achterbahnfahrt, die niemand bestellt hat

Ich hoffe auf Gelassenheit

während wir russisches Roulette spielen

Knapp daneben, ist immer noch nicht gestorben

Knallt nur wenn die Kugel rausschießt

Ich bete dafür, dich zu vergessen

Du gottverdammter Wichser

Danke dem da oben

Dafür, dass wir niemals einen Weg zueinander gefunden haben

Es hatte wohl seinen Grund

Sedierter Untergang mitten hinein in die allertiefste Gleichgültigkeit

Erinnerung wie weggespült

Wer bist du?

Fick dich.

Bin mir nicht sicher ob mir die Unendlichkeit dieser beinahe-Romanze oder das eigene Lamentieren mehr auf die Nerven geht.

Warum lasse ich mich so behandeln?

Hatten wir nicht schon zig-tausend Mal einen Schlussstrich gezogen?

Wieso kommen wir nicht voneinander los?

Ich wünschte ich könnte dich vergessen. Warum ist es so schwer, sich zu entlieben?

Als würde ein nasses Handtuch auf der Brust kleben, Luft holen für Fortgeschrittene..

Ersticke an Sehnsucht, Gott wie ich dich vermisse. Neurotische Jagd nach dem felhlendem Teil; vergessenes Detail im großen Ganzen… Wo bist du jetzt?

Renne orientierungslos durch das Chaos, das du angerichtet hast. Lachend schickst mich mitten ins Nirgendwo, ein Hoch auf euch Sadisten.

Auf das ihr an eurem Zynismus erstickt.

 

 

Mister Casanova

Wie aus dem Nichts taucht das Prunkstück der Evolution vor mir auf,  mustert mich und auf einmal ist da etwas. Unerklärlich. Unsichtbar, für die meisten. Und doch, spürbar.

Weniger intensiv als vergangene Strohfeuer, doch die Spannung, lässt sich nicht leugnen.

Provokante Blicke steigern sich ins Unendliche, keiner will schließlich der Erste sein, der einknickt. Wie hypnotisiert lasse ich mich in seinen Bann ziehen. Seine Augen funkeln so kalt wie Eiskristalle, es fröstelt mich trotz der Hitze. Als hätte man beim Roulette alles auf Zahl gesetzt, weil man fühlt, dass es richtig ist. Herzrasen, kurz bevor die Kugel zum Stillstand kommt, obwohl man genau weiß, wo.

Rien ne va plus.

Einen Atemzug lang steht die Zeit still.

Synapsenfeurwerk unterbricht die friedliche Stille, ich ertrinke in Verlangen, kann seinem Blick nicht länger standhalten.

Wie beiläufig streift er meinen Arm, lächelnd öffnet er die Flasche Wasser und schenkt uns ein.

„Ist es dir nicht zu heiß hier draußen?“

Seine Stimme treibt mir die Gänsehaut über den Rücken; unfähig auch nur eine Silbe zu antworten, lege ich meine Hand auf seinen Oberschenkel und meinen Kopf auf seine Schulter. Langsam, aber sicher entkrampft jeder einzelne Muskel, ich kann sein Herz schlagen hören.

Wann hab ich mich zum letzten Mal jemand so nahe gefühlt?

Starren eine Weile wortlos in den Himmel, es kribbelt wie verrückt, gleichgültig wie sehr ich mich auf die Schwalben über uns konzentriere. Egal wie hoch ich die Mauern gezogen habe, diesmal fährt die Welle direkt dorthin wo´s wehtun könnte.

Ganz ohne Tricks und Spielereien.

Mir stockt der Atem, er sieht mich an, als wüsste er Bescheid.

Vorsichtig zieht er mich an sich, küsst mich.

Falle ins Bodenlose, mühelos durchbricht der Fremde alle Schranken, schaltet sämtliche Warnsysteme auf Stand by.

Wundere mich noch, wieso mein Brustkorb nicht explodiert, während er mir das Kleid auszieht.

Küssen uns wie verlegene Teenager, kurz vorm ersten Mal.

Will ihn ficken.

Nein. Will ihn spüren.

Liegen engumschlungen auf der Hängematte, sein Atem an meinem Hals.

Kann irgendjemand bitte die Zeit anhalten?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf Nimmerwiedersehen Mister VAWK

Schlicht und ergreifend.

Nichts.

So sehr ich mich auch konzentriere- da ist nichts mehr;  als hätte sich die Leere zwischen uns kannibalisiert.

Schmerzverhütung zwecklos – nichts mehr übrig was noch wehtun könnte.

Hat sich das Nicht-Vorhanden -Sein von Liebe jemals befreiender angefühlt?

Endlich losgelassen – rapide an Höhe gewonnen.

Schieße im Kunstflug über sämtliche Dächer dieser gottverdammten Stadt hinaus, drehe lächelnd Pirouetten, während ich zum Abschied leise „Fick dich“ singe…

 

 

 

Jahrestag der Zufallsbumsbekanntschaften am Tag der Erektion

++Heftig hämmernde Beats aus den turmhohen Boxen hinter mir. Wummernd bis in die Magengrube hinein, lassen den Herzschlag bis zum geht-nicht-mehr in die Höhe schnalzen.

Die bunten Pillen kitzeln bereits unter der Kopfhaut, es fröstelt mich, obwohl ich vor Hitze glühe und immer weiter tanze. Geblendet vom Stroboskop erscheint alles noch ein wenig schneller, unzählige zuckende Gestalten rund um mich herum. Kollektive Tanzwut greift um sich.

An den Turntables ein kleiner, dicker Typ mit Glatze, lässig mit Tschik im Mundwinkel. Völlig entspannt ist er der einzige in dem verrauchten Club, der sich nicht zu der auf Anschlag gedrehten Musik bewegt. Immer wieder wird sein riesiger Kopf von einem roten Scheinwerfer touchiert, als ob Satan plötzlich mit dampfendem Schädel vor einen erscheint, während er den DJ macht.

Neben mir ist ein Rudel Nachwuchsgangster am abshaken, ich schätze sie auf U-20. Das zu dick aufgetragene „AXE“ schafft es nicht den Welpengeruch zu überdecken, der an ihnen haftet.

Yummie.

Mein Kopfkino beginnt Amok zu laufen, bisschen Frischfleisch wär genau das Richtige.

Doch noch bevor ich zu sabbern beginne, rempelt mich jemand von hinten an und raunt mir über die Schulter: „Baby, was willst den von den Kindern?“

„Wieso? Schau ich aus wie Michael Jackson?“

Mike drückt mir einen Drink in die Hand und zeigt Richtung Ausgang: „Nein, du hast ja noch eine Nase, aber die Gesichtsfarbe würde passen.“

Wir schieben uns durch die feiernde Menge nach draußen, eisig und sternenklar ist die Rauhnacht.

Der kleine Innenhof ist schwach beleuchtet, einige Betrunkene stehen vor dem Tor, rauchen und lachen, während eine kleine Blondine sich unweit entfernt die Seele aus dem Leib kotzt. Richtig romantisch. Hinter einem riesigen Christbaum steht eine Bierbank, auf die wir uns setzen. Mike kramt in seiner Jean, zieht eine kleine Tüte heraus und grinst mich an:

„Hast du mal Feuer Kleines?“

„Nur Nutten lassen sich Feuer geben. Und klein bin ich auch nicht.“

Genüsslich inhaliere ich den süßen Qualm, als plötzlich ein Security Typ hinter dem Christbaum hervorschießt und uns streng mustert.

„Raucht ihr hier etwa Haschisch?“, empört zeigt er auf den Spliff den ich zwischen meinen Fingern halte.

„Nein, wir doch nicht“, entgegne ich brüskiert.

„Aber sicher doch. Ich kann es doch riechen.“

„Wir rauchen kein Hasch. Das ist Marihuana“, klinkt sich auch noch Mike in die Diskussion ein.

Während ich in einem Lachkrampf versinke, schaut sich der Uniformierte verstohlen um: „Kann ich auch mal kurz ziehen?“

Am nächsten Morgen werde ich durch das Klingeln der Türe recht unsanft geweckt, desorientiert suche ich nach meinem Telefon um die Uhrzeit zu checken. Doch statt des Handys liegt ein nackter Mensch neben mir im Bett, blinzelt mich an und liebkost meinen entblößten Hintern.

Wer zum Teufel ist das und wie kommt der in meine Animationskiste?

Seine Berührungen sind nichts desto trotz sehr angenehm, vorsichtig streichelt er über den Rücken, küsst meinen Nacken und schlingt seine Arme um mich. Lasse mich in seine Richtung ziehen, kuschle mich an ihn. Bemerke etwas hartes, das von hinten gegen meine Oberschenkel drückt und fasse danach, als es zum zweiten Mal an der Türe klingelt. Fluchend lasse ich von ihm ab und stolpere beim Aufstehen beinahe über eine schwarze Uniform, die auf dem Boden liegt. Scheinbar ist der Fremde mit der Erektion der Security Kerl. Noch bevor ich meine eigenen Klamotten in dem Chaos des Schlafzimmers finden kann, läutet es zum dritten Mal. Zornig greife ich nach einem Handtuch, wickle es um mich und torkle durch den Vorraum um die verdammte Tür zu öffnen. Als ich aufmache und endlich sehe, wer den Radau verursacht, glaub ich endgültig dass mein Schwein pfeift.

„Alles Gute zum Jahrestag, Schatzi“, begrüßt mich Tim, der ein wenig blass aussieht.

Irritiert bitte ich ihn kurz zu warten, damit ich mir was anziehen kann und schlage ihm die Türe vor der Nase wieder zu.

Kaum habe ich mich umgedreht, kommt mir ein ebenso blass aussehender Mike in Unterhosen aus meinem Wohnzimmer entgegen.

„Guten Morgen, Babe. Gut geschlafen?“

Ich schüttle wortlos den Kopf und frage mich was gestern Nacht eigentlich so los war, als der zweite Kerl auf einmal nackt und offensichtlich immer noch sehr erregt aus dem Schlafzimmer kommt.

„Sag mal, hast du meine Boxershorts gesehen?“, verplant greift er nach seiner Uniform.

„Hey, du bist ja der Security vom Club?“

Mike ist sichtlich erfreut über den Nackten mit Latte, während ich kurz davor bin schreiend aus dem Fenster zu springen und einfach davonzulaufen.

„Scheiße mein Freund steht vor der Türe.“

Die beiden brechen in schallendes Gelächter aus, schön wenn ich wenigstens unterhaltsam bin.

„Ich dachte du hättest keinen Freund?“

Dafür dass er nicht mal weiß, wo seine Unterhose ist, kann er sich erstaunlich gut an Details erinnern.

„Ich hab viele Freunde.“

Hektisch fummle ich eine Short und ein weißes Tanktop aus dem Kleiderschrank, ziehe mich an und bitte die Jungs im Wohnzimmer zu warten, bis ich die Sache mit Tim geklärt habe.

„Hi Tim, komm rein. Willst du Kaffee haben? Ich könnt wirklich einen gebrauchen.“

Er nickt verlegen, kommt zu mir, umarmt mich und wandert mit den Händen unter mein Top, als unerwartetes Gejauchze aus dem Nebenraum ihn innehalten lässt.

„Hast du etwa Besuch?“

„Ja, Kollegen aus der Steiermark sind übers Wochenende hier. Ich habe auch nicht viel Zeit deswegen.“

Nehme ihn an der Hand,  ziehe ihn in die Küche um zu vermeiden, dass er bemerkt welche Art von Besuch auf dem Sofa herumlümmelt.  Beim Einschalten der Kaffee Maschine, schmiegt er sich an mich, packt mich an den Hüften und presst mir was gegen den Hintern.

Heilige Maria Mutter Gottes, ist heute Tag der Erektion?

„Tim, da sind Leute nebenan“, mit gespielter Empörung versuche ich ihn los zu werden.

„Dann solltest du versuchen, leise dabei zu sein“, tiefenentspannt zieht er mir die Short nach unten und presst mich über die Anrichte. Ich halte einen kurzen Augenblick dagegen, stemme mich mit einer Hand gegen die weißen Wandfliesen um mit der anderen in der Lade nach einem Kondom zu fischen.

„Welche normale Frau, hat Gummis in der Küche?“

„Gewinnbringender wär´s sicher, wenn ich einen Automaten im Klo aufhängen würde“, antworte ich, bevor er sich das Teil übergestreift hat und mit enem Ruck in mich eindringt.

Widerstehe dem Impuls laut aufzuschreien nur sehr schwer, als er immer schneller wird. Mit einem Mal zieht er sich beinahe ganz aus mir zurück, hält mir den Mund zu, um sich eine Sekunde später ganz in mir zu versenken. Stöhne wie von Sinnen in seine Hand, die meine Laute verstummen lässt, die Knie sind weich wie Watte und das Zittern meiner Beine zeigt, dass es nicht mehr lange dauert bevor ich das Gleichgewicht verliere.  Tims Hände krallen sich fest um mich, ein letztes Mal stößt er zu, verliert die Beherrschung und schreit laut auf, als es ihm kommt.

Leider um eine Minute zu früh für mich, doch das neuerliche Gekicher aus dem Wohnzimmer dämpft mein Verlangen, es zu Ende zu bringen. Während er sich  benommen auf die Eckbank fallen lässt, ziehe ich String und Hose wieder nach oben.  Eine Tasse Kaffee später verspreche ich Tim, mich bei ihm zu melden, wimmle ihn ab und folge der Rauchschwade Richtung Couch.

Anscheinend hat Mister Security seine Boxershort gefunden, ich setze mich zu den zwei Halbnackten auf die Couch und klaue mir den brennenden Joint aus Mikes ‘Hand.

„Also du bist wirklich die Schlimmste. Hast dich jetzt in der Küche vernaschen lassen?“

„Was bitteschön ist denn daran so schlimm? Und wie heißt du eigentlich?“

„Ich bin Georg, sehr erfreut dich kennenzulernen“, kichernd wie ein kleines Schulmädchen reicht er mir die Hand.

„Maja, freut mich auch sehr.“

„Mach dir nix draus Georg, das ist bei ihr ganz normal. Es wundert mich, dass sie nicht noch einen Mann im Kleiderschrank versteckt hat“, schmunzelnd krallt er sich das glühende Gerät von mir zurück.

„Was soll denn das bitte heißen? So schlimm wie du tust, bin ich auch nicht.“

„Nein, Kleines. Du bist viel Schlimmer. Schau dich mal an. Du siehst aus wie ein frisch durchgevögeltes Eichhörnchen.“

Georg fällt vor Lachen beinahe von der Couch: „Er hat Recht Maja.“

„Ach ja? Habt ihr beiden heute schon mal in den Spiegel geschaut?“

„Zumindest hat keiner von uns mit einem hässlichen Rothaarigen aufm Klo rumgemacht“, kontert Mike gelassen.

„Welcher Rothaarige?“

Ich versuche mich zu konzentrieren, doch die immer noch nicht ganz abgeflachte Erregungskurve und die Nachwirkungen einiger fragwürdiger Substanzen, machen es unmöglich mich an die Geschichte zu erinnern.

„Ach was Baby? Hast es schon verdrängt?“

„Wenn ich mich nicht daran erinnern kann, ist es auch niemals passiert. Und damit basta.“

Georg legt seinen Arm um meine Schultern und veralbert mich: „Oh doch, es ist passiert. Ich hab den Kerl danach aus dem Club geworfen.“

Wovon redet der Mensch da eigentlich?

„Naja eigentlich haben wir beide herumgeschmust, als du angefangen hast dem Rothaarigen neben dir zwischen die Beine zu greifen“, versucht Mike meine Erinnerung aufzufrischen.

Und tatsächlich, plötzlich klingelt´s im ramponierten Schädel, langsam beginnt das Standbild im Oberstübchen Farbe anzunehmen. Rote Farbe.

„Ach du Scheiße, jetzt fällt mir alles wieder ein“, resigniert lasse ich meinen Kopf auf die Tischplatte fallen.

„Irgendwer hat gefragt ob der Typ wohl überall rote Haare hat“, raune ich Richtung  Fertigteilparkettboden.

„Ja genau Kleines. Und dreimal darfst du raten, wer gefragt hat.“

Insgeheim kenne ich die Antwort bereits, doch nur um vollkommen sicher zu gehen, hake ich noch einmal nach: „Wer hat gefragt?“

Mike beugt sich nach vorne, berührt mit seinen Lippen beinahe mein Ohr als er flüstert: „Na du Maja, wer denn sonst?“

Ich bemerke, wie mir die Hitze in den Kopf steigt, der schätzungsweise die gleiche Farbe wie die Haare des Kerls von letzter Nacht annimmt. Mehr und mehr Einzelheiten bahnen sich ihren Weg aus dem drogeninduziertem Teilzeit Nirwana zurück in meinen Verstand.

„Mike, bitte sag, dass das alles nicht wahr ist.“

„Oh doch Baby, das ist es. Aber es kommt noch besser… Frag mal die Security.“

„Letzte Nocht, woar a schware Partie für di“, Georg scheint richtig gute Laune zu haben.

Für die Art von Gespräch bin ich eindeutig zu nüchtern, weswegen ich den Kopf wieder hebe um auf dem versifften Glastisch nach etwas Unterhaltung zu suchen, doch alles was ich entdecken kann sind einige Viagra Pillen. Nein danke-ich bräuchte wohl eher ein Gegenmittel.

„Freut mich, wenn’s so schön für dich ist“, genervt fauche ich in seine Richtung.

„Sei doch nicht gleich eingeschnappt. Als ich den Typ aus dem Club geworfen habe, ist er handgreiflich geworden, deswegen haben wir die Polizei gerufen und seine Personalien verlangt.“

„Schön Georg. Ich will jetzt aber nicht deine Lebensgeschichte hören.“

„Schon gut, ich komm ja schon auf den Punkt. Also- was schätzt du, wie alt die Kröte gewesen ist?“

Mein Kopf sinkt wieder zu Tisch.

„Will ich das wissen?“

Lautes Grölen hinter mir, ich denke ich will es nicht wissen.

„Ach Kleines, halb so schlimm. Er war doch eh schon sechzehn.“

Ohne einen Ton zu sagen, stehe auf und schenke mir einen Schluck Wodka ein.

„Sonst noch jemand Durst?“

Georg und Mike sind immer noch mit totlachen beschäftigt, es dauert zwei weitere Shots, bis sich zumindest einer der beiden soweit beruhigt um wieder normal reden zu können.

„Sieh´s doch mal positiv Maja, heute in einem Jahr stehen dann vier Zufallsbumsbekanntschaften vor deiner Hütte um dir einen schönen Jahrestag zu wünschen.“

Der Schnaps wirkt, denn jetzt wiehern wir alle drei.

„Wisst ihr was das traurige an der ganzen Sache ist, Jungs?“

Lasse mich mitsamt der Flasche Grey Goose zwischen die beiden fallen, klemme sie mir zwischen die Beine, während meine Hände auf die Oberschenkel von Georg und Mike wandern.

„Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob er wirklich überall dieselbe Haarfarbe hatte.“

Lasse beide Hände tiefer gleiten, solange bis ich in jeder was Hartes fühlen kann. Eigentlich eh praktisch, dass beide so wenig anhaben.

Mike erwischt mich am Hinterkopf, da ist nichts als purer Provokation in seinem musternden Blick, tief in meine Augen tauchend explodieren seine Pupillen.Die ansonsten stechend grünen Lichter verfinstern sich im Bruchteil einer Sekunde. Tiefschwarze Aura fesselt mich so sehr, dass ich Georgs Hände erst bemerke, als er mir das Top über den Kopf zieht. Mike lässt von mir ab, mustert mich wie ein Löwe die Antilope kurz vor dem endgültigem Knock out. Georg klatscht mir mit der flachen Hand auf den Arsch, mit einem Mal reißt es uns aus der Schockstarre zurück.

„Baby, alles halb so schlimm. Ich glaub wir bringen dich jetzt mal auf andere Gedanken.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Chiara – oder: Bipolare Chaoten auf der Reise zu sich selbst

Nerv tötendes Piepsen reißt ihn unsanft  aus dem Tiefschlaf, der ihn erst zwei Stunden zuvor endlich übermannt hatte. Jeder einzelne  Knochen ist  schwer wie Blei, genauso wie sein Kopf. Nur noch ein paar Minuten liegen bleiben.

Zur Seite drehend streckt er seine Hand aus, streicht suchend über das zerwühlte Laken, ehe ihn die traurige Gewissheit erneut einholt:

Sie ist nicht mehr da.

Mit einem Schlag fühlt es sich so an, als ob ihm jemand ein Loch in die  Brust gerissen hätte, am liebsten würde er sich die Decke über den Kopf ziehen und nie wieder aufstehen.

Nie zuvor hatte er derart  intensiv für einen Menschen empfunden, mit der Intensität eines Tornados war Chiara in sein Leben gerauscht, raubte ihn den Verstand, brachte seine Aura zum Leuchten,  das Herz zum Tanzen.

Dreihundertfünfundsechzig Nächte zuvor  rannte sie ihn beim Warten auf den Zug  über den Haufen, seine geöffnete Aktentasche und sämtliche darin befindlichen Papiere flogen im weiten Bogen umher.

„Sagen Sie mal, müssen Sie denn hier mitten im Weg herumlungern? Sie sehen doch dass ich auf mein Telefon schaue, wie soll ich mich da noch auf was anderes konzentrieren?  Das hätte ganz böse ausgehen können.“

Verschmitzt lächelnd  packte Chiara ihr Handy weg,  half ihm beim Einsammeln der  Unterlagen,  ehe sie ihn zur Wiedergutmachung auf ein Bier einlud.

Sie war eine Erscheinung, wie er sie nie zuvor gesehen hatte, mit ihrer wallenden roten Mähne, dem stechendem Blick und  den bunten Bildern auf ihrer Haut war sie so anders als die Frauen die er bis dahin  gekannt hatte. Er hatte nicht den Hauch einer Chance  ihr zu wiederstehen, ließ sich in ihren geheimnisvollen Bann ziehen, verlor sich völlig in diesem Weib. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er die Bedeutung von Vollkommenheit erahnen.

Alles was ihm nach ihrem Verschwinden blieb, war unendliche Leere, Zerrissenheit, sowie quälende Ungewissheit. Und die braune Ledertasche, die zum Symbol ihres ersten Aufeinandertreffens wurde. Chiara mochte das abgegriffene Teil, deshalb schenkte er es ihr zum Geburtstag. Sie freute sich riesig, von nun an würde Sie die Erinnerung an ihr erstes Date  täglich ins Büro begleiten.

War er so geblendet, dass er die Warnzeichen ignoriert hat? War der berufliche Druck zu stark, hat er es deshalb nicht kommen sehen?

Manchmal wünschte er sich, dass er sie nie getroffen hätte, um sich einen Moment später für den Gedanken zu schämen. Sie waren doch einmal so glücklich miteinander, jede Begegnung glich einem Höhenrausch mit ungeahnter Intensität. Wie zwei verliebte Teenager gab es nichts außer grenzenloser  Zuneigung zueinander, alles andere war  belanglos.

Als die Tage wieder kürzer und die Nächte kälter wurden, blieb Chiara öfter und länger verschwunden, ohne ihm zu sagen wo sie hinging. Mit jeder Rückkehr, wirkte sie ein wenig distanzierter und entfremdeter, ihr Blick war eiskalt geworden.

Die Schatten unter ihren Augen wurden dunkler, sie verlor zunehmend an Gewicht,  die Wutausbrüche in denen sie völlig die Kontrolle verlor, häuften sich.

Kleinigkeiten reichten aus um sie in Rage zu versetzen, Porzellan krachte laut knallend gegen Wände, hinterließ  ein Trümmerfeld  und  noch ehe die Scherben aufgeräumt waren, liebten Sie sich zur Versöhnung, dennoch  war sie dabei kilometerweit von ihm entfernt.

Allzu gern fiel er auf  Chiaras Erklärungen  hinein, sie hätte Ärger in der Firma und eine einsetzende Herbstdepression die an ihrem Verhalten Schuld sei.  Gegen jede Warnung  von Freunden  stand die felsenfeste Überzeugung sie mit seiner  Liebe zu retten.

Trotz ihres chronischen Geldmangels und permanenten Nasenblutens glaubte er ihren Ausflüchten, sogar als sie eines Abends bewusstlos in der Küche umfiel. Es sei einfach eine harte Woche für sie gewesen, vor lauter Stress habe sie keine Zeit zum Essen gehabt.  Hoch und heilig musste sie ihm versprechen, einen Gang runter zu schalten und mehr auf sich aufzupassen.

Am nächsten Morgen  verabschiedete sie sich mit einem Kuss  und lief den kurzen Weg hinunter zum Bahnhof.

Er wollte ihr was Gutes tun,  sie mit einem spontanen Abendessen überraschen und  vom Büro abholen. Doch niemand dort, wusste wo sie ist, sie sei schon seit Tagen nicht mehr in der Arbeit gewesen, hätte sich  weder krank gemeldet  noch war sie telefonisch  zu erreichen.

Nackte Angst machte sich in ihm breit, obwohl sie in letzter Zeit einige Male abgetaucht war, diesmal wusste er, dass etwas anders ist als sonst

.Die Polizei meinte, sie würde erst nach vierundzwanzig Stunden nach Vermissten suchen, solange konnte er doch nicht warten.

Rot leuchtender Vollmond erhellte den Weg, den er verzweifelt nach ihr absuchte, sie wird doch wohl keinen Blödsinn gemacht haben? Da ihr uralter VW Käfer noch in der Garage stand, konnte sie nur mit den Öffentlichen unterwegs sein, weshalb er in der Bahnstation nach ihr Ausschau hielt. Doch die war ebenso menschenleer, wie das naheliegende Strandbad um diese Jahreszeit.

Neben den Gleisen schlängelte sich ein enger Schotterweg durch die Wiesen, ein Funken aufkeimender Hoffnung schien ihn dorthin zu ziehen um seine geliebte Chiara zu finden.

Rastlos hetzte er den Pfad entlang, als er wie aus dem Nichts auf einer stillgelegten Schiene einen Schatten entdeckte. Seine Beine zitterten als er nach der braunen Ledertasche griff mit der sie in der Früh aufgebrochen war, als wäre er in einem Alptraum gefangen, aus dem es kein Entkommen gibt.

Weit und breit keine Spur von ihr.

Es sollte Tage dauern bis die Polizei ihn befragte, ob er von ihrem Drogenproblem gewusst hätte. Die Spurensicherung hätte überall im Auto und auch in der Tasche Kokain gefunden, aber niemand konnte ihm sagen wo Chiara geblieben war.

Zum dritten Mal an diesem Morgen klingelt der Wecker, doch er weiß nicht wozu es sich noch lohnen sollte weiterzumachen.