Paralysierter Moment

Paralysiert nach innen reißender Blick, in unbekannte Sphären schnalzender Puls, nie zuvor hat sich ein Lächeln so warm angefühlt, wie das des Fremden neben mir.

Der Moment, an dem man sich fragt, wie es sein kann, dass man sich nach einigen Augenblicken so vertraut und alles andere als unbekannt spürt. Haben die Verabredung gefühlte tausend Mal an- und wieder abgesagt, bevor wir es endlich geschafft haben und uns gegenüber stehen.

Müssen beide lachen, als wir den Größenunterschied bemerken.

„Du bist ja echt eine riesige Frau.“

„Ja, schaut aufm Bildschirm gar nicht so schlimm aus.“

Bin nicht weniger angetan von ihm, als umgekehrt. Eine gewaltige positive Ausstrahlung knallt mir direkt entgegen, bin unschlüssig was da eben passiert, entscheide mich dafür, dass es ja eh egal ist, solang es so gut kommt.

Als würde all der Mist vergangener Monate mit einem Mal von mir abfallen, unsicher wann ich mich zum letzten Mal so großartig in der Gegenwart eines Mannes gefühlt habe, genieße den Moment.

Wir feixen ohne Ende, am liebsten würde ich ihn sofort küssen und mit ihm nach Hause, doch eine bis dato unbekannte Stimme hält mich zurück. Wundere mich erst noch über meine Reaktion, doch als ich mich sagen höre, dass es nicht mein Stil sei, beim ersten Date die Nacht miteinander zu verbringen, habe ich absolut keine Ahnung was mit mir los ist. Den Satz hab ich erst ein einziges Mal zu einem Mann gesagt; das ist schon eine Zeit lang her, außerdem war ich da übelst verliebt. Was bitte ist mit mir los? Ansonsten bin ich  der lieber-vorvorgestern- als-Morgen-gefickt-Typ Frau.

Ganz besonders wenn der Mann nicht unwesentlich kleiner ist als ich. Scheiß auf die Oberflächlichen Prinzipien, lass dich darauf ein. Als wir beide auf Barhockern sitzen, fällt mir der Größenunterschied nicht mehr auf; losgelöst erzählen wir beide von unseren bisherigen Online-Dating Erlebnissen

„Kennst das Gefühl, wenn du meinst jemand schon dein ganzes Leben zu kennen, obwohl ihn erst vor einer Minute getroffen hast?“
„Keine schweren Fragen, beim ersten Getränk“

Unlösbar klebt mein Fokus in seinem Blick; der Energiefluss zwischen uns beiden scheint beinahe greifbar, so stark zieht er seine Bahnen durch den Raum.

Leeren unsere Drinks, zögernd fasst er an meine Hand, scheu wie ein Reh traut er sich kein einziges Mal in meine Augen zu sehen, spazieren über den menschenleeren Parkplatz.

Und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, bin ich tatsächlich zu zweit.

Lass los!

Lass los

Lern endlich frei zu fallen

Lass los

Es muss nicht immer nach Plan laufen

Lass los

Alles was bis jetzt war, war nur eine von tausenden Varianten

Lass los

Bevor du innerlich stirbst

Lass los

Du bist doch längst schon kalt

Lass los

Er ist es nicht wert um daran zugrunde zu gehen

Lass los

Weil du einzigartig bist

Lass los

Schieb dir dein Ego in den Arsch

Lass los

Weil Liebe völlig anders geht

Lass los

Er empfindet nicht mal annähernd gleich für dich

Lass los

Er war nur eine Lektion

Lass los

Heb den Kopf und geh einfach weiter nach vorne

Auf die Diversität

Auf die Arschlöscher.

Sie haben uns beigebracht Tiefschläge wegzustecken.

Auf die Psychopathen.

Sie haben uns Misstrauen gelehrt, unsere Sinne geschärft, wie Futter für die Paranoia.

Auf die eiskalten Gefühlskrüppel.

Sie haben uns gezeigt, wie essentiell Emotionen sind.

Auf die rationalen Theoretiker.

Sie haben unsere Kreativität verkannt, Trotz provoziert, uns zu Höchstleistungen motiviert.

Auf die mit-dem-Strom-schwimmenden Herdentiere.

Sie haben uns bewusst gemacht, wie viel Energie es kostet, um in die andere Richtung zu tauchen

Auf die besserwissenden Degustations-Schikimiki-Arschgeigen.

Sie haben uns gezeigt, dass Moral erst weit hinter der Fassade beginnt.

Auf die scheinheiligen Doppelmoralisten.

Sie haben uns den Unterschied zwischen Wasser predigen und Wein trinken erklärt.

Auf die, die nix besitzen.

Sie haben uns wahre Grosszügigkeit vorgelebt.

Auf die Querdenker und Freigeister

Sie haben uns Wärme und Geborgenheit geschenkt

Auf die Künstler da draußen

Sie haben uns verstanden, geschätzt und unterstützt

Auf die Süchtigen

Sie haben uns durch einen Spiegel hindurch auf die Lösung hingewiesen

Auf die Kämpfer die niemals aufgeben

Sie haben uns gelehrt, immer einmal öfter aufzustehen als man hinfällt

Auf die Klassenclowns

Sie haben bewiesen, dass man auch dann noch lächeln kann, wenn die Scheiße bis zum Hals steht

Auf euch alle

Welche Rolle ihr auch spielen wollt

Hört niemals auf zu grinsen 🙂

Blind Date mit dem Pornokönig

Mir ist langweilig, ich hänge seit Stunden vor dem Laptop, surfe ziellos durch die unendlichen Weiten des wewewe, doch auch nach dem dreihundertsten Mal Link anklicken finde ich nichts, das mich länger als einige Minuten beschäftigt. Habe mittlerweile sieben Mal masturbiert, weswegen auch youporn keine wirkliche Alternative zum Zeitvertreib oder der allgemeinen Entspannung mehr ist.

Eigentlich wollte ich ja bügeln, Fenster putzen, ein Buch lesen, Sport machen; kurz- ein besserer Mensch werden. Eigentlich.

Es schüttet wie aus Kübeln, der Herbst steht bereits in den Startlöchern und macht sich durch allgemeine Nicht-Motivation bemerkbar. Ja das ist gut –  Schuld ist nur das Wetter.  Niemand mutiert zu einem Superhelden, wenn’s draußen arschkalt ist, oder?

Bei Spiderman war sicher auch Sonnenschein?

Ich bin sogar so unmotiviert, dass ich noch nicht mal aufs Klo gehen will, obwohl es sich mittlerweile anfühlt, als würde meine Blase gleich platzen. Klicke mich schneller und schneller durchs Netz um mich davon abzulenken, dass ich meinen Arsch hochkriegen sollte.

Das klappt so gut, dass ich mich irgendwann frage, wieso ich meinen Lebensunterhalt nicht als Pornodarstellerin verdiene. Da ich praktischerweise eh schon im größten Sündenpfuhl dieser Welt feststecke, bitte ich Doktor Google zur Hilfe.

Drei Stunden, fünf Bier, drei Joints, eine Thunfischpizza und zwei Mal onanieren später hab ich die Bewerbung für (keine Ahnung mehr wieviele) Pornoproduktionsfirmen fertig getippt. Eher aus Spaß, als aus seriösem Interesse schicke ich den Kram tatsächlich weg, ehe ich einige Minuten später auf ein Inserat stoße, dass mich wirklich neugierig macht.

„Berlin sucht die ruchlosesten Sexstorys aus ganz Deutschland-die besten werden verfilmt“

Boom. Das ist genau meins, spüre es nicht im kleinen Finger, aber dort wo´s wirklich lustig ist.

Drucke mir die Seite aus, klebe sie auf meinen Badezimmerspiegel um nicht darauf zu vergessen und beschließe erstmal meinen Rausch auszuschlafen.

Fünf Tage und geschätzte vier Millionen Ausrede, wieso ich jetzt noch nicht zu schreiben anfangen kann, später, parke ich meinen Prachtarsch tatsächlich auf die Couch, schreibe eines meiner schrägsten Sex-Erlebnisse auf  (Sommernachtstraum 2.0)  und schicke die Story an einen Unbekannten in die große deutsche Stadt.

Demoliertes Kurzzeitgedächtnis sei Dank, als am nächsten Morgen das Telefon klingelt, hab ich erstmal keinen Plan, welcher Unmensch mich zu dieser Unzeit anruft. Da das Schlafzimmer immer noch dunkel ist, und ich mich fühle als wäre ich fünfhundert Jahre alt, schätze ich die Uhrzeit auf neun Uhr. Ekelhaft. Doch mein anfänglicher Zorn wandelt sich in Null Komma Nichts in Neugierde, als ich die angenehme Stimme am anderen Ende der Leitung höre.

Sein Name ist Gernot, er hat eben meine Mail von vergangener Nacht erhalten, findet meine Geschichte gut und würde mich gerne kennenlernen, um alles weitere zu besprechen.

Bin erstmal sprachlos; damit hätte ich ebenso wenig gerechnet, wie mit einem Anruf des Pornokönigs; noch während ich überlege, wann und wie ich nach Berlin komme reißt mich die hocherotische Stimme aus meinem Gedankenwirrwarr zurück auf den Boden der morgendlichen Realität.

„Ich fliege heute nach Wien, wir könnten uns am Abend treffen?“

Er will dass ich ein Kleid und hohe Schuhe trage-sehr praktisch, das hätte ich auch ohne Aufforderung gemacht. Gespannt, wie er aussieht, suche ich ihn auf Facebook; und tatsächlich-sein Gesicht passt zu der Stimme.

Der Kerl ist hübsch, und das weiß er auch; Gernot strahlt auf den Bildern eine Souveränität und Dominanz aus, die mir bis dato noch nicht untergekommen ist. Mit jeder Stunde steigt die Aufregung und Vorfreude auf ihn, auch wenn das nicht mein erstes Blind Date ist.

Aber es ist das erste Mal mit einem Kerl, der meine intimsten sexuellen Erlebnisse und Begierden kennt, bevor er auch nur den Bruchteil eines Eindrucks von mir und meiner Person erhaschen konnte. Immerhin hab ich ihm vierundzwanzig Stunden davor, eine detailgetreue Beschreibung meiner allerersten BDSM Session geschickt, die absolut nichts mit Mister Grey und dem von ihm ausgelöstem Hype zu tun hatte.

Menschenleere Straßen, wirken beinahe unheimlich, als ich unter einer der Brücken neben dem Donaukanal auf ihn warte. Wieso bin ich zu früh?

Einige Rasta-Typen schlendern an mir vorbei, von einer süßlichen Duftwolke verfolgt und laut kichernd. Sie klingen wie ein Haufen pubertierender Schulmädchen, die in der Umkleide zum ersten Mal einen Pimmel gesehen haben. Das Geräusch des Gelächters will so überhaupt nicht zu der Erscheinung von zwanzigjährigen, halbstarken Kiffern passen.

Sie ziehen an mir vorüber, in einiger Entfernung spaziert ein langhaariger Mann entspannt in meine Richtung. Während der Takt meines Motors immer schneller wird, glaube ich  ein Lächeln auf dem Gesicht des Unbekannten zu erkennen.

Völlig entspannt kommt er vor mir zu stehen, während ich versuche so gelangweilt wie möglich zu tun, stellt er sich nur einige Zentimeter vor mein Gesichtsfeld und fixiert mich mit seinem fesselnden Blick.

Brauche meine ganze Kraft, um die Knie am Zittern zu hindern, erwidere seinen Blick, auch wenn die Vernunft zur Vorsicht mahnt. Und noch bevor ich „scheißewiegeilistdasdenn“ denken kann, berühren sich unsere Lippen, öffnen sich, vorsichtig spielende Zungen, packende Hände an meiner Hüfte, Sekunden bevor er damit über meinen Rücken streichelt und am Nacken zur Ruhe kommt.

Wie millionenfache Bienenstiche direkt über der Wirbelsäule, während jemand mein Zentrum mit Brennnesseln traktiert, drücke mich so nah wie möglich an den Fremden, betörender als sein Geschmack ist nur sein Geruch.

Sauge ihn auf, als wär’s das letzte Mal um mit einem Mal von ihm abzulassen. Tranceähnlich der Zustand, als ich mich von ihm löse um in seine Augen zu sehen; der Energiestrom zwischen ihm und mir ist überwältigend und nicht zu leugnen.

„Schön dass du gekommen bist, Maja.“

Mit weit geöffnetem Mund, und dem Gesichtsausdruck einer Gehirnamputierten, läufigen Hündin starre ich ihn an; alles woran ich denken kann, ist sein Schwanz in mir:

„Du auch.“

Schmunzelnd nimmt er mich an der Hand, wortlos doch emotionsbeladen spazieren wir über die Brücke. Auf der anderen Seiter des Kanals ragt ein hell beleuchtetes Hochhaus in die sternenklare Nacht, er steuert direkt darauf zu, bemerkt mein Zögern:

„Lass uns ein Glas Wein bei mir trinken. In dieser Gegend gibt es keine guten Kneipen. Ok?“

Von seiner Empathie angetan, und ein wenig von der Abenteuerlust gepackt, lasse ich mich darauf ein; habe kein ungutes Gefühl bei der Sache, und so genieße ich einige Minuten später wunderbar fruchtigen Merlot mit einem atemberaubenden Blick auf die schlafende Hauptstadt bei Vollmond.

Mitten in der offenen Wohnküche steht ein schwarzes Ledersofa, rundherum zahllose Bücher die in die Höhe gestapelt recht chaotisch dastehend aussehen. Blickt man länger hin, scheint es, als stecke ein penibel angeordnetes System dahinter, es wirkt nicht unordentlich, ganz im Gegenteil.

Die mit zahllosen schwarz-weiß Aufnahmen gesäumten Wände bilden einen ungewollt scheinenden Kontrast zu dem bunt-vollgeräumten Regal in der Ecke, die mächtige Glasfront unterbricht die  Unruhe mit ihrer Klarheit inmitten von zufällig drapierten Gegenständen.

Fühle mich sicher und folge seiner Einladung Platz zu nehmen. Beobachte ihn dabei, wie er eine Flasche Wasser öffnet, nie zuvor war mir die Ästhetik dieser banal wirkenden Handlung bewusst.

Wie eine zweite Haut legt sich die schwarze Hose um seine Genitalien, vermutlich auch um den Rest, doch meine Festplatte scheint auf stand by Betrieb geschaltet. Schulterlange Haare fallen neben blitzblauen Augen über seine stark aussehenden Schultern, als hätte er einen explodierten Strohballen auf dem Kopf, den man mit Superkleber direkt über sein Kleinhirn gepickt hätte.

Irgendwie wie ein nicht existenter Sohn aus Dieter Bohlen und Britney Spears nach dem elektrischen Stuhl, aber dennoch sehr sexy.

Die Nach Sandelholz, Kaffee und einer undefinierbaren Note duftende Nuance seiner Haut, hinterlässt wuchernde Gänsehaut auf dem Rücken. Aufkeimender Schauer ängstigt mich kein bisschen, ganz im Gegenteil. Als würde die „Jetzt-geht’s-los“ Stimmung die Schirmherrschaft übernehmen.

Das Plätschern der Wasserflasche verstummt, langsam dreht er sich um, zutiefst provokanter Blick in meine Augen, die vor Ungewissheit strahlen.

„Ich möchte, dass du jetzt dein Höschen ausziehst.“

Ruhig, jedoch ohne Zweifel an seiner ernsten Absicht reicht er mir eins der aufgefüllten Wassergläser. Kaum habe ich es ihm abgenommen und er somit eine Hand frei, streichelt er zärtlich über meinen Hals. Genieße die Berührung, schließe die Augen um das Gefühl zu intensivieren. Doch noch ehe das Kribbeln in mir den Höhepunkt erreicht und sich in sämtlichen Fasern meines Körpers ausbreitet zieht er sich unerwartet zurück; instinktiv fasse ich nach ihm, aber es ist mir unmöglich ihn zu erreichen. Mit einem lauten Knall landet die flache Hand, die eben noch die sensible Stelle unter meinem Kinn liebkost hat, mitten in meinem Gesicht. Wieder und wieder ohrfeigt er mich mit der einen, während die andere den Weg zwischen meinen Schenkeln närrisch nach oben tippelt, von Zeit zu Zeit kurz inne hält um mir seine Finger durch die Spalte zu ziehen.

Mein Slip fungiert mittlerweile als Knöchelwärmer, den Rock hab ich auch schon längst bis zum Bauchnabel hochgeschoben, das Wechselspiel aus Schlägen und Zärtlichkeit fordert seinen Tribut, völlig von Sinnen lasse ich mich treiben, wie benebelt nehme ich Berührungen wahr, die sich ihre Bahn  in meinem halb offenen Mund suchen.

„Du wirst dich jetzt ausziehen und dort drüben auf den Boden knien“

Unfähig zur Widerrede, befolge ich seine Ansage, drehe ihm den Rücken zu, wortlos. Ruckartig zieht er den Reißverschluss meines fick-mich-fetzens nach unten, streift es über meine Schultern. Lautlos driftet es zu Boden, splitterfasernackt stehe ich vor ihm.

Gernot packt mich an den Haaren, reißt den Kopf nach unten, lässt auf einmal los und zeigt zu Boden.

„Hinknien hab ich gesagt.“