#Multitasking #overfuckedandunderworked

Im Halbstundentakt checke ich mein Instagram, Facebook, Blog Account und die Blockchain. Muss alles im Auge behalten, google nach rentablen Anlageformen, Herstellung von Crystal Meth für Anfänger, Last Minute Urlauben und Affiliate Marketing für Dummies. Vergleiche die unterschiedlichen Zinssätze aller Banken im näheren Umfeld. Bestelle mir Schuhe bei Zalando, bin zwar pleite aber die schicken eh erst nach sechs Wochen die dritte Mahnung.
Summ. Summ. Summ.
„Sag mal hast du einen neuen Lover, oder wieso tscheppert dein Telefon ununterbrochen?“
Vor lauter digital hab ich doch beinahe auf Mr. L vergessen, der sich neben mir auf der Couch räkelt.
Abgekämpft ringt er mit der einsetzende Müdigkeit die ihm deutlich anzusehen ist, kuschelt sich in die Wolldecke, zeigt mit dem Finger auf seine Mitte. Langsam aber sicher wächst da was nach oben, mit schleichender Konsequenz verwandelt sein reinkarniertes Genital die Decke in ein Zirkuszelt.
Ich sage nur noch fünf Minuten, er lässt das Biest aus dem Versteck, wedelt mir damit entgegen.
„Pack ihn weg, ich muss noch was tun. Wir können nicht dauerfickend vor der Glotze hängen, das zahlt keine Miete und repariert keine kaputten Kühlschränke“, vertröste ich ihn.
No more Zirkuszelt, schmollend bedeckt er seinen nackten Körper inklusive schwindender Errektion wieder.
Er soll nicht beleidigt sein, streichle seinen Arm, während ich mit der anderen Hand das Passwort meines Mailaccounts in die Tasten des Notebooks klopfe und mich insgeheim ärgere nicht noch eine dritte zu haben um gleichzeitig auch noch die Katze zu streicheln.
„Ist schon okay, ich hab doch eh nichts gesagt“, rollende Augen verraten die gespielte Gleichgültigkeit seiner Worte.
Ich verkneife mir die Feststellung bezüglich des Tons und der Musik, genauso wie den Impuls den Computer beim Fenster raus zu werfen, mich nackig zu machen um Mister Eingeschnappt zu besteigen, ihn solange durchzuvögeln bis ihn hören und sehen vergeht.
Als ob er nicht eh schon schwerhörig und kursichtig wäre. Wozu noch nachhelfen?
Ob ich auf Drogen wäre, fragt mich mein Therapeut am nächsten Morgen.
„Nein, heute bin ich völlig nüchtern“, wahrheitsgemäß und mit stolz geschwelgter Brust beteure ich meine Abstinenz. Mit Händen und Füßen, hektisch und völlig überdreht stoße ich gegen den schmalen Glastisch der wie eine Barriere zwischen mir und dem Seelenklemptner steht. Seine Kaffeetasse schießt über die Kante hinaus, zerspringt beim Aufprall in tausend Scherben, während sich der Inhalt langsam über das grau marmorierte Laminat ausbreitet.
Hoffentlich hat der einen Wettex in seiner Praxis, springe aus der Couch hinaus, will das angerichtete Chaos beseitigen, stolpere dabei über meine eigenen Beine, lande unsanft auf dem koffeingetränkten Scherbenmeer unter mir, als ob ich das Topping des Malheurs wäre.
Seelenruhig richtet sich der bullig aussehende Mensch aus seinem Schreibtischsessel auf, verkneift sich das Lachen, reicht mir seine Hand um mir auf die Beine zu helfen.
„Vielleicht sollten wir dich wirklich mal auf ADHS testen lassen?“
Er zieht ein Taschentuch aus einer der Schubladen hinter ihm, wirft es mir zu.
„Kann man damit auch in E-Card Urlaub gehen?“, erkundige ich mich, wische mir das Gesicht ab, verreibe die Kaffeflecken auf meinem weißen Shirt, solange bis ich aussehe wie eine Milchkuh. Weiß mit hellbraunen Flecken. Naja, zumindest hab ich mir keine Scherben eingefangen.
„Wieso willst du in Krankenstand gehen? Bist eh arbeitslos?“
Werfe das verdreckte Tempo durchs geöffnete Fenster nach draußen.
„Stell dir mal vor, ich hätte auch noch einen Job. Als ob ich nicht so schon Stress hoch zehn hätte.“
Er zeigt mit dem Finger auf den Papierkorb unter dem Schreibtisch, nonverbale Zurechtweisung ist mir eh am liebsten.
„Was stresst dich denn so?“
„Abgesehen von deinen Fragen?“
Nickend setzt er sich wieder, blickt verstohlen auf seine Armbanduhr. Zehn Minuten muss er sich das noch antun…
„Meine Oma will ständig mit mir reden, die Katze ständig gefüttert, gestreichelt, entwurmt, bewässert, geimpft, beachtet und vergöttert werden, Mister L will Liebe Sex und Zärtlichkeit und die Illusion dass er der einzige ist, meine Bank will ständig Geld von mir, dieser Buschkawettel im Stiegenhaus will Sonne, Dünger und Wasser, mein Auto will Benzin, Öl und ne neue Zylinderkopfdichtung, Rico will dass ich die zweite Geige spiele und ihm hinterherlauf und mein AMS Berater erwartet tatsächlich dass ich mir eine Arbeit suche. Nicht umsonst hat jeder ein Burnout.“
Irgendwas in seinem Blick und der immer lauter werdenden Kurzatmigkeit lässt auf pure Verzweiflung schließen als ich meinen Impuls-Vortrag beende, und mich entspannt in die weichen Kissen fallen lasse.

Willkommen Zuhause. Hoffentlich verpisst du dich bald wieder.

Ich schwelge immer noch in Erinnerung an all die Eindrücke die Brasilien und vor allem Rico in mein Gedächtnis gebrannt haben. Doch schneller als erwartet holt mich der Alltag und vor allem Österreich und vor allemst da AMS wieder ein. Da Rico zurück bei seiner Familie und mein Erspartes zurück im Wirtschaftskreislauf gelandet ist, muss ich mir Gedanken machen wer mein Leben finanziert. Das Geld vom Arschlochamt langt grade mal fürs Katzenfutter – auch wenn wir von BIO weit entfernt sind. Geschweige denn vom Botox, dem Audi und die Miete meiner Residenz.
Was denken sich die Verantwortlichen denn? Dass ich als faltige Fußgängerin zu Vorstellungsgesprächen hatschen soll? Wieso bin ich nicht in Brasilien geblieben?
So sachlich als möglich formuliere ich einen Beschwerdebrief an „Irgendeinen Trottel im Parlament“, nachdem mir sämtliche AMS- Betreuer mit einer Einweisung in die Klapse drohen.
Aber da war ich doch vorm Urlaub eh schon. Typisch österreichisches Sozialsystem. Schickts die Depperten solang von Anstalt zu Anstalt bis sie irgendwann wo geben und tatsächlich noch hackeln.
Viel Ärger als diese Ansammlung an Vollpfosten kann doch wirklich kein Job sein, ich klaue mir eine Stellenliste aus den Händen einer dunkelhäutigen Frau mit Turban und achtzehn Kindern im Schlepptau. Sämtliche Anwesenden applaudieren, man lässt mich sofort vorsprechen, ganz ohne Nummer ziehen und warten……….
Welche Qualifikation ich den vorzuweisen hätte, fragt die zu stark geschminkte Mittvierzigerin, nachdem sie mich bittet Platz zu nehmen. Frage sie dasselbe, keine Antwort.
Scheinbar findet sich nichts auf ihrem Bildschirm, weder mein Name, noch die Versicherungsnummer lässt ihr Gesicht strukturierter wirken.
„Die EDV spinnt heut ein bisscchen. Welche Qualifikationen haben sie denn vorzuweisen?“
Fragt sie nochmal, starrt immer noch den Rechner an.
„Hmmm. Ich kann die Luft zum Stinken bringen.“
Zwei Sekunden später lugt sie hinter dem Bildschirm hervor, schüttelt den Kopf, massiert ihre Schläfen mit kleinen kreisförmigen Bewegungen ihrer Fingerspitzen.
Macht ihr die Technik zu schaffen, oder versucht sie selbst gerade einen fahren zu lassen?
Noch bevor ich sie fragen kann speit der Drucker Papiere aus. Wortlos und ohne Augenkontakt schickt sie mich mit dem Wisch wieder vor die Türe.
Ich wette sie schicken mich zur Eischulung für AMS Betreuer, oder so… Hatte ganz vergessen wie lustig die Schnitzeljagd doch sein kann.
Rico, du fehlst mir.

Intermezzo

Der anfänglichen Euphorie über einen Neubeginn folgen Zweifel. Hab ich die richtige Entscheidung getroffen? War ich Herr meiner Sinne? Oder bin ich nichts anderes als ein durchgeknalltes Produkt unserer schnelllebigen Zeit, unfähig hinter einem Entschluss zu stehen? Flexibilität oder doch schon Unberechenbarkeit?
Stoße beim Recherchieren im Netz auf einen Typ, der mich innerhalb weniger Minuten desillusioniert – vom Schreiben leben zu können sei völlige Utopie, da solle man besser Unternehmer werden. Oder Harz Vier Empfänger. Oder Penner unter einer Brücke – sie alle würden wirtschaftlich besser dastehen als jemand der durchs Schreiben seinen Lebensunterhalt bestreiten müsse.
Außerdem sei es völlig daneben, authentische Geschichten zu fabrizieren – wer wolle schon sein Innenleben vor der Öffentlichkeit ausbreiten? Das geht doch wirklich nicht.
Ich frage mich, ob er schon mal was von Bukowski gelesen hat. Trotzdem verzweifle ich weiter.
Leider finde ich auf der Homepage keinen passenden Link um mit der aufkeimenden Hoffnungslosigkeit in Bezug auf meine Berufswahl umzugehen. Vielleicht wäre ich doch besser Bodypackerin geworden? Oder Prostituierte? Oder Immobilienmaklerin?
Ich bezweifle, dass mein AMS-Berater der geeignete Ansprechpartner für die Art von Sorgen ist. Vielleicht sollte ich AMS Beraterin werden. Oder Hauptdarstellerin bei „jung, pleite und verzweifelt“. Bissl Botox, dann geht das schon.

Neujahrspenis

Und während sich Otto-Normalverbraucher langsam aber sicher ans neuerliche Scheitern seiner Neujahrsvorsätze gewöhnt, denke ich immer noch über meinen nach.
Anstatt mit dem Trinken aufzuhören, ziehe ich die Möglichkeit einer Geschlechtsumwandlung in Erwägung.
Nicht weil ich mich im falschen Körper befinde, oder unter Penisneid leide- ich mag die Dinger zwar, in-, aber nicht an mir. Nehmen wir mal an, ich wäre plötzlich Manfred- statt Maja Siffredi – ich würde wieder bei null anfangen. Neuer Pimmel – neue Identität- neue Finanzlage. „Schuldenfrei durch Geschlechtsumwandlung“ – ich kann die Schlagzeilen der Kronen Zeitung schon riechen.
Aber wie soll ich das bei meiner Angst vor Nadeln, Ärzten, Krankenhäusern und Bettpfannen realisieren? Als ambulanter Eingriff geht sowas sicher nicht.
Es scheint fast, als müsse ich mir einen anderen Plan einfallen lassen.
Ob ich einfach mit dem Gerichtsvollzieher schlafen sollte? Brrrr, vermutlich erst im sechsstelligen Schuldenbereich, nach der dritten Geschlechtsumwandlung.
Ich befülle die Scheibenwischanlage meiner Karre mit Wodka vom Diskonter, fürs Frostschutzmittel hat´s Kleingeld nicht mehr gereicht – alles für den Wodka draufgegangen. Hätte ich einen Penis, hätte ich jetzt Grey Goose Blörre und Frostschutzmittel.
Die Tante vom Arbeitsamt sieht irgendwie komisch aus, aber sie will mit mir nicht über Geschlechtstransplantationen und eine eventuelle Kostenübernahme durch ihre Behörde sprechen. Außerdem fände sie es äußerst unpassend, dass ich mit einer Dose Bier in ihr Büro käme. Schließlich sei das hier nicht die Bahnhofsmission.
Ich nicke ihr verständnisvoll zu: „ ja wissen sie, mir wäre Champagner mit Koks auch lieber, aber dafür bräuchte ich dringendst eine Arbeitslosengelderhöhung. Die müsste doch bei so vielen Jahren in ihrem Büro doch wirklich drinnen sein?
Sie lacht mich mit einer Hälfte ihres Gesichts an, die andere bewegt sich keinen Millimeter. Ich glaube sie hat einen Schlaganfall, wünsche ihr noch einen schönen Tag und gehe auf ein Bier in die Stadt.

Kurze Zwischenbilanz

Vermutlich hat sich Chester einen Bandwurm eingefangen. Oder gleich ein ganzes Wurmrudel. Schön, so ist er wenigstens nie alleine – weder der Kater, noch der Parasit.

Das weniger Schöne daran ist, dass mir dieser Streichelzoo langsam aber sicher die Haare vom Kopf frisst. Sashimi-Thunfisch wächst schließlich nicht auf Bäumen. Genauso wenig wie lila Toilettenpapier vom Markenhersteller. Auch wenn ich nicht ganz begreife, wieso das nach Lavendel riecht – wer will schon  nach Mottenkugeln duften, wenn er sich den Hintern abputzt?

 

Wie auch immer – Entweder steig ich wieder auf das zweilagige No-Name Produkt vom Diskonter um, oder der Flohzirkus bekommt in Zukunft Kitekat statt Mister Wu´s Sushi Service zum Abendessen.

Ich hab schließlich keinen Esel der Gold scheißt. Und mein Psychotherapeut verlangt plötzlich auch das Doppelte, weil er ja jetzt ein richtiger Doktor ist.

Aber wenn ich ihn frage, ob es denn normal wäre, wenn ich beim Wichsen an Sebastian Kurz und Donald Trump denke, kann er mir keine plausible Antwort liefern. Ratlosigkeit und Schamesröte kann ich auch ohne hundert Euro die Stunde haben,  vielleicht sollte ich mit meinem Opa über die belastenden Masturbationsphantasien sprechen. Auf der Fahrt nach Hause beschleichen mich dann doch Zweifel, entweder aus einem plötzlichen Anflug von Vernunft oder aufgrund des sinkenden Alkoholpegels.

Ich will den alten Mann ja nicht umbringen.

Nicht ohne zu wissen, was in seinem Testament steht. Weil Sashimi-Thunfisch wächst schließlich nicht auf Bäumen. Genauso wenig wie lila Toilettenpapier vom Markenhersteller.

Opa sagt, der Kurz soll zurück in die Krabbelstube und der Donald wird’s eh nicht lange machen, den werden´s sicher verschwinden lassen. Wir spazieren durch den Garten, ob ich denn ein paar Himbeeren haben möchte, will er wissen.

Aus Angst mir einen Fuchsbandwurm einzufangen, lehne ich dankend ab. Mein Handywecker klingelt zum dritten Mal. Sechzehn Uhr dreißig, Zeit zum Aufstehen. Sehr aussagekräftiger Parameter zur Bestimmung meines labilen Geisteszustandes. Nur Irre schlafen bis halb fünf am Nachmittag.

Opa fragt mich, ob ich denn als Callgirl arbeite, weil es ständig läutet. Ich sage, Opa bitte, ich muss mir billiges Klopapier vom Lidl kaufen, also nein, ich bin immer noch arbeitssuchend, zutiefst hoffend er möge den Mottenkugelgeruch nicht bemerken.

Tut er eh nicht, er ist zu vertieft in seine Geschichte über die Hitlerjugend. Ich denke komisch, er ist doch erst  1948 auf die Welt gekommen.

Verabschiede mich mit einem geschmeidigen „Sieg Heil“, steig ins Auto und fahr zurück nach Kärnten. Kaum alleine mit mir und meinem dreckigen Geist, muss ich wieder an Sebastian und Donald denken. Schalte die Klimaanlage auf Vollgas. Sebastian schiebt meinen Rock nach oben.

Donald leckt sich über die Oberlippe, während sich Monsieur Macron auf der Rückbank von Angie den Schwanz lutschen lässt.

Wo ist Gaddafi eigentlich hin verschwunden?

Vermutlich ist er zurück im Erdbeerland, aber ich muss unbedingt nach Hause um die Erektion auf der Wand zu verhüllen. Alles andere wäre unseriös, oder?

Steffen sagt, so eine verdammte Scheiße, steh doch zu deinen Erektionen auf den Wänden. Ich solle endlich mal meine Gedanken liberalisieren.

Ersticke beinahe an meinem Thunfisch. Ich solle was?

„Weißt du Maja, so normal wie wir ist sonst niemand.“

Verdammtes Crystal Meth, sogar meinen liebsten Polen hast du dir unter den Nagel gerissen.

Ich nicke Steffen kurz zu, steige in meinen Wagen und verschwinde.

Fünfzehn Minuten später liege ich auf einer Low-Budget Massageliege für ganz Arme und schiebe meinen Kittel Richtung Bauchnabel.

Der Ostdeutsche Kerl begutachtet mein Geschlechtsorgan sehr sorgfältig und pflichtbewusst. Hatte beinahe schon vergessen, wie sehr ich deutsche Gründlichkeit schätze, als er mir mit schwarzen Edding eine Linie auf mein Allerheiligstes zeichnet.

„Keine Sorge Maja, ich muss nur den Stichkanal vorzeichnen, damit ich das Ding anständig reinmache.“

Als ob mich das beruhigen würde. Und nein, ich bin nicht nervös, aber wie sicher ist er sich, dass er nicht aus Versehen meinen Kitzler durchsticht?

„Keine Sorge, das ist so gut wie ausgeschlossen, entspann dich einfach.“

Er hat leicht reden; immerhin zielt niemand mit einer Nadel auf sein Halleluja.

Kalter Schweiß kühlt meine Schläfe, als er zum dritten Versuch ansetzt. Ich kralle meine Finger in die schwarze Liege, beiße auf die Unterlippe bis es blutet. Mit einem kurzen Stoß sticht die Kanüle durch das dünne Stück Haut, ich jaule wie eine läufige Hündin. Für einen kurzen Moment bäumt sich mein Oberkörper auf, verkrampft, ehe er wieder zurück sinkt.

„Alles okay bei dir? Wir haben´s fast geschafft.“

So ein Idiot.  Dasselbe hat Hitler damals über Polen gesagt, aber bitte.

Breitbeiniger als eine frisch gegangbangte Jungfrau wanke ich zurück zum Parkplatz, unsicher ob ich heulen, onanieren oder koksen sollte. Entscheide mich für die einzige Variante, die Sinn macht.

Michi fragt, wo ich so lange gesteckt habe.

Ich frage, ob er Tiefkühlgemüse hat.

Jasmin legt den Kopf schief.

„Muss ich mir Sorgen um dich machen?“

Mit einem fetten Grinsen im Gesicht drücke ich mir den Sack Erbsen zwischen die Beine, schüttle den Kopf und seufze erleichtert auf, als sich die betäubende Erlösung wie ein weißer Schleier über den Glastisch zieht…

„Röhrl bitte…..“

 

 

 

 

 

 

 

 

Jesus liebt mich. Und meinen Vogel.

Vor Kälte zitternd erreiche ich schließlich die beheizte Wartehalle des Bahnhofs. Gott sei Dank bin ich die einzige Person, die um die Zeit hier herumschleicht. Otto Normalverbraucher sitzt Werktags  pflichtbewusst -gefesselt am Schreibtisch, so wie es sich für anständige Bürger gehört. Im Gegensatz zu mir:

Mit der anmutigen Eleganz eines nassen Putzfetzens klatsche ich auf einen Stuhl, lasse meinen Kopf zwischen die Oberschenkel sinken und schließe die Augen. Verdammt. Es dreht sich immer noch.

Kralle meine Finger um die Armlehnen, verkrampft halte ich mich daran fest, bete dass das Kopf- Karussell anhält. Tut es aber nicht.  Plötzlich reißt mich eine Stimme zurück in die Wirklichkeit.

„Verzeihen Sie, junge Frau. Aber man kann ihren Hintern sehen.“

Wo zum Teufel kommt denn die grauhaarige  Schnalle auf einmal her?

Zutiefst erschrocken  verliere ich die Contenance und kotze der Anstandstante vor die Füße. Immer noch würgend wische ich mit dem Handrücken über die Mundwinkel und glotze sie verstört an:

„Mein Arsch ist momentan das kleinste Problem. Hätten sie vielleicht einen Kaugummi für mich?“

Völlig unaufgeregt macht die alte Frau einen Schritt zur Seite, um nicht in die Schweinerei zu treten. Verständnisvoll lächelnd nimmt sie neben mir Platz, zieht eine Packung Fishermens Friend aus ihrer Tasche:

„Sie kommen aus Kärnten?“

Verschlucke mich an einem der Zuckerl, ringe nach  Luft. Sind sie zu stark, bist du zu dicht.

„Was hat mich verraten? Die vollgereiherten Schuhe, oder die Spermaflecken im Haar?“

Vergrabe den wummernden Schädel unter meinen Händen, wenn ich sie nicht sehe, bin ich auch unsichtbar für sie, oder?

Auf einmal spüre ich eine Hand an meinem Rücken, flüchtiges Kribbeln über der Wirbelsäule, das Geräusch erinnert an ein ruckhaft abgezogenes Pflaster.

„Eigentlich das  Haider Bild auf ihrer Kutte“, mit einem breiten Grinsen streckt sie mir das Portrait in die zitternden Hände und verabschiedet sich als der Lautsprecher den einfahrenden Zug ankündigt.

Echt jetzt?

Welcher Komiker hat mir Jörg aufs Kreuz gepickt?

Schockiert über das Ausmaß an Pietätlosigkeit wanke ich in die Toilette. Nur um sicherzugehen, dass mir niemand ein Hakenkreuz auf die Stirn-  oder einen Hitlerbart über die Oberlippe gemalt hat, checke ich mein Spiegelbild.  Keine Nazisymbole zu erkennen – allerdings sehe ich aus, als würde ich direkt aus dem zweiten Weltkrieg kommen. Frisch und vital wie eine aufgequollene Wasserleiche.

Versuche mir das zerknitterte Bild des verstorbenen Kärnten Königs nochmal anzukleben, in der Hoffnung  dadurch von meinem elendigen Anblick abzulenken.

Allerdings werde ich abrupt von meinem Vorhaben abgelenkt, als mein Telefon klingelt.

Steffi klingt unentspannt:

„Sag mal wo steckst du denn? “

Ich erzähle ihr von meiner misslichen Lage und bitte sie, mich abzuholen.

„Maja, du hast so einen Vogel! Bleib wo du bist und lass dich nicht von fremden Kerlen anquatschen. Ich bin in einer Stunde bei dir. Übrigens sind  wir fristlos gekündigt. “

Erleichtert  schmeiße ich Jörg in den Mistkübel.

„Ich freu mich. Bis später.“