Unpünktlich und inkontinent

Zum ersten Vorstellungsgespräch komme ich knapp drei Stunden zu spät, dafür sitzt mein Make up tadellos, meine Frisur ist Bombe und ich hab mir sogar meinen Anus bleachen lassen. Schließlich will ich einen perfekten Eindruck liefern.
Als ich um 23 Uhr vor verschlossenen Türen stehe, gebe ich mich dennoch nicht geschlagen – erst läute ich Sturm, rufe dreißig Mal die Nummer an, die am Bewerbungsformular steht und schieße mit Steinen an das einzige beleuchtete Fenster des riesigen Hauses.
Gerade als ich wieder gehen will, öffnet jemand die Türe und ich blicke in den Lauf einer Schrotflinte, versteinere augenblicklich.
„Wer sind sie und was in Gottes Namen tun sie hier?“, schreit mich der Bewaffnete an.
„D-d-d-a-s A-a-am—-s szs.-c—h….. „ stottere ich in Todesangst, pinkle mir aus Angst dabei ins Höschen. Sichtlich amüsiert senkt der alte Sack die Waffe, zieht mir den Bewerbungsbogen aus der zitternden Hand.
„Du kommst vom AMS? Sag mal kiffen die dort jetzt auch?“
Aus Angst erschossen zu werden beiß ich mir auf die Lippen.
„Du solltest doch um 17uhr kommen?“, schnauzt er mich an.
Wenn der wüsste wie lang es dauert sich den Hinterausgang zu stylen, würde er nicht so zickig sein.
„pünk—t—lll—ich—keitz iiii—sss-…“
Halt deine dämliche Schnauze, da wird man ja geisteskrank. Schreib mir eine WhatsApp, geht sicher schneller. Und hör auf in meinen Vorgarten zu pissen, dich sollte man in die Irrenanstalt sperren.
„Pünktlichkeit ist leider nicht meine Stärke“, tippe ich während er keift, schicke die Nachricht auf sein Telefon.
„Macht nichts du dumme Nuss. Dafür macht deine Inkontinenz alles wieder wett. Ich werd das genauso deinem Betreuer schreiben. Und jetzt hau ab, ehe ich dir noch eine Einstellungszusage mitgebe.“
Nichts wie weg hier…..

Willkommen Zuhause. Hoffentlich verpisst du dich bald wieder.

Ich schwelge immer noch in Erinnerung an all die Eindrücke die Brasilien und vor allem Rico in mein Gedächtnis gebrannt haben. Doch schneller als erwartet holt mich der Alltag und vor allem Österreich und vor allemst da AMS wieder ein. Da Rico zurück bei seiner Familie und mein Erspartes zurück im Wirtschaftskreislauf gelandet ist, muss ich mir Gedanken machen wer mein Leben finanziert. Das Geld vom Arschlochamt langt grade mal fürs Katzenfutter – auch wenn wir von BIO weit entfernt sind. Geschweige denn vom Botox, dem Audi und die Miete meiner Residenz.
Was denken sich die Verantwortlichen denn? Dass ich als faltige Fußgängerin zu Vorstellungsgesprächen hatschen soll? Wieso bin ich nicht in Brasilien geblieben?
So sachlich als möglich formuliere ich einen Beschwerdebrief an „Irgendeinen Trottel im Parlament“, nachdem mir sämtliche AMS- Betreuer mit einer Einweisung in die Klapse drohen.
Aber da war ich doch vorm Urlaub eh schon. Typisch österreichisches Sozialsystem. Schickts die Depperten solang von Anstalt zu Anstalt bis sie irgendwann wo geben und tatsächlich noch hackeln.
Viel Ärger als diese Ansammlung an Vollpfosten kann doch wirklich kein Job sein, ich klaue mir eine Stellenliste aus den Händen einer dunkelhäutigen Frau mit Turban und achtzehn Kindern im Schlepptau. Sämtliche Anwesenden applaudieren, man lässt mich sofort vorsprechen, ganz ohne Nummer ziehen und warten……….
Welche Qualifikation ich den vorzuweisen hätte, fragt die zu stark geschminkte Mittvierzigerin, nachdem sie mich bittet Platz zu nehmen. Frage sie dasselbe, keine Antwort.
Scheinbar findet sich nichts auf ihrem Bildschirm, weder mein Name, noch die Versicherungsnummer lässt ihr Gesicht strukturierter wirken.
„Die EDV spinnt heut ein bisscchen. Welche Qualifikationen haben sie denn vorzuweisen?“
Fragt sie nochmal, starrt immer noch den Rechner an.
„Hmmm. Ich kann die Luft zum Stinken bringen.“
Zwei Sekunden später lugt sie hinter dem Bildschirm hervor, schüttelt den Kopf, massiert ihre Schläfen mit kleinen kreisförmigen Bewegungen ihrer Fingerspitzen.
Macht ihr die Technik zu schaffen, oder versucht sie selbst gerade einen fahren zu lassen?
Noch bevor ich sie fragen kann speit der Drucker Papiere aus. Wortlos und ohne Augenkontakt schickt sie mich mit dem Wisch wieder vor die Türe.
Ich wette sie schicken mich zur Eischulung für AMS Betreuer, oder so… Hatte ganz vergessen wie lustig die Schnitzeljagd doch sein kann.
Rico, du fehlst mir.

#angekommen

Geschafft von all den Eindrücken, der hohen Luftfeuchtigkeit und der elendslangen Anreise lasse ich mich aufs Bett fallen. Erstmal durchatmen, ankommen, Handy und Wlan checken.
Versehentlich das Datenroaming einschalten; drei Sekunden später warnt mein Netzbetreiber ich hätte bereits sechzig Euro verballert, deswegen sperren sie mein mobiles Internet. Stolzer Stundenlohn, denke ich mir. Gerade als ich mich darüber aufrege blinkt der Display erneut.
Nachricht von Rico, mein Herz tanzt.
„Ich hoffe du hattest einen guten Flug? Meine Gedanken sind bei dir, der Rest auf dem Weg dorthin. Freu mich auf dich.“
Schneller als ich tippen kann, übermannt mich der Schlaf. Trotz des Lärms der durch die offene Balkontüre schallt falle ich sekundenschnell ins Traumland, schaffe es nicht mal meine Sneakers auszuziehen.
Desorientiert und unterzuckert schrecke ich plötzlich hoch, der Wecker auf dem Nachtisch zeigt 21 Uhr, es regnet in Strömen und mein Magen knurrt. Da es erstens dunkel und zweitens nass draußen ist, bestelle ich mir was ins Zimmer, fahr den Rechner hoch und such auf YouTube Reportagen über die Stadt da unten.
Wozu schließlich rausgehen wenn’s livestream gibt.
Ich wollte doch Rico antworten, schießt es mir zeitgleich mit dem Sandwich in den Kopf. Als hätte er mich denken gehört, summt es unter der Decke.
„Bist du mir mit einem Brasilianer durchgebrannt oder schon am Karneval feiern?“
Grinsend tippe ich zurück, im Hintergrund flackern Aufnahmen von Erschossenen in den Elendsvierteln. Ob die hier so Fasching machen?
„Hi Rico. Weder noch – außer schlafen und essen hab ich noch nichts erlebt. Wird Zeit dass du mir deine Stadt zeigst “
Wieder Gelblinge, summsummsumm, Akku alle. Ich krame in meiner Handtasche nach dem Ladegerät, finde stattdessen einen halbabgebrannten Joint den ich anscheinend hier eingeschleppt habe. Klatsche mir an die Stirn, welcher Idiot trägt schon Eulen nach Athen?
„Sorry, mein Akku war alle. Hab den Stecker in allen Taschen gesucht, dabei war er die ganze Zeit über in meiner Jacke.“
Während die Reporterin auf dem Bildschirm über Mord und Totschlag berichtet, prasselt der Regen gegen die Scheiben, der Verkehr brummt konstant durch die Nacht.
„Direkt vor dem Hotel ist eine vierspurige Straße, vom Balkon aus siehst du sie. An der Kreuzung steht ein Pub, da läufst du links. Immer weiter geradeaus bis du an einem riesigen Einkaufstempel ankommst. Der, an dessen Eingang bewaffnete Männer stehen. Setz dich in eins der Cafe´s und schalt dein WLAN ein.“
Spinnt der?
„Jetzt?“
Erstens unbewaffnet, zweitens Frau, drittens Regen, viertens Dunkelheit und fünftens nur 7% Akku. Da kann er mich doch gleich in die Hölle schicken.
„Nein du Verrückte. Jetzt sollst du schlafen. Morgen früh um zehn geht’s los, kannst dir bis dahin den Weg von oben ansehen?“
Google maps für digital-Minderbemittelte.
„Alles was du willst Romeo.“
Wohliger Schauer der über meine Haut driftet, mich mit kribbelnder Vorfreude zurück in die Nacht katapultiert – schlaf Kindchen, schlaf.

#weg

Mittlerweile bahnen sich erste Sonnenstrahlen durch die Fenster, leuchten solange auf meine Augenlider bis ich aus dem Halbschlaf hochschrecke und bemerke, dass wir uns bereits im Landeanflug befinden. Der Airbus zieht eine Schleife über das Hochhausmeer unter uns, Wahnsinn wie groß und hässlich die Stadt von hier oben aussieht.
Am Rande der riesigen Gebäudeansammlung schießen wir über die Favelas die wie ein Zaun zwischen der Stadt und den grünbewachsenen Hügeln wuchern. Nicht weit davon entfernt die Landebahn und das riesige Areal des Flughafens.
Ich frage eine der Stewardessen mit welchem Taxiunternehmen man am besten in die Innenstadt fährt, was der Spaß in etwa kostet. Sie empfiehlt mir Uber, da wäre sogar ein eigener Stand vor dem Terminal; alle anderen wären überteuert – außer Taxi 99, allerdings würden die wenigsten dort Englisch sprechen.
Erschlagen von der stickigen und feuchten Luft schiebe ich mich durch den Flughafen, die Passkontrolle und Gepäckabholung ziehen sich endlos in die Länge. Kein Wunder bei den Massen an Menschen die allesamt dasselbe Ziel im Visier haben – nichts wie raus hier.
Ich wechsle zweihundert Euro, mach mich auf die Suche nach dem Uber Stand, breche nach fünf Minuten ausgepowert und durchgeschwitzt ab.
Die Dame hinter dem Plexiglas fragt wohin ich will, ich schiebe ihr einen Zettel mit der Adresse durch den Münzschacht.
„168 Real, but if you try he will make it for 150“, sprachs und zeigte mit dem Finger auf den Wagen hinter mir.
Wir fahren vorbei am Ghetto, mit jedem Kilometer scheinen die Bauten neben uns höher zu werden, die Menschen die vor ihnen im Dreck liegen werden weniger, je näher wir uns der Innenstadt nähern. Dafür vermehren sich die Betonburgen die Balkone MIT Geländern und verspiegelte Fassaden haben.
Ich bin erstaunt wie grün das alles von hier unten aus wirkt, nirgendwo ein unbepflanzter Fleck zwischen den Bauten. Fast so als würden Palmen den Asphalt zähmen. Auch wenn sie es nicht schaffen einem die Angst vor dieser Metropole zu nehmen; einer in der alle durchschnittlich alle 30min ein Mensch getötet wird. Gott sei Dank bringt mich der niedliche Kerl hinterm Steuer weg von meinen gedanklichen Mordstatistiken, direkt ins Hotel. Für 180 Real. Unverhandelbar weil Schnucki nix versteht.
Dafür entschädigt das Radisson blu Sao Paulo für die Strapazen – der herzliche Empfang an der Rezeption ist an Empathie und Authenzität nicht zu toppen – man fühlt sich willkommen. Early Check In, Welcome Caipirniha und dann endlich im Zimmer ankommen, auf dem Balkon stehend für einen Moment innehalten um den Beat unter mir einzusaugen, die Kulisse wirken zu lassen.

Noch zwanzig Stunden bis er hier ist…..

#Kreuzberg

Wir liegen nackt nebeneinander auf dem Dach einer der hässlichsten Bauten Kreuzbergs. Rico bietet mir eine Kippe an, der Vollmond blendet in den Augen.
Ob ich morgen schon was vorhab, will er wissen als er mir Feuer gibt.
Wortlos nicke ich Richtung Himmel, ziehe seinen Arm dichter an mich. Er deckt mich mit seiner Jacke zu, küsst mich auf die Stirn.
„Ich muss morgen zurück nach Hause, wieso fragst du?“
Seine Hand streicht über meinen Arm, er nimmt einen tiefen Zug , nutzt die Nikotinzufuhr für eine Kunstpause.
Seufzt.
„Wieso kommst du nicht einfach mit mir mit?“, er bläst dicke Rauchschwaden in die kalte Luft, ich kuschle mich enger an ihn, frage wohin.
Er sagt Rio.
Ich sage Karneval.
„Ok?“
„Aber mein Ehemann und die Kinder zuhause…“
Wir lachen synchron.
„Also ja?“

#kitkatberlin

Musik, Champagner und mein Begleiter top. Der immer ausufernde Gang Bang auf der Tanzfläche eher nicht.
Ich frage Joel ob wir nicht in den Kitkat wechseln wollen.
Er sagt, nein danke, ihm wäre schon schlecht.
Außerdem müsste er spätestens um drei zurück zuhause sein, ohne Ärger mit seiner Frau zu kriegen.
Er liefert mich im Hotel ab, fährt weiter zu seiner Familie.
Ich bestelle mir ein neues Taxi.
„Junge Frau, wohin soll´s denn gehen?“
Er soll mich bitte in die Köpenickerstraße 76 bringen, antworte ich.
„Was wollen Sie denn dort?“, entgegnet er fassungslos.
„Naja, ficken.“
Mit einem Mal hält er an, dreht sich zu mir um.
„Ach ja?“, flüstert er mir zu, legt den Gang wieder ein und steigt aufs Gaspedal, um kurz darauf in eine dunkle Seitengasse einzubiegen.

#

Wir kippen Tequila am Gendarmenmarkt, qualmen Zigarillos unterm Brandenburger Tor. Der Taxifahrer rast am Potsdamer vorbei mitten hinein in die frische Nacht, während Joel und ich auf der Rückbank Champagner trinkend die vorbeiziehende Stadt auf uns wirken lassen.
Wir halten an einer roten Ampel, Massen von Menschen die sich über den Zebrastreifen schieben. Ob hier immer so viel los ist, frag ich, während sich Joel eine Nase Koks genehmigt.
„Ja, viele junge Leute hier. Aber die Alten sagen, dass hier früher alles besser war.“, klärt mich der Fahrer auf.
„Ich glaube das ist nicht nur in Berlin so. Die jammern alle ihrer Glanzzeit hinterher, egal woher sie kommen – spätestens ab 40 trauern alle der guten alten Zeit nach.“
Der Wagen hält vor einem riesigen Hochhaus, das auf den ersten Blick wie ein Bürogebäude wirkt. Joel nimmt mich an der Hand.
Fröstelnd vor Aufregung tapse ich vorsichtig hinter ihm her, halte mich an seinen Schultern fest, als er an der einzigen Türklingel die unbeschriftet ist drückt….

Der Glatzkopf in Latexshorts der uns öffnet. Rotes Licht. Immer lauter werdende Beats. Champagner. Der nackte DJ am Pult. Eine schüchterne Asiatin die sich in die Arme ihres Liebsten flüchtet. Die abgehalfterte Blondine auf allen vieren. Champagner. Joel lacht. Ein fetter kleiner Kerl der sich einen von der Palme wedelt. Rote Ledersofas. Caipirinha. Ein anderer fetter Kerl steckt seinen Pimmel in den Mund vom Blondchen. Neben uns ein hochgewachsener Jüngling dessen Gesichts- und Geschlechtsteilausdruck auf pures Entsetzen schließen lässt.
Abends, halb elf in Deutschland.

#Männerflüchtling

Wütend schleudere ich seinen Schlüsselbund gegen die hölzerne Tür, verfehle sein Gesicht um haaresbreite.
„Bist du völlig durchgeknallt? Das war´s jetzt. Ich verschwinde.“, brüllt er mich an.
Er hebt das Wurfgeschoss vom Fußboden auf, wünscht mir ein schönes Leben ehe er sich umdreht und endlich abhaut. Wäre er noch eine einzige Sekunde länger geblieben, hätte ich ihn wohl erwürgt.
Erst als ich seinen Wagen wegfahren höre, entspann ich mich ein klein wenig. Lasse mich in die Badewanne fallen, versuche an was Schönes zu denken.
Schließe die Augen, das monotone Plätschern des einlaufenden Badewassers übertönt all die Gedanken in mir. Als die Wanne voll ist, frag ich mich, ob er jetzt wohl zurück zu ihr gefahren ist.
Ob sie von mir weiß?
Lasse meinen Kopf im Wasser versinken, als ob der Sauerstoffenzug was gegen meine Besessenheit ausrichten könnte. Ich kann nicht aufhören an ihn zu denken. Ich muss hier weg. Jetzt sofort.
Joel strahlt bis über beide Ohren, als er mich am Flughafen abholt. Viel zu lange sei es schon her, dass wir uns gesehen haben – wie es kommt, dass ich so kurzfristig in der Stadt sei. Ich antworte das sei arschlochbedingt, lächle gequält.
Keine Sorge, Mädchen. Berlin heilt arschlochbedingte Blessuren schneller als Psychopharmaka. Er klopft mir auf die Schulter.
„Wollen wa wetten, Klene?“