Hangover Date

Wieder nicht vor Sonnenaufgang ins Bett. Habs mir aber eh schon gedacht, dass es unmöglich wird rechtzeitig pennen zu gehen.  Da ändern auch zwei Flaschen Rotwein und feinstes AK47 nichts daran; Kolumbien ist stärker und obwohl die Nacht sehr intensiv war, ist mir immer noch nach tanzen. Wer braucht schon Schlaf?

„Welcher Vollidiot hat den Wecker auf halb zwölf gestellt?“

Marley wirkt etwas verstört als ich ihn anschreie, er zieht seinen Schwanz aus meiner Handtasche, stellt ihn auf, dreht mir den Hintern zu und läuft davon.

„Das warst sicher du!  Kurz nachdem die Fernbedienung versteckt und vors Schlafzimmer gekotzt hast“,  Zornig springe ich auf und laufe ihn hinterher, bis ich ihn in der Küche finde. Er versucht sich hinter einem der verschlissenen Stühle zu verstecken, doch sein riesiger schwarzer Stimmungsbarometer, der immer noch senkrecht nach oben steht, verrät ihn.

„Warum schreie ich mit dir. Tust ja eh was du willst, verfluchte Miezekatze.“

Vorsichtig kriecht er hinter  dem Sessel hervor und sein „ich wars nicht“ Blick ist an Unschuld nicht mal durch das Christkind zu toppen. Hoffentlich ist das nicht blasphemisch, ich will nicht in die Hölle kommen.

Durch die Schlitze der Jalousie  dringende Sonnenstrahlen brennen wie Salz in den Augen, ich sollte mir die Decke über den Kopf ziehen. Dann würd ich auch das Chaos um mich herum nicht sehen. Ein Königreich für eine Putzfrau. Oder zumindest einen Exorzisten.

Hab ich einen unbekannten Messie als Untermieter?  Hat der mein Handy geklaut? Und welche Drecksau hat eigentlich in die Badewanne gekackt?

Beim Einschalten der Kaffeemaschine muss ich lachen. Wozu Koffein bei dem Kokainkater? Das ist ungefähr so sinnvoll wie Baldriantropfen kurz nachdem man Opium geraucht hat. Placebotechnischer Overkill.

Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier,  Pawlos Hunde sind Fotzen und mein „Kein I Phone“ liegt im Kühlschrank, dem einzigen Raum der abgesehen von meinem Schlafzimmer  noch vermüllter als die Innenstadt nach der Kirchtagswoche  aussieht.  Und auch wesentlicher strenger riecht.

Hoffentlich wachsen Gehirnzellen wieder nach, so wie Fingernägel oder Haare.  Muss ich googeln, sobald der Display nicht mehr voller Kernöl ist.

Gerade als ich das schmierige, grüne Zeug, dass wahrscheinlich aus China kommt, wegwischen will, fällt mir ein dass ich mir noch die Beine rasieren sollte. Wie angewurzelt und gelähmt stehe ich entscheidungsunfähig  da. Was soll ich denn als erstes machen?

Plötzlich knallt die Erinnerung dass ich nicht gepackt habe und immer noch wie eine untot  wandelnde Wasserleiche auf Crack aussehe, so heftig  in mein Bewusstsein wie am 5. April  1994 die Kugel in den Kopf von Kurt.

Come as you are.

Fünfzehn Minuten vor der Abfahrt zu meiner Verabredung.

Teufelskreise sind sarkastische Rudeltiere mit einem Hang zum staubtrockenem und tiefschwarzen Humor. Fotze.

Über einhundertsiebzig Sachen über die Süd rauschend und gedankenversunken wird der Drang Alkohol zu konsumieren übermächtig.  Mit dem schwarzen Minirock, den darunter hervorblitzenden halterlosen Strümpfen und dem weißen Mantel sehe ich aus wie eine russische Edelprostituierte. Fühlen tu  ich mich auch schon beinahe so, fehlt nur noch Wodka, Borrtsch, eine Kalaschnikow im Handgepäck  und die Mafia zum Mittagessen.

Die kleine, nach Benzin, Putzmittel und Bier stinkende Kneipe neben der Tankstelle ist gut besucht, der Geruch nach abgestandenem Zigarrenrauch, altem Friteusenfett und billigen Aftershave lässt mich würgen.  Schlimmer noch als der Gestank sind die abgefuckt aussehenden LKW Fahrer mit Vollbart. Leberkäs Semmel-in sich reinschiebend bewegen sich plötzlich alle Köpfe synchron in meine Richtung.

Ich bin noch nicht mal an der Theke angelangt und schon der absolute Mittelpunkt des Geschehens, jeder einzelne Schwanzträger beobachtet mich so konzentriert wie  der Nachbarsdackel den Postboten.  Die stechenden Blicke ignorierend stacke ich auf meinen High Heels zur Theke. Die wie der Anfang eines Pornos wirkende Szene heizt mich genauso an, wie die Gewissheit keinen BH zu tragen.

Eine leicht übergewichtige Mittvierzigerin mit fettigen, schwarz gefärbten Haaren ist abgesehen von mir und der Klofrau das einzige weibliche Wesen in der Spelunke. Der ausgewachsene Pagenschnitt verdeckt ihre ausdruckslosen Augen als sie mich mit allerschlimmsten Provinzsteirischem Dialekt anraunzt.

„Servas griaß di. Wos wüstn du hobn?“

„Fünfzigtausend Euro in bar, einen vierundzwanzigjährigen Brasilianer und einen weißen Spritzer.“

Einhundertachtzig Kilometer, zwei Drinks und  einige Lines später parke ich die Karre am Hauptbahnhof.

Mein Ego ist aufgeblasen wie ne Gummipuppe, Bolivien sei Dank.  Ziehe den Slip unter den Rock durch aus und schmeiß ihn auf die Rückbank des Chevys, ein letzter Kontrollblick in den Rückspiegel bestätigt meinen Verdacht, verdammt schau ich geil aus.

Kaum aus dem Auto raus sehe ich mein Date schon in der Tür stehen. Er ist geschätzte eins achtzig groß, schlank und lächelt mich an. Tief durchatmen und ab geht’s.

„Kanns sein, dass wir verabredet sind?“, der schüchterne Unterton wirkt beinahe kindlich.

„Hallo Günther. Freut mich.“

Nach einer kurzen Runde Smalltalk verschwinden wir aufs Zimmer.

Er drückt mich sanft aber sehr bestimmt auf das Bett, streichelt mich, zieht mir das Shirt aus und küsst meine Brüste. Unschlüssig, wie ich das alles finden soll, schließe ich die Augen und gebe mich hin. Als ich die seine Zunge an meinem Hals spüre, entspanne ich mich. Mit einer zärtlichen aber sehr bestimmten Bewegung dreht er mich auf den Bauch und streichelt meinen Rücken. Hoffentlich werde ich nicht verrückt, er fasst mir von hinten zwischen die Beine und raubt mir beinahe den Verstand . Oh mein Gott was tut der Kerl denn da mit seinen Fingern?

Verliere jedes Zeitgefühl, lass mich  treiben, drei Orgasmen später stehe ich ziemlich verwundert und desorientiert  mitten im Raum, frag mich was zum Teufel da grade passiert ist. Es hat wirklich dreißig Jahre gedauert um zu lernen, dass Männer nicht die einzigen abspritzfähigen Gestalten sind.

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