#142

Ich google die Nummer vom Notruf. Verwähle mich, statt dem Notarzt hab ich die Telefonseelsorge an der Strippe. Ich erzähl dem Mensch von meiner Schwäche für psychoaktive Substanzen, meiner toxischen Beziehung , meiner horrenden Stromrechnung und von dem kleinen schwarzen Punkt an der Innenseite des linken Ellebogens.
Ja, die Kelag ist ein Arschverein, besänftigt mich die Stimme am anderen Ende der Leitung. Da kann man schon mal stinkig werden, auch wenn Öko Strom teurer ist als der aus Fukushima. Welche Drogen ich nehme, streut er wie beiläufig ein.
„Alle, seit ich den schwarzen Punkt entdeckt hab.“ ,flüstere ich als ob uns jemand belauschen würde..

#antidetox #joy #lovelife #friendshipgoals

Muss jetzt stark sein, Stützen dürfen nicht wegbrechen. Ich zerre sie in den Vortrag, überzeug sie von der Notwendigkeit seine Feinde zu kennen. Komm schon, du hast mich überlebt – was soll so ein Scheiß Tumor schon anrichten.
Sie lacht, als wir uns einen der freien Sitzplätze in der letzten Reihe checken. Ich frage sie leise, was so lustig ist. Sie sagt, dass ich die einzige mit einem Bier in der Hand wäre. Ich entschuldige mich für meinen Egoismus, fische eine Flasche Prosecco aus meiner Tasche und halte sie ihr vors Gesicht.
Jetzt lachen auch alle die neben uns sitzen.
Leider hat niemand einen Öffner dabei, außerdem betritt der Gott in Weiß die Bühne um uns unstudierten Dumpfbacken aufzuklären – wie diagnostiziert man das, wie behandelt man das, was erhöht das Risiko dafür, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit es zu vererben, wie hoch ist die Mortalität? Titten hier, Titten da – Brustkrebs trallalala.
Wir werden zu gebombt mit medizinischen Wahrscheinlichkeitskalkulationen. Insgeheim warte ich auf eine Werbeeinschaltung für Ablebensversicherungen, während der Typ stoisch erklärt, dass Kinder krebskranker Eltern zu 50Prozent den Jackpot auch geknackt haben.
Ihre tieftraurigen Augen starren in meine.
„Keine Sorge, Sanny. Das Böse stirbt nie. So wie ich autofahre, krepiere ich sicher nicht an Krebs, keine Panik.““
Lächelnd lege ich meinen Arm um ihre Schulter, während ich mit der anderen blind tippe:
„Braun. Weiß. Bin in ner Stunde da.“
Lieber Speedball als Mamakarzinom.
Ich lass mir doch nicht vorschreiben woran ich mich abschaffe!

#Testoseronveganer

Naja und dann wollt ich mir eigentlich in Ruhe einen Porno angucken und onanieren. Eigentlich….
Weil erst hat die depperte Rettung so laut tatütata gemacht, dass ich die Stereoanlage auf dreitausend Dezibel drehen musste, um nicht ständig daran erinnert zu werden, dass der alte Kerl vor meiner Tür schlaganfallisiert da am Boden herumzuckt. Der soll gefälligst woanders kollabieren – sonst sagen wieder alle ich bin Schuld weil einer bissl zu heftig rockt… Wie menschliches Junkfood behandeln die mich – jeder will mich, auch wenn alle sagen ich bin toxisch.
Quasi Gluten mit Titten und Muschi.
Abgesehen davon bin ich beunruhigt, weil ich nur noch einen einzigen Rauchmelder mein Eigen (bzw. funktionstüchtig) nennen kann – ich hab Angst beim Wichsen an einer Rauchgasvergiftung zu ersticken.
Ja. Im Ernst.
Kohlenmonoxid als Todes – ist wie Schwangerschaft als Hochzeitsursache.
Domestizierter Abgang für Testosteronveganer.

#unfertigmonsieurriemer

#joel

Um der ganzen Angelegenheit die verdiente Dramatik zu verleihen, verstecke ich mich solange hinter den Müllcontainern, bis er endlich aus dem Treppenhaus geschlichen kommt, in sein Auto steigt und verschwindet. Mittlerweile schneit es, der eiskalte Asphalt hat meine nackten Füße dunkelblau anlaufen lassen, ich husche so schnell wie möglich zurück nach drinnen, als sein immer leiser werdendes Motorengeräusch mich endgültig überzeugt.
Mein zufällig vorbeikommender Nachbar schaut nicht minder verwirrter, als der eben abgezischte EX-Stecher. Die sind sicher alle dement, weil sie viel zu viel Gluten in sich reinstopfen. Würden die nicht ständig raffiniertes Weißmehl futtern, müssten sie auch nicht so deppert dreinschauen wenn sie mich sehen.
„Fräulein Nachbarin, hat der Exekutor die Schuhe auch gepfändet?“ ,will der senile Möchtegern-Komiker wissen, als ich mich durch die halb geöffnete Eingangstüre zwänge.
Wenn Arroganz töten könnte, würde er jetzt in Fetzten gegen die Glasfront des Gebäudes fliegen:
„Nein Herr Nachbar. Er hat sie geklaut um sie ihrer Frau zu schenken, weil sie letztes Mal so brav geschluckt hat. Schönen Tag noch. Grüßen Sie die Gattin schön von mir“, verabschiede ich mich mit einem Hechtsprung über die Treppe direkt zurück in meine vier Wände. Zur Sicherheit verschließe ich die Türe doppelt. Hab schließlich keine Lust auf einen eifersüchtig-rasenden-Tattergreis auf Rachefeldzug. Ach was, denk ich mir – der alte Sack ist sicher schon krepiert. Oder er hat sein Hörgerät auf lautlos geschalten – wieso sonst ist es so leise da draußen?

#präventivepsychohygiene

Da die Sache mit meiner geplanten Abstinenz genauso super funktioniert, wie mein verfickter-Drecks-Geschirrspüler beherzige ich den Rat aus dem Internet – erstmal tief durchatmen. Der Gestank aus dem defekten Gerät zwingt mich nach einem Hundertstel Atemzug allerdings zur oralen Luftzufuhr- was mich wiederrum so aufregt, dass ich ein weiteres Mal gegen den Krempel schlage und mir dabei die Faust verrenke.
Anschließend schrei ich auch noch den Rechner an, wieso zum Teufel sagt der, mit bisschen Luft holen ist alles super? Arschlochtechnik, atme doch selbst mal tief durch. Wutentbrannt schleudere ich den Laptop in den versifften No-Name-Tellerwäscher und schlage mit der angeknacksten Hand noch mal dagegen – kaum springt die Türe in die Verankerung beginnt das Teil tatsächlich zu waschen. Hätte ich gewusst, wie einfach das ist, hätt ich schon viel eher einen Computer reingedroschen.
Nach der ganzen Aufregung brauch ich was für die Nerven – die beste aller Verlegerinnen hat mir Gott sei Dank Wodka geschenkt. Ich verspreche mir und meiner Leber, den Ramadan auf 2020 zu verlegen, während ich mir die Kaffeetasse voller Stolichnaja fülle und meine Mails übers Handy checke, da das andere Internetgerät gerade ertränkt wird.
Komischerweise entdecke ich eine Nachricht, die von meinem eigenen Account gesendet wurde. Als ich sie fertig gelesen habe, atme ich so tief durch, wie ich kann. Außerdem zähle ich dabei bis hundert um mich zu beruhigen. Bei hundertundeins knallt das Samsung gegen den Schnaps – Gott hat anscheinend Mitleid und lässt beide überleben.
„Was zum Teufel ist denn bei dir los?“, erkundigt sich Mister L., der so unerwartet wie die soeben erhaltene Erpressermail hereinschneit.
„Was zum Teufel willst du hier? Ich hab so schon genug Ärger, lass mich einfach in Ruhe.“, versuche ich ihn abzuwimmeln.
Er versteht kein Wort von dem was sage, die Bumsgeräusche der zwei Elektrogeräte übertönen sogar mein hysterisches Gekeife. Ratlos mustert er mich, mit schüttelndem Kopf öffnet er den Geschirrspüler.
„Was zum Teufel….?“
Ich kralle nach der Flasche Wodka, er fasst sich an den Kopf.
„Kein Geld mehr fürs Antiviren-Programm, oder wieso wäscht deinen PC zusammen mit dem Spaghetti Sieb? erkundigt er sich.
„Weil du sexuell und emotional untauglich bist.“
Wie kann der Kerl bloß so begriffsstutzig sein? Wie kann man mit so einem Spatzenhirn überhaupt lebensfähig sein?
„Und du Irre schießt dich am Vormittag komplett ab, randalierst deine Bude zu Tode und fickst mein Hirn zu Brei.“
Als ob das Rechtfertigung genug wäre, scrolle ich am Display des Handys nach unten, um ihn die Mail zu zeigen.
„Hallo!
Wie Sie vielleicht bemerkt haben, habe ich Ihnen eine E-Mail von Ihrem Konto aus gesendet.
Dies bedeutet, dass ich vollen Zugriff auf Ihr Konto habe.
Ich habe dich jetzt seit ein paar Monaten beobachtet.
Tatsache ist, dass Sie über eine von Ihnen besuchte Website für Erwachsene mit Malware infiziert wurden.
Wenn Sie damit nicht vertraut sind, erkläre ich es Ihnen.
Der Trojaner-Virus ermöglicht mir den vollständigen Zugriff und die Kontrolle über einen Computer oder ein anderes Gerät.
Das heißt, ich kann alles auf Ihrem Bildschirm sehen, Kamera und Mikrofon einschalten, aber Sie wissen nichts davon.
Ich habe auch Zugriff auf alle Ihre Kontakte und Ihre Korrespondenz.
Warum hat Ihr Antivirus keine Malware entdeckt?
Antwort: Meine Malware verwendet den Treiber.
Ich aktualisiere alle vier Stunden die Signaturen, damit Ihr Antivirus nicht verwendet wird.
Ich habe ein Video gemacht, das zeigt, wie du befriedigst dich… in der linken Hälfte des Bildschirms zufriedenstellen,
und in der rechten Hälfte sehen Sie das Video, das Sie angesehen haben.
Mit einem Mausklick kann ich dieses Video an alle Ihre E-Mails und Kontakte in sozialen Netzwerken senden.
Ich kann auch Zugriff auf alle Ihre E-Mail-Korrespondenz und Messenger, die Sie verwenden, posten.
Wenn Sie dies verhindern möchten, übertragen Sie den Betrag von 337€ an meine Bitcoin-Adresse
(wenn Sie nicht wissen, wie Sie dies tun sollen, schreiben Sie an Google: „Buy Bitcoin“).
Meine Bitcoin-Adresse (BTC Wallet) lautet: 1G1qFoadiDxa7zTvppSMJhJi63tNUL3cy7
Nach Zahlungseingang lösche ich das Video und Sie werden mich nie wieder hören.
Ich gebe dir 48 Stunden, um zu bezahlen.
Ich erhalte eine Benachrichtigung, dass Sie diesen Brief gelesen haben, und der Timer funktioniert, wenn Sie diesen Brief sehen.

Eine Beschwerde irgendwo einzureichen ist nicht sinnvoll, da diese E-Mail nicht wie meine Bitcoin-Adresse verfolgt werden kann.
Ich mache keine Fehler.
Wenn ich es herausfinde, dass Sie diese Nachricht mit einer anderen Person geteilt haben, wird das Video sofort verteilt.
Schöne Grüße!“

Mister L.´s Tonfall wird um eine Nuance sanfter, als er fertig gelesen hat und seinen Blick wieder mir zuwendet:
„Und warum bin ich an allem schuld?“
Dreimal bis zum Anschlag Luft in die Lungen pumpen, versuchen die Selbstbeherrschung zu finden.
„Hättest du Idiot mich anständig penetriert, müsste ich nicht ständig Online-Pornos schauen. Dann hätt ich mir auch keinen Virus beim Wichsen eingefangen, sondern maximal eine aufgeribbelte Playstation. Wundgescheuerte Schamlippen erpressen niemand. Und wenn du meinen Geschirrspüler repariert hättest, dann würde mein Rechner noch leben. Es ist alles deine Schuld -ist das so schwer zu begreifen?“
Sein verständnisvolles Nicken will nicht so ganz zu dem unterdrücktem Grinsen passen, das einfach nicht aus seinem Gesicht verschwinden will.
„Du bist ein Idiot, ich hasse dich.“
Er lächelt.
„Je öfter ich das von dir höre, desto mehr verliert es an Wirkung, Babe.“
„Ach ja? Dann fick dich doch selbst. Und außerdem hängt dein Penis schief, du unsensibler Mistkerl“, brülle ich ihn an, renne wütend und barfuß aus der Wohnung um ihn zu beweisen dass es mir Ernst ist, knalle ich auch noch die Eingangstür zu.
„Schatz, du musst nicht aus deiner eigenen Wohnung flüchten“, höre ich ihn noch rufen.
Na der wird sich wundern….

#stillalive

Seine Hand touchiert meinen Kehlkopf, mir stockt der Atem. Wie aus dem Nichts baut sich diese unsichtbar-unerklärbare Wand zwischen seiner und meiner nackten Existenz auf. Zitternd drücke ich ihn von mir weg, so vehement, als ob es ums reinrassige Überleben ginge.
Ich kann ihn nicht mehr ansehen, nicht mehr riechen – alles an diesem Mann ist mir so unglaublich fremd geworden. Sein Schweiß tropft mir ins Gesicht, ich kämpfe gegen den Würgereiz. Hab ich dich nicht mal geliebt?
„Tut das gut?“, fragt er, dickköpfig weiterfickend.
Ich frage, ob er mich ignoriert, oder verarscht.
Er versteht die Frage nicht.
Empathie Behinderung hoch Tausend.
Ich dachte ich könne mit Narzissmus umgehen.
Er legt die Finger um meinen Hals, belehrt mich eines Besseren.