Jesus liebt mich. Und meinen Vogel.

Vor Kälte zitternd erreiche ich schließlich die beheizte Wartehalle des Bahnhofs. Gott sei Dank bin ich die einzige Person, die um die Zeit hier herumschleicht. Otto Normalverbraucher sitzt Werktags  pflichtbewusst -gefesselt am Schreibtisch, so wie es sich für anständige Bürger gehört. Im Gegensatz zu mir:

Mit der anmutigen Eleganz eines nassen Putzfetzens klatsche ich auf einen Stuhl, lasse meinen Kopf zwischen die Oberschenkel sinken und schließe die Augen. Verdammt. Es dreht sich immer noch.

Kralle meine Finger um die Armlehnen, verkrampft halte ich mich daran fest, bete dass das Kopf- Karussell anhält. Tut es aber nicht.  Plötzlich reißt mich eine Stimme zurück in die Wirklichkeit.

„Verzeihen Sie, junge Frau. Aber man kann ihren Hintern sehen.“

Wo zum Teufel kommt denn die grauhaarige  Schnalle auf einmal her?

Zutiefst erschrocken  verliere ich die Contenance und kotze der Anstandstante vor die Füße. Immer noch würgend wische ich mit dem Handrücken über die Mundwinkel und glotze sie verstört an:

„Mein Arsch ist momentan das kleinste Problem. Hätten sie vielleicht einen Kaugummi für mich?“

Völlig unaufgeregt macht die alte Frau einen Schritt zur Seite, um nicht in die Schweinerei zu treten. Verständnisvoll lächelnd nimmt sie neben mir Platz, zieht eine Packung Fishermens Friend aus ihrer Tasche:

„Sie kommen aus Kärnten?“

Verschlucke mich an einem der Zuckerl, ringe nach  Luft. Sind sie zu stark, bist du zu dicht.

„Was hat mich verraten? Die vollgereiherten Schuhe, oder die Spermaflecken im Haar?“

Vergrabe den wummernden Schädel unter meinen Händen, wenn ich sie nicht sehe, bin ich auch unsichtbar für sie, oder?

Auf einmal spüre ich eine Hand an meinem Rücken, flüchtiges Kribbeln über der Wirbelsäule, das Geräusch erinnert an ein ruckhaft abgezogenes Pflaster.

„Eigentlich das  Haider Bild auf ihrer Kutte“, mit einem breiten Grinsen streckt sie mir das Portrait in die zitternden Hände und verabschiedet sich als der Lautsprecher den einfahrenden Zug ankündigt.

Echt jetzt?

Welcher Komiker hat mir Jörg aufs Kreuz gepickt?

Schockiert über das Ausmaß an Pietätlosigkeit wanke ich in die Toilette. Nur um sicherzugehen, dass mir niemand ein Hakenkreuz auf die Stirn-  oder einen Hitlerbart über die Oberlippe gemalt hat, checke ich mein Spiegelbild.  Keine Nazisymbole zu erkennen – allerdings sehe ich aus, als würde ich direkt aus dem zweiten Weltkrieg kommen. Frisch und vital wie eine aufgequollene Wasserleiche.

Versuche mir das zerknitterte Bild des verstorbenen Kärnten Königs nochmal anzukleben, in der Hoffnung  dadurch von meinem elendigen Anblick abzulenken.

Allerdings werde ich abrupt von meinem Vorhaben abgelenkt, als mein Telefon klingelt.

Steffi klingt unentspannt:

„Sag mal wo steckst du denn? “

Ich erzähle ihr von meiner misslichen Lage und bitte sie, mich abzuholen.

„Maja, du hast so einen Vogel! Bleib wo du bist und lass dich nicht von fremden Kerlen anquatschen. Ich bin in einer Stunde bei dir. Übrigens sind  wir fristlos gekündigt. “

Erleichtert  schmeiße ich Jörg in den Mistkübel.

„Ich freu mich. Bis später.“

30 Antworten auf „Jesus liebt mich. Und meinen Vogel.

      1. Wohnt da der böse Zwilling in einem alten Pappkarton? Den darf man nicht im Keller einsperren… Der bekommt das Gästezimmer mit der schönen Aussicht. Einen besseren Freund findet man nicht in diesem Jammertal ☺️

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      2. Und gleichsam sperren sich die Wärter mit ihren Gefangenen selbst im Keller ein. Werden dadurch vom Wärter zum Gefangenen. Ein wahrer circulus vitiosus … Im Bezug auf Obsession gibt es nur den Weg des heiligen Georg … den Drachen nicht zu töten, das wäre grausam und selbstzerstörerisch, sondern nieder zu ringen und am Boden zu halten. Bis er zahm ist und sich mit einer Hand streicheln und aus der anderen Hand füttern lässt.

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      3. Wer sich von aussen die fehlenden Teile seines Selbst beschaffen möchte jagt seinen eigenen Schwanz und kommt nie zum Ziel. Ganzheit lässt sich nur aus den Bestandteilen generieren.

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      4. Beim Sterben ist man dann wieder alleine. Da nützt einem ein Gegenpol im Aussen nichts. Daher ein Irrweg dort seine Ganzheit finden zu hoffen. Frieden findet man so nicht.

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      1. Schlafen ist nicht das Problem. Wach zu bleiben während dem schlafen ist die hohe Kunst. Die Kontinuität der Bewusstheit. Ansonsten nutze ich werktags die frühen Stunden zum Lesen. Daher tickt meine innere Uhr in diesem Takt 😀
        Und Du hast Deine kreativen Phasen am frühen Morgen (oder späten Abend – je nach Sichtweise)?

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