Über Calamari in Aktentaschen und kiffende Zwerge

Die Autofahrt ist so zäh, wie die Calamari ,die meine Schwester heut Mittag weniger gegrillt als viel mehr vergewaltigt  hat. Vielleicht ist mir deswegen schlecht? Oder ist es mein Fahrstil der den latenten Brechreiz auslöst? Am gestrigen Alkoholkonsum kann es nicht liegen, immerhin hatte ich nur sechs Bier. Eh schon fast abstinent. Grauslich.

Da fällt mir ein, dass ich in meinem Buko noch ein Heineken haben müsste. Vielleicht hilft das ja gegen das flaue Gefühl, dass sich eine Handbreit über meinem Lieblingskörperteil langsam ausbreitet.

„Elena, kannst mir mal bitte die Tasche von der Rückbank geben?“

Der liebste aller Gartenzwerge schaut erschrocken vom Handy auf. Ihr Gesichtsausdruck ändert sich auch nicht, als sie sieht wie ich mir mein Reperaturbier aufmache:

„Maja! Echt jetzt? “

„Was ist denn? Scheiß dich nicht an, erstens  ist  eh schon nach Mittag. Und drittens tue ich nichts Verbotenes. Fast nichts. “

„Ja, du Vollprofi. Und zweitens ist es ganze zwei Minuten nach zwölf. Wenn du trinken willst, sollte vielleicht lieber ich fahren?“

„Spinnst jetzt? Ich mach das nur aus Sicherheitsgründen. Außerdem fahr ich nicht mal mit fünf Promille nicht so einen Scheiß zusammen wie du nüchtern.“

„Logisch, die fünf hast ja auch jeden Morgen nach dem Aufstehen.  Übung macht den Meister. Wieso aus Sicherheitsgründen? Weil dir dann kein Heroin beim Fahren spritzt?“, Elena wirkt plötzlich gelassener.

„Naja, falls mich die Polizei aufhält und fragt wieso ich so rote Augen habe, kann ich sagen dass ich getrunken habe.“

Jetzt schaut sie verwirrt aus.

„Und wieso solltest du ihnen freiwillig sagen, dass du während dem Fahren säufst?“

„Weil ich davor gekifft habe. Und das werd ich ihnen ja wohl nicht verraten.“

Elena starrt resigniert auf ihr IPhone.

„Musst ihnen nicht sagen. Das können die sich sicher denken, wenn mit siebzig Sachen über die Autobahn fetzt.“

Deswegen hat mir der Typ im Smart vorhin den Vogel gezeigt. Ich hab mich noch gefragt seit wann diese überdachten Zündkerzen so schnell sind.

„Sag mal Elena, mit wem schreibst du da eigentlich?“

Wäre sie nicht so vertieft, hätte sie mir sicher schon vorhin gesagt, dass ich die Kiste mit der Dynamik eines achtundachtzig jährigem,  stark sedierten und dementem  Pensionisten  über die Autobahn steuere.

„Ich hab mir Tinder geholt.“

„Und als nächstes dann Genitalherpes? Schön. Das tut deiner Ehe sicher gut.“

Hatte schon beinahe vergessen, wie sich moralische Überlegenheit anfühlt-wie ein flüchtiger Fick mit einem Unbekannten in einer Toilette – sehr kurz spannend, aber die Erregungskurve fällt noch schneller ins Bodenlose,  als sie gestiegen ist. Spätestens wenn ein Kopf gegen die Spülung knallt und sie auslöst, ist das Ding gelaufen. Und so stirbt mein Anstandsbewusstsein genauso rasant wie die Erektion eines 15jährigen Debütfickers, der sich beim zweiten Stoß ins nasse Ziel entlädt.

„Genau Frau Misses Pornoprinzessin. Wenn wir diesen Sommer alle deine  aktuellen Verehrer zum Grillen einladen, ist unser Garten voll.“

Elena klingt gereizt. Vielleicht sollte ich ihr Batterien schenken.

„Kann sein. Vielleicht sollten wir alle einladen, mit denen ich jemals geschlafen habe? Ob die Miete für die Stadthalle wohl sehr teuer ist?“

„Du bist so blöd, Maja.“

Schneller als erwartet ist das Bier leer, es schmeckt schon wieder, aber ich bezweifle dass meine Co-Pilotin auch eins eingesteckt hat.

„ Ich darf das. Immerhin bin ich nicht verheiratet.“

„Und deswegen machst jetzt einen auf Anstandspolizei? Hast du zufällig noch was zu rauchen dabei?“

Zutiefst schockiert über ihre Frage nach Rauschgift, klappe ich die Sonnenblende nach unten und ziehe einen Joint dahinter vor.

„Hast du zufällig noch Alkohol dabei?“

Wortlos fischt sie eine Flasche Prosecco aus einer Plastiktüte. Ihr Blick wandert  suchend im Wagen umher, bleibt schließlich an einem MC Donalds Becher voller Cola hängen. Sie öffnet die Scheibe und kippt die Limo beim Fenster hinaus, mit der kurzen Bemerkung dass Zucker süchtig mache und das Zeug pures Gift für den Körper sei.

Nachdem sie den halb Liter Becher bis zum Rand mit der Puffbrause aufgefüllt hat, zündet sie sich den Ofen an.

„Seit wann kiffst du denn? Muss man dazu nicht mindestens eins dreißig groß sein?“

„Seit mich Thorsten nicht mehr fickt. Alles halb so schlimm, zumindest ist die Scheiße Gluten frei“

Elena klingt sehr gelassen, ihr Körper sinkt zurück, sie zieht die Pumps aus, streckt ihre Beine beim Fenster hinaus  und dreht die Musik lauter. Mittlerweile haben ihre Augen dieselbe Farbe wie meine eigenen. Fast so rot wie Faymann in besseren Zeiten.

Nachdenklich nippe ich an meinem Drink. Das Zeug schmeckt widerlich, viel zu sauer, die Kohlensäure brennt erst im Hals und anschließend rumort es wie verrückt im Bauch.

„Deswegen die Sache mit Tinder, verstehe. Und wieso redest nicht mit Thorsten darüber, bevor dir so einen Dilettanten ins Bett holst?“

„Wieso redest du nicht mit einem Therapeuten darüber, dass du während dem Autofahren becherst, onanierst und herumvögelst als ob es kein Morgen gäbe?“

„Touche´“

Der weiße Skoda hinter mir, blendet ständig auf, meine Augen brennen  auch ohne den Lichtamoklauf  von dem Deppen.  Auch wenn es schön ist, dass mir mal nicht der Mittelfinger von anderen Verkehrsteilnehmern gezeigt wird. Ich fahre von der Autobahn ab, vielleicht ist dann Ruhe. Aber leider Fehlanzeige.

„Was will denn der Idiot von dir? Der soll doch einfach überholen wenn es ihm zu langsam geht.“

Obwohl Elena im Tinderwahn wie abgekapselt von der Realität wirkt, bemerkt sie den Lichthupenjunkie hinter uns.

„Das ist sicher einer meiner Stalker“

Fahre noch ein bisschen langsamer, konzentriert versuche ich im Rückspiegel zu erkennen, ob es jemand ist, den ich kenne. Plötzlich prustet Elena los:

„Das ist ein Bulle, du verrücktes Huhn. Schau mal genau, der hat eine Uniform an.“

Fuck. Fuck. Fuck. Scheiße. Fuck. Scheiße. SO eine gottverdammte Oberscheiße.

Lieber Gott mach dass er ein Stripper ist.

Klammere mich an den letzten Funken Hoffnung, doch als ich den Wagen rechts ranfahre und mir den Kerl der da aussteigt im Rückspiegel ansehe, revidiere ich das Stoßgebet und hoffe er möge sich nicht ausziehen.

Nicht, dass mich sein Körperbau an Ottfried Fischer erinnern würde, nein; aber sein Gesichtsausdruck ist der eines Arschlochs.  Sogar aus zwanzig Metern Entfernung durch einen Spiegel in einem verrauchten Wagen erkennbar.  Nackte Arschlöcher sind noch schlimmer als angezogene, da hab ich keinen Bock drauf.

Nervös nippe ich an dem XXL Becher Prosecco, Elena starrt auf das glühende Teil zwischen ihren Fingern, als würde es ihr jeden Moment die Lottozahlen für die nächste Ziehung verraten.

„Wenn  du ihn beim Fenster rausschmeißt, sind wir gearscht.“

In aller Ruhe, wischt sie über das Display des Telefons, ihre Beine hängen immer noch nach draußen, genauso erlahmt wie ihr Kurzzeitgedächtnis.

„Ich steck mir den nicht in den Arsch! Bist du bescheuert?“

„Da versteckt man auch keine verbrannten Joints,  sondern weißes Pulver, du Genie.“

Keine fünf Schritte trennen den Bullen von meiner Karre, Elena schmeißt die brennende Tüte in ihre Aktentasche.

Lieber Gott mach dass der Kiwara geruchsblind ist.

„Führerschein und Zulassung bitte“ ,diese unverblümt-direkte Art seiner Begrüßung macht mich beinahe heiß, wäre da nicht seine ich-bin-ein-Arschloch-und-find-es-gut Ausstrahlung, könnt ich glatt schwach werden. Wortlos reiche ich ihm den Kram, versuche krampfhaft seriös zu wirken und nehme deshalb nicht mal den Gurt ab. Safety first.

„Frau Siffredi, sie wissen wieso ich sie anhalte?“

Naja, rein theoretisch gäbe es viele Gründe. Mir scheint, als stelle er eine Fangfrage.

„Hab ich einen Telefonjoker?“

Seine linke Augenbraue zieht sich nach oben, für den Bruchteil eines Moments auch seine Mundwinkel. Und doch lässt er sich nicht aus der Fassung bringen.

„Nein. Aber wir können das Publikum befragen“, während ich nachdenke, was er damit gemeint hat, stolziert er zur Beifahrerseite und mustert Elena mit der Präzision eines Dschihadisten beim Anflug auf das World Trade Center.

„Es geht nicht um sie, Frau Siffredi, sondern um die Dame neben ihnen.“

Elenas Entspanntheit ist verflogen, ihre Füße stecken inzwischen wieder in Schuhen und auf dem Boden, ratlos schaut sie den Kerl an.

„Krieg ich jetzt einen Strafzettel weil ich zu wenig oft mit meinem Mann schlafe?  Das soll wohl ein Witz sein. Es liegt nicht an mir, sondern an ihm.“

Lieber Gott im Himmel, mach dass der Stripper in Wahrheit ein Psychotherapeut ist.

„Sie haben während der Fahrt ihre Beine durchs Fenster gestreckt. Ist ihnen eigentlich bewusst, was dabei alles passieren kann?“

Gut. Kein Seelenklemptner und nicht aus der Ruhe zu bringen.

„Ja und? Sind eh meine Haxen, was kümmert das die Polizei? Haben sie nichts anderes zu tun?“

Seine Augenbraue wandert tatsächlich noch ein wenig weiter nach oben.

„Können sie sich bitte ausweisen?“

Elena greift nach ihrer Aktentasche, ihre Finger wandern zu dem silbernen Verschluss.

Lieber Gott bitte schick Gehirnzellen. Jetzt. Sofort.

Zeitgleich trifft uns beide die Erkenntnis, dass der Inhalt der Ledertasche  vor sich hin brennt, weil sich Misses ach so niveauvoll den Rest der illegalen Spaß Tüte nicht zwischen die Arschbacken-sondern mitten in die Vorverträge für Finanzierungsanfragen gesteckt hat, die sich langsam aber sicher in Rauch auflösen.

Ärsche gehen nicht in Flammen auf. Im Gegensatz zu Kreditverträgen.

Wichtige Lektion auf dem Weg vom Kleinkriminellen zur Syndikatsspitze. Oder für einen oberintelligent wirkenden Post auf Facebook.

Elenas Hirn läuft langsam wieder; ich sehe ihr die Anspannung an,.nervös als hätte sie einen abgetrennten menschlichen Kopf in der qualmenden Tasche versteckt; und tatsächlich- Prinzessin oberstoned und underfucked checkt auf einmal den Ernst der Lage.

Ungeöffnet stellt sie das Corpus delicti zurück auf den Boden: „Tut mir leid, aber ich kann mich leider nicht ausweisen.“

Ich atme tief durch.

Mister Arschloch tötet Elena mit seinem Blick, hält ihr einen Vortrag über die Gefahren abstehender Extremitäten aus fahrenden Fahrzeugen und verdonnert sie zu einer Geldstrafe.

„Wie bitte? Sie wollen dafür auch noch Kohle haben? So langsam wie meine Freundin fährt, hätte ich maximal einen blauen Fleck abbekommen, wenn ich irgendwo angeeckt wäre. Von wegen Freund und Helfer. Stasi Methoden sind das.“

Lieber Gott bitte mach dass sie sich beruhigt.

Mit einem Schlag ist das mulmige Gefühl im Bauch  zurück, es brodelt als ob ich Mentos mit Cola light  eingeschmissen hätte.

„Fünfunddreißig Euro um genau zu sein.“

Wenn Blicke töten könnten, würde der uniformierte I-Tüpfelchen  Reiter  in Flammen aufgehen. Wütend greift sie wieder an die Schnalle des Aktenkoffers und öffnet ihn. Panik kriecht in mir hoch, erreicht mein Hirn noch vor der Rauchwolke die mir entgegenkommt.

Reiße Elena das Teil aus den Händen, Sekunden später lösche ich die darin wuchernde Glut indem ich mitten rein reihere – verfluchter Sprudelwein, es würgt mich ununterbrochen,  obwohl sich mein  gesamter Mageninhalt bereits auf Elenas Papierkram, Schminkzeug und ihr Portemonnaie  verteilt hat.

Bekomme keine Luft mehr, kämpfe mit den Tränen, als sich der letzte Tintenfisch aus mir evakuiert. Die vollgereiherte Tasche stelle ich zurück zu ihrer Besitzerin, die mich zwei Sekunden besorgt mustert, um kurz darauf mit dem Bullen weiter zu verhandeln:

„Mein Bargeld ist jetzt leider gerade gestorben. Gibt´s vielleicht eine andere Möglichkeit um das Problem aus der Welt zu schaffen?“

„Ist mit ihnen alles in Ordnung?“, für jemand der wie ein VAWK (=Vollarschwichskopf)  aussieht, klingt er durchaus menschlich.

„Alles bestens. Das ist nur die Aufregung, weil ich zwei Kilo Marihuana im Kofferraum liegen habe und mir das Bier ausgegangen ist.“
Grinsend streckt mir VAWK meine Papiere durch die Fensterscheibe.

Einsames Aufmerksamkeitsdefizit Syndrom………………… oder: Miss Verständnis auf der Suche nach Nähe

„Stinke nach Suff
Bin kaputt
Ist ‘n schönes Leben“

Kopf wummert, vermutlich ein Tumor. Hals fühlt sich geschwollen an, vermutlich vom Cola. Fotze ist wund, vermutlich wegen dem besoffenem Idiot, der ohne Gefühl, darauf rumgeritten ist. Augen sind ultralichtempfindlich, vermutlich wegen all den Drogen, die ich in mich reingestopft habe.

Herz ist völlig abgestumpft, vermutlich wegen all den Enttäuschungen, die ich zu ignorieren versuche. Nase rinnt ohne Ende, vermutlich der kolumbianische Diskoschnupfen, Narzismus fickt den Rest meines Hirns.
Brieftasche ist leer, vermutlich hatte ich jede Menge Spaß vergangene Nacht. Auto ist verschwunden, vermutlich irgendwo in der Stadt. Mein Bett wird verschwendet, vermutlich weil ich jede Nacht alleine darin schlafe. Selbstachtung ist futsch, schau so schnell kann’s gehen….

Panik wächst unaufhaltsam, eisenener GRIFF nimmt meine Kehle in Beschlag, drückt mir die Luft weg, nährt Todesangst, Sekunden bevor sie mir die Endlichkeit des eigenen Seins ins Bewusstsein ruft.

Ich bin so gottverdammt einsam….

Wild

Muss eine wilde Nacht gewesen sein.. Bin neben einer halbleergefressenen Schachtel mit Keksen und einem geschmolzenem Riegel Kinderschokolade neben dem Gesicht aufgewacht. Die frische Packung mit Batterien liegt unangetastet auf dem Nachtisch. Besuch hatte ich keinen, soweit ich mich erinnere. Es ist mir auch äußerst schleierhaft wie zum Henker ich überhaupt ins Bett gekommen bin, außerdem frag ich mich wieso meine Füße ununterbrochen zittern. Der schnurrende Kater kann´s nicht sein, es fühlt sich nicht flauschig an. Wahrscheinlich ist es meine Mutter. Kurzer Blick unter die Decke und mein Verdacht bestätigt sich.
Millimeter neben meiner rechten Fußsohle liegt das Handy und vibriert so heftig, dass ich mich beinahe verliebe.

„Guten Morgen Mum“,

ich versuche so wach und nüchtern wie möglich zu klingen auch wenn es mich alle Konzentration der Welt kostet, den Hubschrauber im Hirn und den Randalierer im Magen zu ignorieren.

„Was heißt guten Morgen? Es ist halb drei! Bist du jetzt erst aufgestanden? Was tust du in der Nacht? Nein! Ich will es überhaupt nicht wissen! Und warum hörst du dich an wie Bonnie Tyler?“

Meine Mum klingt, als ob sie kurz vor einer Herzattacke stünde.

„Danke mir geht’s gut. Und dir?“

„Das kann nicht so weitergehen, Kind! Du brauchst endlich einen Mann, einen Ernährer“, ich frag mich ob sie das wirklich ernst meint, auch wenn ich die Antwort insgeheim kenne.

„Mama, bitte. Ich hab so viel Zeug zu essen, dass ich damit ins Bett geh “, ich wische mir Schokoladenreste aus dem Gesicht und stecke mir einen der übrigen Vanillekipferl in den Mund.

„Das ist nicht lustig! Du musst dich zusammenreißen! Sonst wird dich nie einer heiraten und ich bekomme niemals Enkelkinder.“

„Mama, genau das ist ja mein Plan. Warum wegen einem Liter Milch, gleich die ganze Kuh kaufen?“
Ich bereue den Satz noch ehe ich ihn fertig ausgesprochen habe.

„Kind! Das kann ja nicht dein Ernst sein! Irgendwann bist du alt und alleine, wenn du keine Familie gründen wirst“, der vorwurfsvolle Unterton in ihrer Stimme ist nicht zu überhören.

Ich bezweifle bei meinem Lebensstil überhaupt alt zu werden, behalte den Gedanken aber für mich.
„Ja Mama, du hast ja Recht. Ist sicher schön wenn man alt ist, die Kinder auf Besuch kommen, dich um Geld anschnorren, deinen Kühlschrank leerfressen, das ganze Bier wegsaufen, den Tank von deiner Karre leerfahren und dir die Dreckwäsche vor die Waschmaschine schmeißen.“

Sie seufzt laut und ich bin mir sicher, dass sie im Stillen ein Stoßgebet zum Himmel schickt.

„Du weißt ja gar nicht wie schön es ist Kinder zu haben!“

„So viel Glück halte ich gar nicht aus. Warum streichst nicht einfach Michael das Taschengeld?“

„Wieso?“

„Naja dann hat er kein Geld für Kondome und du kommst zu deinem Enkelkind“, ich stehe auf um die Jalousie und das Fenster zu öffnen. Doch das Tageslicht gepaart mit der Frischluft haut mich beinahe um.

„Ich will nicht dass sich dein Bruder fortpflanzt. Erstens ist er erst siebzehn und zweitens ist er unmöglich. Er hat gestern zu mir gesagt, ich soll nett zu ihm sein, weil er einmal mein Altersheim aussuchen wird. Kannst du dir das vorstellen?“

„Aber das hab ich doch auch schon oft zu dir gesagt“, entgegne ich ihr gelassen, während ich unter dem Kopfkissen nach etwas essbarem suche.
„Aber nicht an der vollen Kassa beim Billa. Weißt wie mich die Leute angeschaut haben“ der aufgebrachte Tonfall erstaunt mich, meine Mutter ist wahrlich schlimmeres von ihrer Brut gewöhnt.
Als sie letzte Woche mit ihrem schwerst pubertierenden Sohn telefonierte und ihn fragte ob er denn schon im Bus wäre, war seine überaus schlagfertige Antwort: „Nein Mama, ich steige grad zu meinem Crackdealer ins Auto und hol ihn einen runter.“
Die anschließende Diskussion zum Thema das Internet sei an allem Schuld, ist mir immer noch sehr gut in Erinnerung.
Neben dem Bett steht ein volles Glas mit Orangensaft. Mein Mund ist völlig ausgetrocknet, ich leere ich es in einem Zug.
„Pfui Teufel da ist ja Wodka drinnen!“ schrei ich angewidert und muss würgen.
„Trinkst du etwa schon wieder, Kind?“
„Nein Mama, immer erst wenn´s dunkel ist“, ich stehe wieder auf, schließe das Fenster und ziehe den Vorhang zu.
Mein Nacken ist völlig steif, ich frage mich wann ich meinen Kopfwieder bewegen kann. Wenn ein verspannter Arm vom Tennis – Tennisarm heißt, wie heißt dann ein kaputter Nacken den man sich beim Oralsex zugezogen hat? Blasknackwatschen? Schwanzlutschhexenschuss? Fellatiotraumata? Die Frage kommt ganz oben auf die „muss ich mal googeln“ Agenda.
Ganz langsam kehrt auch die Erinnerung an die vergangene Nacht wieder. In flüchtigen Fragmenten schleicht sie sich in das längst für tot erklärte Gedächtnis ein um mich immer wieder eiskalt von hinten zu erwischen. Genauso wie der Kerl, letzte Nacht. Also war doch jemand zu Besuch. Ich beschließe der Sache auf den Grund zu gehen und etwas gegen den beißenden Geschmack von abgestandenem Orangensaft mit Stolichnaya in meinem Mund zu machen.
Entschlossen wanke ich Richtung Küche, öffne die Türe, stolpere über einen leeren Sixpack und knalle beinahe auf einen kläffenden Zwergdackelminilabradudel. Oder so. Ich denke der Hund ist Epileptiker, er zuckt, tanzt und kläfft wie verrückt. Ich hoffe das Mistvieh hat nichts von meinem südamerikanischen Multivitaminzeugs genommen und gleichzeitig gelange ich zu der Überzeugung dass es nie zu früh für Alkohol ist.
„Kind, bitte sag, dass du dir keinen Hund gekauft hast“, dröhnt es aus meiner Hand. Erschrocken zucke ich zusammen, ich hatte bereits auf das Gespräch in meiner Rechten vergessen, als mich die Stimme aus dem Telefon wieder daran erinnert. Jessy Pinkman wirkt gegen mich wie die Biene Maja auf Baldriantropfen
„Mama sei froh, es ist zumindest kein Tiger im Badezimmer eingeschlossen“ mit einem kurzen Blick ums Eck versichere ich mich, dass dort wirklich keiner ist.
„Wie meinst du das? Was redest du für ein wirres Zeug? Und wessen Hund ist das“ sie klingt zunehmend verzweifelter.
Auf der Kommode im Vorraum liegt ein Döner, von dem schon jemand abgebissen hat. Pfui Teufel, denke ich mir, werfe das fettige Teil in Richtung des Kläffers und treffe ihn voll am Kopf. Das wie gesprengt aussehende Fleisch fliegt ihm um die braunen Schlappohren, er schüttelt den Kopf, weiße Soßenspritzer rauschen wie Sternschnuppen durch den Flur. Die Holztüre hinter dem dicken Raubtier, das leichte Ähnlichkeit mit Cindy von Marzahn hat, sieht aus wie die benutzte Kulisse eines Gangbang-Pornodrehs.
Die überraschte Leberwurst auf vier Beinen blickt mich verstört durch die mit Salat verhangenen Augen hindurch an, zumindest ist jetzt Ruhe. Anstatt weiterhin Alarm zu schlagen, leckt der Köter jetzt den ebenso gesprenkelten Fußboden.
„Mach dir keine Sorgen Mama. Der gehört nicht mir, sondern meinem Besuch“, der große, südländisch aussehende Kerl der komatös auf der Couch liegt , erscheint mir die plausibelste Antwort auf beinahe alles zu sein. Ganz egal was passiert ist – es war immer der Neger.
„Welcher Besuch denn?“
„Mama ich muss jetzt wirklich aufhören, sollte mich fertig zum Arbeiten machen“, neugierig schleiche ich um den Unbekannten in meinem Wohnzimmer herum.
„Du hast doch gar keine Arbeit? Also, wer ist auf Besuch“, meine Mutter hat ihre Fassung schnell wieder gefunden und fordert eine Erklärung. Der unbekannte Mittzwanziger zieht sich die Decke über den Kopf, als er meine Stimme hört.
„Mama es ist ein wildfremder Ausländer, der nackt auf meiner Couch liegt und ganz sicher mit Drogen dealt“ ich gebe mein Bestes um nicht allzu sarkastisch zu klingen. Woher weiß die Frau eigentlich, dass ich arbeitslos bin?
„Du hast den gleich trockenen Humor wie dein Vater, Kind. “
„Was heißt hier Humor? Das ist mein Ernst. Und vermutlich bin ich schwanger von ihm, also kommst auch zu deinem Enkelkind. Wird halt eine sehr gesunde Farbe haben.“
Ich hoffe nicht allzu rassistisch zu klingen als ich den halb abgebrannten Joint im Aschenbecher entdecke, den ich mir Sekunden später anzünde.
Durch das auf Lautprecher geschaltene Handy höre ich sie in einem Lachkrampf versinken. Schön wenn die Wahrheit so amüsant ist.
Drei tiefe Atemzüge später sacke ich tiefenentspannt neben den warmen Körper der regungslos daliegt, ich blase etwas des süßlichen Rauchs in seine Richtung.
Der Schwall des Nebels legt sich wie ein Schleier um sein Gesicht. Plötzlich bewegt sich da was, er zieht sich die Decke bis unter die Nase und schlägt die riesigen Augen für einen kurzen Moment auf. Schwärzer als die Farbe selbst.
„Mama ich muss jetzt echt aufhören.“ Ich packe das Leopardenfell-Imitat und reiße es nach unten. Beim Anblick des Körpers der sich die ganze Zeit dahinter versteckt hat, bin ich – atemlos – ganz ohne Helene F. oder die Kinder vom Bahnhofsklo.
Der unbekannte Nackte schläft inzwischen wieder ungerührt weiter. Dann wollen wir mal sehen wie lange.
„Kind, bitte. Ich hab gerade beim Fenster rausgeschaut, wieso steht dein Auto bei mir auf dem Parkplatz? Du bist doch schon seit Wochen nicht mehr hier gewesen. Und wer ist bei dir zu Besuch?“
Sie hätte mich genauso gut nach dem Sinn des Lebens oder der Quadratwurzel aus 104 976 fragen können.
„Mama, weißt du eigentlich was deine andere Tochter geplant hat?“
Meine Finger umkreisen schwarze Nippel, wandern dann über seinen Bauchnabel nach unten um schließlich über den steinhart gewordenen Schwaz zu zeichnen. Scheinbar reagiert er trotz Tiefschlaf recht intensiv auf meine Bemühungen. Hoffentlich ist er nicht der einzige den ich manipulieren kann.
„Nein, ich habe keine Ahnung. Wovon redest du?“
Jackpot, der Köder ist geschluckt, und ich bin die Königin der Ablenkungsmanöver.
„Sie will sich die Augen operieren lassen, damit sie keine Brille mehr braucht.“
Am liebsten würd ich das schwarze Prachtexemplar, dass vor mir liegt besteigen, sein Riesending in den Mund nehmen und solange lutschen bis er heftiger explodiert als der Sprengstoffgürtel eines Dschihadisten.
„Das ist doch nicht weiter schlimm? Ich hab schon mit ihr darüber geredet, die Operation ist ein unkomplizierter Eingriff, hat sie gemeint“ die entspannte Antwort hab ich erwartet, es wird Zeit das Ass im Ärmel auszuspielen.
„Ja Mama. In Österreich vielleicht. Das kostet aber eine schöne Stange Geld, und du kennst ja unseren Sparefroh.“
„Ich versteh nicht. Wo will sie sich denn operieren lassen?“
„Mama, bitte setz dich.“
„Slowenien? Du musst ihr das ausreden! Cevapcici und Calamari ja, aber bitte wer lässt sich dort die Augen richten? “
„Nein nicht Slowenien Mama. Schlimmer…“
„Bitte sag mir endlich wo sie sich operieren lässt..“ die Anspannung ist kaum zu überhören, wie auch? Viel zu abgedreht und unberechenbar scheint dieser Haufen von Nachkommen zu sein. Langeweile ist genauso unbekannt wie das Wort Normalität.
„In Istanbul .“
Hoffentlich hab ich sie nicht umgebracht.
„Mama?“
Nichts, auch wenn ich ganz genau hinhöre und die Luft anhalte, die Leitung ist tot. Verdammt, das dürfte wirklich gesessen haben. Ich nehme an, dass sie dabei ist sämtliche Fenster im Haus zu putzen, dass helfe ihr gegen Stress hab ich mir als Kind mal sagen lassen. Wir hatten immer die saubersten Scheiben der ganzen Straße, mehr als einmal ist ein Besucher gegen die gläserne Terassentüre gelaufen weil sie so sauber war, dass man denken konnte da wäre nichts. Die Nachbarn dachten alle der Kerl aus der Glaserei wäre mein Vater, sooft wie er bei uns war um die permanenten Schäden zu begutachten und zu reparieren.
Der mit einem Satz aufs Sofa springende Hund schreckt mich aus meinem Tagtraum auf und ich frage mich ob ich zu weit gegangen bin. Beim zweiten Rückrufversuch geht sie endlich ran.
„Ich kann jetzt nicht weitertelefonieren. Ich muss die Fenster putzen“, versucht sie mich abzuwimmeln.
„Ist doch alles halb so schlimm, sei froh dass sie sich nicht in einem Dönerstand operieren lässt?“
Den Lachkrampf zu unterdrücken kostet mir mehr Anstrengung als den nackten Mann vor mir nicht anzufassen.
„Das ist nicht lustig! Weißt du wie es dort unten zugeht? Deine Tante war vorigen Monat auf Urlaub dort und hat sich das Bein gebrochen. Weißt du wer sie behandelt hat?“
„Mama, bitte keine schweren Fragen.“
„Die Putzfrau! Die hat zuvor das Klo sauber gemacht, sich den Arbeitsmantel ausgezogen, ein Stetoskop umgehängt und schwuppdiwupp war es aufeinmal die Ärztin.“
Die staubtrockene Antwort haut mich beinahe um und ich lache so laut auf, dass sowohl das dicke Vieh als auch der afroamerikanische Kerl völlig desorientiert und erschrocken in meine Richtung schauen. Unwissend wen von den dreien ich zuerst beruhigen soll, versuche ich erst das Telefonat zu beenden.
„Mama ich werde es ihr ausreden. Versprochen.“
„Bitte tu das! Sonst kommt sie blind und dafür mit einer Brustvergrößerung nach Hause.“
„Falls sie den Weg zurück noch findet“, die gespielte Ernsthaftigkeit überrascht sogar mich.
„Kind, sind denn deine Fenster alle sauber?“
„Ja Mutter. Ich muss jetzt aufhören, in Ordnung?“
„Bis bald. Meld dich falls hungrig bist. Ciao.“
Das war beinahe schon zu einfach, denke ich, ziehe mir dabei das Shirt aus, werfe es auf den dümmlich dreinschauenden Wackeldackel und setze mich auf den Typ.
„Ya Man. You´re so beautyfull Baby!“
Ich lächle ihn an und bin mir sicher dass es ein guter Tag wird.

Hashtags sind die besseren Rauten

Jeder einzelne der Wartenden ist ein scheiß Junkie. Man sieht es nicht an den Klamotten; aber an ihren Augen. Das ganze Gehabe dieser Typen verrät sie. Ich kann nicht sagen was genau es ist; doch brauche ich nicht länger als einige Minuten um zu merken, wer zu der Fraktion der Süchtigen gehört, ohne mit ihm oder ihr gesprochen zu haben. Gott, wie ich diese Loser hasse.

Hashtag Scheißjunkie

Was zum Teufel tu ich hier eigentlich? Ich gehöre doch gar nicht hier her. Ich bin keine von denen. Junkies laufen keine Marathons. Punkt. Noch bevor das Gedankenkarusell Amok läuft, wird mein Name ausgerufen, zögernd suche ich mir den Weg in die Praxis. Der Raum ist so unglaublich eng, mir kommt es vor als würden die Wände immer näher kommen.

Hashtag Paranoia.

Kralle meine Fingernägel fest in die Oberschenkel, unfassbar dass kein Blut tropft. Die einzige Flüssigkeit die ununterbrochen läuft ist die zwischen den Beinen. Ein Königreich für einen Fick.

Hashtag Nymphoman.

„Wir haben uns das letzte Mal vor drei Monaten gesehen.“

Während seiner Feststellung schwankt der Blick vom Bildschirm des Rechners zu mir, fixiert mich für einen Moment, um sich kurz darauf wieder der virtuellen Welt zuzuwenden.

Hashtag Psychiater.

Hashtag busy.

Heftiges Türklopfen lässt mich zucken, eine rothaarige Sprechstundenhilfe kommt herein und bittet den Doc um eine Unterschrift wegen eines Rezeptes. Es geht wohl um den Methadon Nachschub für einen Patienten. Verfluchte Opiatabhängige. Die haben zumindest Substitutionstherapie. Pisser. Als wären die die einzigen die wüssten was craving bedeutet. Als Kokserin musst ohne Ersatz aufhören, gibt ja keinen. Würd ich aber auch nicht in Anspruch nehmen wenns so wäre. Wenn schon kämpfen, dann ohne Wenn und Aber; ich bin stark genug um den Mist auch ohne chemische Unterstützung auf die Reihe zu kriegen.

Kaum hat er die Unterschrift auf das Rezept gekritzelt, marschiert Frau Misses Ordinationsprinzessin wieder raus und lässt uns in der trauten Zweisamkeit zurück. Wir reden über Gott und die Welt, doch dieses Mal ist alles anders als beim letzen Mal; anstatt paranoider Verschwörungstheorien hinterfrage ich alles.

Hashtag Nüchterninderdrogenberatung.

„Wir sollten über Medikation sprechen.“

Der Unterton in seiner Stimme klingt überzeugender als der eines Vorwerk-Staubsaugervertreters, für den Bruchteil einer Sekunde schenke ich ihm Glauben. Er labert mich beinahe zu Tode, was ich nicht alles an Tabletten brauchen würde, um zu funktionieren.Lithium, Antidepressiva, Antiepileptische Kacke. Klar, Ganz wichtig, das die Pharmaindustrie überlebt. Was zum Teufel mach ich eigentlich hier?

„Ich brauch keine Pillen, ich schaff das auch so.“

Wenn Blicke töten könnten, würde Herr Mister Freud längst bewegungsunfähig auf dem Fußboden liegen. Ich müsste stimmungsstabilisierendes Zeug schlucken, um meinen Dachschaden unter Kontrolle zu bekommen. So ein Mist, alles was ich brauche ist jeden Tag anständig gefickt zu werden.

„Ich will keine Psychopharmaka fressen. Gibt’s keine pflanzliche Alternative zu den Pharma-Bomben? Was ist mit Johanniskraut?“

Ungläubig schaut mich Mister Psychiater durch die trüben Lichter an.

Hashtag MisterFreud

„Das bekämpft nur ihre Depression, die Manie würde bleiben, sich womöglich sogar verstärken.“

Überlege kurz, komme zu dem Entschluss, keine Ahnung von seinen Bedenken zu haben: „Ja, aber die ist doch eh immer so lustig.“

Unsicher ob er einen Lachkrampf unterdrückt, oder mir auf die Brüste starrt, beobachte ich seine Mimik ganz genau und beschließe ihn beim nächsten Termin ein T-Shirt mit dem Aufdruck „overworked and underfucked“ zu schenken.

„Lustig schon, aber leider auch gefährlich. In einer manischen Phase neigen Patienten dazu unkontrolliert Geld auszugeben und wahllose sexuelle Begegnungen einzugehen.“

Hashtag bipolarkannganzlustigsein

Seine Miene wird augenblicklich so ernst, als ob er mir den nahenden Tod verkünden müsste; warum zum Teufel haben die alle einen Stock im Arsch?

„Ja, das meine ich ja mit lustig.“

Der Psychofuzzie beißt sich auf die Lippen, starrt mir wieder knapp zwanzig Zentimeter unter die Augen, und ich frage mich wer von uns beiden dringender Tabletten braucht.

„Sie können ruhig lachen, ich hab da kein Problem damit“, meine Aufforderung wirkt, denn plötzlich huscht ein Grinsen über sein Gesicht.

„Hören Sie, ich kann niemanden dazu zwingen, Medikamente einzunehmen. Das ist ganz alleine Ihre Entscheidung.“

Alles was ich von Zeit zu Zeit brauchen könnte wäre ein Anti-Aphrodisiakum, aber dazu reicht eigentlich auch Helene Fischer, also verkneif ich mir die Frage, stehe auf und verabschiede mich.

„Vielen Dank, aber ich glaub ich bleib so scheiße wie ich bin.“

Hashtag ohnenormal

Das Sein ist das Werden des Ganzen. Fotze.

Wenn der Tag gut ist, leb ich als ob es kein Morgen geben würde, ich schaffe es innerhalb kürzester Zeit mein Umfeld mit glänzender Laune anzustecken.

Die Sonne scheint mir aus dem Arsch und ich strahle als ob ich auf direktem Weg von Fukushima kommen würde.

Ich trinke ohne Maß und Ziel. Shot. Shot. Shot.

Ich schmeiß mit Geld um mich, als ob ich Bill Gates ‘Kreditkarte im Sack hätte.

Ich ficke, als ob es um Leben und Tod ginge.

Ich ziehe mir das für mich essentielle, weiße Pulver in den kaputten Kopf, als wäre ich die Geliebte von  Pablo Escobar.

Ich tanze als ob mich niemand dabei sehen würde.

Ich fahre Auto, als wäre ich eine unzerstörbare, weibliche Ausgabe von Sebastian Vettel, für die absolute Strafverfolgungsfreiheit gilt.

Der Endorphin Tsunami der durch mein Hirn rauscht macht mich unsterblich und  unbesiegbar. Da ist nichts das mich aufhalten könnte, alles ist packbar.

Grenzenlose Sehnsucht, unbändige Lebensfreude, pure  Abenteuerlust und die Sucht nach Liebe lassen mich fliegen. 

Unendlich hoch.

PANTHA REI. Alles fließt, und ich bin unkaputtbar.

Und dann gibt es Tage wie diesen..

Am liebsten würde ich nicht mal aus dem Bett aufstehen, weil es davor schon klar ist – es wird nicht mein Bester werden.

Als hätte sich sämtliches Elend dieser Welt in der Nacht über meinem Kopf gestaut um nur darauf zu warten, mich wie ein Vorschlaghammer zu erwischen und niederzustrecken.

Sowie ich die Augen öffne um aus dem Koma zu erwachen, trifft es mich eiskalt und lässt mich an der Sinnhaftigkeit überhaupt aufzustehen zweifeln.

Es ist so sicher wie das Amen im Gebet, dass mich dieses verfickte Gesetz von dem Typ namens Murphy den ganzen Tag in den Arsch vögeln wird. Ohne Vaseline, dafür mit Anlauf. 

Alles was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Und wann? Im ungünstigsten Moment.

Das gottverdammte Sonnenlicht brennt in den Augen und ich bin unschlüssig ob der Tinnitus oder der latente Brechreiz an meinen ernsthaften Selbstmordgedanken Schuld ist.

Allerdings fühl ich mich viel zu müde und unmotiviert um mich umzubringen, denn dazu müsste ich erst mal aufstehen. 

Fick dich Welt. Decke übern Kopf ziehen und auf die Nacht warten. In der Dunkelheit ist alles einfacher;  stressfreier, ungehemmter,  ungenormter, belangloser.  Und vor allem – unnüchterner.

Gibt es was Schlimmeres als nicht betrunken zu sein? Furchtbarer Zustand. Die ganze Farce bei vollem Bewusstsein zu erleben, all das Theater dieser Systemerhalter.

Diese Arschlöcher, die von 8 bis 17 Uhr arbeiten, am Wochenende frei haben, im Sommer in den Urlaub nach Bibione oder Medulin fahren, Strache wählen, Familie haben, brav die Kreditraten fürs Eigenheim zurückzahlen, sind garantiert schon zuhause.

Sie sehen sich die Nachrichten kurz vorm Hauptabendprogramm an, ziehen sich Mikrowellenfraß rein, schimpfen über den Krieg in Syrien und die Inflation, trinken verdünnten Himbeersaft , führen flachen Smalltalk mit der zuhause wartenden Ehefrau und simulieren drei Minuten lang ernsthafte pädagogische Fähigkeiten zu besitzen um bei den Kindern nicht in Vergessenheit u geraten. Diese Kerle sitzen mit der Unterhose vorm Fernseher und sobald Frau und Kinder eingeschlafen sind, holen sie sich zur Feier des Tages einen runter,  versehentlich auf die Couch wichsend, einzig und allein weil sie sich keine Hure leisten können.

Völlig unaufgeregt und nicht der Rede wert. Bock darauf die eigene Frau zu ficken haben sie nicht mehr. Seit über zehn Jahren zusammen, einige tausend Mal den mickrigen Schwanz in sie gesteckt, bevor die Angetraute fett geworden ist und aufgehört hat, sich die Beine zu rasieren.

Sie hat es nicht mehr nötig gefunden, nachdem sie wusste, dass er sich von seiner Sekretärin regelmäßig die Latte lutschen lässt.

Seitdem lässt sie sich völlig gehen und überlegt sich wie sie ihn unauffällig umbringen könnte. Durch die jahrelang geschluckten Downer ist sie leicht paranoid geworden, deshalb traut sie sich nicht nach geeigneten Gift zu googeln um den verhassten Gatten ins Jenseits zu befördern ohne dabei des Mordes verdächtigt zu werden.

Hätte sie sein Einkommen nicht so nötig, weil sie sich an den Lebensstandard gewöhnt hat, den ein Gehalt in seiner Position bietet, wäre er schon längst tot.

Der einzige Grund, wieso er noch nicht in ein Flugzeug gestiegen und abgehauen ist, ist die Abfertigung seiner Firma. Er weiß, dass er noch drei Jahre bleiben muss, um den fetten Scheck zu kassieren. Dieser Gedanke hält ihn am Leben. Sobald er die Kohle hat, verschwindet er. Weit weg von der alten, dicken Frau die jede Nacht neben ihm liegt.

Weit weg von der völlig versnobten Brut, die er damals gezeugt hat.  So hatte er sich das alles nicht vorgestellt als er sich vor langer Zeit in diese Frau verliebt hat. Alles wollten sie besser machen als die Generation vor ihnen. Ewige Treue haben sie sich geschworen, als sie vor dem Traualtar standen, im Grunde selbst noch Kinder.

Im Rausch der grenzenlosen Naivität treibend, völlig unwissend wohin die gemeinsame Reise wohl gehen würde teilten sie die Überzeugung – bis das der Tod euch scheidet.
Und  etwas mehr als ein Jahrzehnt später ist die Todessehnsucht nur eine Nuance geringer als meine eigene im Moment…

Der Vibrationsalarm neben meinem rechten Ohr reißt mich unsanft aus dem Dämmerzustand. 

Ein kurzer Blick aufs Display, meine Intuition bestätigt sich. Murphys Gesetz. 

„Hey… Sorry, ich bin schon unterwegs“

Beim Klang meiner Stimme erschrecke ich selbst. Gott ich sollte wirklich mit dem Trinken aufhören.  Wenigstens für vierundzwanzig Stunden.

Die utopischen Gedanken beiseite schiebend, kämpfe ich mich in die Senkrechte. Scheiße, ich hab verschlafen.

Keine zwei Schritte später trete ich barfuß auf eine herumliegende Glühbirne, die Glassplitter bohren sich tief in die Ferse und lassen das Blut unkontrolliert auf den Boden spritzen.

„Fuck…….Warum… “ Wenige Millimeter trennen mich noch von einem Tobsuchtsanfall, ich boxe aus Zorn gegen die Tür, die daraufhin in tausende Scherben zerbricht und  mir eine tiefe Schnittwunde an sämtlichen rechten  Fingern hinterlässt.

„Alter, wie behindert musst den sein?“ ich schreie den übrig gebliebenen Türrahmen an, als hätte er Schuld an dem Malheur.

Der Köter vom Nachbarn fängt wie besessen zu keifen an, als er mein  hysterisches Geschrei hört. Anscheinend fürchtet er sich.

Überall ist Blut. Wie kann man so blöd sein, und gegen eine Glastüre schlagen?

Das ganze Gehirn weggeballert..  Fuck. Ich muss mich fertig machen. Bin ohnehin schon eine Stunde zu spät. Gottseidank hab ich mich gestern  vom Chef knallen lassen. Sonst könnt ich wirklich mal Ärger bekommen.

Ich schnappe mir den Teddybären der auf dem Bett liegt und drücke ihn auf die klaffende Wunde. Mit der heilen Hand suche ich im Nachtisch nach etwas Motivation. Verflucht nochmal wo hab ich sie bloß hin gepackt?

Ich sollte wirklich mit dem Trinken aufhören.

Zwischen Pornos, Batterien, Bananen, Knoppers, alten Fotos, einem Vibrator  und unbezahlten Erlagscheinen krame ich verzweifelt nach dem einzigen Grund der gegen sofortigen Suizid spricht.

Wo zum Teufel hab ich das Koks hingesteckt?

Schon wieder alle?

Nein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es noch was hat. Ja. Ziemlich viel sogar. Langsam, aber sicher kehrt die Erinnerung an die vergangenen Stunden zurück.

Verdammte Scheiße. Wie eine Geisteskranke reiße ich die Lade aus dem Schrank und knall sie mitsamt des Inhalts gegen die Wand.

Mein Schlafzimmer hat sich binnen zwei Minuten zu einem Schlachtfeld verwandelt, zwischen Glasscherben und Chipskrümeln liegen leere Bierflaschen, Kleingeld, benutze Kondome, einige rote Pillen mit dem Mitsubishi Logo, angefressene Kekse und der eigenartig aussehende Brei  direkt neben der Türe dürfte wohl Katzenkotze sein.

Darüber verteilt ein ganz dezenter Hauch von Rot… Es sieht aus als hätte ein verwirrter Vampir während dem Frühstück einen epileptischen Anfall gehabt.

Wie Columbine kurz nach dem Amoklauf, überall ist Blut…

Aber wo zum Teufel hab ich das Koks hingesteckt?

Fotze.

Mit einer einzigen Handbewegung fahre ich über den vermüllten Schreibtisch, das ganze angesammelte Zeug fliegt durchs Zimmer.

Kacke.

Richtung Badezimmer wankend ziehe ich eine Blutspur durch den Vorraum. Hoffentlich ist noch niemand zuhause. Hab keine Lust mir von einem Kind Löcher in den Bauch fragen zu lassen.

Schaffs gerade noch rechtzeitig bis zum Waschbecken, als sich der restliche Mageninhalt lautstark von mir verabschiedet. Während ich mir die Seele aus dem Leib reihere, frage ich mich was das für eine Plastiktüte ist, auf der sich der letzte Rest von Heineken, Jägermeister und Wodka aus meinem tiefsten Inneren sammelt.

Alles dreht sich,  ich gehe wie ein nasser Sack zu Boden und bleib völlig nackt neben dem Klo liegen, unsicher ob ich gleich das zeitliche segne. Praktisch, dass ich ein Kissen in der Hand halte, zwar vollgeblutet aber immerhin.

Halte den Kopf fest, als ob es etwas gegen das Gefühl er würde jeden Moment explodieren, ausrichten könnte.

Fuck.

Ist das ein Herzinfarkt?

Ich beschließe dass es nur ein Kater der ganz bösen Sorte ist und versuche aufzustehen, als mir die Plastiktüte wieder einfällt.

Scheiße. Jetzt weiß ich auch wieder wo die Motivation geblieben ist. Die ist irgendwo in dem vollkgekotzten Teil knapp über mir.

Mobilisiere die allerletzten Reserven um an den wertvollen Inhalt der eingesauten Verpackung zu kommen. Als ich es unter einer dicken Schicht Erbrochenem weiß durchschimmern sehe, fühle ich wie sowas wie Hoffnung auftaucht.

Nix wie her damit.

„Scheiße… Ich hab zweitausend Stutz vollgereihert…“

Werfe den Beutel vor mich auf den Fußboden und gebe mein Bestes um nicht sofort wieder draufzukotzen. Gott wie tief bin ich eigentlich gesunken, und wie ekelhaft ist das?

Schmeiß den Dreck in die Dusche, richte mich mit der Geschwindigkeit einer hundertfünfzigjährigen Osteoporosekranken Alzheimerpatientin auf und drehe das Wasser auf.

Gefühlte drei Tage später schaff ich es endlich, das erstaunlicherweise trocken und sauber gebliebene Kokain auf die Waschmaschine zu leeren. Ich mach mir nicht mal der Mühe, eine Line zu ziehen..

Neben der Zahnpasta liegt ein Strohhalm, warum auch immer..

Nichts wie rein und ab geht’s.. Der beißende Geschmack der an Benzin erinnert brennt sich tief in den letzten Rest meines Gehirns. Schmeiß den Kopf in den Nacken, innerhalb von Sekunden werden die Augen völlig schwarz und der Beat des roten Muskels steigt weit über die 130 bpm, endlich fühl ich mich wie ein MENSCH…. Etwas überdreht, die Gedanken besessen von Sex; aber alles besser als der Zustand kurz vor der ersten Line.

Boah……

Einmal geht noch…. Whoop.. Whoop….

Unendliche Arroganz mischt sich mit unberechenbarer Aggressivität und macht mich zu einer tickenden Zeitbombe.

Das Bedürfnis mich auf der Stelle durchficken zu lassen ist genauso präsent wie die Lust große Mengen Alkohol zu trinken, einzig kontrolliert durch einen letzten Rest Arbeitsmoral.

Fünf Lines, einen Joint, zwei Bier und eine Stunde später steige ich ins Auto und mach mich endlich aufm Weg in die abgefuckte Bar in der ich seit kurzem arbeite.

Dürfte reichen um nix mehr an mich ranzulassen. Hoffentlich. Ich will nix mehr fühlen, will nicht mehr spüren was nicht zu leugnen ist. Eiskalter Engel. Fickt euch alle. Fotzen.

Oberflächliche Smalltalkkacke. Ohne Herz und Verstand.

Die Kneipe ist voller Menschen als ich endlich ankomme und die Türe aufmache.  Er Schwall an verbrauchter Luft, gemischt mit dem süßlichen Geruch von verbranntem Marihuana schlägt mir entgegen, der gerade erst verdrängte Drang mich nochmals zu übergeben ist plötzlich wieder präsent wie nie zuvor.

Ich husche an der ersten Bar vorbei, sehe ihn im Augenwinkel am DJ Pult; tanzend, trinkend und völlig gleichgültig mir gegenüber.

„Hoi Puppe! Bist fit?“

Meine Kollegin fällt mir um den Hals, küsst mich dreimal auf die Wange, ehe sie uns beiden Tequila einschenkt.

„Tanja, ich hab noch nicht mal gefrühstückt“

Mit großen Augen blicke ich sie an und hoffe auf Gnade. Falsch gedacht.  Schneller als ich „Vitamin C“ sagen kann, fliegt eine Orange an mir vorbei, landet neben dem immer noch unangetasteten mexikanischen Schnaps, keine drei Sekunden bevor der  Zimtstreuer  mit einem lauten Knall an der Kante der Theke zerspringt.

Alter. Wenn zerstörtes Glas wirklich Glück verspricht, muss ich ins Casino…

„Obst ist wichtig. Juhuuuu… Sauf!“

Tanjas Euphorie wirkt so ansteckend wie Herpes.

„Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“  rufe ich zurück und kippe den Fusel runter.

Brennende Hitze breitet sich wie ein Lauffeuer in mir aus, besoffene Kerle applaudieren und klatschen als ich das leere Glas gekonnt durch die Bar werfe, laut knallend die Spüle erwische und eine Fontäne von versifften Abwaschwasser in die Luft steigt.

Eine Pirouette drehend fische ich ein Heineken aus der Kühlung,  stelle es vor mich, fasse mir an die Titten und frage mich welcher Idiot den Flaschenöffner versteckt hat.

An die zwanzig Kerle die an der Bar sitzen, fixieren mich mit ihren Blicken. Ich genieße die Aufmerksamkeit und stecke mir den Flaschenhals der Bierflasche in den Mund, beginne daran zu saugen als ob es die Latte von George Clooney wäre.

Porno pur, morgens halb zehn im Land von Raclette und Nidelkuchen. Ja, ich weiß dass es dreiundzwanzig Uhr ist, aber wen kümmert es?

Geprägt von über fünfzehn Mal dreihundertfünfundsechzig Tagen Gastronomie, kann mich sowas nicht mehr schockieren.

Gierig kippe ich das erste Bier des Tages in mich hinein und suche den Augenkontakt mit Tanja.

„Baby, ich bin gleich soweit“, zwinkere ich ihr zu, um so schnell wie möglich in den Keller zu verschwinden.

Sie grinst wie ein Waschbär auf LSD und kippt sich einen weiteren Tequila hinter die Binde. Einer der feiernden Typen schreit hinter die Theke:

„Hey! Da ist alles verdreckt und klebrig! Kann das mal wer saubermachen?“

Unbeeindruckt  fasst meine Kollegin in das bakterienverseuchte Waschbecken, fischt einen ebensolchen Lappen daraus und knallt ihn vor den keifenden Besoffenen.

„Was? Schmutzig? Dann putz doch!“

Das Geräusch, das der auf den Tresen klatschende Wettex verursacht, lässt mein Kopfkino in eine pervers anmutende Einbahnstraße einbiegen..

Die Erinnerung an den Unbekannten Jüngling der mir zwei Nächte zuvor seinen riesigen Prügel bis zum Anschlag in die vor lauter kolumbianischen Schnupfen taub gewordene Fotze gerammt hat, ist plötzlich so lebendig wie nie zuvor.

Dank Helene Fischer und  200 Dezibel kann es niemand tropfen hören… Oh Gott ich bin so fickerig.

Ich kann an nichts anderes als einen steinharten Schwanz in mir denken…  Scheinbar strahle ich das auch aus.. Die Blicke der sturzbesoffen und anscheinend auch vollgekoksten, ständig rotzenden Druffies, die mich immer noch mustern, lassen keinen Zweifel an den äußerst unchristlichen Absichten, die dahinter stecken.

„Fickt euch ihr Spastis“ denkend verpiss ich mich in die Küche. Schmeiß mein ganzes Zeug in die Ecke, atme tief durch und schleiche die völlig versiffte Treppe hinunter in den Keller.

Die Decke da unten  ist nicht höher als einen Meter sechzig, ich gehe ständig gebückt um mir zu dem drogeninduziertem Dachschaden nicht noch eine zusätzliche Gehirnerschütterung zu holen. Einen letzten Rest an Verstand werde ich brauchen um den Weg zurück nachhause zu finden. Irgendwie. Irgendwann.

Bestimmt und äußerst fokussiert bahne ich mir den Weg durch unzählige Getränkeflaschen, Bierfässer, vollgestopften Müllsäcken, Bergen von Altpapier und zerlegten Kartons des unterirdischen und komplett  vermüllten Alkohollagers.

Die Holzregale sind voller Gläser und tonnenweiße Papier, über dem gesamten Zügs zieht sich ein dezenter weißer Staubfilm. Selbst durch dreiundzwanzig Promille beeinträchtigt, frag ich mich, was hier abgeht. Meine Fingerspitze wandert wie ferngesteuert über eins der herumliegenden Teller direkt auf die gierig zuckende Zunge die sich sofort taub anfühlt.

Alter, wo bin ich hier gelandet?

Die rauschgeilen Kollegen machen sich noch nicht mal mehr die Mühe um es zu vertuschen.  ALTER. Fotze.

Ich will gerade abhauen als mein paranoid umherschweifender Blick an einer gelben Karte direkt vor meiner Nase hängen bleibt. Dejans vor? Zu vertraut scheint mir das Plastikteil. Woher?

Hab die Kundenkarte eines sehr bekannten österreichischen Textilladens noch nicht mal in der Hand, als mich die Erinnerung an die vergangene Nacht wie ein Blitzlichtgewitter niederstreckt.

Unter dem fett aufgedruckten „Betten und Vorhänge Reiter“ prangt mein Name, inklusive Adresse. Ach du Scheiße, ich glaub ich bin in der ganzen verfickt und verkoksten Hütte die Schlimmste. Der Verdacht erhärtet sich, als ich mir die Kundenkarte genauer ansehe.

Denn darunter kommen zwei prall gefüllte Tütchen zum Vorschein, bis zum Bersten mit klitzekleinen, schimmerten Kristallen vollgestopft. Es ist nicht mal nötig, den Geschmack der Edelsteine zu testen; ich weiß ganz genau was da drinnen steckt…

„Majaaaaaaaaaa………!!!!!!!!!!!! Bier ist leeerrrrr….Bittteee umsteckennnnn!“

„Schrei mich nicht so an… Ich bin sensibel“ brülle ich bestens gelaunt  zurück. Wusste ich doch, dass ich meine Motivation im Keller finden würde. Da ist sie am liebsten…

Klemm das leere Fass zwischen die Beine und dreh den Verschluss runter, der sofort laut zu zischen beginnt. Den Gedanken dass hier was schief läuft schieb ich beiseite und knall das Teil hektisch auf ein neues Fass. ZZZZZZZZZzssssssssssccccccccccccchhhhhhhhhhhh..

Ehe ich zum tausendsten Mal am heutigen Tag „Scheiße“ rufen kann, explodiert die Öffnung, eine zischende Bierfontäne wichst mich von oben bis unten voll.

Alles Fotzen.

Trete gegen den Müllsack der vor dem Schnapsregal liegt, zünde mir einen Joint an und ziehe mir noch mal was von dem weißen Turbo Zügs rein.

„Maja, geht’s dir gut?“

Als ich die Stimme von ihm höre, lieg ich längst auf dem eiskalten Fußboden, aus meiner Nase tropft Blut und ich hechle um Luft wie ein rennender Husky im süditalienischem Hochsommer.

„Mir geht’s blendend!“

Der Euphorische Ton meiner Stimme passt nicht wirklich zum besorgten Gesichtsausruck von meinem Chef der neben mir kniet und mich hochzuziehen versucht.

„Scheiße wieviel hast du dir denn reingeknallt? Du siehst furchtbar aus.“

Ich lehne mich an die Wand und putze mir mit einem herumliegenden  T-Shirt die Nase, während mir Mike eine Flasche mit Wasser aus dem Kühlschrank holt.

„Danke. Welche Frau hört das nicht gerne?“

Er setzt sich neben mich auf den Bode, öffnet das Wasser und drückt es mir in die Hand.

„Bist bescheuert? Ich schmeiß doch mein Leben nicht weg!“

Als ich aufstehe um mir ein Heineken zu holen, fällt mir auf dass meine Strümpfe komplett zerrissen und meine schwarzen Lederstiefel  mit Konfetti übersäht sind, vermutlich sehen so Menschen nach einer Kneipenschlägerei aus.

„Du bist wirklich völlig durchgeknallt“ er lacht laut auf als ich die Flasche mit einem Feuerzeug aufmache und mich wieder neben ihm setze.

„Ich würd eher verhaltenskreativ dazu sagen. Cheers.“

SELBSTerfüllende Fotzen

Und wir drehen uns weiter im Kreis, schneller und immer schneller, die nächste logische Konsequenz dieses undurchsichtigen Schauspiels wäre es, endgültig abzuheben.

Den Boden unter den Füßen haben wir beide doch schon lange verloren; wissend dass es für diese Aufführung keinen Applaus gibt, spielen wir dennoch weiter, als ob es um Leben und Tod ginge.

Was es ja gewissermaßen auch tut, denn die Tatsache dich nie wieder zu sehen, zu spüren und zu schmecken fühlt sich an, als ob irgendwas ganz tief in mir drinnen sterben würde.

Wie zum Teufel sind wir in dieses Labyrinth aus Leidenschaft, Lust, Leid, Verzweiflung und Angst hineingeraten? Haben wir uns  gesucht, gefunden, einander verdient und uns kurz darauf verloren?

Meistens erschließt sich der Sinn besonderer Begegnungen erst viel später, auch wenn man davor schon ahnt worauf man sich einlässt. Man muss nur aufmerksam sein und zuhören, denn alles was wichtig ist, gibt dein Gegenüber in den ersten Minuten der anfänglichen  Zeit zu zweit von sich Preis.

Beim beginnenden Beschnuppern, hatten wir doch alles klar gesagt; du hast mir erklärt dass du vielbeschäftigt bist und deswegen immer was dazwischen kommen könnte.

Ich hab erwähnt dass ich es beschissen finde, wie unterschiedlich  Männer und Frauen in Bezug auf deren Liebesleben beurteilt werden.

Hab kein Geheimnis daraus gemacht, dass ich Bier, Gras und Sex verdammt gut finde. Und du hast keins aus deiner Beziehung zu einer anderen Frau gemacht.

Ein Jahr später stehen wir von den Scherben eines Dramas, das vorbei ist, lange bevor es zum Epos werden konnte.

Warum haben wir das nicht vorher kommen sehen?  Waren wir zu blind, oder hat uns die Hoffnung dabei geholfen diese gottverdammte Achterbahnfahrt zu überstehen ohne dabei wahnsinnig zu werden?

Die Episoden sind nicht gleich, aber sie ähneln sich im Kern; der kleinste gemeinsame Nenner ändert sich nie, ganz egal mit welchem Partner.Man lernt sich kennen, Gefühle entwickeln sich, doch anstatt das Objekt der Begierde anzunehmen wie es ist, beginnt man sich gegenseitig zu verbiegen, zu zerbrechen.

Als du dich in mich verliebt hast, war ich, ich. Authentisch und unverfälscht.Ja, ich liebe Männer, ficke gerne,  kann über schmutzige Witze und tiefschwarzen Humor lachen, weiß Super Skunk und Orange Bud zu schätzen, bin im gleichen Maße liebevoll wie auch cholerisch veranlagt und eine Chaotin erster Klasse.

Deiner Feinfühligkeit, steht eisige Kälte gegenüber, die Unfähigkeit jemand dahinter blicken zu lassen. Du warst immer zärtlich, ich hab die Zeit mit dir genossen und wollte sie anhalten, auch wenn mich sowohl die Eifersucht als auch dein Besitzdenken  krank gemacht haben.

Prophezeiungen sind selbsterfüllende Fotzen.

Vor einer Abzweigung stehend,dagegen ankämpfend gibt es dennoch  nichts, was an dieser Entscheidung vorbeiführen könnte. Friss, oder stirb. Sekt oder Selters. Scheiße.

Wir streiten weil du keine Zeit für mich hast und ich deswegen ständig mit anderen herummache.

Wir streiten weil ich gerne feiern geh und kein Kind von Traurigkeit bin.

Wir streiten, weil ich ununterbrochen auszucke und dich so oft belogen habe.

Wir streiten, weil ich dir schlimme Dinge unterstelle und dir keine einzige Sekunde geglaubt habe.Reibung erzeugt Wärme.. Ist es eben diese unendlich anmutende Hitze, die uns zusammenschweißt und uns zwingt die Sache durchzustehen, bis sie vorbei ist?

Ich sollte mich ändern, du solltest mehr Zeit haben. Haben wir das nicht schon eine Million Mal durchgekaut? Bin nur ich so müde, oder kannst du auch nicht mehr?

FICK DICH.

Habe so gut wie keine Hoffnungen mehr, als ich dir die Nachricht schicke. Ehrlich gesagt rechne ich noch nicht mal mit einer Antwort.

„Was machst du morgen Abend?“

Hast mich die vergangenen  Monate immer wieder im Letzen Moment versetzt. Kein einziger Tag, an dem ich nicht an dich gedacht- dich hier neben mich gesehnt- und mir nichts mehr als deine Arme um meinen Körper gewünscht habe. Jeden verdammten Tag lang.

Ein Königreich für ein wenig Nähe.

Mehr wollte ich nie von Dir haben. Jemand der da ist, mich festhält und mir sagt, dass alles wieder wird.

Jemand der mich mitten in der Nacht vor den Alpträumen beschützt. Jemand der mir einen Grund gibt, nach Hause zu kommen. Jemand der mich Vollkommenheit erahnen lässt. Jemand der mir die unendliche Angst vor dem ganzen Mist nimmt.

Ich dacht e du wärst der Mensch, an dessen Seite die Sehnsucht nach Liebe endet,  der Mensch der es schafft das Raubtier in mir zu bändigen, ohne ihm die Ästhetik der Unbezähmbarkeit zu stehlen.

Kein Gefühl war je stärker, kein Verlangen intensiver als der Wunsch dich zu spüren, Zeit mit dir zu verbringen und hinter deine scheinbar  unerschütterliche Fassade zu blicken.

Unstillbarer Hunger nach dir lässt den Herzschlag in die Höhe schnalzen, lähmt den Geist, der Wahnsinn lässt recht herzlich grüßen, ehe er die Schirmherrschaft inmitten dieses chaotisch anmutenden Schlachtfeldes in mir drinnen übernimmt.

Wie kann ich was vermissen, dass eigentlich niemals da war?

Zunehmend verschwommen scheint die Grenze zwischen Liebe und Besessenheit, klare Linien sind längst schon nicht mehr auszumachen, wahrscheinlich waren sie es auch nie.- vermutlich sind sie genauso unreal wie der Gedanke an ein WIR.

Dieser verfluchte  Cocktail aus Endorphinen, Oxytocin und Dopamin treibt mich noch in den Wahnsinn. Raus aus meinem Kopf. Raus aus meinem Hirn. Verschwinde.

Bist du jemals mehr als eine Illusion gewesen?

Das Gefühl, du seist ein Teil meiner Realität, war anscheinend nichts anderes als ein Hirngespinst, auch wenn es immer noch weh tut an dich zu denken. Daran dich für immer verloren zu haben, ohne zu wissen wie sich ein Leben mit dir anfühlt.

Doch weder verletzter Stolz, noch Eitelkeit reißen  solch ein Loch in mein Herz, wie die Gewissheit dich nie wieder zu sehen. Hab ich mich so getäuscht?

Oder ist es nichts anderes als purer Masochismus, der mich immer noch an  dem Gedanken festhalten lässt, dass du der bist, der mich ganz macht.

Inzwischen sind beinahe sieben Monate vergangen, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben,  die Nervosität vor dem Treffen mit dir ist schwer auszuhalten. Sehe deinen Wagen im Rückspiegel, nehme all meinen Mut zusammen um auszusteigen, dir in die Augen zu sehen.

Durchs Fenster hindurch streift mich dein eiskalter Blick,  lässt auch den letzten Funken an Euphorie und Hoffnung  in mir zugrunde gehen.

Ich steige zu dir ins Auto, setze mich neben dich und doch bist du so unendlich weit weg von mir, die Mauern um dich herum hüllen dich in eine Bastion, die nicht zu bezwingen ist.

Leiste vehement Widerstand, gegen den aufkeimenden Impuls dich anzufassen, deinen Hinterkopf zu streicheln und dich zu küssen. Nie zuvor hab ich dich so traurig gesehen, eiskalt deine Aura, ohne den Funken eines liebevollen Gefühls mir gegenüber. Da ist nur noch Leere und Hass, keine Spur von Zuneigung.

Parkst das Auto zwischen Bäumen versteckt, unsicher ob uns jemand sehen kann, als wir uns verstohlen auf die Rückbank verziehen.  Küssen uns zum ersten Mal seit zehn Monaten, ich krieg nicht genug davon und würd am liebsten nie wieder damit aufhören,  dabei in deine Arme sinken. Gott, du riechst du gut, ich wünschte dieser Moment würde niemals enden.

Und doch spüre ich…. Nichts… vollkommene Gleichgültigkeit, keine Gefühlsregung… nehme deinen Schwanz in den Mund… drückst meinen Kopf tiefer. ohne Gefühl und lieblos rammt mir das Teil in den Rachen.

Lässt dich danach von mir ficken, spritzt ab, drehst dich sofort weg und meinst ganz beiläufig dass es Zeit zum Zurückfahren wird.

Komme mir so benutzt vor, zugleich schockiert über deine Gefühlskälte lasse ich mir doch nichts anmerken. Du sollst nicht wissen, wie sehr  mich deine  Ignoranz und Unfähigkeit Empathie zu empfinden verletzt. So müssen sich Straßenhuren fühlen; mit dem einzigen Unterschied, dass sie fürs bloße gebraucht werden  Geld bekommen.

Keine Stunde später stehen wir wieder am Parkplatz, ich lächle dich an, streichle deinen Arm. Doch anstatt mich zu küssen schiebst mich weg, wie ein lästig gewordenes Anhängsel.

„Ich muss los, wir hören uns.“

Vollkommen emotions- und bedeutungslos, ohne auch nur ein Minimum an Wärme mir gegenüber fährst du davon, hinterlässt mich wie ein gebrauchtes Fickstück das bereit zum Ausmustern und wegwerfen ist.

Steige in mein Auto und kann nicht aufhören zu weinen.

Bin mir nur nicht sicher ob die Tränen der  gescheiterten Hoffnung auf Liebe oder meiner eigenen Blindheit gelten. Ich bin der Superlativ von naiv, hoch zehn.

Tröstet mich zwar kein wenig, zumindest kann ich jetzt damit aufhören mein Herz an dich zu verschwenden.

Ich wollte immer jemand für dich sein

Der ich ganz bestimmt nie war

Auch wenn Ichs noch so Doll versucht hab

Ich hab es leider nie geschafft

Ich war nie die, die du suchtest

Auch wenn ich „hier“ geschrien hab

Das ständige in die Augen schauen

Hat uns blind gemacht

Trotzdem würd ich denselben Weg

Noch einmal mit dir gehen

Auch mit all den Fehlern

Denn ich bereue nichts

(Froschkönig – Die Toten Hosen)