Strattera

Langsam aber sicher werde auch ich unruhig. Versuche mich durch eine allgemeine Bestandsaufnahme zu entkrampfen – ein kurzer Blick in die Handtasche bestätigt mir ausreichend pharmazeutische Stabilisatoren zu besitzen um es ohne ernsthaften Amoklauf durch die Osterfeiertage zu schaffen.
Versuche den Doc zu erreichen – erwische nur seinen AB.
Scheiß drauf, brüllt die schwarze Gestalt die auf meiner linken Schulter sitzt: setz die Dinger einfach ab – was soll schon passieren? Hast schließlich drei Jahrzehnte ohne Strattera überlebt! Los! Leb!

Stütze mich am Waschbecken ab, mit schwindligem Hirn dem Spiegelbild entgegen.
Kalter Schweiß benetzt ein aschfahl werdendes Gesicht; leise wie der erste fallende Schnee meldet sich dein Endgegner zurück- dein Hirn erinnert dich daran, dass es keine Antikörper für deine Schmerzen gibt… SUCHTDRUCK lässt sich nicht ausschalten.
Zitternde Hände suchen nach flüssiger Erleichterung- vergeblich.
Immer wiederkehrende Stimmen, der Wunsch nach Suizid. Plötzliche Stille. Doc ruft zurück.
„Auf gar keinen Fall das Medikament absetzen. All die Struktur und Zielstrebigkeit wäre schlagartig weg.“
Seine Warnung amüsiert mich.
Zielorientiert und strukturiert in Zeiten wie diesen?
Damit ich meinen Sarg rechtzeitig bestelle?
Frag mich wer von uns beiden einen Psychiater nötiger hat, ziehe die letzten Pillen aus der Schachtel und werfe sie ins Feuer des Kamins.
Challenge accepted.

Kalte Welt

Nachtrag

Die Lage ist ernst. Knapp tausend Tote die letzten 24 Stunden. Im Fernsehen Bilder von LKW´s voller Särge – Italien hält die Luft an.
Sie bitten die Bevölkerung um ausrangierte Tablets, hauptsache sie funktionieren soweit um den Sterbenden einen virtuellen Abschied von der Familie zu ermöglichen. Ein allerletztes Mal in die Augen der engsten Vertrauten zu blicken, ehe der endgültige Abgang ansteht.
Kranke, kalte Welt.
Keine Kapazitäten für ein würdevolles „Auf Wiedersehen“; schneller als Gevatter Tod dich holt verbrennen deine Überreste im Krematorium. Akkordarbeit in ihrer wohl zynischsten Form.
Zu gelähmt um Trauer zu zulassen, jemand redet von Verschwörung. Kralle meine Finger so fest um die Hülle des Tablets, bis der Kunststoff unter meinen blutenden Fingern zerspringt. Schlage gegen die Heckscheibe des Leichenwagens, sehe keinen Sinn mehr darin meine Wut noch länger beherrschen zu wollen.
Dachte eine globale Bedrohung würde Zusammenhalt und Frieden unter meinesgleichen bewirken…. Stattdessen vertiefen sich die Gräben immer weiter…
Uns ist nicht mehr zu helfen.