Komm mit mir ins Erdbeerland

Und während Emma mit ihrer Familie den sechsten Geburtstag des mittleren Sohns feiert, martert mich die Frage, was zur Hölle ich hier eigentlich mache.

Andere Leute sind in dem Alter verheiratet, haben ein Haus gebaut, Bäume gepflanzt und mindestens ein Stück Nachwuchs produziert. Und ich?

Hab mehr Kilometer auf dem „Walk of Shame“ zurückgelegt, als  Haile Gebraisselasse jemals gelaufen ist.

Emma zündet die Kerzen auf der Torte an und singt mit dem Kinderrudel „Happy Birthday“, ich stehe vor dem Badezimmerspiegel und stemme mich mit aller Kraft gegen die sichtbaren Spuren, die die vergangene Nacht in meinem Gesicht hinterlassen hat. Tiefe, schwarzgraue Ränder zeichnen das Bild einer intensiven Phase unter meine Augen.

Hab doch irgendwo mal gelesen, dass Gurkenscheiben dagegen helfen sollten. Zwei Stück auf die müden Leuchter geklatscht und fünf Minuten später wird aus Christiane F. plötzlich Willi Dungl.

Oder?

Einen Versuch wär’s wert.

Doch weder im Kühl- noch im Schuhschrank lässt sich eine Gurke finden. Nur um absolut auf Nummer Sicher zu gehen, schaue ich auch noch im Putzmittelkastel. Doch darin herrscht gähnende Leere.

Weder Seife, noch Gemüse.

Hmmm.

Ob der Pizzaservice auch Gurken liefert?

Luigi klingt angepisst, als ich ihn nach der Mindestbestellmenge frage. Er sei schließlich kein Gemüse- sondern ein Pizzalieferant. Ich solle mir die fünfzehn Kilogramm Gurken sonst wohin stecken. Warum diese Südländer auch immer so aggressiv sein müssen, das liegt sicher am Gluten. Von mir aus soll er sich doch zum Teufel scheren, scheiß verkackter Pizza Wichser.

Gibt schließlich noch andere Wege, um gesellschaftstauglich auszusehen. Scheiß auf Salat, ein Hoch auf psychoaktive Substanzen.

Nein, Gaddafi ist immer noch hier.

Wir trinken Tee und unterhalten uns.

Ja, wir müssen hier weg. Andernfalls werden die uns eines Tages finden.

Muammar lacht sich ins Fäustchen:

„Sie werden dich nicht finden. Niemand wird dich finden. Du bist bei mir.“

Hansi Hölzel zeigt uns im Vorbeigehen den Stinkefinger, Gaddafi singt das Lied vom Kommissar, ich ringe nach Luft, um nicht umzukippen.

Der Schnee auf dem wir alle talwärts fahren, kennt heute jedes Kind.

Gaddafi tanzt.

Losgelöst, als ob es kein Morgen gäbe.

Mein Mund steht weit offen; staunender Versuch, treffende Worte für die Szene zu finden scheitert.  Wie aus dem Nichts, taucht der Unbekannte im Kapuzenpulli neben mir auf, wortlos reicht er mir seine Hand, aus der ein kleines Päckchen in meine fällt.

Er sagt ich solle einfach den Mund aufmachen. Ich tue, was er verlangt, widerstandslos lasse ich mir die bunten Pillen in den Rachen kippen.

Falco bleibt plötzlich stehen.

„Gut gehen muss es dir, Baby.“

Ich will tanzen.

Wer ist der Typ im Strache Shirt?

Ist es…?

Nein….?

Doch.

Jörg hat Sinn für Ironie. Das würde zumindest den blauen String erklären.

Aus sicherer Entfernung beobachte ich den abgedankten Landeshauptmann,  Falco und Gaddafi beim Crack rauchen. Ob ich auch mal probieren sollte?

Haider schüttelt den Kopf, Muammar kniet vor ihm.

Einen Block weiter bringt Emma ihre Kinder ins Bett.

Und während Gaddafi den Bärentaler unter dem Mistelzweig hochbläst, flüstert mir Falco ins Ohr:

„Komm mit mir ins Erdbeerland“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Unmenschlichkeit und Un-Menschen ohne Gewissen

Grauer Schleier trotzt der Sonne, kein Lichtstrahl der durch den Nebel seinen Weg hier runter findet. Passt zu meiner verkackten Laune.

Kann seit Tagen keinen klaren Gedanken mehr fassen, verpeilt und ferngesteuert versuche ich zu funktionieren. Viel zu wenig leben, viel zu viel existieren.

Jammern auf hohem Niveau, stemme mich mit aller Kraft dagegen, mobilisiere sämtliche Energiereserven. Knapp an der Grenze zum geht-nicht-mehr renne ich wie vom Teufel gejagt neben der Drau entlang.  Wie gern würd ich einfach nur noch schlafen….

Ganz egal wie heftig ich in den Asphalt trete, immer und immer wieder wiederholt sich der wirre Scheißdreck in meinem Kopf. Dabei sollte man nach drei Jahren doch einen Knopf zum Ausschalten gefunden haben? Anscheinend nicht,  proportional zu meiner Sehnsucht steigt die Verwirrung ins Unendliche…

Positiv denken.

Alles wird gut. Und wenn es nicht gut ist, dann kann es auch nicht das Ende sein.

Herz- auf Anschlag.

Kaum wahrnehmbare Tropfen, wie schmelzende Eiskristalle auf der Haut. Es kitzelt, ich wische mit dem Handrücken über die Wange, als sich das Sonnenlicht schlagartig einen schmalen Weg nach unten gecheckt hat und mich kurz blendet.

Lächelnd, mit einem Hauch Optimismus komme ich zurück nach Hause, völlig unvorbereitet auf das, was in der Zwischenzeit in Berlin geschehen ist.

Wiege mich kurz in Sicherheit, bevor mit dem Einschalten des Fernsehers auch der letzte Rest an Vertrauen in die Menschlichkeit das Weite sucht.

Auf Nimmer Wiedersehen und frohe Weihnachten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Fick dich.

Bin mir nicht sicher ob mir die Unendlichkeit dieser beinahe-Romanze oder das eigene Lamentieren mehr auf die Nerven geht.

Warum lasse ich mich so behandeln?

Hatten wir nicht schon zig-tausend Mal einen Schlussstrich gezogen?

Wieso kommen wir nicht voneinander los?

Ich wünschte ich könnte dich vergessen. Warum ist es so schwer, sich zu entlieben?

Als würde ein nasses Handtuch auf der Brust kleben, Luft holen für Fortgeschrittene..

Ersticke an Sehnsucht, Gott wie ich dich vermisse. Neurotische Jagd nach dem felhlendem Teil; vergessenes Detail im großen Ganzen… Wo bist du jetzt?

Renne orientierungslos durch das Chaos, das du angerichtet hast. Lachend schickst mich mitten ins Nirgendwo, ein Hoch auf euch Sadisten.

Auf das ihr an eurem Zynismus erstickt.

 

 

Standbild auf Wolke 7

Seine Augen mustern mich erwartungsvoll. Vorsichtig streicht er eine Haarsträhne aus meinem Gesicht, für einen kurzen Augenblick scheint die Zeit still zu stehen. Er strahlt heller als alle Sterne zusammen, unsere Blicke kreuzen sich. Ich bin geblendet von ihm, verliere mich in diesem Lächeln.

Verliere mich in ihm.

Fassungslos winke ich dem letzten Rest an Selbstbeherrschung hinterher. Wusste gar nicht wie schnell die verschwinden kann, wenn es darauf ankommt.

Fast so rasant, wie das Shirt, ist auch meine Contenance entwischt. Vorsichtig aber sehr bestimmt zieht er es über meinen Kopf, er wirkt zufrieden, als ich nackt vor ihm knie.

Stolpernder Herzschlag schießt mich immer weiter nach oben, ganz egal wie dünn die Luft dort ist. Je höher der Flug, desto tiefer der Fall?

Vorausgesetzt, man möchte jemals wieder von dort runter kommen….

 

 

 

Polytoxikomanie

Es kribbelt wie Millionen laufender Ameisen unter der Haut, Tims Augen werden schwarz. Seine Pupillen funkeln so groß wie der Vollmond über unsren Köpfen.

Ich muss an Schuhu denken. Dem Polarvogel würde es bei den Temperaturen sicher gefallen.

„Alles in Ordnung bei dir?“

Tim bemerkt den grübelnden Ausdruck in meinem Gesicht.

„Passt schon. Musste nur grade an eine Eule denken.“

Unter uns tausende Feiernde, die der Kälte trotzen und genauso vom unerwartet einsetzenden Bass überrascht werden wie wir hier oben.  Mit der Schlagkraft einer Abrissbirne beschleunigt der DJ den Beat, die Menge tobt im Stroboskopgewitter. Über uns die Sterne, darunter der Flow – Euphorie macht sich breit und wie zum Beweis tanzt Jan durch die offene Balkontüre zu uns nach draußen:

„Leute, ich liebe euch.“

Jetzt wo er´s sagt, spür ich´s auch plötzlich. Außerdem krampft mein Kiefer mit seinem um die Wette.

Ob sich Vögel  verlieben können?

Haben Eulen Kiefer?

Diese ganze Fragerei bringt mich aus dem Takt. Ich kann nicht tanzen und denken gleichzeitig. Für Multitasking ist es zu kalt. Und zu spät. Und zu dicht.

Über uns schießt ein rosa Lichtblitz in den schwarzen Himmel, knapp gefolgt von neongrünem Blinken das die rotierende Menschenmenge wie ein großes Ganzes erscheinen lässt. Hektisch drehe ich mich um die eigene Achse und laufe durch das Zimmer nach draußen. Ich muss da runter. Mittendrin statt nur dabei…

Schiebe mich durch den Einlass  nach vorne, das Wummern in der Magengegend wird umso heftiger, je näher ich den Boxen neben dem DJ Pult komme. Wie ein zusätzlicher Stromschlag der das Nervensystem auf Vollgas dreht, gepusht und losgelöst. Mit dem Hauch einer Ahnung, wie sich Vollkommenheit anfühlt.

Zack. Bumm. Tauch.

Filmriss.

Starke Arme, die sich unter meine hacken. Als würde mich jemand wegziehen. Wohin ist der Bass verschwunden? Blinzle verstohlen durch ein halb geöffnetes Augenlid in die Dunkelheit.

Bin ich etwa gestorben ?  

Kann nur verschwommene Silhouetten erkennen, es ist so gespenstisch ruhig um mich herum. Außer dem Wummern im Kopf und einem lauter werdendem Atemgeräusch knapp hinter mir scheint es still geworden zu sein.

WO bin ich hier?

Versuche mich aus dem klammernden Griff zu befreien, kapituliere aber, als meine Oberschenkel ihren Dienst versagen und das schwache Licht zum zweiten Mal ausgeht.

Ob Eulen Winterschlaf halten?

Wie schmeckt so ein Vogel?

Stehen Schuhus unter Naturschutz?

Ich glaube er schmeckt nach Strauß.

Wieso riecht es hier nach Marihuana?

Wessen Atem spüre ich im Nacken ? 

Panisch  reiße ich die Augen auf. Der Teddybär neben dem Kopfkissen ist mir völlig unbekannt. Vielleicht sieht er deswegen so apathisch in meine Richtung? Wer zum Teufel kifft hier? Hatte ich letzte Nacht Sex? Und wo bin ich eigentlich?

Und welcher Vollspast kauft sich Bettwäsche mit Hirschköpfen drauf?

Verstohlen werfe ich einen Blick unter die Decke, die höchstwahrscheinlich von Jägermeister gesponsert wurde –  und siehe da, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Ich bin tatsächlich noch angezogen. Inklusive Stiefel.

Die Frage nach dem Koitus wäre somit vom Tisch.

Noch ehe ich eine Antwort auf eine der anderen existentiellen Ungewissheiten finden kann, schreckt mich das dreckige Lachen hinter mir auf. Kreische wie ein kleines Mädchen und springe mit der Dynamik einer Heuschrecke auf Amphetamin aus der Pritsche hoch.

An deren Fußende sitzt unterdessen ein amüsiert aussehender Tim, der vor Lachen beinahe auf den Parkettboden kracht. Wäre mir nicht so schwindelig, würde ich ihn eine reinhauen. Doch noch bevor ich das Gleichgewicht wieder finde, gebe ich dem Zittern meiner Beine nach und lasse mich zurück aufs  Bett fallen.

„Bist du bescheuert?“

Tims Blick verfinstert sich:

„Zumindest weiß ich, wann genug ist, du Irre.“

Wovon redet der denn?

Irgendetwas summt. Außerdem glaube ich, dass mein Kopf explodiert. Ein schmaler Lichtstrahl fällt durch die Vorhänge auf das Fußende des Betts. Genau dorthin wo das nervige Geräusch herkommt.

Verdammt. Mein Telefon.

„Hör auf mich irre zu nennen. Du weißt, dass mir das nicht gerecht wird.“

Lachend öffnet er eine Cola und streckt sie in meine Richtung.

„Stimmt. Du bist geistesgestört hoch tausend. Dafür gibt’s noch gar kein Wort“

Die Kohlensäure brennt furchtbar im Hals, doch der Zuckergehalt der Limo holt mich für eine Weile wieder runter von meiner Welle. Und noch während ich mich frage, welcher Tag heute ist, summt es erneut. Ach ja, das Telefon!

Beim Checken der ungelesenen dreihundert Nachrichten stockt mir der Atem, als ich seine entdecke:

Er würde mich immer noch lieben. Und wollen sowieso.

Mein Herz tanzt.

Ob er auch manchmal an große, weiße Vögel denkt?

Ob der große, weiße Vogel manchmal auch an uns denkt, wenn er sich das Herz bricht?

Geht das ohne Kiefer überhaupt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blind Date für Fortgeschrittene

Jeder Schritt schmerzt, aber ich würde mir eher die Schneidezähne schwarz anmalen, als mit  Krücken bei ihm aufzutauchen. Raubtiere lassen sich Wunden niemals anmerken, lieber nicht-schwarz- angemalte Zähne zusammen beißen als verletzlich erscheinen. Das könnte Kopf und Kragen kosten.

Vom Gin betäubt  gelingt es, unhumpelnd über die Treppe nach oben zu gelangen. Elegant geht trotzdem anders.

Alex grinst belustigt.

„Lachst wohl gerne über Behinderte?“

Gespielt entrüstet angle ich mir seinem Drink.

„Eigentlich lache ich wegen deiner Eitelkeit.“

„Sagt der Kerl im rosaroten String Tanga. Wieso steht auf deiner Unterhose eigentlich Olaf? Klaust du die Dinger?“

„Sicher sind die gestohlen. Irgendwo muss man schließlich sparen.“

Mister Minislip holt eine Flasche Champagner aus der Küche während ich mich ausziehe und in die Sonne lege, die für diese Jahreszeit ganz schön heftig vom Himmel knallt.

Er fragt, ob ich hungrig sei. Ich schiebe seinen rosa String zur Seite- und den dahinter versteckten Schwanz in meinen Mund.

Aber eigentlich ist das nichts zum Essen.

Öffne die Augen und bemerke beim Blick nach oben die Überraschung in seinem Gesicht.

Sekunden später kippt mir die Kinnlade nach unten, der kleine Prinz namens Olaf rutscht mir durch die Lippen nach draußen:

„Sag mal Olaf, ist das ein Schneeadler hinter dir“

Mit der Coolness eines James Dean zündet Alex sich eine Zigarre an, dreht sich um und lässt dicke Rauchschwaden in den dämmernden Himmel steigen, während seine Erektion punktgenau auf den Grund meiner Verwirrung zeigt.

„Guten Morgen Schuhu!“

Unbeeindruckt  springt der Riesenvogel hinter eine Mauer, verschwindet genauso schnell aus meinem Blickfeld, wie er gekommen war. Ist das ein Flashback oder hab ich heute versehentlich halluzinogene Substanzen konsumiert?

Vermutlich ist es die Höhenluft im Burgenland, die meinem Verstand einen Streich spielt.

„Ich sollte wirklich aufhören zu trinken.“

Starre regungslos über die Hecke, als plötzlich was Rosafarbenes an mir vorbeifliegt und in meinem Glas landet.

Jetzt schießt der Verrückte auch noch Tangas durch die Gegend. Alex lehnt sich paffend an die Mauer, ich fische das Wurfgeschoss aus meinem Champagner und ziele damit auf ihn.

„Du wirfst wie ein Mädchen“ , tiefenentspannt weicht der nackte Kerl seiner vorbeifliegenden Unterwäsche aus, die Sekunden später gegen die vergitterte Wand des Nachbargebäudes knallt, hinter der auf einmal wieder der weiße Vogel auftaucht.

Ich hätte die Psychopharmaka wohl doch nicht so abrupt absetzen dürfen.

„Sieht man für normal bei einem Delirium nicht weiße Mäuse?“

Alex spielt mit seinem Schwanz:

„Nagetiere sind was für Amateure, Schätzchen. Schneeeulen sind der Rolls Royce unter den entzugsbedingten Albino Halluzinationen“

„Du musst es ja wissen. Immerhin hast du bereits maturiert, als Hitler einmarschiert ist.“

Keine drei Sekunden später werde ich recht unsanft auf den Holztisch gedrückt.

„Du bist ziemlich frech für eine behinderte Irre“

Sein wachgerubbelter Ständer steckt schneller in mir, als ich „scheiße-ist-das-geil“ sagen kann, taktgenau fickt er mich in die Sprachlosigkeit.  Ächze benommen in seine Hand, die er mir auf den Mund drückt. Um seinem Griff zu entwischen, drehe ich den Kopf zur Seite, als ich schlagartig bemerke, dass wir beobachtet werden.

Meine Erregungskurve sackt entschlossener in den Keller als Josef Fritzl vor seiner Inhaftierung. Es fühlt sich pervers an von einem voyeuristischen Uhu beim Ficken beobachtet zu werden. Sogar in meiner Welt.

Alex entgeht mein Unbehagen keineswegs, er nimmt mich an der Hand und zieht mich nach drinnen. Falle vor ihm auf die Knie, lecke über die Innenseiten seiner Oberschenkel. Langsam arbeite ich mich nach oben, lasse meine Zungenspitze über sein Allerheiligstes tanzen. Ich spüre das Zucken in seinen Oberschenkeln, unkontrolliert und in immer kürzer werdenden Abständen verrät es das nahende Zielfeuerwerk.

Die weiße Fontäne streift meine Wange, seinem erlöst klingendem Stoßseufzer folgt ein wütender Aufschrei von draußen. Im nächsten Moment klatscht etwas gegen eines der Fenster. Klingt nach nassem Fetzen. Ich tippe mal auf Olafs Tanga.

Verängstigt und vollgewichst klammere ich mich an ein Bein, immer lauter wird das Gebrüll jenseits der Terrassen Tür.

„Mach dir keine Sorgen, der Nachbar hat grad seine fünf Minuten.“

Alex löst sich aus meiner Umarmung  um die Türe einen Spalt weiter zu öffnen.

„Was will denn die Arschgeige jetzt schon wieder?“, genervt schiebt er sich nach draußen um die Lage zu sondieren. Sein Schwanz steht nach wie vor kerzengerade in die Höhe als er dem Schreihals über den Gartenzaun zuwinkt.

„Meine Verehrung Herr Nachbar. Warum so unentspannt?“

Versteckt hinter einem der Vorhänge belausche ich das Gespräch.

„Geh scheißen du Koffer.“

Der klingt ja wirklich nicht sehr ausgeglichen, wie der wohl aussieht. Versuche einen Blick auf den Schreihals zu werfen, ziehe den Vorhang zur Seite, doch alles was ich erkennen kann ist Alex ‘nackter Arsch, den er wackelnd über die Grenzmauer streckt.

„In deinen oder in meinen Garten?“

„Du tickst ja nicht ganz richtig, perverser Volltrottel du.“

Alex dreht dem Kerl wieder seine Vorderseite zu:

„Dafür pudert deine Alte so gern mit mir. Die mag das.“

„Ich bring dich um du Arschloch.“

Wütendes Geplärre wandelt sich in hysterisches Kreischen.

„Wünsche dir auch noch ein schönes Wochenende. Grüß die Frau Gattin schön von mir. Falls du sie mal treffen solltest.“

Als wäre nichts gewesen stolziert Alex zurück ins Haus, köpft die nächste Flasche Dom Perignon und nimmt neben mir am Fußboden Platz.

„Was zum Teufel war denn das?“

Fassungslos schüttle ich den Kopf.

„Der zuckt immer aus, wenn er meine Unterhosen auf seinem Grundstück findet.  Ich mach doch auch kein Theater wenn seine Frau ihre BHs hier liegen lässt.“´

„Kann ich was Stärkeres zu trinken haben Alex?“

„Aber sicher doch, Schätzchen. Hat dich der Trottel so erschreckt?“

„Nein, aber ich finde die Art von Blind Dates gehört anständig gefeiert.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ganz schwierig oder Schwanz gierig?

 

 

 

 

Er wollte den Kontakt zu mir eigentlich abbrechen; zu schmerzhaft sei es dabei zusehen zu müssen, wie sich ein lieb gewonnener Mensch selbst zerstört.

Seine Augen werden dabei glanzlos, als starre er durch mich hindurch. Trotze dem Impuls zu widersprechen, was für ein heftiges Deja-vu.

Der traurig aussehenden Mann, der ratlos vor mir sitzt und den Tränen nahe scheint, ist einer von vielen, der sich früher oder später von mir abwenden wird.

Engste Vertraute, die den gemeinsamen Weg längst verlassen- und mir den Rücken gekehrt haben, niemand könne tatenlos der destruktiven Macht zusehen, die von mir Besitz genommen hätte. Ist es tatsächlich die Talfahrt in Richtung Untergang, oder nichts anderes als der übermächtige Wunsch, mich nicht in alltäglicher Monotonie zu Tode zu langweilen?

„Du musst doch an Später denken“

Wozu? Gestern ist tot und morgen kann alles zu Ende sein. Leben passiert hier und jetzt – wenn der Weg schön ist, ist es doch belanglos wohin er führt. Niemand weiß, was die Zukunft bringt, es kommt mir vor, als würden alle auf gute Zeiten warten. Sie werden aber nie besser, wenn man ständig in Sorge ist, was wohl die Nachbarn über einen denken. Scheiß drauf.

„Du bist doch bloß beziehungsunfähig weil du Angst davor hast, verletzt zu werden.“

Ich bin nicht unfähig. Nur unwillig. Wer will schon ständig denselben Schwanz lutschen?

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Wer gibt dir das Recht dazu?

„Du verschwendest deine Zeit“

Wirklich? Vielleicht ist es aber genau umgekehrt? Worin liegt der Unterschied zwischen deiner und meiner Jagd nach Erfüllung?

Du hast vergessen wie sich Fallenlassen anfühlt, das Kribbeln im Bauch gegen Routine und Sicherheit eingetauscht.

Wie lange ist es her, dass dein Herz vor Aufregung getanzt und dir einen Schauer über den Rücken gejagt hat? Kannst du dich noch an das Gefühl von Unsterblichkeit erinnern? Hast du dich jemals von einem wildfremden Menschen in der Öffentlichkeit ins Koma vögeln lassen? Kennst du den Rausch danach? Endorphin geflutetes Gehirn – und plötzlich knallst du lebendiger als ein verliebter Duracell Hase durch die Straßen.

Kompromisslose Intensität anstelle vorhersehbarer Eintönigkeit. Lachende Gesichter unter endlos erscheinenden Sternenhimmel feiern sich selbst. So unberechenbar und losgelöst als ob es kein Morgen gäbe. Würde es jetzt enden, dann mit einem fetten Grinsen im Gesicht und funkelnder Aura die heller strahlt als der Vollmond.

Frustriert verbringst du Nacht für Nacht neben einer Person, der du einst Treue bis in den Tod versprochen hast. Mittlerweile wäre es dir egal ob dieser jemand noch existiert, da ist kein Gefühl mehr.  Schämst dich für den Gedanken; immerhin sind da ja noch die Kinder. Und die Hypothek.

Ansonsten wärst du doch schon längst verschwunden aus dieser luftleeren Verbindung mit jemand, der dir fremd geworden ist. Stattdessen flüchtest du dich in immer mehr Arbeit, versteckst dich dahinter. Das Wahren des Scheins als oberstes Ziel deiner Existenz?

Wer verschwendet hier seine Zeit?